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SWR3 Gedanken

„Hööörst du mich?“ ruft es, als ich abends am Spielplatz vorbeigehe. Die Straßenlaterne funzelt, der Adventsstern daran leuchtet noch nicht. „Höörst du mich?“ Ich bin offenbar nicht gemeint. Im Halbdunkel sehe ich einen Hintern vor mir. Der Mann dazu gebückt vor einem Trichterförmigen Etwas. Weit auf der anderen Seite ein Junge, den Kopf halb im Trichter vor ihm. „Hörst du, Papa?“
Ach ja, ein Sprechrohr, unterirdisch verbunden, ein Flüstertelefon. „Hör mal, Hallo“, ruft es da. Und der andere antwortet. Meistens. „Papa, hier rein sprechen“, ruft der Kleene. Doch Papa kapiert´s nicht. Sein Sohn schaut theatralisch nach oben, wie „Himmel, hilf.“ Tja, denke ich, so ist das manchmal.
„Papa, Mama, hör doch!“, rufe ich von klein an und will gehört werden. Auch von dem da oben. „Höre mich, Gott“, rufen Menschen der Bibel immer wieder. Und Gott hört. Aber nicht immer. Manchmal dreht einem der Vater im Himmel scheinbar auch den Hintern zu. Wie jener auf dem Spielplatz. Doch der Sohn gibt nicht auf „Papa, hier rein“, zeigt er und endlich klappt´s. “Jaa, ich hör Dich, schrei nicht so“, flüstert er in den Trichter. Na also. Einfach weiter rufen, dann hört der da oben schon. Der Adventsstern steht jedenfalls dafür. Im Advent kommt Gott so nah, dass ich ihm was flüstern kann...

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Lina. Sie war meine beste Freundin. Ich schwärmte für Paul Newmann, sie für Romy Schneider. Und für die Englischlehrerin. „Bin ich normal?“ Lesbisch. In den 80ern wurde das Wort nur geflüstert. Voller Scham, auch von Lina. Sie litt.
Martin. Meine erste Moderation. Eine Kirchenmagazinsendung. “Ich bin schwul und Christ“, meinte Martin. Mutig. Kleine Aufbrüche in den 90ern waren das. Nur kleine. Die Zuschauerwutpost folgte. Besonders von angeblich „frommen“ Christen. Ich schämte mich. Und heute manchmal wieder.
Einige evangelische Gemeinden stehen längst zu ihrer Pfarrerin samt Ehefrau oder dem Pfarrer mit Mann, andere sehen darin den Verfall christlicher Werte. Wann immer darüber neu diskutiert wird – wie jüngst auf der Bischofsversammlung in Rom - kommen die alten Ängste hoch. Als wäre Schwulsein ansteckend, als würden gleichgeschlechtliche Paare die gottgewollte, klassische Ehe gefährden. Dabei findet sich in der Bibel kein klares Familienbild. Dafür etwa Vielweiberei, verheiratete Bischöfe, selbstbewusste Leihmütter. Und ja, auch homosexuelle Praktiken. „Du sollst nicht beim Manne liegen!“ Das galt allerdings Heterosexuellen. Ehemännern, die sich wie die Griechen eben mal einen Lustknaben nahmen.
Nein, die Bibel sagt nichts über schwule oder lesbische Paare. Sie sagt nur: Am Ende bleibt die Liebe. Und, Lina und Martin, eins noch: Der Gott Jesu – der Sünder eher mag als selbsternannte Fromme – der liebt wohl auch anders als manche Moralapostel sich das wünschen.

