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SWR3 Gedanken

„Ich kann das nicht“. Wie oft höre ich diesen Satz. Von Freunden, von Kollegen, von Schülern und ja, auch von mir selbst. Und wie oft stellt sich dann heraus, dass aus dem „Ich kann das nicht“ mit ein bisschen Mühe und Durchhaltevermögen ein „Ich hab`s geschafft“ wird. „Ich kann das nicht“ ist so schnell gesagt. Und häufig stimmt es gar nicht, weil ich einfach behaupteetwas nicht zu können, ohne es überhaupt probiert zu haben. Vielleicht, weil es einfacher ist. Weil ich genau sehe, dass die Aufgabe, vor der ich stehe nicht leicht ist. Dass es mich einiges an Kraft, Einsatz und Willensstärke kosten wird, das zu meistern. Da ist es doch viel leichter, einfach zu sagen: Ich kann das nicht, als es zu versuchen und dann vielleicht doch zu scheitern.

Aber wie so oft im Leben ist einfacher nicht immer auch besser. Wie viele Dinge in meinem Leben habe ich nicht geschafft, weil ich schon vorher überzeugt war, dass es nicht klappen kann. Wie viele Erfahrungen habe ich mir entgehen lassen. Wie viele Meinungen nicht ausgesprochen und wie viele Gelegenheiten nicht genutzt. Nur, weil ich Angst davor hatte, zu scheitern. Ich kann das nicht, ist aucheine sehr einfache Art, sich vor einer Herausforderung zu drücken. Sicher, wenn ich es versuche und es klappt nicht, dann werde ich enttäuscht sein. Aber vielleicht kann ich aus dieser Enttäuschung ja auch lernen. Und vielleicht klappt es ja doch. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht perfekt, aber geschafft ist geschafft. In einer alten Volksweisheit heißt es: Es wäre sehr still in den Wäldern, wenn nur die Vögel singen würden, die es am besten können.

Vielleicht muss es gar nicht perfekt sein. Vielleicht klappt es nur teilweise oder sogar gar nicht. Aber wenigstens habe ich es versucht. Denn es wäre sehr still in den Wäldern, wenn nur die Vögel singen würden, die es am besten können.

 

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Januar 2015. Der Januar schmeckt für mich immer nach Neuanfang. Und weil ein Neuanfang immer auch bedeutet, Altes abzuschließen, ist der Januar für mich die beste Zeit, um aufzuräumen.

Zuerst ein Zimmer, dann die Wohnung.Das ist einfach. Und dann mich selbst. Das ist sehr schwierig.

Trotzdem: So ein Neujahrsputz der eigenen Gedanken tut gut. Nachdenken, was wirklich wichtig ist im Leben. Welche Menschen und Beziehungen wertvoll sind und auch im neuen Jahr gepflegt werden müssen. Welche Gedanken und Wünsche schon seit Monaten vor sich hinmodern und eigentlich längst keine Bedeutung mehr für mein Leben haben.

Es ist eine besinnliche Zeit, die Zeit der inneren Entrümpelung. Besinnlich im tatsächlichen Wortsinn. Weil ich all meine Sinne einsetzen muss, um mich selbst zu hinterfragen:

Ist mein Leben fad oder schmeckt es nach mehr? Wie kann ich dem Alltag eine besondere Würze verleihen. Welche Gedanken oder Vorurteile stinken zum Himmel und sollten dringend mal entsorgt werden?  Fühle ich mich frei und unbeschwert oder erdrückt und belastet? Kann ich erkennen, was in meinem Leben wirklich wichtig ist oder bin ich blind gegenüber Dingen, die ich erkennen und verändern müsste?

Ein langer und langsamer Prozess, diese seelische Entrümpelung. Und nicht immer leicht.Da gebe ich Meinungen auf, die sich über Jahre hinweg gebildet und doch als falsch erwiesen haben. Entlarve Entscheidungen als Fehlproduktion und lasse sie auf nimmer wiedersehen verschwinden. Und auch die Scherben einiger zerbrochener Träume entsorge ich schließlich wehmütig.

