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SWR3 Gedanken

„Wohin geht’s?“ – diese Frage braucht man auf dem Jakobsweg niemandem zu stellen. Klar, es geht nach Compostella. „Wer bist Du?“ oder auch „was machst Du?“ – diese Fragen erübrigen sich ebenfalls. Auf dem Jakobsweg wirst du wie alle anderen zu einem einfachen Pilger. Du schnürst jeden Morgen dein Päckchen und marschierst weiter. DIE Frage, die sich Pilger auf dem Jakobsweg stellen, ist die: „Wo bist Du losgelaufen?“ Diese Frage ist die Messlatte, an der Antwort kann man erkennen, wen man vor sich hat.
Ist der Pilger 100 km vor Santiago de Compostella losgelaufen, weiß man gleich: der hier ist nur scharf auf die Urkunde. Denn 100 km sind das Minimum, das man absolvieren muss, um diese berühmte Urkunde compostela zu bekommen, die auf Latein dem Herrgott und aller Welt zeigt: ja, man ist gepilgert. Die „wahren“ Pilger begegnen diesen „Urkundenjägern“ nur mit Verachtung. Denn nur diejenigen sind anerkannter Teil der Weggefährten, die einen der großen Wege gegangen sind: die Pyrenäen gelten als allgemein akzeptierter Ausgangspunkt. Der Abenteuertyp nimmt den Küstenweg, der bodenständige Pilger den offiziellen camino.
Denn wenn man eins auf dem Jakobsweg lernt, dann ist es dieses: Das Wichtigste ist der Weg, nicht das Ziel. Ein kurzes Stückchen Weg reicht nicht aus, um seine Gewohnheiten in Frage zu stellen. Ein kurzes Stückchen Weg verändert den Menschen nicht. Der Stein der Gewohnheiten bleibt roh und unbehauen. Um diesen inneren Stein zu bearbeiten, braucht es einen langen Atem, Kälte und Matsch, Hunger und wenig Schlaf.

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Bist Du alleine unterwegs gewesen? Welchen Weg hast Du genommen? Wie lange hast Du bis Compostella gebraucht? Irgendwie sind es immer dieselben Fragen, die mir gestellt werden, wenn ich erzähle, dass ich den Jakobsweg gegangen bin.
Vielleicht ist das auch ganz gut so, denn die eine interessante Frage ist wohl die, die am schwierigsten zu beantworten ist, nämlich: Warum? Was um alles in der Welt kann einen erwachsenen Menschen dazu antreiben mit einem Rucksack auf dem Rücken Pi mal Daumen tausend Kilometer zu Fuß zu marschieren?
Die Antwort, die meist erwartet wird, ist wohl diese: „Ich brauchte Zeit zum Nachdenken.“ Nur wie soll man seinem Gegenüber erklären, dass es gerade das nicht ist, was man auf dem Jakobsweg findet? Eigentlich habe ich auf dem Jakobsweg komplett vergessen, warum ich mich auf den Weg gemacht habe. Tausend Gedanken kamen und gingen, keiner blieb.
Ich habe keinen lebensverändernden Entschluss gefasst, hatte keine tiefgreifenden Erkenntnisse. Was ich stattdessen gemacht habe? Ich bin gelaufen, habe einen Fuß vor den anderen gesetzt. Punkt. Sonst nichts. Der Weg ist mir zum Ziel geworden. Ich habe meinen Körper kennengelernt. Seine basalen Bedürfnisse: Hunger und Durst, Frieren und Schwitzen, Müdigkeit.
Heute glaube ich sagen zu können: Der Jakobsweg führt zu dem, was wichtig ist im Leben. Und das zu wissen ändert alles. Du bekommst Antwort auf DIE Frage: Was ist wichtig, was brauchst Du wirklich in Deinem Leben?

