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SWR3 Gedanken

Ich verzeihe Dir! Das haben Hinterbliebene zu dem Mann gesagt, der ihre Lieben umgebracht hat. Sie erinnern sich vielleicht- das Attentat von Charleston, bei dem ein Weißer, Dylan Roof neun Schwarze erschossen hat. Und zwar in einer Kirche. Wo er kurz zuvor noch mit seinen Opfern gebetet hat. Mich verwirrt diese Geschichte. Dass einer der Hinterbliebenen vor dem Haftrichter zum Mörder seiner Liebsten sagte, er sei wütend, aber "Der Hass wird nicht siegen. Wir sind eine Familie, die auf Liebe baut." Und dann sagte er zu dem Mörder: "Gott segne dich."
Ich weiß nicht, ob ich so etwas könnte.
Die Bibel sagt: „Vergebt euch untereinander, wie Jesus euch vergeben hat.“ Die Angehörigen nehmen das ernst und setzen es in die Tat um.
Aber: Ist das denn seelisch überhaupt zu schaffen? Ist es nicht besser, erstmal seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen? Sollte man die Wut nicht erst mal spüren dürfen, das Bedürfnis nach Rache wenigstens mal aussprechen? Ist es nicht besser zu sagen: Ich will nichts mehr mit Dir zu tun haben, weil mir jede Faser meines Körpers vor Schmerz weh tut?
Natürlich darf man Trauernden nicht vorschreiben, wie sie mit so einer Situationen umzugehen haben. Aber mir leuchtet ein, dass es wünschenswert ist: Den Hass nicht siegen zu lassen und trotz der Verletzung weiter auf Liebe zu bauen. Es leuchtet mir ein, sich nicht im Hass einzuigeln. Es kann gut tun zu vergeben. Und dadurch die Tür zu einer Zukunft offen zu lassen.

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Es war einer von diesen typisch stressigen Tagen: Kinder antreiben, damit sie in die Schule und in den Kindergarten kommen. Ein voller Terminkalender bei meiner Frau und mir. Alles muss schnell gehen. Deshalb stimmen wir nur das Allernötigste miteinander ab. Ich hol den Kleinen  ab, die Große kommt selber von der Schule. Meine Frau muss  nach der Arbeit noch einkaufen. Irgendwann sehe ich auf meinem Handy, dass mein Freund Basti angerufen hat. Ich wundere mich, rufe zwischen zwei Terminen zurück, aber jetzt geht er nicht dran.
Am Abend, meine Frau kommt gerade zur Tür herein, und die Kinder sitzen vorm Fernseher, klingelt das Telefon. Es ist Basti und ich freue mich ihn zu hören. „Mensch Basti, das freut mich aber, was gibts?“ frage ich. Darauf Basti: „Ist ja sonst nicht so meine Art, aber in meinem Kalender steht was. Ihr habt heute Hochzeitstag! Herzlichen Glückwunsch, ihr beide!“
Ich bin ganz baff! Sage es meiner Frau. Und wir freuen uns beide. Er hat recht: Heute haben wir Hochzeitstag gehabt. Und wir haben ihn beide vergessen. Komplett! Dazu muss man wissen: Basti war mein Trauzeuge und ich finde, in diesem Jahr hat er sein Amt vorbildlich ausgefüllt. Weil er uns erinnert hat: heute war ein wunderschöner Tag. Auch wenn wir das gar nicht so gemerkt haben.
Als wir uns versprochen haben, dass wir zusammengehören und alles gemeinsam durchstehen wollen, da war Basti dabei. Und jetzt hat er meine Frau und mich daran erinnert: was für ein Glück es ist, dass wir uns haben. Auch wenn es stressig ist.

