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SWR3 Gedanken

Eine Sekunde! Nur eine Sekunde fehlte und es hätte gekracht. Es ist Sonntagabend auf der Autobahn. Nur noch wenig Verkehr rollt um diese Uhrzeit. Ich fahre entspannt, aber zügig. Ich will nach Hause. Ein Lichtreflex in den Wolken lenkt mich ab. Also schaue ich hin, bin neugierig, was da oben ist. Die Strecke vor mir ist ja frei, denke ich. Doch als ich wieder vor mir auf der Straße schaue, fährt ein Kleinwagen knapp vor mir, viel langsamer als ich. Reflexartig steige ich auf die Bremse, schaffe es gerade noch, einen Aufprall zu verhindern und merke, wie mir der kalte Schweiß ausbricht. Es ist gerade noch mal gut gegangen.

Die Szene verfolgt mich noch lange an diesem Abend. Es war der allerletzte Moment. Hätte ich nur eine Sekunde später hingeschaut, ich hätte nicht mehr bremsen können. Ich wäre mit 130 Sachen auf meinen langsamen Vordermann gekracht. Ein Alptraum. Im ersten Moment weigere ich mich einfach, mir die Folgen auszumalen. Hak es ab, ist doch nichts passiert. Aber so einfach geht das nicht, die Szene lässt mich nicht mehr los. Denn ich alleine habe diesen idiotischen Anfängerfehler gemacht. Ich, der ich seit mehr als 30 Jahren Auto fahre und es besser weiß, habe mich und einen anderen Menschen in Lebensgefahr gebracht.

Die kurze Szene hat mich jedenfalls auch am nächsten Tag noch beschäftigt. Und erst da ist mir klar geworden, wie schnell ich mich schwer schuldig gemacht hätte. Es fehlte nur eine Sekunde.

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Michael ist Politiker. Keiner, dessen Gesicht man aus Fernsehtalkshows kennt. Er engagiert sich in der Kommunalpolitik. Kümmert sich vor Ort um Radwege, Spielplätze und Gewerbegebiete. Trotzdem schlagen ihm immer wieder ordinäre Pöbeleien und manchmal auch Hass entgegen, vor allem im Netz. In Emails und Facebook-Kommentaren und fast immer anonym. Vielleicht weil er manchmal Dinge sagt, die irgendwem nicht passen. Vielleicht auch einfach nur, weil er Politiker ist. Einer von „denen da oben“, die gern schon mal als Gangster, Lügner oder was auch immer tituliert werden. Es sei schlimmer geworden in letzter Zeit, sagt nicht nur Michael. Wir haben Angst, hat der Ministerpräsident von Thüringen kürzlich sogar offen bekannt. Angst, dass die Hemmschwelle nicht nur bei den Worten sondern auch bei Taten weiter sinkt.

Ich bin kein Politiker, aber ich wundere mich, wie auch in Internetforen bisweilen diskutiert wird. Oft beleidigend und verletzend, manchmal ordinär. So mancher, der sich anonym glaubt, verliert wohl alle Hemmungen. Wo Menschen zusammenleben, war noch nie nur Streichelzoo. Aber ohne einen Minimalkonsens, wie wir als Menschen miteinander umgehen wollen, funktioniert es einfach nicht. Auch der bleibt ein Mensch, dessen Meinung ich zum Kotzen finde. Irgendwie traurig, wenn das immer öfter die Gerichte klar machen müssen. Michael, der Kommunalpolitiker, ist jedenfalls nicht mehr bereit, alles zu schlucken. Wenn es ihm zu krass wird, landet es bei der Polizei. Allzu hemmungsloses Auskotzen kann dann schon mal richtig teuer werden.

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Wenn ich etwas im Internet bestelle, dann schaue ich zu allererst auf den Preis. Sofort danach auf die Versandkosten. Niedriger Preis und möglichst keine Versandkosten, so sieht ein echtes Schnäppchen aus. Dass irgendwer die Zeche trotzdem bezahlen muss, ist eigentlich klar, doch daran denke ich in dem Moment meistens nicht.

