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SWR3 Gedanken

Nach langem Hin und Her habe ich nun einen Organspendeausweis. Das war wirklich kein leichter Schritt und der Weg dahin war lang. Immer wieder hatte ich den Stift in der Hand und hab ihn dann doch wieder weggelegt. Was, wenn ich vorher doch nicht richtig tot bin? Was wenn ich noch fühlen und womöglich denken kann, wenn sie mir die Organe entnehmen? Ich hab schon oft gehört, dass die Toten nicht mehr entspannt ausgesehen haben, nachdem ihnen Organe entnommen wurden. Und dann ist da meine Vorstellung von der Auferstehung mit Leib und Seele nach dem Tod. Ich hoffe, dass ich von meinen Lieben wiedererkannt werde. Aber dann wäre ich nicht mehr vollständig…
Das alles hat mich zurückgehalten. 

Ein Argument hat mich dann doch überzeugt: dass ich mehr als froh wäre, wenn ich oder einer meiner Lieben in Lebensgefahr ein Organ bekommen würde. Ich kann ja nicht etwas von anderen verlangen, was ich selbst nicht bereit bin zu geben.

In der Bibel steht die so genannte „Goldene Regel“. Sie besagt: „alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Oder andersrum im Volksmund bekannt: Was Du nicht willst, das man Dir tu´, das füg auch keinem andern zu. Das leuchtet mir ein und ist für mich ein guter Grundsatz zum Thema Organspende. 

Heute ist der Tag der Organspende. Ob ich Organe spenden will, darüber muss jeder selbst entscheiden. Ich finde den Tag heute wichtig, um darauf aufmerksam zu machen. Egal, ob ich mich dafür oder dagegen entscheide. Hauptsache, darüber nachgedacht.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17660

Ich hab mich mal wieder mit meiner Schwester gestritten. Worüber weiß ich schon gar nicht mehr, ich weiß nur, dass wir beide hoch gegangen sind wie die Raketen. Und dann hat irgendwann eine von uns den Hörer aufgelegt. Toll, das ist ja mal wieder wunderbar gelaufen. Ein kommunikatives Meisterwerk…

Ich ärgere mich. Über sie, über mich und darüber, dass ich eigentlich besser wissen müsste, dass Anbluffen nichts bringt. 

Ich habe allerdings einen prominenten Mitstreiter-im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt eine Stelle in der Bibel, da streitet sich Jesus mit seinem besten Freund Petrus. Jesus erzählt seinen Jüngern ganz offen, dass er sterben muss und wieder auferstehen wird. Petrus kann das nicht haben, nimmt Jesus an die Seite und macht ihm Vorwürfe. Daraufhin sagt Jesus vor versammelter Mannschaft zu Petrus: „Weg mit Dir Satan, geh mir aus den Augen!“ Was Schlimmeres hätte Jesus sich nicht einfallen lassen können. Wir würden heute vielleicht sowas sagen, wie „Hau ab, Du bist das Letzte!“ 

Das Ganze wird nicht aufgelöst. Es wird nicht weiter erzählt, ob Jesus und Petrus sich wieder vertragen haben. Vielleicht haben die beiden ja ein paar Tage Funkstille gehabt.

Manchmal entlastet mich ehrlich gesagt diese Szene aus der Bibel. Mir gefällt, dass Jesus hier ganz menschlich gezeigt wird. Er war eben auch nicht perfekt. Sonst hätte er Petrus sicher ganz ruhig und sachlich erklärt, warum er sowas sagt und wie er das meint. 

Klar, das Gespräch mit meiner Schwester ist gehörig schief gelaufen. Wir haben das inzwischen geklärt. Dass es aber nicht immer rund laufen kann, das zeigt mir die Bibelgeschichte von Jesus und Petrus.

Dem hat Jesus übrigens nachher eine besondere Rolle zugewiesen. Er nämlich zu ihm gesagt: auf dich werde ich meine Kirche bauen. Das heißt, die beiden müssen sich versöhnt haben - irgendwann.

Streiten gehört zum Leben - aber sich versöhnen und sich im besten Falle vergeben eben auch.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17659

 Reginas Mutter ist gestorben. Die ganze Familie ist traurig und gleichzeitig auch erleichtert. Der Oma ging es sehr schlecht und das über längere Zeit auszuhalten wäre hart geworden.

Alle haben sich gut verabschieden können und jetzt steht die Beerdigung vor der Tür. Das ist nochmal ein total schwerer Moment.

