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SWR3 Gedanken

Vor kurzem war ich bei einem 60. Geburtstag. Sehr interessant. Mit 60 rutscht einem ja die Endlichkeit vom Kopf in den Bauch. Und die Leute fragen sich: Na, Haus gebaut? Baum gepflanzt? Sohn gezeugt? Sonst was Bleibendes hinterlassen? Wer warst du? Und überhaupt: Warst du wer?
Nun, hätte Jesus sich diese Frage an seinem 60. Geburtstag gestellt, die Antwort wäre mager ausgefallen. Mal abgesehen davon, dass Jesus seinen 60. gar nicht erlebt hat. Nicht mal seinen 40.
Jesus hat kein Haus gebaut, keinen Baum gepflanzt, keinen Sohn gezeugt. Jedenfalls soweit wir wissen. Jesus war ein kluges Haus. Aber er hat kein einziges Buch geschrieben. Nicht mal ein Tagebuch. Was für eine Lebensbilanz!
Eigentlich hat Jesus nur eins hinterlassen: Einen Eindruck. Eine Wirkung auf Menschen. Die erste Generation hat das alles nur weitererzählt. Dann haben seine Freunde angefangen, die Erinnerungen aufzuschreiben. Etwa 300 Jahre später ist daraus das Neue Testament entstanden.
Alles, was wir von Jesus haben, sind Spiegelungen seiner Ausstrahlung. Wirkung seiner Energie. Natürlich haben schon Jesu Zeitgenossen den Wert eines Lebens daran gemessen, was man anfassen kann. „Mein Haus, mein Boot, mein Bankkonto“-  zu denen aber hat Jesus gesagt: Sammelt euch keine irdischen Schätze. Sammelt euch lieber Schätze im Himmel.
Natürlich braucht man auch irdische Schätze, ein Haus zum Wohnen, einen Baum, der Schatten bietet. Aber all das taugt nichts ohne die „Schätze im Himmel“, die man gesammelt hat. Spiegelungen unserer Energie, die Wirkung unserer Liebe, unserer Großzügigkeit.
Diese Schätze kann man nicht so gut herzeigen wie ein Haus. Aber im Himmel sind die sicher verwahrt. Ein kleines Stück vom großen Glück.

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Essen hält Leib und Seele zusammen, hat mein Vater immer gesagt. Er hat Kriegs- und Hungerjahre erlebt. Und er hat gewollt, dass wir immer genug zu essen haben.
Aber ich hab bald gemerkt: essen allein hält nicht Leib und Seele zusammen. Sonst gäbs ja keine Magersucht oder all die anderen Essstörungen. Schon Jesus hat gesagt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ich glaube, er stirbt sogar am Brot allein. Den Tod am Brot allein.
Es gibt Leute, die essen täglich Kaviar, Sushi und Lachs, sie trinken Champagner und stehen doch hungrig vom Tisch auf. Sie hungern nach Leben, nach Sinn, nach Liebe. Aber sie finden es nicht in dem, was sie essen, trinken oder sich anziehen.
Was hält Leib und Seele zusammen? Jesus sagt: wenn Gott zu dir spricht, wenn du den Sinn verstehst, wenn dir die Liebe begegnet. Das kannst du nicht allein. Deshalb brauchen Kinder zum Beispiel nach der Schule nicht nur was zu essen, sie brauchen jemanden, der ihnen was Warmes auf den Tisch stellt und sagt: so, erzählt mal. Wie war es heut? Sie brauchen jemanden, der ihnen verbietet, mit dem I-phone rumzuspielen beim Essen. Damit sie wirklich da sind.
Und wenn heute Abend die Grillgeräte angeworfen werden und die Männer ihre Fleischtrophäen aufs glühende Metall werfen, dann brauchen sie Freunde, die mit ihnen Steak und Senf und Sorgen teilen. Das ist es, was Leib und Seele zusammenhält.
Ich persönlich finde es schön, wenn die, die um den Tisch sitzen, miteinander dran denken, dass es ein Glück ist, genug zu essen zu haben. Und dass man nicht Angst haben muss, dass Bomben fallen.
Deshalb mag ich es, wenn einer am Tisch das mal ausspricht. Vielleicht so: Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt oh Gott von dir, wir danken dir dafür. Oder bei Hungernotstand, die Kurzfassung: lieber Gott, segne flott! Amen