Vielleicht ist es deshalb gar nicht so schlecht, wenn die Briefträger und Paketboten mal streiken. Klar nervt es, wenn das Päckchen verspätet ankommt. Doch es macht mir auch bewusster, wer für mein Schnäppchen am Ende noch so alles bezahlt. Und die Arbeit des Paketboten ist nur ein Teil am Schnäppchenpreis. Von dem netten Paketboten, der uns seit Jahren unsere Pakete ins Haus bringt, habe ich jedenfalls oft genug erfahren, was für ein Knochenjob das ist. Und auch, dass er froh ist, nicht bei der Konkurrenz zu sein. Da wäre er nämlich pseudoselbstständig und hätte noch weniger in der Tasche. Ein knallharter Wettbewerb also, wer es am allerbilligsten kann, weil er die niedrigsten Löhne zahlt. Doch will ich das auch so? An miesen Löhnen und einer Bezahlung, die gerade so zum Leben reicht, sind eben nicht immer nur die angeblich raffgierigen Konzerne schuld.

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Wieviel Zeit bleibt mir wohl noch? Ich bin über 50. Wenn sich dann die ersten Beschwerden einstellen, dann denkt man schon mal darüber nach. Statistisch hätte ich mindestens noch 25 Jahre. Doch man weiß ja nie. Dreizehn simple Fragen reichen angeblich aus. Dann weiß ich, wie hoch mein Risiko ist, in den nächsten fünf Jahren zu sterben. Ein britisches Forscherteam hat sie zusammengestellt. Ermittelt aus den Lebensdaten von tausenden Briten. Die Vorhersage soll verblüffend präzise sein.

Also klicke ich mich durch die Fragen. Beantworte, wie viele Menschen in meinem Haushalt leben. Wie viele Autos wir haben und so fort. Nach ein paar Minuten bin ich fertig. 2020, erfahre ich, werde ich wohl noch leben, zumindest mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit. Statistisch bleiben mir nach dieser Rechnung sogar noch rund 40 Jahre Lebenszeit Doch was fange ich damit nun an? Entspannt zurücklehnen? Statistisch mag das ja alles stimmen. Lebenspraktisch ist es eher nicht. Denn genau genommen ist mir klar, dass ich schon morgen mit dem Auto verunglücken kann. Oder dass mein Arzt beim nächsten Routinecheck vielleicht doch mal etwas Schlimmes findet. Eigentlich bin ich also nicht schlauer als vorher. Und vielleicht ist das auch ganz gut so: Nicht zu wissen, wie viel Zeit mir noch bleibt. Kein Ablaufdatum im Kopf mit mir herumzutragen. Denn so bleibt jeder neue Tag gleich. Gleich wichtig. Egal, ob es noch 10 oder 10.000 sind. Lebe einfach jeden Tag so, als ob genau heute dein letzter wäre, heißt eine Weisheit. Keine so schlechte Maxime fürs Leben.

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Buh. Aufhören. Es ist offene Kulturnacht in unserer Stadt. Verschiedenste Künstler treten da auf und die Zuhörer können kommen und gehen, wie es gefällt. Eine Frau jedoch bleibt einfach sitzen und regt sich auf: Aufhören, brüllt sie! Zugegeben, mein Musikgeschmack ist das auch nicht, was die junge Künstlerin da präsentiert. Ich könnte also einfach gehen, doch jetzt bleibe ich erst recht. Aus Interesse und Solidarität, denn Verbohrtheit und Intoleranz ärgern mich einfach maßlos.

