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SWR3 Gedanken

Mein Kollege Alfons ist ein besonderer Typ. Wenn er sich für etwas interessiert, dann setzt er sich mit Haut und Haaren dafür ein. Assisi ist zum Beispiel seine Stadt. Es vergeht kein Jahr, indem er nicht hinfährt. Das finde ich so klasse an ihm. Wenn er für eine Sache brennt, gibt es kein Halten mehr.

Unter anderem ist Alfons ein Glocken-Fan. Zu seinem 60. Geburtstag hat er jetzt ein spektakuläres Geschenk bekommen. Er darf sich eine Glocke gießen lassen. Und er kann dabei sein, wenn sie hergestellt wird. Das passt zu Alfons. 

Er liebt Glocken und ihr Geläut und er kennt viele Geschichten, die sich um Glocken ranken. Für Alfons klingt in jedem Glockenschlag die Geschichte mit. Zum Beispiel, wenn sie gestiftet wurden, weil ein Krieg vorbei war, oder weil die Leute Notzeiten überstanden haben. 

Jetzt also kann Alfons sich seine eigene Glocke gießen lassen und live dabei sein. Sie wird einen besonderen Platz bei ihm im Garten bekommen. Er baut extra dafür einen Glockenturm.

Momentan beschäftigt er sich damit, welchen Ton die Glocke haben soll und was darauf graviert wird. Das will er sich gut überlegen. Schließlich ist es für ihn so eine Art Lebensglocke. Alles, was für ihn wichtig ist, soll darauf und darin enthalten sein. Besondere Menschen, Reisen, Ereignisse. Und natürlich sein Glauben. Alfons ist eng mit Gott verbunden und sehr dankbar für alles, was bisher in seinem Leben passiert ist. Auch das muss mit klingen.

Ich bin schon ganz gespannt darauf, wie seine selbst gegossene Glocke klingen wird. Es wird der Klang von Alfons Leben sein.

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Der Absturz der Germanwings-Maschine ist jetzt schon wieder ziemlich lange her. Ein Bild rund um diese Katastrophe ist bei mir besonders hängen geblieben. Bei der Trauerfeier im Kölner Dom ist für jeden Verstorbenen eine Kerze angezündet worden. Die Bilder dieses Lichtermeeres sehe ich noch vor mir.

Total interessant finde ich, dass dieses Symbol überall in der Presse positiv aufgenommen wurde. Schlicht und ergreifend eine Kerze entzünden. 

In meiner Familie spielt die brennende Kerze schon immer eine große Rolle. Immer, wenn irgendwas Besonderes ansteht, brennt bei uns die „Osterkerze“. Jedes Jahr an Ostern verzieren wir eine große Kerze extra für solche Momente. Sie steht dann für die Auferstehung Jesu und die Hoffnungen, die wir damit verbinden.

Die Osterkerze meiner Eltern ist wahrscheinlich auch deshalb anfangs riesengroß

Die Kerze brennt dann zum Beispiel immer wenn eine Prüfung ansteht, bei einer OP oder bei einem Vorstellungsgespräch. Manchmal steht meine Mutter extra früher auf, um sie auch pünktlich anzuzünden. Sie brennt nicht nur für die Familie, sondern auch für unsere Freunde und Bekannten. Die brennende Kerze heißt für uns: wir denken an Dich und wir beten für Dich. 

Für mich war dieses „Kerze entzünden“ bei der Trauerfeier für die Opfer der Flugzeugkatastrophe vertraut und hat mich deshalb trotz allen Entsetzens irgendwie getröstet. Eine Kerze anzünden - das ist ein so altes wie auch einfaches Symbol. Es hat Kraft. Und es ist oft das einzige, was ich in schwierigen Momenten machen kann.

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Zaubern, beten, tanzen, Zirkus. Mit diesen vier Worten bekommt man schon einen ganz guten Eindruck von Martin Bukovsek alias Carismo. Der Stuttgarter arbeitet an vielen Projekten, aber eines liegt ihm ganz besonders am Herzen. Er hat das „Getanzte Gebet“ entwickelt. 

Von der Decke der Kirche hängt sein Arbeitsgerät herab, zwei lange weiße Tücher, sogenannte Vertikaltücher. Carismo hängt beim Tanzen in der Luft.

Carismo geht an die Tücher und arbeitet sich ganz langsam und kunstvoll nach oben. Mal ist er ganz eingewickelt, dann hängt er nur an einem Tuch, mal liegt er quasi zwischen den Tüchern, dann wieder saust er blitzschnell nach unten. So tanzt Carismo das Leben mit allem was dazu gehört. Er beginnt zusammengekauert wie ein Baby im Bauch der Mutter. Dann hängt er wie tot zwischen den Tüchern und am Ende steht er aufrecht und streckt sich nach oben.

