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SWR3 Gedanken

Im Anfang war das Wort. Und das Wort „warum“. „Warum hat Deine Kirche im Dach ein Loooch?“, fragt mich ein Vierjähriger dieser Tage. „Meine“ Kirche ist derzeit der Kirchenpavillon auf der Landesgartenschau Landau. Und nicht nur die Kinder fragen mir ein Loch in den Bauch über diesen Bau. Warum ist hier überhaupt eine Kirche? „Darum“ sage ich...
Im Anfang war der Ort. Einen Kirchraum im Grünen wollten wir haben. Für das ökumenische Projekt „himmelgrün“. Um nah bei Gott und den Besuchern im Garten zu sein. Und da steht er nun, der Pavillon. In Form einer Ellipse, wie eine Arche. Ein Holzbau aus lauter Lamellen, die mit dem Sonnenlicht spielen. Vorn, über dem Altar das bestaunte Loch. „Da guckt der Himmel rein, gell“, sagt der Kleine und beantwortet seine Frage selbst.
Die kreisrunde Öffnung erinnert an das Pantheon, an ausgemalte Barockhimmel, nur sind die Wolken über uns echt. Faszinierte Blicke nach oben, sehe ich jeden Tag. An diesem Ort, der offen ist und heimelig zugleich. Eine Kirche ohne festes Dach, eher ein Zelt, durchlässig für Segen, Sonne und Regen von oben. Ein Platz für das wandernde Gottesvolk. Besser, das Gartenschauvolk, das vorbeiwandern und bleiben mag, ob kurz oder lang. Himmelweit offen, so sollte er sein. Ein Ort für alle, die glauben oder zweifeln, suchen und finden. Und nach dem Loch fragen. Oder „warum hat der Altar Rooschd?“ Wenn Sie vorbeikommen, erkläre ich es gern. 

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„Seht die Vögel unter dem Himmel. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Sätze aus der Bergpredigt Jesu. Heute, zum Tag der Arbeit. Mal kein Aufruf, Arbeit gerechter zu teilen – so richtig das auch ist – eher ein Zwischenruf.
„Seht die Vögel unter dem Himmel“, die so einfach leben und schweben, „seid ihr nicht viel mehr als sie?“, fragt Jesus. „Warum sorgt ihr euch?“ Tja, warum eigentlich. „Oh bitte, beachten Sie diesen herrlichen Tag“, schreibt ähnlich eine Frau, die allen Grund hatte, sich Sorgen zu machen: Rosa Luxemburg. Als Sozialistin, als Kämpferin für die Arbeiter wird sie verhaftet und später ermordet. 1917 notiert sie im Gefängnis:
„Ich möchte laut über die Mauer rufen: Vergessen Sie nicht, wenn Sie noch so beschäftigt sind ... vergessen Sie nicht, den Kopf zu heben und einen Blick auf diese silbernen Wolken zu werfen und den blauen Ozean, in dem sie schwimmen. Dieser Tag kommt nie wieder! Er ist Ihnen geschenkt wie eine aufgeblühte Blume, die darauf wartet, dass sie sie aufheben und an ihre Lippen drücken.“ 
Wunderbare Worte der Rosa Luxemburg, einer Frau, die sich radikal für die Armen einsetzte. Sie hat, Jüdin, die sie war, den Rabbi Jesus gut verstanden. „Seht die Blume, die Vögel, den Himmel.“ Und vergesst nicht: Das Leben ist mehr als Arbeit und Alltag. Eine gute Aussicht zum 1. Mai.

