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SWR3 Gedanken

Beten und meditieren machen ruhig und gelassen. Davon bin ich überzeugt. Eigentlich. Denn wer wissen will, ob man die Ruhe und Gelassenheit verinnerlicht hat, der macht einfach einen Test. Eine lange Bahnfahrt mit kleinen Kindern zum Beispiel.
Das war vor ein paar Wochen so. Von Hamburg nach Stuttgart. Meine Kinder im Schlepptau. „Gib mir den Dino!“ „Gib du mir erst die Schokolade!“ Seit acht Stunden geht das so. Endlich sind wir tatsächlich im IC Richtung Heimat. Der Zug ist proppenvoll und ich bin heilfroh, dass ich Sitzplätze reserviert habe.
Ich schiebe mich mit meinen zwei Streithähnen durch den Gang. Am Platz angekommen, schwillt mir doch gleich der Kamm: Alle Plätze sind belegt. mit eisiger Stimme setze ich die Personen davon in Kenntnis, dass ich die Plätz 17, 18 und 20 reserviert habe. Den Triumph in den Augen blicke ich in die Runde.
Es gibt keinen Protest, aber kurz erschrecke ich. Dem älteren Ehepaar fällt es sichtlich schwer aufzustehen. Unmöglich, dass die beiden die Fahrt über stehen sollen. Soll ich ihnen den Platz doch überlassen? Aber sowohl ich, als auch meine Kinder sind völlig am Ende. Und zum Glück: irgendwie klappt es. Zwei junge Männer bieten dem älteren Ehepaar ihren Platz an. 
Ich komme mir schlecht vor. Nicht wegen der Plätze, ich habe sie wirklich gebraucht, aber ich ärgere mich, dass ich so entnervt reagiert habe. Von wegen Ruhe und Gelassenheit. Da habe ich noch einen langen Weg vor mir.
Und vielleicht geht das in der Situation auch nicht, habe ich gedacht. Ruhe und Gelassenheit mit zwei kleinen Kindern ist einfach nicht immer möglich. In einem alten Gebet in der Bibel heißt es: Befiehl dem Herrn deine Wege. Das heißt für mich: Eben auch die Wege, auf denen ich nicht ruhig und gelassen bin, sondern ausgelaugt, genervt und wütend.

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Die Sprache des Herzens ist wichtiger als die Sprache des Mundes: Das habe ich im Urlaub gelernt.
Als wir eine englische Familie auf dem Campingplatz kennenlernen, finden wir uns sympathisch, spielen miteinander Karten am Abend und teilen den Wein. Unsere Kinder können kein Englisch, dafür sind sie noch zu klein und Jack und Lily können kein Deutsch, aber die vier verstehen sich gut. Sie machen einfach Quatsch und Mau-Mau spielen geht auch so.  „It’s your Turn – Du bist dran“ verstehen bald auch unsere Kinder.
Jack und Lily und ihre Eltern verlassen uns nach ein paar Tagen. Unsere Kinder orientieren sich wieder um. Diesmal sind da auch deutsche Kinder. Mit denen ist die Kommunikation einfacher. Aber von Jack und Lily sprechen die Kinder bis heute und mir wird klar: Das war eine Sprache des Herzens, die alle anderen Sprachbarrieren überwunden hat.
So etwas muss wohl auch an dem Pfingstfest geschehen sein, wie es in der Bibel steht. Da sprechen die Jünger Jesu mit vielen fremden Menschen. Und egal welche Sprache die Menschen sprechen, sie verstehen die Jünger. Vielleicht, denke ich mir, weil sie die Sprache des Herzens gehört und verstanden haben.
Wer sich mit dem Herzen versteht, der hat es jedenfalls leichter, die Sprache des anderen zu lernen und zu verstehen. Sich allerdings so zu verstehen kann man leider nicht machen. Das haben wir später gesehen: Die Andere Familie hat zwar Deutsch gesprochen, aber so verstanden wie mit Jack und Lilly haben wir uns nicht. Schade. Aber toll ist doch, dass unsere Kinder und wir gesehen haben: Die Sprache des Herzens kann Sprachgrenzen überwinden.  