Es ist unglaublich, was ich da sehe. Ästhetisch und ausdrucksstart betet Carismo mit seinem ganzen Körper.

Für den 45-jährigen ist diese Kunst eine Berufung. Schon immer wollte er dem lieben Gott nahe sein und in den Himmel steigen, sagt er. Und als er zum ersten Mal eine Künstlerin an den Vertikaltüchern gesehen hat, ist ihm sofort klar geworden: das ist es! Er hat die Tücher aufgehängt, ist hoch gestiegen und was dabei entstanden ist, kam von innen. Das „Getanzte Gebet“.

Carismo - der Name ist Programm. Charisma ist die Gabe oder das Talent. Carismo setzt sein Talent ein. Er wuchert im besten Sinne damit. Und viele haben ihre Freude daran.

Paulus spricht in seinen biblischen Briefen von genau diesen Gaben. Jede und jeder soll sich mit dem einbringen, was er gut kann: zum Beispiel Menschen zusammenbringen, kochen, predigen oder eben tanzen.

Carismo freut sich selbst immer wieder über das „Getanzte Gebet“. Und darüber, dass er mit seinem Tanz davon erzählen kann, was er glaubt.

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„Du bist so klug: k-l-u-k“, schmettert Homer Simpson seinem Sohn Bart entgegen. Der amerikanische Zeichentrick-Papa ist nicht gerade dafür bekannt, dass er k-l-u-k, dass er klug ist. Eher dümmlich und behäbig, trinkt er sich durch seinen amerikanischen Kleinstadt-Alltag. Trotzdem lieben ihn die Fans. Homer ist liebenswürdig sympathisch und am Ende jeder Folge hat er mal wieder vom Leben gelernt. Er beweist dabei auf seine Art, dass er durchaus lebens-klug ist. 

Ganz andere Szene, gleiches Thema. „Damit wir klug werden“ ist das Motto des evangelischen Kirchentages, der heute in Stuttgart beginnt. Bis Sonntag gibt es viele Aktionen, Konzerte und Diskussionen zu diesem Thema.

„Damit wir klug werden“ - der Satz stammt aus einem Gebet in der Bibel. Es handelt davon, dass das Leben nicht ewig dauert, und dass es deshalb klug ist, bewusst zu leben. Die Veranstalter schreiben: „Die Botschaft ist: Ein JA zu Gott ist ein JA zum Leben, das endlich ist und darum klug gelebt werden will.“ 

Ich finde das Motto des Kirchentages gut, wenn auch nicht einfach. Es ist gar nicht so leicht, klug zu leben. Was heißt das denn eigentlich? Es ist sicher nicht gemeint, dass ich unbedingt Abitur brauche, um klug zu leben. In einer anderen Übersetzung, spricht die Bibel von einem weisen Herzen. Es geht also nicht um den Verstand, sondern darum, glücklich zu sein und das zu tun, was mir mein Herz sagt, was für mich und andere gut ist.

Klug oder weise zu leben kann ganz unterschiedlich aussehen. Für mich heißt das zum Beispiel, dass ich mich bewegen muss. Und wenn es „nur“ der tägliche Spaziergang mit meiner Tochter ist.

Für Homer Simpson heißt das, nicht unbedingt der Schlaueste sein zu müssen, aber dafür lebensklug, herzlich und erbarmungslos ehrlich.  

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„Ich habe von Gott geträumt und SIE war schwarz.“ Das steht in großen Buchstaben auf einem kleinen Bus. Der tourt durch die Vororte von Paris. Der Slogan ist provokant: Ist Gott weiblich oder schwarz, oder spielt das am Ende gar keine Rolle?

An Bord des Busses ist der Rabbi Michel Serfaty mit seinem Team. Sie haben ein großes Ziel: die Leute auf der Straße sollen mit ihnen oder besser noch miteinander sprechen. Und zwar über Religion. Schwierige Sache.

Serfaty und seine Kollegen gehören zur „Vereinigung für Jüdisch-Muslimische Freundschaft“. Vor zehn Jahren ist dem Rabbi der Kragen geplatzt. Zu groß sind die Vorurteile geworden. Außerdem werden jüdische Bürger immer wieder angegriffen und überfallen. 

Deshalb geht der 72-jährige Rabbi auf die Straße und quatscht die Leute an. Er wird nicht immer gern gesehen, ist auch schon mal brutal niedergeschlagen worden. Aber er lässt nicht locker. Seine Botschaft heißt: Juden und Muslime können Freunde sein. Und: Sie sind gleichwertige Menschen. Es ist egal, wie ihr Gott aussieht. Davon hängt nicht ab, wie wir miteinander umgehen. Das steht ja auch auf dem Tour-Bus: „Ich habe von Gott geträumt und SIE war schwarz.“

Michel Serfaty und sein Team leisten in meinen Augen großartige Arbeit. Ich bewundere, dass sie sich nicht abschrecken lassen und ihr Ding durchziehen.

