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SWR3 Gedanken

Wir sehen was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an


Wie ich jemand sehe, hängt davon ab, wie er oder sie sich verhält.
Ob eine Frau zum Beispiel aufrecht steht,
ob einer mir gerade in die Augen schaut,
da bin ich sofort offener und zugewandter.
Ein ängstlicher verhuschter Blick, fahrige Bewegungen
und ich bin gleich weniger interessiert.
In unserer Kirche haben wir einen Fotografen gewinnen können,
der hat einen besonderen Blick:
Er fotografiert gerade die Leute, die zu uns kommen, wenn Vesperkirche ist.
Arme, Obdachlose, Arbeitslose, Verzweifelte und Verzagte.
Aber irgendwie gelingt es ihm durch seine Kamera,
Momente zu erhaschen, in denen etwas aus diesen Leuten hervorleuchtet,
das mit bloßem Auge nicht so leicht zu erkennen ist.
Es ist als würde er ihnen ins Herz sehen.
Als könnte er dort etwas von dem erkennen, was Gott für sie erträumte.
Da ist ein junger Mann,
der kaum klarkommt mit seinem Leben.
Nie hat er länger gearbeitet.
Hier strahlt er in die Kamera und eine Schönheit leuchtet aus ihm hervor,
die noch keiner von uns gesehen hat.
Aber Alex der Fotograf ist selbst einer, der viele Abgründe kennt.
Er ist scheu und bescheiden.
Vielleicht kommt es daher, dass er so fotografiert,
als könne er mit dem Herzen sehen.
Und mit ihm und seinen Bildern übe ich immer wieder sehr gern,
nicht bei dem stehen zu bleiben was vor Augen ist.
Und vielleicht ist es so,
wenn du jemand ohne Furcht vor den Tiefen ansiehst
Dass du es machst wie Gott, denn Gott sieht das Herz an.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19406

Singen macht glücklich. Singen macht frei und die Seele weitet sich.
Nicht umsonst gibt es so viele Chöre,
in denen so unterschiedliche Leute zusammen singen.
Gospel und Klassik und Volksmusik oder alles durcheinander.
Für manche ist das kaum möglich.
Ihr Leben funktioniert nicht so, dass sie in einem Chor singen könnten,
wo man hinterher noch zusammen in die Kneipe geht oder
beim Konzert schicke Klamotten tragen soll.
Leute die arm sind, haben es schwer, in einem Chor zu singen.
Seit einem Jahr gibt es in Mannheim einen Chor für Leute, die es sonst schwer haben.
Einigen sieht man das an. Eine hat keine Zähne.
Die Klamotten sind ein bisschen zerzaust.
Aber wenn sie singen, leuchten sie und die junge Frau am Klavier strahlt.
Es ist eine Studentin, die die Aufgabe, diesen besonderen Chor zu leiten,
mit überbordender Begeisterung und engelsgleicher Geduld erfüllt.
Sie sind nicht immer so zuverlässig, die da singen kommen.
Es kommt ihnen leicht etwas dazwischen.
Kein Ticket für die Bahn oder schon wieder krank, weil die Wohnung so kalt ist.

Sie singen Lieder mit Texten wie diesem:
„Da wohnt ein Sehnen tief in uns o Gott nach dir, Dich zu sehn dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen ist ein Durst nach Glück, nach Liebe wie nur du sie gibst.“

Sie singen innig und erfüllt und so als stünde ihnen genau
jetzt der Himmel offen und ihre Sehnsucht findet Erfüllung.
Einfach weil sie singen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19405

Wie das geht, dass eine auf der Straße landet, ist leicht erzählt.
Ich kenne eine junge Frau, die ist empfindlicher als andere.
Sie nimmt es schwerer auf, wenn einer sie kritisiert.
Ein Vorwurf klebt ihr in der Seele fest.
Mit ihrer Schwester hat sie sich überworfen.
Die Eltern haben keine eigene Wohnung.
Auch wenn sie schon seit vielen Jahren in Deutschland leben
Wollen sie keine staatlichen Leistungen in Anspruch nehmen.
Sie haben hier gearbeitet, aber irgendwie ist das Geld zu knapp.
Zu wenige Jahre waren es, in denen etwas für die Rente angespart werden konnte.
Also sind die Eltern bei der Schwester untergekommen.

Die junge Frau hat sogar studiert.
Aber dann immer nur Praktika und keine stabile Anstellung gefunden.
Es fiel den Eltern schwer zu verstehen, dass gerade sie, die so lange Zeit hatte,
sich ein Leben aufzubauen, Es nicht geschafft hat.
Nun lebt sie von Hartz IV.
Die letzte Wohnung hatte sie auf Vermittlung des Vaters bekommen.
Dann aber gab es Streit. Und weil es keinen Vertrag gab, musste sie auf einmal ausziehn‘.
In der Wohnung der Schwester ist kein Platz.
Selbst die Eltern schlafen auf einer Matratze, die nachts in die Ecke gelegt wird.
Und dann sind da ja auch noch die Vorwürfe und der Streit.
Dann war sie mit einem Koffer unterwegs. Von Notunterkunft zu Notunterkunft.
Immer leiser ihre Stimme. Immer flüchtiger ihr Blick.