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Auf dem Jakobsweg, irgendwo in Spanien. Seit Tagen regnet es ununterbrochen. Im Grau der Wolken erhebt sich ein Kloster, ebenso grau und alt. Ein kleiner, alter Mönch heißt uns freundlich willkommen. Ich pelle mich aus den nassen Klamotten, endlich, und gucke mich um. Der Mönch lädt uns ein, an der Abendmesse teilzunehmen.
Wir folgen der Einladung. Pilger jeglicher Herkunft und Religion, einige offen skeptisch - gibt es Gott? Steht ihnen im Gesicht.
Die Mönche stehen vorne in der Kirche, sie fangen an zu singen, tief, eingehend. Dann  eine Stille, die uns alle erfasst. Gebannt hören wir den Mönchen zu, wie sie singen, wie sie beten. Sie lassen uns teilhaben an ihrem Glauben. Ihr Glaube hüllt uns ein. Diese Männer, die meisten alt und gebeugt, graue Bärte, sie strahlen mit geschlossenen Augen.
Das ist das Besondere des Jakobsweges. Er schenkt dem Pilger diese kleinen Lichtblicke voll religiöser Gefühle. Je mehr der Pilger mit schmerzhaften Blasen an den Füssen beschäftigt ist und mit dem gefühlt immer schwerer werdenden Rucksack, mit Schmutz und Schlafmangel, desto intensiver werden diese besonderen Augenblicke.
Die elementaren Bedürfnisse des Körpers nehmen immer mehr Raum ein.  Und zugleich verändern diese Momente wie Sonnenstrahlen in einem verregneten Himmel, wie Lichtblicke das Leben des Pilgers: ein einfaches Lied, eine unerwartete Begegnung, ein Gebet. Die Bedürfnisse des Köpers verschwinden und die Seele tanzt.

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Wälder, tief und grün, Berge, still und vom Wind umweht, das klare Wasser eines Baches, blauer Himmel. Und es riecht nach frischem Brot, wenn ich mich endlich einem Dorf nähere, und nach Kaffee. Herzhafter spanischer Käse, Wein.
Farben, Formen, Gerüche, alles ist so präsent in mir. Ich atme ein und aus. Die Luft (ist)  sonnendurchtränkt.
Inmitten all der Wunder der Natur, hat mir der Jakobsweg sein Geheimnis offenbart. Der Jakobsweg, auf dem man über tausend Kilometer pilgern kann, auf den Spuren von Christinnen und Christen, die dort seit vielen Jahren unterwegs sind. Der Jakobsweg ist nicht katholisch oder evangelisch. Er ist mehr als ein nur christlicher Weg.
Das habe ich jedenfalls so erlebt, als ich dort unterwegs war. Für mich überschreitet der Jakobsweg die Grenze einer Religion: in seiner ganzen Länge nähert sich der Pilger der Wahrheit des Lebens an. Es ist menschliche Urerfahrung.
Auf dem Jakobsweg unterwegs zu sein, war für mich eine Befreiung.
Meine Gedanken haben aufgehört, sich im Kreis zu drehen. Ich will nichts mehr, ich setze einen Fuß vor den anderen, ich höre auf zu denken, träume manchmal, oft denke ich einfach an gar nichts. Der Weg durchbricht die Starre der Gewohnheiten und bringt mich in Harmonie mit der Natur.
Das alles dringt über den Körper in meinen Geist, meine Seele ein. Wie soll ich die Freiheit, die ich auf dem Jakobsweg erlebt habe, beschreiben? Vielleicht so: als ich aufgebrochen bin, habe ich nichts gesucht. Aber ich habe es gefunden.

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Das Ziel ist erreicht. Nach ungefähr tausend Kilometern Jakobsweg ist es da: Santiago de Compostela. Die Größe und die Schönheit der Stadt verdrängt die Erinnerung an den Weg. Körper und Geist sind zurück in der Zivilisation: ich flaniere durch die kleinen Gässchen und ehe man es sich versieht, kaufe ich doch glatt eins dieser kleinen Andenken in den Souvenirläden –  obwohl ich mir auf dem Weg geschworen habe, nie mehr unnützes Zeug mit mir rumzuschleppen.
Dann steige ich ins Flugzeug und in wenigen Stunden bin ich wieder in Stuttgart. Auf dem Jakobsweg hatte ich mir gesagt: wenn immer du in ein Auto, in die Bahn, in ein Flugzeug steigst: denk immer an die, die zu Fuß gehen. Aber kaum sitze ich hinterm Steuer, sind alle Vorsätze dahin.
Aber es gibt Erfahrungen auf dem Jakobsweg, die wirken weiter. Für mich ist es die „Philosophie des Rucksackes“. Ich nenne das mal so. Das jedenfalls habe ich vom Jakobsweg mit in meinen Alltag rübergerettet: ich überlege mir: wovor hast du Angst? was schleppst du im wahrsten Sinne des Wortes auf deinem Rücken? Und dann schmeiße ich alles raus, was mir mein Leben eng macht. Ich versuche, mein Leben leichter zu machen.
Ich verschenke zum Beispiel alles Überflüssige, die Saftpresse aus der Küche, die ich noch nie benutzt habe, oder die schicken grünen Schuhe, die ich irgendwann einmal gekauft und nie angezogen habe. Ich versuche konzentrierter, eins nach dem anderen zu machen und nicht tausend Dinge gleichzeitig. Aber vor allem versuche ich, mich nicht mehr verrückt zu machen - auf alle einzugehen, die mir Ratschläge geben wollen. Sollen die doch reden. Und siehe da - der Rucksack meines Lebens lässt sich viel leichter tragen.

