Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Wo bin ich eigentlich zu Hause? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten wie ich zunächst gedacht habe. Zu Hause ist doch wo ich wohne, wohin ich mich zurückziehen kann. Wo Menschen sind, mit denen ich vertraut bin oder die ich liebe. Manche Menschen heute sind aber immer „ortloser“, soviel unterwegs, dass sie manchmal nicht mehr wissen in welcher Stadt oder welchem Land nun dieses Hotel oder dieser Flughafen ist, weil die doch alle irgendwie gleich aussehen. Oder manche sind in ihrem Smartphone zu Hause. Weil da ihr Leben in komprimierter Form drin ist, ihre Freunde in konzentrierter Form, die Welt im Kleinen. Überall erreichbar, überall gleich. Zu Hause sein ist heutzutage also oft beides: An einem Ort und überall. Ich glaube, das hat sich gegenüber früher verändert. Was aber gleich geblieben ist, dass ich in mir selbst zu Hause sein kann, ja vielleicht sogar muss und nicht zuletzt natürlich auch bei anderen Menschen. Ich habe einen Text gefunden, der das ganz schön beschreibt und den will ich gerade im Smartphone-Zeitalter zum Thema „zu Hause sein“ weitersagen:

 

Zu Hause bin ich da, wo jemand mit Sorge auf mich wartet, wo ich Fehler machen darf, wo ich Raum zum Träumen habe, wo ich meine Füße ausstrecken kann, wo ich gestreichelt werde, wo ich geradeheraus reden kann, wo ich laut singen darf, wo ich ohne Maske herum laufen kann, wo einer meine Sorgen anhört, wo ich still sein darf, wo einer meine Freude teilt, wo mir jemand das Essen zubereitet, wo ich getröstet werde und wo ich Wurzeln schlagen kann.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20541

„Traue nicht dem Ort, an dem kein Unkraut wächst!“, auf diesem Satz bin ich in einer Gärtnerei gestoßen. Ja, da ist was dran. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass nur das gut ist, was unkontrolliert vor sich hinwächst. Dazu habe ich mich schon zu oft mit dem Unkrautjäten geplagt. Ein Garten will gepflegt sein und dazu gehört aber auch Platz für die schönen und fruchtbringenden Pflanzen zu schaffen. Aber wenn ein Garten wiederum schnurgerade und klinisch rein dasteht, wenn aller Wildwuchs getilgt wird und jedes Hälmchen in Reih und Glied steht, dann riecht das sehr nach Chemie und allzu strengem Ordnungssinn. Und das ist nicht nur für das Unkraut schlecht, sondern auch für den ganzen Garten. Wie auch im sonstigen Leben außerhalb des Gartenzauns. Wenn das, was wild wächst oder widerborstig ist, nicht gern gesehen oder gar getilgt werden soll. Wenn das, was anders ist keinen Platz haben soll, dann wird es schlimm. In der Erziehung, in der Beziehung, und bei mir selbst. Wenn ein Kind wilder ist als andere, es nicht gleich zähmen wollen. Vielleicht braucht es einfach nur mehr Bewegung  und ist danach völlig entspannt und glücklich. Die Marotten meines Mannes nicht ausrotten wollen, auch wenn sie nerven. Er ist doch viel mehr als seine Marotten. Und die Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, die nicht gut riechen, nicht gut aussehen, nicht als menschliches Unkraut sehen, das den Blick auf unsere glänzend sauberen deutschen Städte stört. Und wenn ich schließlich das, was bei mir selbst wild wächst oder widerborstig ist, ausreißen möchte, dann besteht die Gefahr, dass ich auch andere so behandle. Aber wer bei sich oder anderen Dinge ausreißen möchte, der richtet Schaden an - bei sich oder bei anderen.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20540