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Morgen geht’s wieder los, Mai. Wonnemonat. Tiefe Augenblicke und Ich-liebe-Dichs. „Schön bist du! Deine Augen sind wie Tauben. Dein Mund ist lieblich.“ Klingt wie ein Mai-Schlager und ist es auch, ein biblischer Schlager. „Du hast mir das Herz genommen, mit einem einzigen Blick“, schmachtet jemand im Hohelied der Liebe, schon vor 3000 Jahren.
Tja, so schön ist Verliebt sein. Es prickelt auf der Haut, das Herz hüpft und bald steht man da und stammelt. Zumindest ich, mit Siebzehn. „Ääahm, äh, deine Aufführung war... toll.“ Sage ich zu Martin aus dem Schultheater. Und sehe nur Locken und tiefschwarze Augen. Schön war Martin, meine erste Liebe. Mit ihm zusammen zu sein, war allerdings bald nicht mehr schön.
Es ist nicht leicht, den Richtigen zu finden. Doch von jung bis alt bleibt die Sehnsucht nach Liebe, nach einem, der mein Leben teilt, mich kennt mit Haut und Haar. Sehnsucht nach Liebe und - Lust. Als ich siebzehn war, sind mir im Internet jedoch nicht ständig nackte Tatsachen entgegengesprungen. „Ich will Dich, ich nehm dich, ich fessle dich“. Die meisten Jungs und Mädels über 15 klicken sich ab und an durch Sexseiten. Macht das Lust, Angst, Druck? Darüber wollte ich mit meiner Nichte jüngst mal reden, mich aufklären lassen, wie sie das sieht. Ist mir gelungen – fast. „Ach lass uns nicht über das blöde shades-of-grey-Gestöhne reden“, sagt die Sechzehnjährige, „ich bin verliebt und der Stefan, der hat soo tolle Augen.“ Na dann...

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„Hast Du das auch gelesen, Mama?“, fragt eine Halbwüchsige im Cafe. Sie blättert raschelnd im Lokalanzeiger. “8.000 Euro hat da einer gefunden.“ „Hab´s gehört“, meint ihre Mutter, „dabei hat der selbst nix, ist arbeitslos. Aber er hat alles abgeliefert, ganz schön ehrlich.“ „Oder ganz schön doof“, lacht die Tochter.
Ich grinse über meinem Milchkaffee, denn das habe ich auch gedacht, als ich davon gelesen habe. War´s nun ehrlich oder nur doof? Du sollst nicht stehlen, na klar, aber vielleicht war das Geld schon gestohlen – angeblich ermittelt die Polizei in diese Richtung - und was soll´s dann. Wenn es eben ein Glücklicher findet und behält. Tja, da biegt man sich gerne mal was zurecht und denkt dreimal drüber nach. Und mit Hartz 4 gleich viermal.
„Zuerst wollt ich’s schon behalten“, gesteht der Finder in der Zeitung. „Aber schnell war mir klar, ich geb´s zurück. Vielleicht hat jemand ein Leben lang dafür gespart.“ Recht hat er. Und vor allem, wenn ich mir vorstelle, ich wäre...
„Und“, fährt mir die Mama am Nebentisch in die Gedanken. “Wenn Du das Geld verloren hättest?“ „Tja, dann“, meint die Tochter, „fänd ich den Mann nicht doof, sondern supernett und echt ehrlich“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Oder doch, vielleicht die goldene Regel in der Bibel: „Alles, was du willst, dass dir die Leute tun sollen, das tue ihnen auch.“

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„Du sollst die Flüchtlinge nicht bedrücken und bedrängen“, mahnt die Bibel. Und die meisten Europäer können dem zustimmen. Aber wie ist das, wenn es konkret wird? Jeden Tag bedrängen mich die Bilder. Tausende Menschen, die vor dem Morden fliehen und vor unseren Küsten sterben. Das Mittelmeer ein Massengrab. Wie gehe ich mit dem Elend um?
„Du sollst die Flüchtlinge nicht bedrängen.“ Die Bibel ist da ganz klar. Auch wenn die Angst tief sitzt vor dem, was kommt, oder vor denen, die da kommen. Meine Nachbarin meint: “Wir kennen die Fremden nur als Zahlen, sie bleiben uns fremd. Wir müssen sie kennenlernen“. Seit kurzem im Ruhestand, spielt sie Theater. Und zwar mit Flüchtlingen aus Syrien und jungen Leuten aus der Pfalz. „Es ist schwer, wir haben kaum Worte, die jungen Männer sind scheu – gerade uns Frauen gegenüber – gleichzeitig haben sie Wut im Bauch, aber“, sagt sie mit leuchtenden Augen, “wir treten bald öffentlich auf, Djamal hat das angeregt, das Spiel macht ihn stark.“
Das finde ich stark. Und sie ist nicht die Einzige, die sich einsetzt. In vielen Kommunen und Kirchgemeinden engagieren sich Freiwillige für Flüchtlinge. Sorgen dafür, dass sich die Fremden heimisch fühlen. Vielerorts leben sie darum nicht in Hallen und Heimen, sondern als Nachbarn in der Wohnung nebenan. Wenn auch manche nur auf Zeit bleiben, sie sollen sagen dürfen wie Djamal: „I am saved“, ich bin gerettet.

