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SWR3 Gedanken

„Wir leben alle in dieser Welt an Bord eines Schiffes, das von einem Hafen unterwegs ist, den wir nicht kennen, zu einem Hafen, von dem wir nichts wissen. Und wir müssen füreinander die Liebenswürdigkeit von Menschen aufbringen, die sich auf einer gemeinsamen Reise befinden.“ – was für ein schöner Satz des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa. Unser Leben als Schiffsreise. Der Hafen, von dem wir ablegen – unbekannt. Der Hafen, in den wir mal einlaufen werden – auch unbekannt. Wir wissen nichts. Wir können nur hoffen, dass da ein Hafen sein wird und dass wir dort zur Ruhe kommen und geborgen sind, endgültig geborgen. Bis dahin sind wir aber auf einem Schiff. Auf einem Schiff, das an wunderschönen Ländern vorbei kommt. Von dem aus wir schreckliche Landschaften sehen. Wir erleben sonnige Tage an Deck aber auch Stürme die uns beuteln. Vielleicht auch Motorschäden, die das Schiff zum Stillstand bringen. Aber immer sind wir umgeben von Menschen an Bord. Vielen Menschen, die in unserer Kabine, die im Oberdeck und noch viel mehr im Unterdeck. Die meisten sehen wir nur von Ferne oder gar nicht. Ein paar wenige sind uns nahe, aber alle sind sie doch an Bord – unsere Reisegenossen. Verbunden mit uns durch den gemeinsamen Hafen am Anfang und am Ende der Reise. Gemeinsam auf dem großen Schiff, das wir Leben nennen. Könnte diese Verbundenheit nicht tatsächlich bewirken, dass wir Reisende liebenswürdig miteinander umgehen? Und die begrenzte Zeit, die wir miteinander auf dem Schiff haben, so schön wie möglich miteinander verbringen?

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„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das klassische Liebesgebot der Christen, bei dem das „wie dich selbst“ zu oft unter den Tisch fällt. Die Selbstliebe, die so wichtig ist als Grundlage dafür auch andere liebe zu können. Aber was ist Selbstliebe, was gehört zu ihr? Von Charlie Chaplin gibt es einen wunderbaren Text über sie. Er Schreibt: „Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, konnte ich erkennen, dass Schmerz und Leid nur Warnungen für mich sind, nicht gegen meine eigene Wahrheit zu leben. Heute weiß ich, das nennt man authentisch sein. Als ich mich selbst zu lieben begann habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war. Heute weiß ich, das nennt man Reife. Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht richtig ist. Von da an konnte ich ruhig sein. Heute weiß ich, das nennt sich Selbstachtung. Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört immer recht haben zu wollen. So habe ich mich weniger geirrt. Heute habe ich erkannt, das nennt man einfach sein. Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben. Und mich um meine Zukunft zu sorgen. Jetzt lebe ich nur mehr in diesem Augenblick, in dem alles stattfindet. So lebe ich heute jeden Tag und nenne es Vollkommenheit. Als ich mich wirklich zu lieben begann, da erkannte ich, dass mich mein Denken manchmal armselig und krank machen kann. Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte, bekam der Verstand einen wichtigen Partner. Diese Verbindung nenne ich heute Herzensweisheit. Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten. Denn sogar die Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich, das ist das Leben.

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Es hat schon auch schöne Seiten, immer wieder in der Öffentlichkeit zu sein, zum Beispiel habe ich von einer Hörerin eine nette Geburtstagskarte bekommen. Auf manchen Geburtstagskarten stehen ja auch recht kitschige Sachen. Diese war aber so nett wie pfiffig, weil sie viel Wohlwollen ausgedrückt hat und mich auf eine ganz besondere Weise dazu aufgefordert hat, mein Leben bewusst zu leben.

Darum gebe ich diesen Text auch gern weiter. Besonders für die, die heute Geburtstag haben. 

Ich wünsche Dir ein Jahr, in dem sich Freud’ und Leid die Waage halten.
Ich wünsche Dir zwölf Monate, in denen Du Freunde findest, die geben ohne zu fordern.
Ich wünsche Dir 365 Tage, an denen Du Kraft findest, von neuem zu beginnen.
Ich wünsche Dir 8760 Stunden, in denen Du die Zuversicht hast, dass einer mit Dir geht.
Ich wünsche Dir 12.5600 Minuten, in denen Du die Ruhe findest nachzudenken und zu träumen.
Und ich wünsche Dir 31 Millionen, 536 000 Sekunden, in denen Du das Kleine Glück entdeckst.

