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SWR3 Gedanken

Den Mann kenne ich seit vielen Jahren. Und er kennt mich seit vielen Jahren. Jedes Mal, wenn wir uns begegnen, begrüßen wir uns herzlich. Und jedes Mal muss er überlegen, wie ich heiße. Es fällt ihm irgendwann ein. Aber immer erst nach einer mehr oder weniger längeren Suchpause. Manchmal erlöse ich ihn von seinem Suchen und nenne meinen Namen. Dann sagt er „Jaja“, als habe er ihm auch gerade auf der Zunge gelegen.
Bei unserer letzten Begegnung habe ich gemerkt, dass es mich langsam ärgert. Der Mann ist geistig fit, kennt eine Menge Menschen, kennt eine Menge Namen. Wieso um Himmels willen fällt es ihm so schwer, sich meinen zu merken? Bin ich so blass und unscheinbar, so unwichtig und nichtssagend, dass mein Name einfach nicht haften bleibt?
Mein Gott, denken Sie vielleicht, was ist die aber auch schnell beleidigt. Es ist doch nur ein Name. Aber der Name ist eben viel mehr als eine putzige Dreingabe auf unsere Existenz. Er ist eng mit unserer Person verknüpft. Sonst könnten wir ja auch Nummern tragen. Aber das tun wir nicht. Wir sind Personen, Individuen, unverwechselbar und einmalig. Und deshalb haben wir Namen.
Wer meinen Namen vergisst, der macht mich austauschbar. Wer meinen Namen kennt, nimmt mich wahr, nimmt mich als Person zur Kenntnis. Und wenn einer ständig meinen Namen vergisst, nehme ich das aus gutem Grund irgendwann persönlich. Weil es ja auch persönlich ist.
Bei jenem Mann habe ich trotzdem beschlossen, es nicht persönlich zu nehmen. Mag sein, dass er mich einfach für nicht bemerkenswert genug hält, sich meinen Namen zu merken. Mir ist es ein Trost, dass einer sich meinen Namen auf jeden Fall merkt.
Gott kennt meinen Namen, er ruft mich bei meinem Namen. Daran glaube ich. Für ihn bin ich keine Nummer, für ihn bin ich eine bemerkenswerte und merkenswerte Person. „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“, heißt es in der Bibel. Selbst wenn der Rest der Welt meinen Namen vergisst: Bei Gott bin ich wer, vor Gott bin ich wichtig.

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Mitten in der Fußgängerzone schmeißt sich der Kleine einfach aufs Pflaster. Ratlos steht die Mutter daneben, während ihr Sohn, der so ungefähr fünf Jahre alt ist, mit den Füßen strampelt, mit den Fäusten um sich haut und dabei schreit wie am Spieß. Ganz offensichtlich hat das Kind einen Riesenzorn. Keine Ahnung, warum. Aber an der Frequenz seines Brüllens hört man es deutlich: Der hat sich nicht wehgetan, der ist einfach richtig wütend.
Die Passanten machen einen großen Bogen um den kleinen Zornnickel und seine hilflose Mutter. Manche schütteln den Kopf. Andere betrachten das Kind, als würden ihm gleich Hörner wachsen. Und eine Frau hinter mir murmelt leise: „Mein Gott, kann die das Kind nicht beruhigen? Da platzt einem ja das Trommelfell.“
Ich betrachte den Kleinen offen gestanden fast ein bisschen neidisch. Manchmal würde ich mich als erwachsener Mensch auch gerne mal auf den Boden schmeißen und schreien, was das Zeug hält. Weil ich ja noch immer weiß, wie sich ein Riesenzorn anfühlt. Aber als Erwachsener macht man gute Miene zum bösen Spiel, schluckt den Zorn herunter. Und schreit bestenfalls ein bisschen im Auto rum, wenn es keiner hört.
In der Bibel gibt es hundertfünfzig Psalmen. Und die strotzen nur so vor starken Gefühlen. Auch vor Zorn. Da schreien Menschen ihren Ärger an den Himmel, klagen lauthals ihre Not. Keine Spur von Selbstkontrolle oder Selbstverleugnung. Menschsein pur von Glück bis Zorn. Vor Gott kann man sich das erlauben. Daran glaube ich.
Weil Gott uns Menschen kennt. Und weiß, was in unserer Seele vorgeht. Und dass diese Seele manchmal ein Ventil braucht. Und sei es für einen Riesenzorn. Oder ein Riesenglück. Oder ein Riesenleid. Mag sein, dass eine Fußgängerzone kein guter Platz ist, um der Seele Luft zu verschaffen. Aber das Leben fällt mir deutlich leichter, wenn ich weiß, dass es einen Ort gibt, wo ich das nicht muss. Wo meine Seele ihr Ventil öffnen kann. Und vor Gott ist dieser Ort.

