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SWR3 Gedanken

Es war in Budapest, ich war noch Studentin, als ich die wunderschöne Kanne sah: leuchtend gelb; helle, freundliche Töpferware. Mein letzten Euros habe ich zusammengekramt, um sie zu kaufen. Zurück in meiner StudiBude machte ich Tee in dieser wunderschönen Kanne und stellte fest: sie leckt! Eine undichte Teekanne! Na toll. Ich behielt sie trotzdem. Als Zeichen dafür, dass das Leben nun einmal so ist: irgendwas ist immer, ist kaputt, nicht dicht, hat Risse, Sprünge…
Es war einmal ein Wasserträger. Der hatte zwei Krüge mit denen er Wasser holte, dann trug er sie, je ein Krug auf jeder Seite. Nun hatte aber einer der beiden Krüge einen Sprung und verlor die Hälfte seines Wassers auf der Strecke. Nach ein paar Jahren, der Wasserkrug war derart beschämt, dass er sich an den Wasserträger wendete: „Entschuldige, dass ich immer so viel Wasser verliere, ich bin einfach zu nichts nütze.“ Der Wasserträger sah den Wasserkrug von der Seite an: „Ich muss noch mal Wasser holen; erfreu dich an den schönen Blumen, die am Wegesrand stehen“, riet er ihm. Aber wieder verlor der Wasserkrug die Hälfte seines Wassers: „Ja, schöne Blumen, aber du schleppst und schleppst und ich kann dir nicht helfen.“ Da setzte sich der Wasserträger zu seinem Krug und sagte ihm: „Natürlich weiß ich, dass du Wasser verlierst, aber als ich das sah, habe ich Blumensamen am Straßenrand gestreut und immer, wenn du Wasser verloren hast, hast du die Samen gegossen. Sie sind aufgegangen und seither blühen sie. Jedes Mal wenn ich die Straße langgehe, freue ich mich.“
Wir sind wie der Krug, irgendwas ist immer, ist kaputt, nicht dicht, hat Risse und Sprünge. Und Gott ist wie der Wasserträger unserer Geschichte, er macht das Beste draus, streut Samen aus, sodass trotz unserer Fehler und Unzulänglichkeiten Blumen daraus erwachsen können.

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Morgen ist Wochenende und wer noch nichts vorhat, aufgepasst, hier kommt ein Ausflugstipp:
Auf der anderen Rheinseite, ein paar Kilometer hinter der Grenze liegt das französische Dörfchen Waldersbach. Schön gelegen in den Vogesen ist es nicht nur ein wunderbares Ausflugsziel für Wanderfreunde und Mountainbiker. Hier gibt es auch das musée d’Oberlin, ein Museum, das vom Leben und Werk Frédéric Oberlins erzählt.
Oberlin ist ein verheißungsvoller Theologiestudent, äußerst begabt, als man ihn bittet, Pfarrer in Waldersbach zu werden. Es ist das Ende des 18ten und der Beginn des 19ten Jahrhunderts, Waldersbach liegt abgelegen, ist bitterarm. Die Pfarrstelle gleicht eher einer Strafe als einer Verheißung. Aber Oberlin akzeptiert – und wird weit mehr als ein bloßer Pfarrer: Oberlin ist ein exzellenter Pädagoge, er errichtet eine Schule für Jungen und Mädchen, eine Bücherei, in der man sich Bücher ausleihen kann. Eins der am häufigsten ausgeliehenen Bücher wird Robinson Crusoe, vielleicht weil das einsame Leben auf der Insel dem Leben der Jungen und Mädchen in Waldersbach gleicht: abgeschieden von der Welt. Oberlin holt die Kinder von der Straße, errichtet eine Kinderschule und bildet Kindergärtnerinnen aus. Oberlin beschäftigt sich mit Medizin und errichtet einen Garten mit Heilkräutern. Er modernisiert die Landwirtschaft und führt den Mikrokredit ein, um den Bauern zu helfen.
Mich beeindrucken Menschen wie Frédéric Oberlin, die aus ihrem Glauben heraus anderen Menschen helfen – und sei es nur in einem unbekannten, unbedeutenden Dorf weitab vom Rest der Welt. Das Museum befindet sich im alten Pfarrhaus von Oberlin und irgendwie spürt man hier noch heute die ungemeine Lebenskraft und den Glauben Oberlins.