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Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. Sagt die Bibel. Deshalb müssen wir aufeinander aufpassen. Genau gesagt: wir müssen auf unsere Würde aufpassen. Dürfen sie nicht antasten. Aber wo steckt die Würde eigentlich? Wo begegne ich ihr? Das hab ich durch Paula gelernt.
Paula ist erst zwei Jahre alt und kann noch keine Sätze sprechen. Aber sie klettert überall hoch, wo ihre Händchen sich festhalten können. Sie springt quietschend von dort oben in meine Arme und sie besteht auf Nudeln zum Mittagessen, ohne Spargel bitte. Nach dem Essen liegt sie dann im Kinderwagen und dämmert selig hinüber ins Mittagsschläfchen.
Ich kann mich gar nicht satt sehen an ihrem Gesicht, wenn sie schläft. Wie ein Engelchen die geschlossenen Augen, das Stupsnäschen und die blonden Strähnchen, vom Schwitzen verklebt. Wie sie da liegt mit nackten Beinchen, das Kleidchen zerknautscht.
Irgendwann entdecke ich einen dunklen Fleck auf dem Polster. Der Fleck breitet sich aus, als wäre irgendwo Wasser ausgelaufen. Aber es ist keine offene Wasserflasche. Ich habe vergessen, ihr vor dem Schlafen eine Windel anzuziehen. Und so liegt Paula selig schlummernd in einer riesigen, warmen Pfütze. Was tun?
Während ich nachdenke, wacht Paula auf, nimmt ein Tuch und zieht es sich über den Kopf. Ich hebe das Tuch ein wenig hoch, aber Paula zerrt es an sich und verschwindet vollständig darunter. Paula schämt sich. Mit ihren zwei Jährchen schämt sie sich. Und weiß nicht, wie sie ihr inneres Gleichgewicht, ihre Würde bewahren kann.
„Hallo“ flüstere ich durch das Tuch „Es tut mir wirklich leid. Aber - ich hab vergessen, dir eine Windel anzuziehen.“- Paula linst mit einem Auge unter dem Tuch vor, sieht meine Sorgenfalte auf der Stirn und hört mich fragen: „Was meinst du- wollen wir was Trockenes anziehen?“- „Jaaa!“ ruft sie, wirft das Tuch zur Seite und strahlt.
Ja, Paula ist Gottes Ebenbild- wie wir alle. Und unsere Würde ist es wert, dass wir auf sie aufpassen.

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Darf ich nochmal neu anfangen? Darf ich sagen: ich mach es wieder gut, ich mach es besser als vorher!- Hab ich das Recht dazu?
Meine Antwort ist: Du hast nicht nur das Recht, du hast die Pflicht, nochmal neu anzufangen. Oder anders gesagt: Kehrt um! Ändert euer Leben. Denn das Himmelreich ist nah! Johannes der Täufer hat das gesagt. Und heute ist sein Tag: der Johannistag.
Johannes ist am 24. Juni geboren, genau ein halbes Jahr vor dem 24. Dezember, dem Geburtstag Jesu. Die beiden waren sogar miteinander verwandt. Rührend die biblische Geschichte, wie die Mutter von Johannes und die Mutter von Jesus sich hochschwanger treffen und bei aller Freude irgendwie ahnen, dass das mit ihren Söhnen nicht gut ausgehen wird.
Und tatsächlich. Johannes ist drei Jahre vor Jesus gestorben. Nicht am Kreuz, er ist enthauptet worden. Wegen seiner Predigten: Kehrt um, ändert euer Leben. Hat er gesagt. Und: Befreit euch von eurem korrupten König Herodes. Das hat ihm schließlich den Kopf gekostet.
Johannes muss ein faszinierend wilder Kerl gewesen sein, er hat in der Wüste gelebt und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt. Ein Mann der scharfen Rede und spitzen Zunge. Einer, der nicht überlegt, ob das, was er sagt, ihm vielleicht die Karriere kosten könnte. Manchmal sehne ich mich nach solchen Typen. Die nicht ausgewogen, sondern einfach nur klar und aufrichtig sind.
„Wenn es um Menschenleben geht, dann darf ich nicht mehr wattiert reden. Hat ein Journalist zu mir gesagt. Wenn es um Menschenleben geht, dann muss ich scharf werden und provozieren.“
Ich finde, solche Prediger sind für uns ein Geschenk. Unwattiert. Vielleicht auch undiplomatisch. Provokateure, die wachrütteln und zur Umkehr rufen, wie Johannes der Täufer. Heute ist ihr Tag.