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Meine Tochter Emma ist neun Jahre alt. Und sie hat eine Menge Freundinnen. Die kommen ab und an vorbei, haben Spaß zusammen, wollen Chips und Süßigkeiten. Und dann gehen sie wieder, werden abgeholt von ihren Eltern. Wie Paula.
Die zieht ihre Jacke und ihre Stiefel an, während draußen der Motor des elterlichen Autos läuft. Die üblichen Verabschiedungszeremonien sind bewältigt, da dreht sich Paula noch einmal um: „Gott segne euch“, schmettert sie durch den Flur. Und wir müssen alle furchtbar lachen.
Vielleicht wollte Paula einfach sagen, dass sie gerne bei uns war. Vielleicht dachte sie auch, dass ein Segensgruß in einem Pfarrhaus nie verkehrt ist. Oder sie wollte, dass wir alle furchtbar lachen. Auf jeden Fall gehe ich in die Küche und muss noch immer lachen. Gott segne euch. Ein großes Wort für ein kleines Mädchen.
Aber eigentlich ein gutes Wort. Viel besser als „Tschüss“ oder „Mach’s gut“. Früher gingen Segensworte Menschen viel leichter über die Lippen als heute. Da war es ganz normal, einander zu segnen. Einander Gottes gute Begleitung zu wünschen. Wenn man das heute im Alltag tut, riskiert man verwunderte Blicke. So als wäre man religiös abgedreht. Dabei ist an Gottes guter Begleitung doch noch immer nichts Verkehrtes.
In diesem Sinne lache ich noch immer. Nicht wegen Paula, sondern wegen ihres Segens. Weil es mich eigentlich freut, dass mir jemand Segen gewünscht hat. Dass mir jemand ein richtig gutes Wort zugesprochen hat. Das mir mehr bedeutet als „Tschüss“ oder „Macht’s gut“. Paulas Segen hat mich an diesem Abend getragen. Beim Kochen und Essen, beim Zubettgehen und Einschlafen. Paulas Segen hat mir einfach mitten im Alltag richtig gut getan.
Deswegen verabschiede ich mich heute von Ihnen nun eben auch nicht mit „Tschüss“ oder „Machen Sie’s gut“. Sondern ich wünsche Ihnen mitten in Ihrem Alltag von Herzen ein kräftiges und ernst gemeintes: Gott segne Sie!