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Ich habe sie geliebt, die Mirabelle. Wenn ich als Kind genervt war, bin ich hochgestiegen. Über knorrige Äste, nie ohne Schramme am Knie, oft mit Tränen in den Augen. Aber dann: oben sitzen, unentdeckt von den nervigen Brüdern, umsummt von Bienen, orangegelbe Mirabellen im Mund. Und die Blätter streicheln alle Wut weg. Bäume können tröstlich sein. Sie stehen friedlich da, atmen Leben pur.
„Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume“, dichtet Erich Fried. Und ohne ihren Frieden? Im November, 25 Jahre nach dem Mauerfall, wurden wieder Friedensbäume gepflanzt, „Einheitsbäume“. Wie in Ifta, ein Dorf bei Eisenach, durch das einst der Grenzzaun lief. Gleich nach der Öffnung begannen Engagierte hier zu pflanzen. Eschen entlang dem ehemaligen Todesstreifen, Linden an der B 7. Zwei Alleen kreuzen sich, ein BAUMKreuz wächst, schon über 20 km lang.
In 25 Jahren ist zudem eine „BAUMKREUZ-Gemeinde“ gewachsen. Christen, Bürgerrechtler, Künstlerinnen aus Ost und West kommen jeden November zusammen. Sie setzen Bäume, halten Gottesdienst, taufen Kinder. Wer einst mit dem Schnuller dabei war, hält heute den Spaten. In Ifta ist zu sehen, was das heißt: Hoffnung pflanzen - und Frieden. Ach ja: Ich pflanze dieses Jahr eine Mirabelle in meinen Garten.

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„Kann ich Ihnen mit Facebook chatten“, fragt ein etwa 70Jähriger nach dem Gottesdienst, „ähm, messagen“, verbessert er sich. Ich muss schmunzeln und dran denken, wie mein Sohn stöhnte: „Spätestens wenn auch noch Opa facebookt, werd ich woanders posten.“ Tja, es gibt auch längst weitere Plattformen. Und ja, es gibt natürlich auch ein Leben ohne Netzwerke - aber auch eins mit.
Ich diskutiere nicht mehr über Pro und Contra Facebook, genauso wenig wie über Federkiel, Fax oder Telefon. Diese Plattform ist schlicht ein „neues Medium“, das längst Teenie geworden ist. Seit über 10 Jahren wird Facebook genutzt, geheiligt oder verteufelt – besonders in Kirchenkreisen - wie einst das angeblich „verblödende“ Radio, Fernsehen oder das laut Merkel „Neuland“ Internet. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich gerade auf der jüngsten Sitzung ausführlich mit den Sozialen Medien befasst. Ein guter Ansatz.
Klar, es gibt sie, die Chancen, Risiken und Nebenwirkungen der Netzwerke. Dummbatzdämliches wird xfach geteilt, dazu Cats, Dogs and Foodfotos satt. Und alle reden mit, auch die, die nix zu sagen haben. Drum prüfe genau, was zu posten ist.
Doch es gibt auch Wunderbares, Witziges und: Nie war ich so fix vernetzt mit der Freundesschar und mit Menschen worldwide. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, heißt es seit Adam und Eva. Menschen sind nun mal Netzwerker. „Sehn wirn uns jetzt auch Facebook?“ fragt der 70Jährige. „Klar“, lache ich, „gefällt mir.“

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Liebe Kinder, unsere Erde ist bedroht. Schuld sind wir, die Erwachsenen. Das klingt wie aus den Kika-Nachrichten anlässlich des jüngsten Klimagipfels. Aber die Zeilen wurden vor genau 25 Jahren verfasst. Kirchenleute schrieben an die Kinder der Welt:
Wir müssen uns einsetzen, dass keiner mehr einen anderen im Krieg erschießt.
Wir müssen teilen lernen, dass niemand mehr verhungert. 
Wir müssen uns bemühen, dass jeder in einer heilen Natur leben kann.
Naiv klingt das, zu Recht, in einem "Brief an die Kinder". Ein einziges Mal, 1989 in Dresden, kurz vor dem Mauerfall, wandten sich Delegierte der "Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" an den Nachwuchs. Sie fühlten sich verantwortlich für die kommende Generation. Sie wollten nicht nur für diese Welt beten, sondern auch handeln...
Die Kinder von damals sind heute um die 30 Jahre alt, viele sind inzwischen selbst Eltern. Und so alt die Appelle klingen, so aktuell sind sie geblieben. Wir leben als Kinder der einen Welt inzwischen verbandelt und vernetzt wie nie zuvor. Gegen Klimawandel, Krisen und Terror können wir nur miteinander arbeiten.
Naiv? Nein, eine Vision, die ich meinen Enkeln noch vor Augen malen will. „Wenn wir müde geworden sind“, so der Kinderbrief, „sollt ihr an unsere Stelle treten. Glaubt nicht, dass wir alles wissen, aber glaubt, dass wir alles tun wollen.“
Ja, ich will es in Gottes Namen versuchen. 


