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SWR3 Gedanken

Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen. Sagt man. Kein Wunder, dass Jesus immer wieder zum Essen und Trinken eingeladen hat.
Die Bibel erzählt zum Beispiel: Jesus war schon den ganzen Tag auf den Beinen. Seine Jünger waren bei ihm. Und noch viele andere. Tausende sollen es gewesen sein. Den ganzen Tag lang hat Jesus erzählt. Von Gott und der Welt.
„Wenn ihr auf den lebendigen Gott vertraut“, hat er gesagt, „dann hat das Auswirkungen auf euer Leben. Also: Behandelt die Menschen, wie ihr selbst behandelt werden wollt!“
Die Leute hören aufmerksam zu, machen sich ihre Gedanken, was das wohl für sie heißt. Und dann wird es Abend. Die Leute sind hungrig. Jesus fordert sie auf: Setzt euch in kleinen Gruppen zusammen. So, dass ihr miteinander sprechen und einander in die Augen sehen könnt.
Und dann sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Fangt ihr an. Nehmt, was wir haben. Und verteilt es unter den Leuten.“
Was dann geschieht, ist wohl ein Wunder. Denn alle werden satt. Obwohl die Jünger nur ein paar Brote und Fische dabei haben.
Ob sich die Lebensmittel wie durch Zauberei vermehrt haben, oder ob alle ihre Vorräte dazugetan haben, weiß ich nicht. Das ist auch nicht so wichtig.
Wichtig ist: Die Leute sehen, was die Jünger machen. Und sie machen es nach. Sie teilen miteinander, was sie haben. Der eine hat wahrscheinlich mehr, der andere weniger – oder auch gar nichts. Sie überlegen nicht, was gerecht ist. Sie teilen. Und so bekommt am Ende des Tages jeder, was er zum Leben braucht.
Und er bekommt ein Wunder geschenkt! Alle achten aufeinander. Und keiner geht verloren. Egal, ob der das verdient hat oder nicht.

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Langsam verschwindet die Sonne hinter dem Bergrücken. Ein glühender Ball, der die Wolken in unendlich viele Farben taucht. Gelb, orange, rosa, violett - in jeder Minute verändert sich das Farbenspiel am Firmament. Ein Blau, kristallklar wie das Wasser am Mittelmeer, leitet die Abenddämmerung ein.
Ich mag es, den Himmel zu betrachten. Nicht nur im Urlaub. Was für wundervolle Gemälde zeichnet Gott mit den Farben seiner Schöpfung! Vielleicht sehen Sie das anders, aber mir bringt das alles Gott näher.
Denn: Gott ist so selbstverständlich da wie der Himmel – immer und überall, bei Tag und bei Nacht, bei Regen und bei Sonnenschein.
Überall in der Bibel begegnet mir dieser Gedanke. In den Psalmen, einem alten Gebetbuch in der Bibel, heißt das so: Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist… (Psalm 36,6)
Wenn ich das Farbenspiel am Himmel betrachte, dann weiß ich: Ich bin ein Teil eines großen Ganzen. Ich bin geborgen, als winzig kleiner Teil von Gottes großer Schöpfung.
Allein schon das zu denken macht mich froh – auch wenn was schief gelaufen ist oder ich mir zurecht Sorgen machen muss.
Spürbar wird für mich Gottes Güte nicht nur im Farbenspiel der Wolken. Auch im Lächeln, das mir jemand schenkt. Wenn mich jemand freundlich anschaut und es gut mit mir meint, dann öffnet sich für mich der Himmel.
Ich bin gespannt, in welchen Farben der Himmel heute Abend leuchten wird. Wenn es irgendwie geht, werde ich mir einen Moment Zeit nehmen, um den Augenblick aufzunehmen.