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Ein Mann geht für seine Überzeugungen ins Feuer
Idyllisch schwappt das Wasser in gleichmäßigen Wellen ans Ufer. Hinter mir das alte Konzilsgebäude, dahinter die Altstadt. Vor mir eine Bronzestatue, die sich langsam dreht: eine Frau mit aufreizenden Brüsten, die Imperia balanciert auf der einen Hand den nackten König, auf der anderen den nackten Papst. Ich stehe am Ufer des Bodensees in Konstanz. Idyllisch, diese Kulisse. Aber vor 500 Jahren ist hier ein Mord passiert. Einer, der Geschichte gemacht hat.
Im Sommer des Jahres 1415 gab es ein wichtiges Konzil. Das Problem war: es gab drei Päpste, also gleichzeitig. Das konnte nicht gut gehen. Deshalb mussten zwei Päpste weg, am besten freiwillig. Außerdem war die Kirche zerstritten, Pfarrer, Bischöfe, Päpste waren korrupt, ganz zu schweigen von den vielen Mätressen der Priester und Kirchenmänner.
Und das alles hat einer öffentlich angeprangert: Jan Hus aus Prag. Für ihn war klar: Kirche sollte arm sein, das Evangelium verkünden, und sie sollte für die Armen da sein. Und damit die einfachen Leute mitreden können, hat Jan Hus die Bibel ins Tschechische übersetzt. Damit jeder lesen und sich seine eigene Meinung bilden kann. Das war damals gefährlich. Vielleicht war Jan Hus so eine Art Edward Snowden des Mittelalters. Er hat Geheimwissen öffentlich gemacht und damit die Macht der Oberschicht infrage gestellt.
Jan Hus ist dafür verbrannt worden. Auf eben jenem Konstanzer Konzil. Als Ketzer. Er war einer von denen, die unbeirrt die Wahrheit suchen und die nicht davor zurückschrecken, dafür durchs Feuer zu gehen. Von ihrem Mut leben wir alle - bis heute.

Lesetipp: Tania Douglas „Jan Hus, der Feuervogel von Konstanz: Historischer Roman“ 2015.

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Stille ist selten, Stille kann sich manchmal bedrohlich anfühlen und wer Stille sucht, ist für viele entweder ein Kauz. Oder ein Mönch.
Und zu so einem Mönch, der in aller Stille und Einsamkeit lebt, kommt eines Tages ein Besucher. „Warum um alles in der Welt willst Du Dein Leben in der Stille leben? Was für einen Sinn soll das haben?“
Der Mönch schöpft gerade Wasser aus einem tiefen Brunnen. Er lässt den Eimer ins Wasser fallen und zieht ihn langsam und bedächtig wieder hoch. „Schau in den Brunnen!“ sagt er, „was siehst Du da?“ Der Mann guckt in den Brunnen: „Ich sehe absolut nichts. Schwarz.“
Der Mönch wartet eine Weile, dann fordert er den Besucher auf: „Schau nochmal in den Brunnen! Was siehst Du jetzt?“ Der Mann guckt wieder runter. „Ja, jetzt sehe ich was, ich sehe - ja- mich selber!“
Da sagt der Mönch: „Schau, als ich vorhin Wasser geschöpft hab, war das Wasser unruhig. Klar, der Eimer ist ins Wasser geklatscht, es gab Wellen. Und du hast natürlich nicht viel gesehen. Jetzt ist das Wasser ruhig, kein Eimer, keine Wellen.
Das ist die Erfahrung der Stille: der Mensch wird ruhig wie das Wasser und in dieser ruhigen Stille sieht er sich selber – und dort, in der Stille, in der Tiefe begegnet er Gott!“

frei nach Erhart Kästner

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