Klar, wer sich Fremdes und Ungewohntes möglichst vom Leib hält, der hat seine Ruhe. Bastelt sich seine private Wellness-Oase, in der keine Zumutung die wohlige Stimmung stört - und tritt irgendwann nur noch auf der Stelle. Denn Kultur heißt ja auch, sich weiter zu entwickeln. Erfahrungen zu machen, die meinen beschränkten Horizont größer werden lassen. Natürlich geht das nicht ohne Reibungen und ab und zu dürfen die sogar mal weh tun. Weil sie mein Stilempfinden oder mein festgefahrenes Weltbild in Frage stellen. Und mich gerade darum kurioserweise ein Stück voranbringen. Völlig egal, ob es nun Musik oder moderne Kunst ist. Ein Theaterstück oder auch die kritische Auseinandersetzung mit der Religion.

Die Musik der jungen Künstlerin bei der Kulturnacht werde ich mir sicher nicht daheim anhören. Aber anregend war sie auf jeden Fall, aufregend offenbar auch. Und applaudiert habe ich am Ende natürlich auch.

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Not hat ein Gesicht. Zidanes Gesicht. Zidane ist Psychologe und einer von über 600 Flüchtlingen, die dieses Jahr allein in unsere Stadt kommen. Er kommt aus Aleppo, einer Millionenstadt in Syrien, Jahrhunderte alt. Doch nach fast vier Jahren Krieg gleichen viele Straßen dort nur noch Trümmerlandschaften. Zidane ist nur einer der vielen Menschen dort, die alles verloren haben. Die wenigstens noch ihr Leben retten wollen. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit ist er mir begegnet. Als Plakat an einer Bushaltestelle. Ein Fotograf  aus Kaiserslautern hat ihn und andere Flüchtlinge portraitiert. Die Not, die gerade ganz konkret auf uns zukommt, hat ein Gesicht.

Weil aber nicht nur Not, sondern auch Hilfe konkret sein muss, gibt es noch eine zweite Plakataktion. Über 160 Bürger unserer Stadt haben sich ebenfalls fotografieren lassen. Sie heißen Zidane und all die anderen öffentlich willkommen, bieten sich an als Helfer in der Not. Wer sein Gesicht offen zeigt wird greifbar, legt sich fest. Ich bin sicher, dass es noch viel mehr Menschen hier gibt, die auf keinem Plakat erscheinen. Die aber trotzdem bereit sind, Gesicht zu zeigen, wenn´s drauf ankommt. Offen einzustehen für Menschen wie Zidane.

Zu helfen, wenn einer in Not ist, ist der Ernstfall für die Nächstenliebe. Es ist gut, wenn die ein Gesicht hat.

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Ich habe es doch wieder gemacht. Das Auto genommen, obwohl es mit dem Fahrrad gegangen wäre. Weil es bequemer war, schneller ging und überhaupt. Ich kenne die Argumente, die auf kurzen Strecken gegen das Auto und für das Fahrrad sprechen. Trotzdem ignoriere sie gerne mal. Klingt schizophren, ist aber nur mein innerer Schweinehund und der kann verdammt hartnäckig sein. Papst Franziskus hat in seiner neuen Öko-Enzyklika gerade eindrücklich darauf hingewiesen: So, wie wir leben, geht es nicht ewig weiter. Es steht viel auf dem Spiel. Vielleicht nicht für mich, für meine Kinder und Enkel aber ganz sicher. Recht hat er.
Eigentlich weiß ich das auch alles. Eigentlich!  Und doch kann ich mein Verhalten nur mühsam ändern. Manchmal kommt mir das wie bei einem Raucher vor, der aufhören will, weil er genau weiß, dass es schadet. Und der sich dann doch jeden Tag aufs Neues eine ansteckt und sagt: Nur noch diese eine Zigarette. Nur noch heute. Und warum überhaupt was ändern? Schließlich leide ich ja nicht darunter. Ganz einfach. Weil ich meinen Kindern keine Erde hinterlassen will, die abgewirtschaftet hat. Und weil es schon heute Millionen Menschen gibt, die sehr wohl leiden - unter den Folgen der Umweltzerstörung, die ich mit zu verantworten habe. Der große, radikale Schritt geht sowieso nur selten, aber viele kleine Schritte führen auch zum Ziel. Die ersten hab ich zumindest mal gemacht.

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