Es macht krank so zu leben.
Vor allem wenn jemand so empfindsam ist.

Zum Glück bekommt sie jetzt Hilfe für ihre Seele.
Und darf erst mal bleiben – in der Psychiatrie.
Dafür ist sie sehr dankbar.
„Da ist immer jemand der hört mir zu“, staunt sie.
Aber eine Wohnung hat sie noch lange nicht

Am Ende wird alles gut, sagen manche. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.
Sie ist noch keine dreißig – aber sie fürchtet schon das Ende.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19404

„Ich will ja arbeiten“, sagt mir einer, „aber wenn ich jeden Tag neu suchen muss,
wo ich in der Nacht bleiben kann, dann schaff ich das nicht.
Deswegen suche ich nach einer Wohnung.“
Ein Zimmer für ihn allein, das ist es was nottut.
Denn ein Lebensraum erst ermöglicht es, dass Lebensträume sich erfüllen.
Ganz gleich wie groß oder klein diese Träume sind.
„Ich war immer selbständig. Ich hab in den USA gelebt.
Da hab ich immer irgendwie etwas gefunden, um alleine durchzukommen.
Jetzt bin ich zurückgekommen. Wegen meiner Mutter, weil die so krank war.
Und jetzt finde ich nichts.
Weil: wenn du keine Arbeit hast bekommst du keine Wohnung,
und wenn du nicht irgendwo bleiben kannst, kannst du nicht arbeiten.“
Als ich ihn frage wo er denn jetzt so schläft, sagt er:
„Bei Bekannten, mal hier, mal da.“
Das ist ein Satz den wir immer häufiger hören.
Dass Menschen mal hier, mal da leben.
Keine Wohnung für sich finden, nicht einmal ein festes Zimmer.
„Dann haben die auf dem Amt gesagt, dann sei ich ja unter!“
empört er sich, „aber wenn ich doch jeden Tag wieder alles mitnehmen muss
und neu anfangen zu suchen wie soll das gehen mit der Arbeit???“
Auch wer „hier und da“ unterkommt ist wohnsitzlos
Immer mehr leben in unseren Städten mal hier mal da.
Die Wohnungen, die es gibt, sind nicht für sie gedacht.
Ob die Mietpreisbremse das ändert?
Die Wohnungen sind ja meist schon zu teuer!
Und die Entscheidung, dass der die Maklerprovision zahlt, der den Auftrag gegeben hat?
Die wird sich in den Mietpreisen niederschlagen.

Dass einer wieder arbeiten kann, um selbständig zu leben,
ist kein kleiner Traum.
Es ist ein Lebenstraum, der immer schwerer zu erfüllen wird.
Je länger einer draußen gelebt hat oder mal hier, mal da.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19403

Shavgar lebt seit 5 Jahren in Deutschland.
Ein junger Mann aus Syrien. Er sieht älter aus als er ist. Er studiert hier.
Aber seit fast vier Jahren hat sich seine Aufmerksamkeit verschoben,
seit in Syrien Krieg ist.
Seit zwei Jahren ist er fast ausschließlich damit beschäftigt, seine Familie zu retten.
Und weil er von einer so bezwingenden hartnäckigen Freundlichkeit ist,
ist es ihm gelungen, immer mehr Menschen zu gewinnen, die mit ihm kämpfen.
Und so ist es gelungen zwei seiner Brüder nach Deutschland zu holen.
Nach fast zwei Jahren Flucht, Leben in Kellern und auf der Straße, nach Furcht und Verzweiflung.
Jetzt sind sie hier, lernen deutsch und versuchen sich zurecht zu finden.
Kontakt mit Deutschen haben sie kaum.
Das mit der Sprache ist schwierig und Deutsche haben keine Ruhe.
Immer müssen sie arbeiten.
Zugleich gibt es so viel Freiheit, jeder kann tun was er will, das sind sie nicht gewohnt.
Trotzdem sind sie glücklich.
Denn jetzt werden auch die Eltern, die Großmutter und der kleine Bruder
nach Deutschland kommen.
Auch dafür hat Shavgar gekämpft, unermüdlich.
Die Familie lässt alles zurück: ein Haus voller Leben,
die Fotos der Kinder, den Duft von zuhause.
Sie gehen auf unsicheren Wegen, eine Behelfsbrücke zwischen Syrien und der Türkei.
Da kann man nicht fahren, da muss man laufen, auch die 85jährige Großmutter
Die sonst kaum 200 Meter laufen kann.
Aber sie haben einen Termin auf der Botschaft und sie haben Papiere.
Und sie wissen was ihr Ziel ist. Mannheim.
Sie werden vieles brauchen, wenn sie hier ankommen.
Im Moment sucht der Sohn für sie nach einer Wohnung.
Das ist das Wichtigste.
In Syrien steht noch ein Haus leer.
Voller Erinnerungen an eine Zeit in der alles anders war.
Die Hoffnung ist ausgezogen. Aber immerhin das Haus steht noch.
Und alle wünschen sich nichts so sehr
als dass irgendwann wieder Frieden wird.
Dass sie zurückkehren können, ganz egal wer das Land regiert
und dass die Furcht ein Ende hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19402