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Was ist ein Menschenleben wert? Und was sollte man riskieren, um es zu beschützen? Gerhard Braune hat sogar sein Leben riskiert.
Paul Gerhard Braune ist nicht so bekannt. Sollte er aber sein, finde ich. Denn vor 75 Jahren hat er gegen die Barbarei in Nazi-Deutschland protestiert. Er hat die Gräueltaten der Nazis öffentlich gemacht. Und zwar in seiner „Kirchlichen Denkschrift gegen die Euthanasie“.
Die Nazis haben damals nämlich Menschen mit Behinderung als lebensunwert bezeichnet. Sie sagten: Sie würden nur Geld kosten und deshalb der Gesellschaft schaden. Deshalb sollten sie planmäßig getötet werden. T4 hieß das Programm dafür. Graue Busse sind in die Heime für Menschen mit Behinderung gefahren, haben die Betreffenden eingesammelt und sind dann mit ihnen, zum Beispiel nach Grafeneck gefahren. Dort sind sie umgebracht worden.
Paul Gerhard Braune jedoch war wachsam. Als Leiter einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung hat er diese Transporte dokumentiert und das so gut es ging veröffentlicht. Eben mit seiner „Kirchlichen Denkschrift gegen die Euthanasie“.
Kurze Zeit später wurde er verhaftet. Ein Jahr später wurde das Programm T4 offiziell gestoppt. Weil mehrere evangelische und katholische Bischöfe dagegen öffentlich protestiert haben. Paul Gerhard Braune hat die Nazidiktatur überlebt.
Hat seine Denkschrift damals die Leute zum Nachdenken angeregt? Ich weiß es nicht. Aber die Geschichte von Paul Gerhard Braune bewegt mich. Ich frage mich: Welches Opfer sollte uns ein Menschenleben wert sein? Braune würde sagen: Jedes Menschenleben ist es wert, dass man dafür kämpft und die Wahrheit sagt. Ich wünsche mir, dass ich das auch kann, auch wenn ich befürchten muss Nachteile davon zu haben.

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Warum können die nicht so sein wie alle anderen? Warum passen die sich nicht an die Mehrheit an? Das ist das Problem. Das Problem der Mehrheit mit den Minderheiten.
In Slowenien gibt es zB. evangelische Christinnen und Christen. Das weiß ich erst, seit ich mal da war. Vierzehn Gemeinden gibt es, die meisten ganz im Nordosten an der Ungarischen Grenze. Was machen die paar Evangelischen bloß in einem katholischen Land? Warum werden die nicht auch katholisch?
Könnte man sich fragen. Und die Antwort lautet:
Es hat was mit Identität zu tun. Die Evangelischen haben es sich erkämpft, evangelisch zu sein. Die Reformation in Slowenien wurde gewaltsam bekämpft und niedergeschlagen, es blieb eben nur diese Minderheit übrig.
So ist das nun mal mit unserer Identität. Jeder muss da drum kämpfen. Zum Beispiel in der Pubertät. Meine langen Haare musste ich auch erkämpfen und die mussten unbedingt sein!
Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes, sagt die Bibel.  Wenn das stimmt, haben wir es nicht nur mit pubertärem Protest zu tun, wenn jemand als Minderheit aus der Reihe tanzt. Dann geht es um Vielfalt von Identität. Und die müssen wir in Gottes Namen beschützen und bewahren, finde ich. Es ist ein Ausdruck von Leben. So wie eben auch die Gemeinden in Slowenien ein Ausdruck von lebendigem Glaubensleben sind. Und deshalb, finde ich, sollte man sich sogar wünschen, dass es Minderheiten gibt. Denn daran sieht man: Das Leben ist bunt.

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Jetzt soll alles gleich gemacht werden. Das befürchten viele, wenn sie das Wort Gender hören. Gender meint ja: es gibt neben dem biologischen Geschlecht noch sowas wie eine Geschlechterrolle, die besagt, was Männern und Frauen rechtlich zusteht. Dass z.B. dem Mann nach der Geburt seines Kindes eine Elternzeit zusteht. Auch wenn  er nicht stillt. Und dass die Frau, auch ohne Erlaubnis des Ehemannes arbeiten darf und als geschäftsfähig gilt. Das gilt für Frauen in Deutschland erst seit 1962. Biologisches Geschlecht und gesellschaftliche Rolle sind zwischen zwei verschiedene Dinge. 
Zur Zeit Jesu war das mit dem Gender besonders krass. Damals war klar: Ein Mann ist für seine Frau verantwortlich. Sie ist ja auch sein Besitz. Deshalb ist es dem Mann auch möglich sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Für eine Frau dagegen ist es nicht möglich sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Welcher Besitz kann sich schon von seinem Besitzer trennen?
Aber Jesus hat die Geschlechter gleich gesehen in ihrem Wert und hat dann ganz radikal gesagt: Ehescheidung geht gar nicht! Auch nicht für den Mann.
Das war unglaublich fortschrittlich für die damalige Zeit: Mann und Frau sind gleichberechtigt! Und der Mann hat kein Vorrecht, nur weil er ein Mann ist. Für Jesus war klar: so lange Frauen keine Rechte haben, muss ein Mann lebenslang für sie sorgen. Nach dem Motto: einmal verheiratet, immer verheiratet.
Heute ist das anders: beide haben das Recht, sich aus einer Ehe wieder zu verabschieden. Männer und Frauen sind für sich selber verantwortlich. Das ist nicht einfach, das mit der Gleichberechtigung. Aber die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die war Jesus schon wichtig. Und auch deshalb finde ich es gut, das wir weiterhin fragen: Wo gibt es Ungerechtigkeiten, zwischen den Geschlechtern, die aufgehoben werden müssen.