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Montag. Und bald der erste Advent. „Au weia, was ich bis zu den Feiertagen noch arbeiten muss“, stöhne ich. „Vergiss nicht die woliba“, mahnt meine Freundin Martina. „Ähm, hab ich da noch was versäumt“, frage ich kurz vorm Schweißausbruch, „was ist woliba?“ „Na, deine work-life-balance. Musst du mehr für tun“, meint Martina. „Aha. Nicht nur arbeiten, auch leben, meinst Du... Aber ich lebe doch auch in meiner Arbeit“, nörgle ich.
Gut, gut, es fällt nicht immer leicht, die „balance“ zu finden, Privatleben und Arbeitsleben auszubalancieren. Und das Stöhnen gehört dazu. Über „Labour“, „Travail“ oder russisch „Rabota“. Das Wort „Arbeit“ klingt nach Arbeit. Nach Mühsal. Im „Schweiße deines Angesichts sollst Du dein Brot verdienen“, weiß schon die Bibel. Oder im neunzigsten Psalm: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“
„Hörst du“, zitiere ich für Martina, „köstlich ist das Leben, gerade mit Arbeit und Mühe.“ „Klar, aber nur, wenn die Arbeit dich ernährt und dich auch glücklich machen kann“, meint sie. Tja, wo sie recht hat. Wir haben noch länger diskutiert, was das Leben und Arbeitsleben wertvoll macht. „Arbeit kann köstlich sein, aber nur Arbeit, das schmeckt nu auch nicht.“ Hat sie gut gesagt, meine woliba-Freundin, oder?

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Das Bild rührt mich immer wieder. Es ist mein Novemberfoto. Unser Sohn Till, erst ein paar Tage alt, drei flaumige Härchen auf dem Kopf, verknautscht, verträumt – wird festgehalten von faltigen Armen, in den Venen Kanülen. Das Gesicht darüber alt, gelbsüchtig, krank. Doch es strahlt. „Bevor ich sterbe, möchte ich noch meinen ersten Urenkel sehen“. Sie durfte es erleben, meine Großmutter Carla.
„Einer kommt und einer geht“, hat sie oft gesagt. Und tatsächlich: Till kam vor 18 Jahren, sie ging im gleichen Jahr. Mit einem Lächeln. Mein Novemberfoto ist eine Lebenserinnerung, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wie schnell ist der Kleine groß geworden... „Wie die Zeit vergeht“, sage ich so dahin bei alten Fotos, in diesen Tagen spüre ich es aber richtig.
Der November geht, das Jahr gleich mit, dabei wäre noch sooo viel zu tun. Ich plane das Kirchenprogramm für die Landesgartenschau Landau. Nur noch rund 150 Tage bis dahin, oh je, besser nicht dran denken. Lieber einen schlauen Satz lesen:
Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden, erinnert der Psalm 90. Ja, ans Sterben denken, heißt leben. Bewusster die Tage füllen. Mich fragen: Was ist zu tun, was ist wichtig, heute, jetzt? Ich möchte gerade möglichst viel Zeit verbringen mit meinem Mann. Seit er schwer krank ist, ist nichts mehr leicht, aber jede Minute schön, in der wir unbeschwert lachen. Auch mit unserem Sohn – der nun bereits studiert. Seine Urgroßmutter Carla würde es freuen. Ich sehe sie lächeln auf meinem Novemberfoto.

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