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Es wurde zum Unwort des Jahres: „Lügenpresse“. Ein Kampfbegriff der Fremdenängstlichen. Eigentlich ist er selbst verlogen – natürlich lügen auch Medienvertreter - aber: es gibt weder „die Medien“ noch „die Lüge“. Viele wollen in der Presse ihrer Wahl einfach nur lesen, was sie selber für wahr halten.
Und kriegen sie das nicht, schwingen sie gern mal die Moralkeule.
„Du sollst nicht lügen.“
Lügen haben kurze Beine, das lernt jedes Kind. Und es erfährt schnell, dass sich kaum jemand dran stört. Eltern, Lehrer, Politikerinnen, alle lügen. Oft kommen sie damit richtig weit, „langbeinig“ sozusagen.
Menschen lügen. Aus Berechnung, aus Angst oder weil die Wahrheit zu sehr verletzen würde. Wer sagt schon „Du siehst ja heute rasend schlecht aus...“ Lieber ein wenig beschönigen, flunkern. Das ist menschlich. Unmenschlich wird es aber, wenn Lügen schaden.
Und darum geht es in dem Gebot. “Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“, heißt es wörtlich. Gemeint ist die Falschaussage vor Gericht. Wer als Zeuge lügt, nimmt jemanden den guten Ruf oder gar das Leben. Keiner soll zu Unrecht verdächtigt werden. „Falsch Zeugnis reden.“ Solche Sprüche am Stammtisch - „die Ausländer nehmen uns die Arbeit und die Frauen weg“ - oder manches Schlagzeilengejaule der bunten Blätter „alle Griechen sind korrupt und faul“. Da wird Menschen der gute Ruf genommen. Da fängt sie laut Bibel schon an, die Lüge.

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„Einigkeit und recht viel Freizeit...“ Nein, im Ernst, woran denken Sie bei dem Wort „Nationalhymne“? An Fußballfans, an Pegidademonstranten in Leipzig? Wer die DDR noch erlebte, denkt eher an „Auferstanden aus Ruinen“. Heute ist der Tag der Hymnen, jedenfalls im Kirchenjahr. Da heißt es „jubilate“, also: lobsingt. Am dritten Sonntag nach Ostern geht es ums Jubeln - über das, was uns geschenkt ist.
„Gott, Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.“ (Ps 65) So heißt ein Psalmvers, sozusagen eine Ost-West-Lobeshymne.
Das passt. Denn in diesem Jahr feiern wir 25 Jahre deutsche Einheit. Im Jahr 1949 wurde die Hymne der DDR zum ersten Mal gespielt: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“, heißt es da. Der Text stammt von Johannes R. Becher. Die Melodie ist von Hanns Eisler, dem Brecht-Interpreten aus Leipzig. Aber Becher hat seine Ost-Hymne auch gleich passend für das westliche Deutschlandlied geschrieben. Ob „Einigkeit, Recht und Freiheit“ oder „auferstanden aus Ruinen“, beides passt auf dieselbe Melodie. Als hätte Becher die Einheit vorausgeahnt.
„Gott, Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.“ Ja, wir können froh sein, in diesem reichen Land zu leben. In Frieden. In Freiheit. Und ja, ich glaube, wir können und dürfen unser Land teilen, mit Fremden. Sie können Freunde werden. Auch in Leipzig. Das rufen viele Anti-Pegida-Demonstranten auch morgen wieder. Jubilate.

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