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Alle werden schwanger, alle bekommen Babys – nur bei ihr klappt es nicht. Dabei sind die Voraussetzungen gut: sie hat den Mann ihrer Träume kennengelernt, er liebt sie, sie ihn. Trotzdem  wird sie nicht schwanger. Eine Geschichte, die immer wieder vorkommt. Eine Geschichte, wie sie die Bibel erzählt. Rahel, so heißt die Frau, wird nämlich dann doch noch schwanger: zuerst kommt Joseph zur Welt, dann wird sie schwanger mit Benjamin. Aber es gibt Komplikationen. Rahel stirbt kurz nach der Geburt.
Heutzutage ist die Sterblichkeit von Müttern aufgrund von Schwangerschaften und bei Geburten nicht hoch - zumal in den westlichen Ländern. Ein Segen! – Viel geringer jedenfalls als damals zu biblischen Zeiten oder auch heute noch in der sogenannten Dritten Welt. Aber auch hier und heute gilt: junge Mütter und Väter können sterben. Darüber geredet wird nicht. Dabei ist es offensichtlich, wie wichtig und dringlich es ist, darüber zu reden.
Das Memory Box Project habe ich in Südafrika kennengelernt. Die „memory box“ also die Erinnerungskiste hilft beiden: den Eltern, die jung sterben müssen, als auch den zurückbleibenden Kindern. Fotos, Briefe, Videos, liebgewonnene Gegenstände, Geschichten und Erinnerungen finden darin ihren Platz. Ich habe in Südafrika ein paar Müttern und Vätern beim Machen einer Memorybox zugeguckt – unglaublich, wie viel Liebe sie da reingepackt haben, Lebensgeschichten, Wünsche für ihre Kinder, und immer wieder diese Worte: „Auch wenn ich tot bin, vergiss es nicht, ich liebe dich!“
Und ich habe Kinder gesehen, deren größter Schatz diese Liebe ist.

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Das gibt es nicht! Im Lehrerhandbuch fällt es unter die Rubrik „darf nicht sein“, Elternzeitschriften erwähnen es nicht mal und doch erleben wir es tagtäglich: dass ein Kind bevorzugt wird.
Da zieht der Lehrer einen Schüler dem anderen vor, und, ja, selbst bei Müttern und Vätern, die doch eigentlich jedes ihrer Kinder gleich lieben sollten, kommt es vor. Dieses eine Kind ist mir vielleicht ähnlicher, einfacher oder aber es fordert mich heraus, mich mehr mit ihm zu beschäftigen, es ist das kleine hässliche Entlein, das meiner Fürsorge bedarf…
Das Thema ist alt. Schon in der Bibel wird davon erzählt: ein Mann und eine Frau bekommen zwei Söhne. Der eine, groß und kräftig, ist lieber draußen, geht gerne jagen, der andere dagegen ist eher der zarte Typ, klein, schmächtig, bleibt lieber in der Nähe seiner Mutter. Und nun ist das ja a priori nicht schlimm, Kinder sind halt unterschiedlich. Nur zieht die Mutter der beiden Jungs ihren Kleinen nicht nur vor, nein, sie begeht sogar Unrecht, um für ihren kleinen Jakob vorzusorgen: sie stiftet ihn an, seinen Vater, ihren Mann zu betrügen und seinen Bruder Esau um sein rechtmäßiges Erbe zu bringen. Die Folge? Jakob muss fliehen.
Viele Jahre später, Vater und Mutter sind längst gestorben, begegnen sich die beiden wieder. Da ist natürlich noch Wut im Bauch von Esau, Jakob hat einfach nur Angst. Und dann kommt es trotz alledem zu einem Happy End: die beiden fallen sich in die Arme.
Bevorzugung gibt es. Es gibt Phasen, in denen man einem Kind näher sein mag als dem anderen – und doch liebt man seine Kinder doch alle auf ihre Weise. Und das sollten die Kinder auch spüren und erfahren.