Aber so schwer das Loslassen von liebgewordenen Gedanken und Gefühlen auch ist. Es muss sein. Denn so ist wieder Platz für neue Gefühle, Meinungen, Wünsche und Träume. Und was wirklich wichtig ist, aber momentan einfach keinen Platz in meinem Leben hat, das wird auch nicht entsorgt. Es wird aufbewahrt. In der Kiste mit den wichtigen Erinnerungen. Wer weiß, ob man sie nicht später nochmal gebrauchen kann. Als Schatzkiste für dunkle oder schwere Tage.

 

 

 

 

 

 

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19014

„Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind. Es gibt keine anderen.“ Ein Satz, der mich zum Schmunzeln bringt und dann zum Nachdenken. Er stammt von Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Die Menschen nehmen, wie sie sind. Manchmal gar nicht so einfach. Es gibt ja so viele verschiedene Menschen. Und damit unzählige verschiedene Verhaltensweisen, Meinungen und Haltungen. Und darunter einige, die ich überhaupt nicht einfach so nehmen kann, wie sie sind. Sicher ist es wichtig, jeden Menschen in seiner Persönlichkeit ernst zu nehmen und anzunehmen. Aber kann ich die Meinung und Verhaltensweise so einfach davon trennen, wie ein Mensch ist?  Was soll ich denn machen, wenn ich mit dem Verhalten oder der Lebensweise eines Menschen nicht einverstanden bin? Ich kann doch nicht einen Betrüger oder Schlägereinfach so hinnehmen wie er ist. Ist es nicht meine Pflicht, gegen Menschen, die offensichtlich Unrecht tun aufzubegehren? Mich gegen Verhaltensweisen zu wehren, die andere Menschen oder die Gesellschaft gefährden?

Was bei der Aussage Adenauers zunächst ein leichtes Schmunzeln und dann Erschrecken  bei mirverursacht, hat es tatsächlich schon gegeben. Allerdings weiß ich nur von sehr wenigen Menschen,die es bisher geschafft haben, jeden Menschen so anzunehmen, wie er ist. Einer davon ist Jesus Christus.

In der Bibel wird ja sehr viel davon erzählt, dass er sich auch um gesellschaftlich Geächtete gekümmerthat: Prostituierte, Säufer, Betrüger.Menschen, die von der Gesellschaft eben überhaupt nicht so angenommen wurden, wie sie sind.  Jesus hat jeden Menschen in seiner Persönlichkeit sehr ernst genommen. Aber nicht jedes Handeln akzeptiert. Haben Menschen falsch gelebt oder gehandelt, hat er ihnen deutlich gemacht, dass sie trotz ihres Handelns wertvolle Menschen sind und ihnen damit die Möglichkeit eröffnet, ihr Leben zu ändern. Jesus konnte also das Verhalten eines Menschen durchaus von dessen Person  trennen. Aber was Jesus konnte, kann  noch lange nicht jeder. Die Menschen nehmen wie sie sind,das ist ganz schön schwer. Aber wie Jesusgezeigt hat: Auch nicht unmöglich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19013

Der Meister saß mit seinen Schülern am Flussufer. Einer der Schüler fragte: „Sag Herr, wenn ich nun abrutschen würde und in den Fluss fiele, müsste ich dann ertrinken?“

„Nein“, antwortete der Meister, „du ertrinkst nicht, wenn du in den Fluss fällst – du ertrinkst nur dann, wenn du drin bleibst.“

Was für ein tolles Bild vom Autor Anthony de Mello. Ich möchte seinen Gedanken mal weiterdenken:

Oft fällt man ja in Schwierigkeiten oder Probleme wirklich hinein wie in eine reißende Strömung mit kaltem Wasser. Manchmal kann man zwar vorher schon sehen, dass sich Schwierigkeiten anbahnen. Trotzdem rutscht man ab. Mit etwas Glück reichen einem Menschen am Ufer die Hand und bewahren einenvor dem endgültigen Absturz. Aber was, wenn nicht? 

Tja, dann fällt man. Und dann schlagen erstmal die Wassermassen, also die Probleme über dem Kopf zusammen. Wie nur wieder rauskommen?

Zunächst mal mit aller Kraft gegen den gefährlichen Strudel ankämpfen.  Manchmal gelingt das und man erreicht das sichere Ufer,heilfroh, dass man sich aus den Problemen mit eigener Kraft herausgekämpft hat.