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Gegen einen Feind, den man kommen sieht, kann man kämpfen. Krebs ist ein Feind, den man nicht kommen sieht. Still und heimlich wuchern Zellen. Und irgendwann sitzt man da mit einer Diagnose, die Leben verändert. Meiner Bekannten Lina ist das passiert, einer ansonsten kerngesunden jungen Frau. Bei einem Routinecheck entdeckt der Arzt Knoten in ihrer Brust. Ab diesem Moment ist Linas Welt aus den Fugen.
Drei Jahre ist das her. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten, zig Bestrahlungen und tonnenweise Medikamenten gilt Lina mittlerweile als geheilt. Die blaue Wollmütze trägt sie wieder zum Schutz gegen die Kälte und nicht mehr, um ihren kahlen Kopf zu verbergen. Lina lebt normalen Alltag, fährt die Kinder zur Schule, geht ihrem Beruf nach. Als wäre nichts gewesen. Als wäre nichts gewesen?
 „Die Krankheit hat mich verändert“, sagt Lina. „ich habe meine Unbeschwertheit verloren, meine Sicherheit. Ich wache jeden Morgen mit dem Gefühl auf, dass es wieder passieren kann.“ Lina hat den Krebs besiegt, aber trotzdem ist und bleibt er ein Teil ihres Lebens. Ob sie das will oder nicht.
Ein wenig besser geht es ihr, seit sie mit ihrer Erkrankung offen umgeht und ihre Erfahrung dazu nutzt, anderen Menschen Mut zu machen, sich rechtzeitig um ihren Körper zu kümmern. Ehrenamtlich wirbt sie für Vorsorge, weil Vorsorge ein wichtiges Mittel im Kampf gegen diese Krankheit ist, von der weltweit mehr als zwölf Millionen Menschen betroffen sind.
Heute am Weltkrebstag erzähle ich Ihnen Linas Geschichte, um in ihrer Sache Werbung zu machen. Der Krebs ist und bleibt ein Feind, den man nicht kommen sieht. Aber je früher man weiß, dass er da ist, desto größer sind die Chancen, dass er denn doch das Feld räumen muss. Den Krebs zu besiegen, bleibt vorerst ein Menschheitstraum. Ihm wenigstens die Stirn zu bieten, nicht.

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Das Kinderbett auf dem Speicher. Aus massivem Holz mit liebevoll gefertigter Bettwäsche steht es sorgfältig eingepackt seit Jahrzehnten da und wartet auf ein Kind. Das Bett gehört Hildegard. Sie ist über achtzig, hat zwei Kinder großgezogen, Enkelkinder sind keine mehr in Sicht. Immer einmal wieder hat Hildegard darüber nachgedacht, das Bett wegzugeben. Aber ihr war nicht wohl dabei. Das Bett soll jemand bekommen, bei dem es in guten Händen ist.
Hildegard geht gerne unter Menschen und sie ist tief verwurzelt in ihrer Kirchengemeinde. Deshalb geht sie zu einem Frühstückstreffen, bei dem auch Flüchtlingsfrauen sind. Dort trifft sie Samira. Sie kommt aus Syrien. Weite Wege hat sie hinter sich gebracht, bevor sie in Kaiserslautern gelandet ist. Samira ist im siebten Monat schwanger. Und wie alle werdenden Mütter wünscht sie sich nichts mehr als einen Ort, wo ihr Kind Heimat und eine gute Zukunft findet.
Hildegard und Samira. Zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können. Die eine liebt Dampfnudeln, die andere kann das Wort noch nicht einmal aussprechen. Aber das ungeborene Kind schlägt eine Brücke. Und das Kinderbett auf Hildegards Speicher. Das beim Frühstückstreffen den Besitzer wechselt.
Für Samira ist dieses Bett ein Zeichen dafür, dass sie und ihr Kind in diesem Land willkommen sind und eine Zukunft haben können. Und Hildegard gefällt der Gedanke, dass ihr Bett in guten Händen ist. So etwas nennt man eine Win-Win-Situation.
Andere würden es eine gelungene Integrationsmaßnahme nennen. Aber mal ehrlich: Bei den beiden Frauen geht es doch eigentlich gar nicht um Integration. Es geht darum, dass ein Kind ein Bett braucht. Und dass zwei Frauen sich sympathisch sind. Und wo das geschieht, geschieht Integration automatisch. Weil sie von Herzen kommt. Mann, was für eine Win-Win-Situation.