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Wenn ein Schmetterling am einen Ende der Welt mit den Flügeln schlägt, gibt es am anderen Ende einen Orkan. Kleine Ursache große Wirkung. In Frankreich macht derzeit ein Kolibri Geschichte. Es ist die Geschichte einer kleinen Bewegung:
Ein brennender Wald - alle Tiere sind außer sich vor Angst. Rennen davon. Allein ein klitzekleiner Kolibri nimmt all seinen Mut zusammen. Er sammelt Wasser in seinem kleinen Schnabel, um damit die Flammen zu bekämpfen. Ein Gürteltier schaut zu und fängt an zu lachen: „Glaubst du wirklich, dass du, kleiner Kolibri, mit diesem bisschen Wasser gegen das große Feuer etwas ausrichten kannst?“ -„Ich weiß es nicht, antwortet der Kolibri, aber ich will es versuchen.“
Das also ist die Gründungslegende einer Bewegung, die sich zurzeit in Frankreich wie Lauffeuer ausbreitet: Colibris – coopérer pour changer, zusammenarbeiten, um etwas zu verändern, das ist ihr Motto.
Den Leuten geht es dabei nicht nur um ein ökologisches Bewusstsein, sondern um eine neue Lebensweise. Denn die Bio-Bewegung hat ihre Grenzen, spätestens dann, wenn ich spanische Bio-Zitronen im deutschen Supermarkt kaufe. Die sind dann vielleicht ungespritzt, aber haben auch viele tausend Kilometern Sprit auf der Schale… Nein, die Colibris-Bewegung will die Ressourcen vor Ort nutzen, gucken, was hier machbar ist, wie man sich nachbarschaftlich helfen, im Kleinen etwas verändern kann.
Der kleine Kolibri - ein Zeichen der Hoffnung und des Lebens.

http://www.colibris-lemouvement.org/

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„Wie oft soll ich vergeben? Siebenmal?“ Ich sehe ihn genau vor mir, wie er Jesus ungläubig anstarrt. Und ich sehe Jesus, wie der milde lächelt, aber mit seinem Lächeln nicht die Härte seiner Antwort mildert: „Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“  So erzählt die Geschichte die Bibel.
Na, super. Auf gut deutsch heißt das: Wenn mein Freund das ganze Wochenende an seinem doofen Motorrad rumfrickelt und die Zeit – und mich! darüber vergisst, dann soll ich ihm verzeihen? Wenn meine Freundin mir nebenbei erzählt, dass sie jetzt mit meinem Exmann ausgeht – dann soll ich ihr das verzeihen? Wenn mein Arbeitskollege hinter meinem Rücken über mich böse Gerüchte verbreitet – ich soll ihm verzeihen? Und ihm immer wieder verzeihen? Ehrlich, da kann ich Jesus auch nur ungläubig anstarren und fragen: „Wie oft soll ich vergeben? Siebenmal?“
Vergeben ist Arbeit, vergeben ist schwer. Im Idealfall bittet der andere reuevoll um Vergebung. Aber dem ist ja leider nicht immer so. Vielleicht ist Vergeben deshalb voraussetzungslos. Eine innere Haltung, Frieden finden, weiterleben.
Denn Jesus hat vollkommen recht: Im Leben kommt es unweigerlich zu Verletzungen. Vergeben ist der einzige Weg, aus diesen Verletzungen wieder rauszukommen. Vergeben ist die einzige Antwort auf die Tatsache, dass wir alle Fehler machen und nicht vollkommen sind. Wir können nur miteinander leben, wenn wir vergeben lernen. Die Alternative wäre bitter.

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Happy birthday to you, happy birthday, liebe Kirche… Heute ist Pfingsten, Geburtstag der Kirche.
Zweitausend Jahre ist es her. Jesus war tot, die übriggebliebenen Freunde Jesu standen ratlos herum. Was nun? Wie sollte es weitergehen? Da haben sie sich dran erinnert, was Jesus gesagt hat: „ Geht raus in die Welt, erzählt von dem, was ich euch gesagt hab. Ich bin bei euch, nur Mut!“  Und da hat er sie gepackt, der heilige Geist. Sie sind losgezogen und was draus geworden ist, das sehen wir heute: Eine weltumspannende Kirche.
Auch ich gehöre dazu. Trotz aller Anschuldigungen und Kritik. Ja, die kenne ich natürlich und die machen mir auch zu schaffen. Und manchmal frage ich mich: Was blieb übrig vom heiligen Geist, der doch damals die Jüngerinnen und Jünger begeistert hat?
Und doch finde ich: diese Kirche ist so schlecht nicht. Wenn es sie nicht gäbe, wie arm wäre es unter uns: die Kirche begleitet und stärkt viele Menschen in allen Phasen des Lebens, von der Geburt bis in den Tod. Und wer soll von Gott erzählen, der sich „Liebe“ nennt? Wer sonst soll den Reichtum an Geschichten aufbewahren und schützen – biblische Geschichten, Geschichten vom Leben, Geschichten von Gott.
So sage ich trotz aller Kritik, Zweifel und Vorwürfen Ja zur Kirche.

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