 „Und genau da bleib mal noch eine Weile“, sagte eine Kollegin zu mir. Und zwar meinte sie „neben der Spur“. Es hatte mich etwas gehörig aus der Bahn geworfen und ich erzählte meiner lebensweisen Kollegin davon. Und dann fiel dieser Satz: “Bleib ruhig noch ein bisschen neben der Spur! Du darfst das, du brauchst das jetzt. Du hast etwas erlebt, das so belastend für dich ist, dass es wichtig und richtig ist, diesen Zustand auch zuzulassen.“ Wie recht sie doch hat, die liebe Kollegin und wie unheimlich gut das tut, wenn dir jemand sagt: ja jetzt ist seelischer Ausnahmezustand, da kannst du nicht funktionieren wie sonst uns sollst es auch nicht. Weil du sonst deiner Seele Gewalt antust. Sie muss wieder ins Gleichgewicht kommen und da ist es normal, dass du wackelst, dass du fahrig bist, dass du offene Nervenenden hast und den Zucker in den Aschenbecher kippst statt in den Tee. Natürlich soll so ein Zustand nicht zu lange dauern und man muss auch irgendwann wieder aus ihm herauskommen. Da tun dann die geregelten Alltagsbahnen gut, sie helfen stabilisieren, sind wie ein Geländer, an dem man sich festhalten kann. Aber zwischendurch darf man schon neben der Spur sein. Und es ist dann besonders schön, wenn es Menschen wie meine Kollegin gibt, die sagen „Ja, du darfst das jetzt“. Und dir so helfen, dass du gerade dadurch, dass du eine Weile neben der Spur sein darfst, wieder in die Spur kommst…

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20539

Es ist ein Alptraum welches Bild Europa derzeit politisch und sozialpolitisch abgibt. Abgesehen von Deutschland, Österreich, Frankreich und Schweden zeigt sich Europa als ein zerrissener, von Eigeninteressen bestimmter, handlungsunfähiger Kontinent. Eine Blamage vor der Welt. Und weil ich so genug davon habe, will ich diesem Alptraum Europa einen Traum von Europa entgegenstellen, meinen Traum von Europa: Ich träume von einem starken, hilfsbereiten Europa. In dem es überhaupt keine Frage ist Hunderttausende Flüchtlinge so selbstverständlich wie gerecht unter seine 740 Millionen Einwohner zu verteilen. Ich träume von einem wirtschaftlich starken und sozial gerechten Europa, in dem der immer und überall reichere Norden, den immer und überall ärmeren Süden unterstützt. Weil Solidarität verbindet und Eigennutz trennt. Ich träume von einem Europa das mit seiner Idee einer sozialen Weltwirtschaft erfolgreicher ist als der rücksichtslose Radikalkapitalismus Amerikas und Chinas. Ich träume von den Vereinigten Staaten Europas, die der Welt zeigen, dass sie aus ihrer fürchterlichen Geschichte gelernt haben. In der 2 Weltkriege von diesem Kontinent ausgegangen sind. Ein vereintes Europa, dessen politische und militärische Kraft ausschließlich der Selbstverteidigung und dem Frieden dient. Ich träume von einem wirklich vereinten Europa, dessen verbindendes Band nicht nur Geld ist, sondern gemeinsame Werte wie Menschenwürde, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Und ich träume von einem Europa der aufgeklärten Religionen. In dem sich die christlichen Konfessionen vereint haben und deren Führungspersonen sich abwechseln im selbstbewussten und friedlichen Dialog mit anderen Religionen. Und in klarer Abgrenzung zu allen aggressiven Fundamentalisten. Ich bin mir klar, dass ich diesen Traum von Europa nicht erleben werde. Aber Träume sterben nicht. Und wenn viele träumen, werden Träume Wirklichkeit…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20538

Manchmal möcht‘ ich sie nicht mehr sehen, all die Bilder von den Flüchtlingsströmen. Möchte‘ ich sie nicht mehr hören, die Nachrichten von all den Barbareien im nördliche Afrika. Weil es mich bedrückt, weil ich die Welt in Frieden sehen will und weil ich in Frieden gelassen werden will vom Elend der Welt. Aber das geht nicht, das darf nicht sein. Natürlich kann und will ich mich nicht dauernd mit den schlimmen Dingen in der Welt beschäftigen und oft habe ich schon mit meinen eigenen Ängsten und Sorgen genug. Aber ich darf nicht wegschauen und ich darf nicht weghören. Denn wenn ich das tue, dann lasse ich die Menschen allein. Und flüchte vor der Not der Flüchtlinge. Das kann und darf ich nicht. Weil ihre Not so unvergleichlich größer ist als meine Last, sie zu sehen und mit ihnen zu fühlen. Weil ihre Not auch meine sein könnte. Wenn ich nur 3000 km weiter östlich von hier geboren wäre. Und weil sich die Welt nur verändert, wenn ich hinschaue und hinhöre. Auch wenn es anstrengt, nervt oder manchmal weh tut.