 

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Im Augenblick leben, das hört sich gut an. Ich denke an Sonnenuntergänge am Meer oder an den Blick vom Gipfel eines Berges. An intensive Situationen also. Das „im Augenblick“ lese ich immer wieder in Lebensratgebern. Wenn es darum geht sich zu entschleunigen, bewusster zu leben. Das hört sich auch ganz gut an, aber wie soll das denn gehen, wenn ich nicht gerade auf dem Gipfel eines Berges oder am Strand sitze? Und wo ein Augenblick doch so kurz ist. Kurz, ja, ich denke das mit der Kürze des Augenblicks ist ein gutes Stichwort dafür, worum es beim „im Augenblick leben“ geht. Genau eben diesen kurzen Moment zu dehnen. Die Aneinanderreihung von vielen kurzen Momenten unterbrechen. Indem ich mich, die Welt, mein Leben bewusster wahrnehme. Schon beim Aufstehen: Wie gehe ich in den Tag? Der erste Blick in den Spiegel, der erste Schluck Kaffee oder Tee. Nicht sklavisch, mich nicht zum bewussten Wahrnehmen zwingen, es aber immer mal wieder tun. Und spüren, dass ich lebe, wie ich lebe. Den ersten Menschen, den ich am Tag sehe, wirklich sehen, wahrnehmen. Die Natur hören, sehen, riechen. Das Essen und Trinken schmecken. Den Alltag immer wieder unterbrechen und eine Pause machen. Und mit dieser Pause den Augenblick lang werden lassen, die Zeit dehnen. Oder auch, wenn mir der Alltag eher grau und langweilig ist – raus gehen, was Anderes, Neues machen, ihn bunt und lebendiger werden lassen. Mir hilft immer wieder die Natur und die Bewegung. Oder mich in eine Kirche setzen. Allein,  mitten im Alltag oder am Sonntag im Gottesdienst. Religion ist ein hervorragender Zeitdehner. Genauso Menschen. Wenn ich mich ganz auf sie einlassen kann, wenn ich Zeit und Kraft habe ihnen zuzuhören, sie zu sehen, sie zu spüren. Dann steht die zu oft rasende Zeit immer mal wieder still. Und der so kurze Augenblick wird ewig.

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 Ich wollte es erst wegwerfen, so ein Versicherungs-Hochglanzmagazin, aber dann habe ich es doch durchgeblättert und bin bei einer kleinen Statistik hängen geblieben. „Die größten Gesundheitssünden“ war sie überschrieben. Nicht nur der Titel ist mir gleich in die Augen gesprungen. Nein, so was liest man ja auch ganz gern, so zum Vergleich: Lebe ich gesund und wie leben die anderen Menschen? Und welches sind denn die größten Gesundheitssünden? Also zuallererst: zu wenig Bewegung. Rund 60% machen zu wenig Sport, bewegen sich zu wenig. Platz 1 der größten Gesundheitssünden in unserem Lande. An zweiter Stelle, zu viel Süßes und Fettiges mit 40 %. Zuviel Stress gilt auch als Gesundheitssünde. Platz 3 mit 36 % aller Frauen und Männer. Auf Platz 4 zu wenig Obst und Gemüse. Jeder Dritte ist zu wenig davon, jeder Fünfte macht keine Vorsorgeuntersuchung. Und zu viel Alkohol trinken 16 %. Wobei da die Männer klar vorn sind mit 19 % gegenüber den Frauen mit 12 %.         Am besten hat mir die letzte Kategorie gefallen, sie heißt „keine Sünden“. 7,7 % der deutschen Bevölkerung lebt komplett ohne irgendeine Gesundheitssünde. Keine Sünden, das lässt mich nicht los. Weil es so schön clean klingt, so gewissenhaft. Und so brav, aber irgendwie auch eigenartig. Denn wo oder besser wie lebt ein Mensch, der regelmäßig Sport treibt, wenig Süßes und kaum Fettiges ist und dafür fleißig Obst und Gemüse, sich von Stress möglichst fern hält, regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung geht und wenig Alkohol trinkt? So ganz ohne irgendwelche Gesundheitssünden. Er oder sie lebt sicher vorbildlich. Mit sehr gutem Gewissen, wohl auch mit einem guten Körpergefühl und hoffentlich in guter Gesundheit an Leib und Seele. Mit kleinen Sünden vielleicht, ja hoffentlich, woanders. Denn gerade auch sie machen die Menschen doch so wunderbar menschlich, oder?