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Sie ist blond, sie ist hübsch und sie hat mit ihren 31 Jahren schon den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland bekommen. Nora Weisbrod. Sie ist Vorsitzende des Vereins „Aktion Tagwerk“, der heute seinen Aktionstag hat: Dein Tag für Afrika.
Die Idee: Einen Tag lang arbeiten Schülerinnen und Schüler nicht im Klassenzimmer, sondern im Blumenladen, im Altersheim, im Garten des Nachbars oder im Lager eines Einzelhändlers. Das Geld, das sie dabei verdienen, kommt Kindern in Afrika zugute. Damit die dort auch in die Schule gehen können, Schulbücher und gute Lehrer haben.
Dabei entstehen Partnerschaften zwischen den Schulen in Deutschland und denen in Afrika. Man besucht sich gegenseitig, organisiert den Austausch von Schülern, lernt sich gegenseitig kennen mit Sitten und Gebräuchen und mit der Musik. In den vergangenen Jahren haben sich über 180 000 Schülerinnen und Schüler an der „Aktion Tagwerk“ beteiligt.
Nora Weisbrod hat übrigens in diesem Jahr auch einen Bambi bekommen hat in der Kategorie „unsere Erde“, ist beseelt von der Hoffnung auf eine bessere, gerechtere Welt.
Deshalb machen sich heute wieder mal viele Jugendliche auf den Weg zur Arbeit. Sie arbeiten und verdienen ihr Geld für Kinder in Afrika. Damit die es mal besser haben. Mich macht das richtig froh zu sehen: eine bessere, eine gerechtere Welt ist möglich. Weil Schülerinnen und Schüler das so wollen.

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Wollen wir ihn- den Grexit? Den Austritt Griechenlands aus dem Euroraum? Ich muss gestehen, ich weiß nicht, was richtig ist. Natürlich geht es nicht, dass die einen Europäer ständig für die Ausgaben der anderen aufkommen.
Dass jetzt ausgerechnet Griechenland als das europäische Schnorrervolk dasteht, finde ich geradezu eine griechische Tragödie. Ist Griechenland nicht das Land der Gastfreundschaft? So habe ich es jedenfalls oft erlebt.
Wie zum Beispiel in Korfu. Es war spät und wir hatten uns verfahren. Aber dann endlich ein Dorf, eine Taverne mit Lampions, ein langer Tisch mit vielen Tellern drauf. Meinem Mann und mir lief das Wasser im Mund zusammen.
Wir setzen uns vorsichtig an einen kleinen Tisch in der Ecke und fragen, ob wir was essen könnten, wir hätten ziemlich Hunger.
Geschlossene Gesellschaft! Meint der Kellner. Das hier ist eine Taufe! Und deutet mit dem Kopf in Richtung Hinterzimmer. Dort sitzen geschätzt an die 80 Leute, der harte Kern der Tauffamilie. Als der Kellner unsere Enttäuschung sieht, lacht er. „He, ich lade euch ein. Das Taufkind ist mein Enkelkind! Seid unsere Gäste.“
Und dann zaubert er Lammfleisch, gebratene Auberginen und Tzatziki auf den Tisch. Die Taufgesellschaft kommt aus dem Hinterzimmer und wir müssen aufs Taufkind anstoßen. Ein junger Mann, der ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat, erhebt sein Glas und heißt uns in bestem Deutsch nochmal willkommen.
Natürlich hat die Familie mit Vehemenz jegliche Zahlungen unsererseits zurückgewiesen. So sind sie eben auch, die Griechen. Schwindelerregend gastfreundlich.

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„Gott segne dich und behüte dich!“ Ich geb zu, es klingt ein bisschen verstaubt. Aber wie sollte ich es ihm sonst sagen?
Ich habe einen Freund, der hat mir mal das Leben gerettet. Wie eine Art Feuerwehrmann hat er mich aus einem brennenden Haus rausgeholt. Im Bild gesprochen. Mein Lebenshaus hat lichterloh gebrannt. Und damals ist er jeden Abend in den Keller gegangen, hat uns eine Flasche Wein geholt und hat gesagt: „Komm, erzähl mir, wo brennt es denn?“
Ich weiß nicht, wie viele Flaschen wir damals geleert haben, aber irgendwann war das Feuer gelöscht. Und ich habe wieder Lust gehabt, mein Leben in die Hand zu nehmen. Das hat uns für immer zusammengeschweißt.
Und jetzt ist der Freund alt geworden. Und immer wenn wir uns verabschieden, weiß ich nicht, ob wir uns nochmal sehen. Aber was sag ich dann? „Tschüss und alles Gute.“ Wäre viel zu läppisch. „Pass gut auf dich auf!“ Na klar, kann er das, aufpassen. Aber wer passt auf ihn auf?
Deshalb sag ich gern „Gott behüte dich“. Weil ich will, dass er sich behütet fühlt, geborgen. Dass er abends ins Bett gehen kann ohne Angst. Und am Morgen Lust hat, wieder aufzustehen. Egal wie sein Körper drauf ist. „Gott behüte dich.“ Ich glaube, dass Gott das kann, ihn behüten. So wie er mich behütet hat, damals. In unseren nächtlichen Gesprächen.
Ich finde, es gar nicht so einfach, sich zu verabschieden. Ich meine, dass man weiß, es ist vielleicht für immer. Wenn ich einen Gottesdienst halte, so wie heute, dann sag ich deshalb am Ende nicht nur „Tschüs“. Ich leihe mir Worte aus der Bibel und sage. „Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. .. Gott schenke dir Frieden.“

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