Aber was, wenn man schwimmen will und nicht kann? Was, wenn die Kraft ausgeht? Der Überlebenswille nach dem langen, kräftezehrenden Kampf immer schwächer wird? Verständlich, dass der Gedanke, sich einfach vom Strudel runterziehen zu lassen dann immer näher kommt. Und doch gibt es noch eine Möglichkeit. Sicher nicht leicht, aber oft noch möglich: Der der Ruf nach Hilfe.  Auch dafür muss man oft eine Grenze überschreiten. Sich nicht dafür schämen, dass man gefallen ist. Sich nicht schwach fühlen, weil man sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien kann. Irgendwie den letzten Funken Überlebenswillen sammeln und nach Hilfe rufen. 

Hier denke ich an all die, die sich darauf spezialisiert haben, diese Hilferufe zu hören: Seelsorger, Ärzte, Sozialarbeiter, Psychologen, Freunde. Menschen, die nicht das Abrutschen verurteilen. Sondern mit Verständnis aus scheinbar aussichtslosen Strudeln heraushelfen. Auch wenn sie leider nicht alle retten können. Sie sind die die Rettungsschwimmer in der Alltagsflut. Und ihnen allen möchte ich danke sagen. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19012

Das Leben ist wie eine Ketchupflasche: Entweder kommt gar nix oder alles auf einmal. Was ein guter Spruch!Und momentan kommt tatsächlich immer genau das, was ich will. Ich hab ne Glückssträhne.Keine Ahnung wieso, aber zur Zeit klappt einfach alles wie am Schnürchen. Da stimmt doch was nicht. Ich bin gesund, ich bekomme meine Arbeit schnell und produktiv hin, ich habe Zeit für Freunde, Familie, ja sogar Zeit für mich selbst. Alles funktioniert. Und genau das macht mich stutzig.

Kann es sein, dasses einem so lange so gut geht? 

Weil ich mir das einfach nicht vorstellen kann, suche ich fieberhaft nach dem Fehler im System:   Da muss doch irgendwo ein Haken sein. Irgendwas geht gleich schief. Das läuft so gut, da stimmt doch was nicht. Das ist ungefähr so, wie wenn tagelang die Sonne scheint und sich mir jeden Abend der Gedanke aufdrängt: Morgen regnet es bestimmt.

Die ständig mitschwingende Angst, dass meine Glückssträhne bald wieder vorbei sein könnte, vermiest es mir völlig, mich über das aktuelle Glück einfach zu freuen. Total paradox.

Dabei gibt`s ja auch das Gegenteil. Zeiten, in denen einfach gar nix zu klappen scheint.Die typischen Pechsträhnen, in denen ich das Gefühl hab, dass alles auf einmal kommt und einfach nix funktioniert. Egal, was ich anpacke. Dann frag ich mich immer, wann endlich wieder was läuft und ich klammere mich an jeden noch so kleinen Hoffnungsschimmer. Dabei ist es unglaublich wichtig, bei Pechsträhnen daran zu glauben, dass es wieder besser wird. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, der dabei hilft, die Pechsträhne zu ertragen. Aber bei einer Glückssträhne? Die muss ich ja nicht ertragen, die kann ich eigentlich einfach genießen. Ohne Angst vor vielleicht zukünftig auftretenden Problemen. Der Schriftsteller Franz Kafka hat mal geschrieben: „Verbring nicht die Zeit mit der Suche nach einem Hindernis, vielleicht ist keines da.“

Möglicherweise hat er damit den Nagel auf den Kopf getroffen.  Wenn kein Hindernis da ist, einfach die Dinge laufen lassen und sich darüber freuen, dass der Weg so leicht  und schön ist. Das nächste Hindernis zeigt sich dann früh genug von ganz alleine.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19011

Na, wie sieht es aus mit den guten Vorsätzen? Das neue Jahr ist gerade mal zwei Wochen alt. Wie jedes Jahr bin ich mit einer ganzen Liste guter Vorsätze in das neue Jahr gestartet. Und ebenfalls wie jedes Jahr habe ich es schon wieder geschafft, innerhalb der ersten zwei Wochen einiger dieser guten Vorsätze über den Haufen zu werfen.