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Die Vereinten Nationen haben für heute den Welternährungstag ausgerufen. dabei geht es um den Hunger in der Welt und wie wir mit unseren Nahrungsmitteln umgehen. Das zeigen uns in Deutschland die Tafelläden.
In Tafelläden werden die Lebensmittel gesammelt, die die Supermärkte sowieso nicht mehr verkaufen. Diese Lebensmittel verkaufen die Tafelläden zu viel günstigeren Preisen dann an Menschen, die sich die Lebensmittel aus dem Supermarkt nicht mehr leisten können. Tafelläden sind beliebt, denn so kann man in Recycling-Deutschland sicher sein, dass der vermeidliche „Lebensmittel-Müll“ doch noch sinnvoll verwendet wird. So weit, so gutes Gewissen. 
Und doch: Wenn alles so schön rund recycelt wird, dann ist die Gefahr, dass man in einem Kreislauf festhängt. Alle Beteiligten. Die, die Lebensmittel wegwerfen genauso, wie die, die sie dann in den Tafelläden kaufen müssen.
Was ist wichtiger: den Hunger zu stillen oder die Bedingungen so zu ändern, dass keiner mehr hungern muss? Diese Frage ist sehr alt, ist mir aufgefallen, als ich bemerkt habe: Jesus sagt an einer Stelle schlicht: Selig sind die Hungernden, denn sie sollen satt werden. Und an anderer Stelle heißt es: Selig sind die nach der Gerechtigkeit hungern, denn sie sollen in Gottes Reich kommen.
Heute also am Welternährungstag der Vereinten Nationen stellt sich die Frage wieder und natürlich lautet die Antwort: Sowohl konkret den Hunger stillen als auch für gerechtere Bedingungen sorgen! Denn wer hungert, der braucht etwas zu essen. Aber damit er nicht wieder hungert braucht er gerechte Verhältnisse, die es ihm ermöglichen Essen zu kaufen oder zu erwirtschaften.
Und deshalb finde ich: Schön fände ich es, wenn es keine Tafelläden geben müsste. Ob das zu schaffen ist, weiß ich auch nicht. Aber dass Menschen von Lebensmitteln leben müssen, die andere wegschmeißen, daran will ich mich nicht gewöhnen.

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Das Schöne teilt man gerne mit anderen. Die schönen Urlaubsfotos zum Beispiel. Im Fotoalbum mit Freunden oder gleich weltweit bei Facebook, Instagramm oder Twitter.
Schlimmes teilt man nicht so gerne. Wer will schon Fotos von der letzten Chemo teilen… und wer will sie sehen?
In Glaubensdingen ist das wohl so ähnlich. Viel lieber erzählt man davon, was einem Schönes passiert ist und verbindet das Ganze mit Gott. Man will es mit ihm teilen und – wenn einem danach ist – auch mit anderen. „So ein Freudenfest der Farben hat Gott heute gezaubert. Danke!“ Lese ich auf Facebook unter einer wirklich schönen Herbstlandschaft. „Ich hatte heute einen schweren Autounfall – was soll das Gott?“ Sowas, oder sowas ähnliches habe ich noch nicht gelesen, aber gedacht habe ich es schon oft, weil ich finde, dass Gott auch was damit zu tun hat, wenn es mir schlecht geht. Aber den Zweifel an Gott, den teilt man wohl nicht gerne.
Ich auch nicht. Den Zweifel an Gott nicht oder auch den Zweifel an mir selbst. Dabei ermutigt jedenfalls die Bibel auch dazu das zu tun. Denn in vielen Gebeten und in Geschichten geht es genau darum: Dass da jemand zweifelt. Am stärksten finde ich immer noch die Geschichte von Jesus im Garten Gethsemane, als er ahnt, dass er sterben muss, aber er deshalb verzweifelt betet: „Wenn Du willst Gott, dann lass diesen Kelch an mir vorüber gehen.“
Das Schöne teilt man gerne mit anderen. Die Bibel ermutigt mich auch das Schwierige und Traurige zu teilen. Weil nur so die ganze Geschichte erzählt wird und weil Leid, dass man teilt einem helfen kann, wieder weiter zu kommen.