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Da musste ich laut rauslachen. Und das passiert mir beim Zahnarzt doch eher selten. Ich musste lachen, weil die bezaubernde Zahnärztin meine Zahnstellung als „lebendig“ bezeichnet hat. Also meine Zähne stehen nicht alle schön in Reih und Glied. Selber schuld, hab als Kind halt die Zahnspange verweigert. Und so könnte man die Stellung meiner Zähne durchaus auch ungerade, schief oder krumm nennen. Aber die junge Frau wollte nett zu mir sein und hat diesen Euphemismus benutzt. Ein Euphemismus ist, wenn man etwas Unangenehmes oder Unschönes mit angenehmen oder schönen Worten sagt. Also zum Beispiel lebendig statt krumm. Euphemismen sind was Wunderbares. Man muss die Dinge nicht immer so hart beim Namen nennen wie sie sind. Es tut gut, wenn die Realität nicht immer 1:1 in Sprache umgesetzt wird. Sondern Sprache dazu benutzt wird die Realität erträglicher, freundlicher oder schöner zu machen. Natürlich nicht immer. Es gibt auch ziemlich doofe Euphemismen: „Kostenintensiv“ statt teuer oder „Best Agers“ für die Generation der so langsam die Zähne ausfallen. Es kommt auch immer auf die Situation oder den Ernst der Lage an. Ärzte zum Beispiel verstecken sich manchmal hinter Fremdwörtern oder auch hinter Euphemismen. Wenn zum Beispiel klar ist, dass ein Mensch sterben muss und sie dann von „austherapiert“ reden. Sprache kann verschleiern, reinknallen oder sanft verpacken. Es kommt immer darauf an in welcher Situation ich welchem Menschen was sage. Vor allem aber auf meine Haltung: will ich dem Menschen gut, dem ich etwas direkt, sanft oder verschleiert sage? Und tut es ihm auch gut, wenn ich es ihm sage wie ich es sage? Meine krumme Zahnstellung als lebendig zu bezeichnen hat mir jedenfalls sehr gut getan. Danke Frau Doktor!

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 Einer meiner Lieblingssongs: „Easy“ von Lionel Richie. Ich mag den Song, weil er so klingt wie er heißt, easy eben: locker, leicht, entspannt. Und dann gibt es noch diesen Zusatz, diesen Refrain: „easy like a Sunday morning.“ Das gefällt mir besonders, weil ich weiß, wie sich ein Sonntagmorgen im Idealfall anfühlt. Es ist ruhiger als sonst, alles geht langsamer, das Alltagskarussell steht still. Ich arbeite nichts, bin ein paar Stunden nicht erreichbar und auch nicht im Netz unterwegs, sondern nur bei mir selbst. Ich brauch diesen Tag, besonders diesen Sonntagmorgen, an dem ich den Kaffee oder Tee mit viel mehr Zeit trinke als sonst. Bestenfalls bei schönem Wetter auf dem Balkon, der Terrasse  oder im Garten. Der Sonntagmorgen holt ein Stück Paradies zurück. Wenn ich mich von inneren und äußeren Zwängen befreien kann, mir selbst wieder näher kommen kann: „“Everybody wants me to be what they want me to be“ singt Lionel Richie „jeder will mich so haben wie er mich haben will. Und Lionel Richie sagt No! I wanna be high, so high, I wann be free, free to know the things I do are right, I wanna be free, just me.!“ Ich will high sein, losgelöst, weit weg von allen Zwängen, frei sein und wissen, dass das was ich tue für mich stimmt, ich will frei sein, einfach ich selbst sein.“ Dann werd ich locker, leicht, easy. Easy like a Sunday morning. Genau dazu ist der Sonntag auch da: Wieder lockerer werden, wieder leichter werden, entspannter. An Leib und Seele. 1x die Woche. So sein wie das Leben leider viel zu wenig ist. Aber immer wieder sein sollte: easy…!

 

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