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Ideen lassen sich nicht verbrennen. Aber Menschen. Wie zum Beispiel Jan Hus. Der wurde heute vor 600 Jahren in Konstanz am Bodensee tatsächlich verbrannt. Ein Konzil – also eine Versammlung von Kirchenführern – hat das beschlossen. Und der damalige König Sigismund hat es vollstrecken lassen.
Jan Hus war ein Theologe und ein Gelehrter. Rektor der Karls-Universität in Prag. Wie Martin Luther hat er die Bibel übersetzt, damit seine Landsleute sie lesen können. Die Landessprache von Hus war Tschechisch. die Leute haben diese Bibel gelesen und sie haben angefangen, die Ideen von Jan Hus in die Tat umzusetzen. Sie haben gegen die Oberen rebelliert. Jan Hus wollte, dass die Kirche sich von Prunk und Protz verabschiedet und so arm ist, wie Jesus selbst. Und er wollte, dass die Oberen nicht über die Köpfe der Christenmenschen hinweg entscheiden. Das haben die sich natürlich nicht bieten lassen und haben alles daran gesetzt, dass Hus schließlich als Ketzer verbrannt wurde.
Aber er hat es bei seiner Verbrennung schon geahnt: Diese Ideen lassen sich nicht verbrennen. Und er hat Recht behalten. 100 Jahre später hat die Reformation um Martin Luther seine Ideen aufgenommen und umgesetzt.
Und das finde ich ermutigend, für alle, die mutige Ideen haben, aber noch am Widerstand anderer scheitern. Und ich finde es ermutigend, für alle, die  verfolgt werden oder eingesperrt werden, weil sie den Zorn der Mächtigen auf sich gezogen haben. Wie zum Beispiel Edward Snowden der der Meinung sind: Diese Mächtigen können und dürfen nicht alles tun. Jan Hus‘ letzten Worte auf dem Scheiterhaufen waren: Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.

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Es gibt Menschen, die ich bewundere. Ich gebe es zu. Und wenn ich diesen Menschen begegne, dann komme ich mir ganz klein vor. So ging mir das jedenfalls mal mit Robert Gernhardt.
Robert Gernhardt hat viele lustige Texte geschrieben, die Otto dann auf die Bühne brachte. Zum Beispiel den hier: „Ich sprach es werde Licht, doch ich fand den Schalter nicht. Ich sprach Wasser werde Wein, doch das Wasser ließ es sein… Da wurde auch dem Dümmsten klar, dass ich nicht der Heiland war.“ Leider ist Gernhard inzwischen schon gestorben.
Ich bewunderte ihn und versuchte auch Gedichte zu schreiben. Und als ich Student war, kam Gernhardt nach Tübingen und ich hatte die Möglichkeit ihn zu begrüßen und mit ihm zu Reden. Und ich war furchtbar aufgeregt! Ich wusste überhaupt nicht, was sich sagen sollte und als er da war habe ich die ganze Zeit eher gekichert als gelacht und nervös mit einen Armen und Beinen geschlenkert. Super peinlich. Und ganz am Anfang, da hab ich mich gar nicht getraut zu ihm hinzugehen.
Ich weiß, alles sehr seltsam – oder auch nicht. Denn Jesus war wohl der Heiland und das haben viele bewundert, aber er wollte nicht als der Große wahrgenommen werden. Hat sich einer erschreckt, weil Jesus seine Macht gezeigt hat, sagte er „Fürchte dich nicht!“ und ansonsten hat er mit den Menschen gesprochen, ihnen zugehört und hat mit ihnen gegessen und getrunken. Er war einer von ihnen. Ich finde, das tut gut, wenn man das erlebt.
Robert Gernhardt hat nicht „Fürchte dich nicht“ zu mir gesagt, aber er hat mich gefragt, ob ich ihm einen Wein besorgen könnte. Konnte ich. Und dann haben wir uns unterhalten. Die Tonlage meines Lachens habe ich dann auch wieder gefunden.

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