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Die Beeren leuchten rot zwischen den grünen Zweigen. Schnell sind sie gepflückt, gewaschen und püriert. Den Fruchtbrei gebe ich in einen Topf, mit Gelierzucker und ein paar Kräutern. Schon bald blubbert die Masse wie Lava, zieht Schlieren in allen möglichen roten Farbtönen. Und dann sind sie fertig. Vier Gläser Johannisbeer-Marmelade! Lohn meiner Mühen.
Ich koche gern Marmelade ein. Das ist ein guter Ausgleich für Schreibtischarbeit und Brüten über Texten. Meine Hände arbeiten – und  dabei die Seele baumeln lassen. Das tut mir einfach nur gut.
Wenn mir die Beeren durch die Finger ins Waschbecken rinnen, denke ich: Wie gut hat Gott seine Schöpfung gemacht. Dieses Farbenspiel der Früchte, wenn sie dann im Topf blubbern. Gleichmäßig umrühren ist wie Meditation. Wie ein Gebet. Ich ziehe Kreise mit dem Kochlöffel und spüre, dass ich ruhiger und gelassener werde.
Natürlich ist es schneller, wahrscheinlich sogar billiger und sicher einfacher, die Marmelade im Supermarkt zu kaufen. Aber der Lohn vom Selbermachen ist für mich größer.
Denn ich unterbreche dabei meinen Alltag – und genau das ist unbezahlbar. Ich kann mit allen Sinnen ein kleines Stück von Gottes großer Schöpfung genießen. Und ich mache die Erfahrung: Als Mann habe ich auch noch andere Fähigkeiten, was Neues zu schaffen.
Die Bibel nennt das „Gottesebenbildlichkeit“: Kreativität, Schöpfungsgeist. Die helfen uns dabei, die Natur zu bewahren. All das wunderbare Leben, das uns anvertraut ist und wie alles miteinander verwoben ist.
Mir werden diese Gedanken beim Marmeladekochen deutlich. Und bei Ihnen?

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Als 17 Jähriger erfindet er den Vorläufer des Taschenrechners: eine der ersten Rechenmaschinen. Er begründet die so genannte Hydrostatik, erklärt also, was man mit Vakuum und Luftdruck alles machen kann. Und er gründet das erste Taxi-Unternehmen in Paris: die 5-Groschen-Kutsche. Ein Multitalent in Mathematik, Physik, Business und Philosophie. Mit 39 Jahren ist er gestorben. Heute vor 353 Jahren. Sein Name: Blaise Pascal.
Vernunft und Glaube – das war für den Mathematiker kein Gegensatz. Sein Leben lang forschte der Naturwissenschaftler in der Bibel und er fand heraus: Die Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen, die zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel. Überall kann man erkennen: Gott meint es gut mit den Menschen. Deshalb ist es nur vernünftig, auf Gott zu vertrauen.
Für Blaise Pascal war das nicht nur vernünftig. Er hat die Liebe Gottes auch in seinem Herzen gespürt. Das Gefühl, Gott ist in meiner Nähe, es macht Sinn, was ist. Auf einem Zettel hat er das ziemlich unbeholfen umschrieben: „Gewissheit, endlich Gewissheit. Mein Empfinden: Freude, Friede“. Diesen Zettel hat er immer bei sich getragen. Sein ganzes Leben, eingenäht in seinen Mantel.
Blaise Pascal ist auch für mich ein Vorbild: Ich soll und darf denken, nachdenken, zweifeln, gerade auch als Christ. Und ich darf mich anrühren lassen, von den kostbaren Momenten, in denen Gottes Gegenwart spürbar ist. In einem Lied, in einem Wort, in einer Umarmung.
Von Blaise Pascal habe ich gelernt, mir die Dinge bewusst zu machen, die mich berühren, Manchmal schreibe ich sie auf – und stecke die Zettel ins Portemonnaie.
Sätze wie diese: Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott. Und Gott in ihm.

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Es begann mit einer allgemeinen Meldepflicht. „Streng vertraulich!“ stand auf dem Runderlass des Innenministeriums. Alle Hebammen, Geburtshelfer und Ärzte sollten Patientendaten weitergeben. Von Neugeborenen oder Kleinkindern mit einer Behinderung. Angeblich ging es nur um eine „Klärung wissenschaftlicher Fragen“. Tatsächlich wurde ein Tötungsprogramm vorbereitet.
Anhand der gemeldeten Daten entschied ein Ausschuss: Darf dieses Kind weiterleben – oder wird es „behandelt“, so der zynische Ausdruck der Nazis für die sofortige Ermordung.
76 Jahre ist das nun schon her. Aus einer medizinischen Meldepflicht wurde ein Mordprogramm. Und das unter der Überschrift: Euthanasie. Auf deutsch: „Guter Tod“.
Heute leben wir in einer Demokratie, und der Schutz eines jeden Menschenlebens gilt uneingeschränkt. Und doch gibt es auch bei uns eine Debatte über den „guten Tod“. Heute geht es um ein menschenwürdiges Sterben.
Aktive Sterbehilfe, Tötung auf Verlangen – alles das wird nicht nur im Bundestag kontrovers diskutiert. Der Blick zurück in die Geschichte macht für mich deutlich: Auch wenn Einzelfälle noch so überzeugend sind - eine gesellschaftliche Regelung über „gutes Sterben“ ist heikel.
Es braucht klare Sicherungslinien. Aus der Not eines Patienten, endlich sterben zu können darf unter der Hand keine Erwartung an Kranke werden: Fall uns nicht länger zur Last.
Palliativmedizin und Hospizarbeit zeigen andere Wege auf: Ein Sterben in Würde ist möglich. Ehrenamtliche Hospizhelfer begleiten Sterbende und ihre Familien. Als Pfarrer versuche ich ebenfalls, Menschen darin zu unterstützen, füreinander da zu sein. Denn genau das ist wichtig: Füreinander dazu sein. Im Leben und im Sterben.