Ein paar Tage vor der Beerdigung bringt Regina ihre jüngste Tochter Rebecca ins Bett, sie ist fünf. „Mama, wie oft müssen wir noch schlafen bis zu Omas Fest?“ Regina ist platt und weiß nicht ob sie lachen oder weinen soll. Dann sagt sie: „noch zweimal“. Damit ist für Rebecca alles klar und sie schläft in aller Ruhe ein.

„Wie lange müssen wir noch schlafen bis zu Omas Fest?“ Kinder sagen oft das Richtige. Und als Regina mir das erzählt hat, hätte ich Rebecca knuddeln können. Die Kleine hat ganz unbewusst genau auf das hingewiesen, was meiner Meinung nach so wichtig ist. Auch wenn der Tod unglaublich schmerzhafte Lücken reißt und oft genug überhaupt nicht zu verstehen ist: für mich ist es doch wichtig, Leben und Tod zu feiern.

Das empfinde ich auch so, wenn ich selbst Menschen beerdige. Ich nenne das gerne „Beerdigungen feiern“. Es ist mir wichtig, das Leben des Verstorbenen und unser Leben zu feiern. Ich habe die große Hoffnung, dass es nach dem Tod weitergeht. Wie, weiß ich nicht. Aber ich glaube fest daran, dass uns was Großes und Gutes bei Gott bevorsteht - oder wie es Rebecca formuliert hat: ein Fest.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17658

Enno Park aus Berlin bezeichnet sich selbst als „Cyborg“. Das sind Mischwesen aus Mensch und Technik. Enno ist nach einer Krankheit gehörlos und dank eines Implantates kann er seit einiger Zeit wieder hören. Das ist aber nicht alles. Er träumt davon, sich immer mehr mit seiner Umwelt zu vernetzen. Z. B. über eine Datenbrille oder Sensoren in seiner Haut, die ihm Daten seiner gesamten Umwelt liefern. „Die Technik helfe ihm, Sinneswahrnehmungen zu schärfen“. Und so sagt Enno, und das ist erstaunlich „mehr Mensch zu werden“.

Viele Menschen folgen diesem Trend. Auch sie wollen damit „mehr Mensch“ werden. Freunde von Enno haben sich zum Beispiel Magnete in die Finger setzen lassen, damit sie elektromagnetische Felder erspüren können.

Viele Cyborgs träumen davon, dass sie eines Tages technisch so aufgerüstet sind, dass die Kaffeemaschine schon anspringt, wenn sie morgens die Augen aufmachen. Dazu bekommen sie auch gleich die aktuellen Puls- und Blutdruckwerte. 

Mir macht das alles ehrlich gesagt Angst. Ich denke, wir Menschen können nicht noch menschlicher werden als wir schon sind. Wir können uns die Technik in gutem Sinne zu Nutze machen, ja. Ich finde es toll, dass es möglich ist mit Hilfe der Technik wieder hören oder wieder laufen zu können.

Aber mit ihr verschmelzen? Das ist für mich eine seltsame Vorstellung. Wenn mir morgens schon gesagt wird, was ich am besten für mich tue, kann ich nicht mehr wählen, wie ich heute leben will: gesund oder mal so richtig ungesund mit fettigen Pommes auf dem Sofa, mit viel oder wenig Bewegung.

Mensch zu sein heißt für mich frei entscheiden zu können, was ich tun und wie ich leben will. Und Mensch sein heißt für mich auch, dass ich erst mal gut bin, so wie ich bin - auch mit meinen Fehlern.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17657

Pia ist 14. Neulich war sie ein Wochenende im Kloster. Pia bereitet sich gerade auf die Firmung vor. Aus dem Kloster hat sie ein kleines Kreuz mitgebracht, gerade so groß, dass es in ihre Hand passt. Jedes Mal wenn sie es in die Hand nimmt, erinnert sie sich an den Klosterbesuch und die tolle Stimmung an dem Wochenende. Seitdem liegt das kleine Kreuz immer gut sichtbar auf ihrem Schreibtisch.

Dann ist Pias Oma die Treppe runter gefallen. Ein schwerer Sturz, bei dem sie sich Nase und Kiefer gebrochen hat. Das war ein Schock für sie und natürlich für die ganze Familie. Pias Oma hat gehadert: warum musste das denn gerade jetzt und mir passieren? Sie ist wütend auf sich selbst, auf die Treppe, vor allem aber auf Gott. Hätte er nicht besser auf sie aufpassen können - gerade in ihrem Alter? 

Pia ist bei ihrer Oma im Krankenhaus. Sie hat das kleine Kreuz vom Klosterwochenende mitgebracht. Ohne Worte legt sie es ihrer Oma in die Hand. Die macht große Augen, dann strahlt sie. Danke, sagt sie leise. Erst ein paar Tage später kann sie sagen, wie wichtig ihr dieses Kreuz von Pia geworden ist.