In der Mannheimer Vesperkirche bin ich auch dieses Jahr wieder Menschen begegnet.
Die sich seit Jahren da bewegen, wo andere sagen, es sei ganz unten.
Ganz unten, wo die Leute sind, die kein Zuhause haben, und nie geschafft haben richtig zu arbeiten oder einfach immer mit Alkohol oder Drogen sich das Leben wegzoomen,
auf das sie nicht wirklich schauen wollen.
Einen kenne ich seit Jahren,
Meistens stoned von seiner Traurigkeit über all das was er schon als Kind erlebt hat.
Mit der Trennung der Eltern, mit dem gewalttätigen Stiefvater
und dem Tod des Vaters.
Und nun stoned seit Jahren auch von all den „Ismirdochegalmitteln“,
die er sich reinpfeift.
Ihn habe ich dieses Jahr das erste Mal ganz wach gesehen.
Seit Jahren erzählt er mir, dass er extra für mich gar nicht getrunken hat.
Brauch er ja gar nicht weil er schon sonst genug nimmt.
Und immer hat er einen Grundpegel von weißnichwas.
So und sooft ist er am Tisch eingeschlafen,
das Gesicht fast in den Teller gesunken, fast vom Stuhl gerutscht und einfach keine Kontrolle über sich.
Wenn er mir etwas erzählen wollte, konnte er mitten im Satz wegsacken, wegdämmern.
Und jetzt schaut er fröhlich mit gewitztem Blick in die große Runde der vielen hungrigen Leute, strahlt mich an
„So schee, dass mer all widda do sin!”
Ich sage:
Wie schön Sie so zu sehen, sie sind ganz verändert.
Er grinst:
„Suppa gell? Das hab ich Ihnen zu verdanke, weil sie immer gesagt hawwe,
isch soll uffhern middäm ganze Zeig.“
„Aber das sag ich doch seit Jahren,“ sag ich
„wie haben sie es denn jetzt auf einmal geschafft?“
„Es ist wohl jetzt irgendwie eingesickert.“sagt er
Und grinst und freut sich an meiner Freude

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19401

Dies ist der Tag den Gott macht
Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein! (Ps 118, 24)

Lätare - Freuet euch! so heißt dieser Sonntag
Mitten in der Passionszeit. Mandelblütenfarben
In den Kirchen erzählen die Farben Geschichten:
Das Rot an Pfingsten erzählt davon, wie lebendig Gottes Geist Menschen macht.
Schwarze Tücher legen wir auf in der tiefsten Nacht des Todes an Karfreitag
Weiß erzählt an Weihnachten vom Licht, als Jesus geboren wird
und als er von den Toten aufersteht an Ostern
Lila steht für das Leiden und heute, da ist es das Rosa.
In kaum einer evangelischen Kirche wird Rosa tatsächlich verwendet.

Aber denken wir doch mal rosa:
Freut euch! Mitten in der Passionszeit
Was soll das?
Die Bibel erzählt, dass Jesus auf dem Weg zum Kreuz ist. Er wird gefoltert werden und sterben
Aber er wird nicht im Tod bleiben. Er wird auferstehen
Und das heißt: Gott lässt die Welt nicht im Leid.

Gott träumt mit uns den Traum von Menschen, die aufrecht gehen.
Die Seelen ein Instrument der Zärtlichkeit, das Herz ein blühender Mandelbaum voll Vogelgesang, der Verstand tanzt und nimmt immer neue Drehungen.
Gott übt mit uns das Leben und das Sterben
und schenkt uns dazu die Freundschaft und die Liebe.
Menschen, die uns verstehen und mit denen wir Wege gemeinsam gehen können
Gott schenkt uns die Tulpen und den Wein und Menschen die wir lieben
Lichtgestalten, Himmelsgeschenke, jeder und jede einzigartig.
Gott lässt uns weitergehen selbst nach Abschied und Tod und lässt uns neue Wege finden
Gott schenkt uns Hoffnung trotz Trauer,
Liebe trotz Wut, Dank in der Verzweiflung und
die Ahnung auf neues Leben trotz allem Leid.
Und zeichnet diesen Sonntag mandelblütenfarbenrosa.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19400