 

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20537

 Es ist nicht anders als historisch zu nennen, was zur Zeit in Europa passiert. Durch die zerfallenen Staaten Syrien und Libyen ergießt sich ein Strom afrikanischer Flüchtlinge auf dem See-und Landweg nach Europa. In einer durch nichts aufzuhaltenden Hoffnung auf Leben. Getrieben von Armut oder der Angst vor den barbarischen Schlächtern des sogenannten Islamischen Staat. Wie Europa bisher reagiert hat, vielmehr nicht reagiert hat, ist eine Schande. Sich mit Kriegsschiffen abschotten zu wollen oder ein paar Schlepper aufzumischen ist purer Aktionismus. Und Länder, die sich weigern Flüchtlinge aufzunehmen haben in Europa nichts zu suchen. Man wird die Flüchtlinge nicht aufhalten können, ihre Not und ihr Überlebenswillen ist zu groß um sich stoppen zu lassen. Wie zu allen Zeiten. Solange es Menschen gibt, gibt es Migration, Flüchtlingsströme, Völkerwanderungen. Angefangen von den ersten Menschen, die sich aus den Wäldern Afrikas in den Norden aufgemacht haben, über die Wanderung des jüdischen Volkes ins „gelobte Land Kanaan“ bis zur größten Völkerwanderung nach dem zweiten Weltkrieg als im zerbombten Deutschland 12 Millionen Flüchtlinge untergebracht werden mussten. Solange es Menschen gibt die sich bekriegen und solange es Menschen gibt, die ein besseres Leben suchen, wird es Menschenwanderungen geben. Europa steht jetzt an einem historischen Scheideweg. Bleibt Europa eine „Egoisten-Union“, die nur durch Geld mehr schlecht als recht zusammengehalten wird oder besinnt es sich auf seine christlich-abendländischen Wurzeln, wo Mitmenschlichkeit über Eigeninteressen gestellt wird. Gelingt das Europa nicht, bleibt es ein kalter Kontinent, der politisch auseinanderfällt, bevor es ihn noch richtig gegeben hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20536

Weltkindertag steht heute in meinem Kalender. Dabei denke ich zur Zeit besonders an all die Flüchtlingskinder, die weltweit unterwegs sind. In den letzten Wochen auch viele unterwegs zu uns. Um hier bei uns leben zu können, besser und sicherer leben zu können. Zeitgleich mit diesen Flüchtlingsströmen erscheint eine Broschüre mit dem Titel „Kinderfreundliches Stuttgart“. Und im Kontrast zu den Flüchtlingskindern erscheint mir diese wirklich super Broschüre auch ein Zeugnis dafür zu sein wie gut es doch uns und unseren Kindern geht. Damit will ich aber um Gottes Willen nicht sagen unsere Städte sollten nicht kinderfreundlicher werden. Doch doch, da muss sich noch einiges tun. Damit es unseren Kindern in unserem Alltag so gut wie irgend möglich geht. Denn aus Kindern, die eine gute Kindheit hatten, werden Erwachsene, die es auch wieder gut mit ihren Kindern meinen. Darum lohnt sich ein Blick in diese Broschüre. Und er lohnt sich auch, weil dort Kinder selbst sagen wie sie sich eine kinderfreundliche Stadt Stuttgart wünschen. 600 Kinder wurden dazu befragt und das sind die 5 Bereiche, die ihnen am wichtigsten sind:  1. Kinder wünschen sich eine Stadt, in der sie sich sicher fühlen und die – oha – sauber ist. 2. Kinder möchten gern mehr Pflanzen, Bäume und frische Luft in der Stadt. 3. Wollen sie mehr Sport-, Spiel und Bolzplätze. 4. Wollen Kinder, dass Autofahrer mehr Rücksicht auf sie nehmen und nicht so schnell fahren. 5. Kinder wollen, dass Arme dieselben Rechte haben wie Reiche und keiner benachteiligt wird. Und mit diesem Wunsch unserer Kinder schließt sich der Kreis zu den Flüchtlingskindern. Die es dann richtig gut haben, wenn sie zusammen mit unseren Kindern in einer kinderfreundlichen Stadt groß werden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20535