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Vor genau zehn Jahren ist er gestorben. Max Schmeling, die deutsche Sportlegende. 1905 in der Uckermark geboren, boxte sich Schmeling in seinen jungen Jahren an die Weltspitze im Schwergewicht. Legendär ist sein Sieg über Joe Louis im Jahr 1936 in New York. Bis heute gilt er als achtbester Boxer seiner Klasse.
An der Wiege hat ihm das keiner gesungen. Max Schmeling stammt aus eher kleinen Verhältnissen, sein sportliches Talent führte ihn in die Arena der Weltöffentlichkeit. Die Zeit des Dritten Reiches wurde für Schmeling zu einer Zerreißprobe: Auf der einen Seite schmückte sich die NS-Propaganda mit seinen Erfolgen, auf der anderen Seite war Schmeling nie ein echter Parteigänger der Nazis.
Während des Krieges war Schmeling bis zu seiner Verwundung bei der  der Wehrmacht. Das pommersche Gut, das für ihn und seine Frau Heimat war, war nach dem Krieg verloren. Max Schmeling fand Heimat in Hamburg, aber das Heimweh nach Pommern blieb. Und damit seine Zerrissenheit.
Eine Aussöhnung mit den Völkern des Ostens war für ihn nicht denkbar. Auf der anderen Seite wurde Max Schmeling nicht müde, seinen Erfolg und auch sein Geld für karitative Zwecke zu nutzen. „Für mich ist Religion geben, etwas Gutes tun. Man soll so leben, als wenn es wirklich einen Gott gäbe“, so lautete einer seiner Lebensgrundsätze.
Für mich ist Max Schmeling ein Beispiel für einen Helden mit Schlagseiten. Er ist an vielen Stellen seinem Gewissen gefolgt, an anderen wurde er Opfer eines blinden Flecks. Als Sportler steht er für alle Zeiten auf einem Podest. Als Mensch ist er einer von uns.
Denn auch wir sind Helden mit Schlagseiten. Nie gefeit vor Irrwegen, aber doch immer auf der Suche nach der richtigen Entscheidung. Mit Gottes Hilfe boxen wir uns so gut wie möglich durchs Leben. Und ob es am Ende wenigstens ein Sieg nach Punkten war, entscheidet Gott, der Ringrichter, alleine.

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Unfrieden und Gewalt zwischen Menschen verschiedener Religionen. Nachrichten darüber beherrschen fast täglich unsere Schlagzeilen. Relativ wenige religiöse Fanatiker bringen es fertig, die Weltöffentlichkeit in Atem zu halten. Weltweit haben dagegen Millionen von Menschen ein großes Interesse an friedlichem Zusammenleben. Davon hört man nichts auf Seite Eins.
Deswegen erzähle ich Ihnen heute einmal davon, dass es gelingen kann. Menschen verschiedener Religionen setzen sich an einen Tisch und pflegen den „interreligiösen Dialog“. Bei uns in Kaiserslautern zum Beispiel. Seit über fünf Jahren treffen uns als Juden, Moslems und Christen regelmäßig und überlegen, welchen Beitrag wir leisten zu können zu einer besseren Verständigung zwischen den Religionen und Kulturen in unserer Stadt.
So feiern wir zum Beispiel jedes Jahr ein gemeinsames Friedensgebet, zu dem weit über hundert Leute aus allen Religionen kommen. Wir laden uns gegenseitig zu Veranstaltungen ein, um einander besser kennenzulernen. Wir diskutieren miteinander, wir feiern miteinander, wir essen miteinander. Wir begegnen einander als Vertreter verschiedener Religionen. Aber in erster Linie begegnen wir einander als Menschen.
Manchmal diskutieren wir auch hart an der Sache. Weil wir nun einmal verschiedene Ansichten in Sachen Religion haben. Aber wir tun das in großer Achtung voreinander. Weil der Jude Daniel, der Moslem Hischam und die Christin Jutta eines gemeinsam haben: Sie sind der festen Überzeugung, dass Gott Freude an einer friedlichen Welt hat. Ob er Allah oder Jahwe oder eben Gott heißt.
Krieg im Namen der Religion oder Gewalt im Namen des Glaubens ist ein Schlag ins Gesicht Gottes. Darüber sind wir uns einig. Denn der steht in allen Weltreligionen zunächst einmal dafür, dass Menschen einander achten und gut miteinander leben.

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