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Bei der Tour de France gab es in den letzten Jahren immer zwei Fragen: Wer siegt und gewinnt das gelbe Trikot und wer wird als erstes des Dopings überführt. So mancher Held einer Bergetappe ist inzwischen tief in die Hände der Justiz gefallen. Der Sieg war perdu, der Ruf ruiniert und die Fans diskutieren sogar, ob es nicht besser wäre, gleich das Doping zu erlauben, damit die Tour wieder Spaß macht.
Die Bibel malt uns ein Bild vom Sieg vor Augen, das unbedingt mit Gerechtigkeit verbunden ist. Diejenigen, die gerecht sind, die werden siegen und werden leuchten, wie die Sonne. (Mt 13, 43) Aber das funktioniert nicht ohne Gott.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Verbindung zwischen Gerechtigkeit und Sieg beim Sport nicht mehr so vorhanden ist? Jedenfalls: Diejenigen, die dopen haben nur noch den Sieg im Blick, nicht aber die Gerechtigkeit. Dabei müsste doch nicht nur die Frage im Vordergrund stehen, ob ich gewinne, sondern ob ich auch fair gewinne.
Wenn sich Gott, nach einem Wettbewerb sozusagen noch in die Augen schauen kann, kann ich auch besser mit Niederlagen umgehen. Wenn ich verliere, wird mir das trotzdem wehtun, keine Frage.
Aber bei Gott, so lerne ich es, kann das verwandelt werden. Vielleicht bekommen ich so mehr Energie, dass ich mich mehr ins Zeug legen kann… oder ich sehe ein und kann akzeptieren, mehr geht einfach nicht.
Das tut vielleicht weh, das einzusehen, aber das ist allemal besser als ein ungerechter Sieg.

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Beim Kampf gegen die islamistische Terrorgruppe Islamischer Staat, IS, scheint jedenfalls alles klar: An militärischer Gewalt führt kein Weg mehr vorbei! Menschen, die anderen Menschen auf grausame Weise den Kopf abschlagen, muss man sich entgegenstellen. Das sagt der Vatikan genauso wie der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Und dass es so ist, macht mich ganz ratlos. Denn, wer über Frieden sprechen will, hat gerade schlechte Karten. Krieg ist im Moment das Thema, auch wenn es einem aufgezwungen wurde.
Vor einhundert Jahren, im ersten Weltkrieg, war das alles beherrschende Thema natürlich auch Krieg. Und ich habe gelernt, es gab zum Beispiel in meiner Stadt sogenannte „Kriegsbetstunden“. Ob in diesen Kriegsbetstunden für den Sieg der Deutschen und für den Untergang der Engländer gebetet wurde, weiß ich nicht. Aber ich finde es schon bezeichnend, dass die ganze Veranstaltung eben „Kriegsbetstunden“ hieß.
Heute gibt es in meiner Stadt keine Kriegsbetstunden mehr. Aber schon seit Jahren ein Friedensgebet. Und ich finde es gut, dass diese Veranstaltung eben Friedensgebet heißt. Und wir uns im Namen des Friedens und nicht im Namen des Krieges versammeln. Weil es mir sagt: Auch wenn alles klar schein: Der Wunsch und die Hoffnung auf Frieden soll nicht vergessen werden. Gott hat „Gedanken des Friedens und nicht des Leides“ (Jer 29,11), steht in der Bibel. Und daran möchte ich mich festhalten, durch Krieg und Gewalt hindurch. Oder ganz trotzig gesagt: Der Krieg hindert mich nicht daran für den Frieden zu beten.   

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Gott stelle ich mir manchmal vor wie einen Regisseur im Theater.
Ein Regisseur sagt den Schauspielern wo es lang geht, wie sie den Text zu sprechen haben, gibt ihnen die Richtung vor. Aber das Stück hat er meist nicht geschrieben. Und wenn die Vorstellung dann läuft, dann schaut er zu. Und freut sich und leidet mit. Die Zuschauer und auch die Schauspieler sehen ihn nicht, aber der Regisseur ist da und ich stelle mir vor: Allein seine Anwesenheit motiviert und gibt auch Sicherheit für die Schauspieler.
Ich finde: Das kann ein schönes Bild für unser Leben sein und dafür, wie Gott es begleitet. Denn die Bibel sagt: Gott ist da. Auch wenn wir ihn nicht sehen, aber er ist da, wenn etwas in unserem Leben aufgeht und wächst, aber auch wenn etwas in die Brüche geht. Er verfolgt sozusagen das Stück und ist voll und ganz mit dabei, freut sich und leidet mit.
Und am Ende einer Theaterpremiere kommt der Regisseur mit auf die Bühne. Die Schauspieler bedanken sich und fallen ihm gelöst um den Hals. Auch wenn es ein schwieriges, ein anstrengendes Stück war. Klar ist: Die Aufführung ist gelungen.
Gott begleitet mich auf meiner Bühne es Lebens. Und wir liegen uns am Schluss in den Armen. Diese Vorstellung macht mich froh. Und wenn ich an die Party nach Premiere denke, dann bin ich sogar fast ein bisschen neugierig.  

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