Den Spruch auf dem Bus finde ich genau richtig. Nicht nur mein eigenes Bild von Gott wird in Frage gestellt. Sondern auch, wie ich Menschen mit einer anderen Hautfarbe und Religion sehe.

Michel Serfaty will klar machen: wir müssen respektvoll und gut miteinander umgehen.

Und: Gott lässt sich nicht in feste Vorstellungen pressen. Und schon gar nicht nicht in das Korsett einer Religion.

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Seit gut einem Jahr gibt es einen Fertig-Shake. Der muss nur noch mit Wasser und Öl angerührt werden und schon habe ich eine vollständige und angeblich ausgewogene Mahlzeit.

Ein junger Amerikaner hat ihn entwickelt. Er ist nach den neuesten ernährungstechnischen Erkenntnissen zusammengemixt. Und ich soll damit Zeit und Geld sparen und damit meinen Alltag selbst bestimmen können. 

Ein junger Amerikaner hat ihn entwickelt. Er ist nach den neuesten ernährungstechnischen Erkenntnissen zusammengemixt. Und ich soll damit Zeit und Geld sparen und damit meinen Alltag selbst bestimmen können. 

Eigentlich perfekt für mich. Und auch für alle, die einen stressigen Alltag haben. Da ich eh wenig Zeit und Lust auf Einkaufen und Kochen habe, kommt dieser Shake doch gerade recht.

Und trotzdem: Ich halte davon gar nichts. Essen ist doch nicht nur Nahrung aufnehmen und weiter machen. Essen ist für mich genießen und zusammen sitzen.

Das heißt natürlich auch zu überlegen, was es gibt, welche Lebensmittel ich einkaufe und manchmal heißt es auch gemeinsam zu kochen. Es bedeutet vielleicht auch ein gutes Glas Wein und einen schön gedeckten Tisch. Kurz: Essen ist Kultur, die zum Menschsein gehört. Und ich bin nicht bereit, diese Kultur aufzugeben, um Zeit zu sparen und noch mehr zu erledigen.

Dazu bin ich auch viel zu dankbar für das, was bei uns auf den Tisch kommt. Das gehört für mich übrigens auch zum Essen: danke sagen und für diejenigen was tun, die nur wenig haben oder hungern müssen.

Darüber hinaus ist es auch noch ur-christlich. Bis heute wird im Gottesdienst gemeinsam „Mahl gehalten“. Jesus war das wichtig: sich gemeinsam stärken mit Brot und Wein und vor allem die nicht vergessen, die nichts zu essen haben. Sein Auftrag ist klar - bis heute: Setzt Euch zusammen, teilt, esst und trinkt und denkt an mich.

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Kurz vor Weihnachten haben meine Eltern aufgehört zu rauchen. Mal wieder. Ich darf das so sagen, ich hab mit ihnen schon so einige Versuche dieser Art mitgemacht. Deshalb habe ich auch eine leise Ahnung, wie schwer das ist.

Dieses Mal scheint es ihnen allerdings ernst zu sein. Nach 40 Jahren qualmen, sind sie jetzt seit einem halben Jahr ohne Zigaretten. Und das vor allem, weil ihre Gesundheit nicht mehr so mitmacht. Das hilft ihnen jetzt, durchzuhalten. Es ist natürlich schade, dass sie es so merken müssen, aber anders geht das bei einer Sucht wohl nicht.

Sehr erstaunlich und gleichzeitig beruhigend finde ich, dass ihre Körper sich nach 40 Jahren doch so schnell wieder erholen. Der jahrelange Begleiter am Morgen, der Husten, ist fast weg. Und die Gesichtsfarbe meiner Eltern hat sich von grau in ein leichtes und viel gesünderes rosa gewandelt. 

Wir Menschen sind es wert, uns gut zu behandeln. Nicht nur, weil es gesund ist oder weil es gut tut.  Für mich spielt auch eine Rolle, dass ich es meinem Schöpfer schuldig bin. Er hat alles so wunderbar erschaffen, da will ich ihm nicht noch mehr ins Handwerk pfuschen, als ich es ohnehin schon tue. Ganz am Anfang der Bibel wird davon erzählt, wie Gott den Menschen erschafft. Das ist nicht als Tatsachenbericht gemeint, sondern als ein Loblied auf Gott.  Und dieses endet mit den Worten: Gott sah an, was er gemacht hatte. „Es war sehr gut.“ 

Das klingt für mich wie ein Auftrag: Gott findet seine Schöpfung - also auch uns Menschen sehr gut. Deshalb soll ich auf alles um mich herum, aber auch auf mich selbst achten.  Und dazu ist es nie zu spät.

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