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Mittagszeit. Hastig klettern die beiden jungen Männer am Stacheldrahtzaun hoch. Heimlich, doch sie werden entdeckt. Die Grenzschützer schießen ohne jede Vorwarnung. Der eine hat Glück und kann die Berliner Mauer überwinden. Der andere wird getroffen. Auf Ost-Berliner Gebiet bleibt er liegen. Bewegungsunfähig. Laut schreit er um Hilfe. Westberliner Polizisten werfen ihm Verbandspäckchen zu. Doch der 18 Jährige kann sich nicht selbst helfen. Er verblutet an der Mauer.
Das war am 18. August 1962. Peter Fechtner stirbt mitten in Berlin, an der innerdeutschen Grenze.  – Erschossen wegen Republikflucht.
53 Jahre ist das her. Die Mauer gibt es nicht mehr. Und auch die Zweiteilung Deutschlands gehört der Vergangenheit an. Trotzdem ist es mir wichtig, an diesen Teil unserer Geschichte zu erinnern. Sich bewusst zu machen, immer wieder, was Mauern anrichten können.
Die gibt es ja auch heute. An den Außengrenzen der europäischen Staaten. Die EU riegelt sich ab. Zwar ohne Schießbefehl wie damals in der DDR. Aber auch so sterben Tausende, jedes Jahr, bei ihrem Versuch, Europa zu erreichen.
Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien oder dem Irak – sie haben gar keine Chance, legal ihr Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen. Ohne Schleuser und Schlepper kommen sie nicht an. Das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. So wie die Schüsse an der innerdeutschen Grenze damals.
Ich werde an der Stelle nicht müde, die Bibel zu zitieren. Sie sagt: „Einen Fremdling sollst du nicht bedrücken noch bedrängen. Ihr wisst, wie dem Fremdling zumute ist.“ (2. Mose 23,9).
Viele von uns waren während und nach dem letzten Krieg Flüchtlinge. Trotzdem – Wissen wir, wie dem Fremdling heute zumute ist? Wollen wir das wissen?

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Er hätte auch auf der Straße landen können. Aber er ist Priester geworden. Und Pionier für die Arbeit mit Straßenkindern. Johannes Bosco. Seine Eltern waren Bauern aus dem Piemont. Weil sein Vater viel zu früh starb, konnte Johannes Bosco nicht länger zur Schule gehen. Er musste als Stallbursche arbeiten. Später machte er eine Schneiderlehre. Trotzdem behielt er seinen Traum im Auge: Er wollte Theologie studieren.
Und er hat es geschafft. 1841 wurde Johannes Bosco zum Priester geweiht. In einem Turiner Stadtviertel machte er ein Jugendzentrum auf – für Straßenkinder. Hier gab es regelmäßig genug zu Essen. Hier konnten die Kinder sogar zur Schule gehen.
Johannes Bosco legte in seinem Zentrum Wert auf einen respektvollen Umgang miteinander. Auch unter den Kindern und Jugendlichen.
Das Konzept ging auf: Das Jugendhaus wurde für viele Straßenkinder regelrecht zu einer Ersatzfamilie. So hatten sie die Chance, sich in die Gesellschaft zu integrieren – Schulabschluss und Ausbildung inklusive.
Johannes Bosco gilt bis heute als Pionier der offenen Jugendarbeit. Sein Wirken strahlte aus. Er gründete einen Orden: Die Salesianer. Die  bauten weitere Jugendzentren auf, weltweit – und bis in unsere Zeit hinein.
Heute vor 200 Jahren wurde der große Pädagoge und katholische Theologe geboren. Mich beeindruckt, in welcher Konsequenz sich Don Bosco um das Wohl von Kindern eingesetzt hat.
Erstaunlich, was alles möglich ist, wenn Lehrende und Lernende liebevoll miteinander umgehen. Praktische Vernunft und christlicher Glaube waren noch nie ein Gegensatz, sie ergänzen einander. Don Bosco hat das schon immer gewusst.

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