Als ich das gehört habe, war ich ganz baff. Solche Situationen kenne ich eigentlich eher andersrum. Die Älteren versuchen ja meistens den Jungen Kraft zu geben, vor allem, wenn es mit dem Glauben zu tun hat. 

Aber hier hat Pia den Spieß umgedreht: sie gibt das an ihre Oma weiter, was ihr selbst Kraft gibt und was sie mit schönen Erinnerungen verbindet. Sie hat erkannt, wie wichtig es gerade jetzt ist, ihre Oma aufzubauen. Und das hat sie geschafft: mit einem kleinen Kreuz.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17656

In Essen läuft seit Anfang Mai ein neues Projekt. „Putzen für Bier“ heißt es inoffiziell, aber dieser Titel beschreibt gut, was hier passiert. Menschen, die seit Jahren schwer alkoholabhängig sind, halten öffentliche Plätze sauber und bekommen dafür ein paar Dosen Bier am Tag. Klingt völlig absurd. Alkoholsucht mit Alkohol behandeln? Geht es bei dem Ganzen nicht darum, dass die Alkoholabhängigen nicht mehr auf öffentlichen Plätzen rumlungern, wo sie vielen ein Dorn im Auge sind?

Trotz dieser Kritik finde ich die Idee „Putzen für Bier“ gar nicht so schlecht. Die Alkoholabhängigen bekommen nämlich neben der „Währung Bier“ auch soziale Betreuung, sie werden ärztlich versorgt und sie bekommen ein bisschen Geld für ihre Leistung. Klar, weit unter dem Mindestlohn, aber ihre Arbeit wird entlohnt.

Oft sind diese Menschen stark oder mehrfach abhängig, so dass es gut ist, wenn sie einfach weniger und keine harten Sachen trinken. Außerdem ist ihr Tag durch den Mini-Job geregelt. In Amsterdam hat man bereits gute Erfahrungen mit dem Projekt gesammelt. Alkoholabhängige und Sozialarbeiter sind so zufrieden damit, dass es jetzt sogar ausgeweitet werden soll.  

Ich finde es gut, Abhängige auf diese Art zu unterstützen. Denn hier wird nicht vertuscht oder verjagt, hier werden Menschen mit ihren Problemen und in ihrer Würde ernst genommen.   

Der Hauptsitz des städtischen Projektes in Essen befindet sich übrigens in der Hoffnungsstraße - das klingt doch vielversprechend.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17655

Anfang Mai war ich im „Bibelhaus“ in Frankfurt. Dort kann man die Zeit, in der die Bibel entstanden ist, wunderbar erleben und verstehen.

Irgendwann sitze ich mit meiner Gruppe in einem Nomaden-Zelt. Es ist dunkel und ein bisschen stickig und ich kann mir vorstellen, dass es die Menschen damals gut vor Hitze und Sandstürmen geschützt hat. Als Nomaden sind sie mit ihrem Vieh und der ganzen Familie von einem Weideplatz zum nächsten gezogen, um überleben zu können.

Am meisten hat mich der große Mühlstein vor dem Eingang fasziniert. Ich hab es nicht geschafft, ihn zu bewegen. Klar, dass die Frauen damals den ganzen Tag gebraucht haben, um das Mehl für die Familie zu mahlen.  

Die Frau, die uns rumgeführt hat, hat uns dann von den drei MÜs erzählt. Mütter, mündlich, Mühle. Ohne diese drei MÜs hätten wir die Bibel heute nicht. Die Mütter haben die biblischen Geschichten während des Getreidemahlens an die Kinder weitererzählt. Mütter - mündlich - Mühle. Und so sind die Geschichten von Generation zu Generation weitererzählt worden, bis sie aufgeschrieben wurden.

Heute ist Weltbauerntag. Da muss ich unweigerlich an die drei MÜs denken. Ohne die biblischen Bauern und Bäuerinnen wäre die Bibel gar nicht entstanden. Mir gefällt vor allem, dass dieses Buch so bodenständig gewachsen ist. Nicht am Schreibtisch von irgendwelchen Gelehrten. Das kam erst später, als einige Bibeltexte nachbearbeitet worden sind.
Die Bibel ist bei der alltäglichen Arbeit, mitten im Leben weitererzählt worden. Und wenn man genau hinsieht, handeln viele biblische Geschichten ja auch vom ganz normalen Leben. Da geht es um Macht, Neid, Wut, Streit - aber auch um Liebe, Familie und Vertrauen.
Die Bibel ist wie ihre Entstehung: mitten aus dem Leben gegriffen.

 

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