Jedes Jahr dasselbe Spiel. Getrieben von dem Gedanken, dass mit dem neuen Jahr auch ein Neuanfang verbunden sein muss, überlege ich mir, was ich alles in meinem Leben ändern könnte. Gesünder Ernähren. Nichts auf die lange Bank schieben und alles sofort erledigen. Mehr Auszeiten nehmen, regelmäßiger in die Kirche gehen, kein wichtiges Fest versäumen. Mich mehr bei Freunden und Familie melden. Alles, was ich besser machen KÖNNTE, kommt auf die Liste. Das Ergebnis ist eine ellenlange Aufzählung von Dingen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Total chaotisch und ohne Sinn für Prioritäten. Klar, dass ich das nicht alles umsetzen kann. Es ist völlig utopisch und naiv, zu glauben, dass sich ein ganzes Leben nur wegen des neuen Jahres komplett umkrempeln lässt. Und das ist auch gar nicht notwendig. Vieles in meinem Leben klappt ja wunderbar so, wie es ist. Und dass ich alles, womit ich nicht vollständig zufrieden bin, auf einen Schlag ändern kann, ist Quatsch.

Trotzdem sehe ich den Beginn eines neuen Jahres immer wieder als Chance, mich neu sortieren zu können. Deshalb schreibe ich auch alles auf, was ich gerne ändern WÜRDE. Ob ich das schaffe und die Änderungen überhaupt alltagstauglich sind, das zeigt sich erst im Verlauf des Jahres. Dann stellt sich nach und nach heraus, welche Vorsätze wirklich sinnvoll waren und welche ich völlig schmerzfrei einfach wieder aufgeben kann, weil sie unnötig sind oder nicht funktionieren.

Dabei merke ich jedes Mal auf‘s Neue, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, wie viele Vorsätze ich für das neue Jahr fasse. Sondern darauf, dass ich erkenne, welche mein Leben bereichern und positiv verändern. Und das lässt sich eben nicht am 1. Januar erkennen, sondern in den 364 Tagen danach. Und dann wartet sie ja schon wieder: Die neue Liste mit den guten Vorsätzen für das nächste Jahr. Neues Jahr, neues Glück?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19010

Wie lange habe ich mich innerlich auf diesen Moment vorbereitet. Auf den Moment, in dem ich zum ersten Mal nach der Beerdigung wieder am Grab meiner Oma stehen werde. Ich habe mich auf alles eingestellt: Dass mich die Trauer überfällt und ich sehr weinen muss. Dass ich traurig werde, weil ihr Grab vielleicht nicht schön genug aussieht. Dass es mir furchtbar weh tut, dass meine geliebt Oma in diesem dunklen kalten Grab liegen muss.

Und dann stehe ich vor dem Grab und fühle – NICHTS. Keine Trauer, keine Verzweiflung, keinen Schmerz. Es ist eher so, als würde ich an einer Haustür klingeln und es ist niemand da. Ich lege die mitgebrachten Blumen ab und schaue automatisch zum Himmel hoch. Dabei liegt meine Oma doch genau vor mir unter der Erde. Aber mein Gefühl sagt mir, dass sie da nicht ist.

Auf dem Heimweg denke ich die ganze Zeit darüber nach, warum das so eigenartig war. Und ich fange ganz selbstverständlich an, in Gedanken mit meiner Oma zu sprechen. Ich frage sie, wo sie ist. Ob sie es komisch findet, dass ich an ihrem Grab nicht geweint hab. Oder mir gar böse ist, dass ich nicht weinen konnte.

Und während ich mich so in Gedanken mit meiner Oma unterhalte, wird mir klar, warum ich mich ihr an ihrem Grab nicht näher gefühlt habe als sonst. Weil sie mir immer nahe ist. Das Grab ist eine Ruhestätte für ihren sterblichen Körper. Und eine Erinnerungsstätte für uns Angehörige und Freunde. Aber nicht der Ort, an dem ich ausschließlich meiner Oma nahe sein kann. Kein Ort, an den sie gefesselt ist.  „Unsterblichkeit der Seele“, was für große Worte. Was das theoretisch bedeutet, ist ja die eine Sache, aber in diesem Moment hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, die Bedeutung zu erfassen.

Das Grab ist ein schöner Ort. Ein sehr friedlicher und beruhigender Ort. Aber die Nähe zu meiner Oma ist nicht daran gebunden. Weil ich glaube, dass ihre Seele und ihr ganzes Sein bei Gott aufgehoben ist. Und sie mir dadurch immer noch nahe sein kann. Nicht nur am Grab, sondern in meinen Gedanken, Erinnerungen, meinem Herzen. In meinem Leben.

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