Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Wir sind eine kleine Gruppe von Frauen
Juden, Christen und Muslimen
Und organisieren in Mannheim Begegnungen mit Flüchtlingen
Aus Syrien und dem Irak.
Jedes Mal aufs Neue sind wir beeindruckt
wie freimütig sie erzählen
und sagen wie wichtig es ist, dass jemand ihnen zuhört
Aber wir sind auch betroffen
von den Geschichten
die jeder und jede einzelne erlebt hat
und im Gespräch uns allen zumutet.
Völlig unverständlich ist es, dass ein Präsident
sein eigenes Volk derart systematisch ermordet
Durch Hunger und Streubomben
Durch mangelnde medizinische Versorgung
so dass es nun zu Seuchen kommt
einer hat vierzig seiner Verwandten verloren
einer anderen sind Eltern und Geschwister auf der Flucht in einem Boot umgekommen
die ganze Familie auf einmal
Kinder und Schwangere…
Und dann schickt Ester, die Jüdin unter uns eine kleine Meldung weiter
Davon wie in Israel im grenznahen Gebiet
Syrer in Krankenhäuser aufgenommen werden
Um einem Mädchen das Bein zu retten
Und einem Mann das Augenlicht
Und noch eine Nachricht,
wie israelische Jugendliche sammeln
für die Flüchtlinge in den Lagern
auch Decken und Kleidung aus Militärbeständen werden weitergegeben
und sorgfältig alles entfernt
was darauf hindeuten könnte
dass die Sachen aus Israel kommen
damit keiner der Flüchtlinge in zusätzliche Konflikte gerät.
Hassan, selbst Syrer, aber schon lange in Deutschland
schreibt, er sei beschämt:
Sie sagten uns immer,
das sei der Feind,
nun sind sie es die versuchen zu helfen
und wenigstens einige von uns zu retten…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17422

Ein junger Mann tritt auf,
sportlich sieht er aus
Er lächelt schüchtern
Und er erzählt was ihm wichtig ist:
Seine beiden Brüder
Sie sind 19 und 20 Jahre alt
Sie sind im Irak
Dorthin sind sie geflüchtet aus Syrien.
Weil sie die Schule fertig hatten
sollten sie eingezogen werden in Assads Armee.
Die Familie war in Sorge
Die Armee Assads ist kein sicherer Ort
für junge Männer, sie müssen morden oder werden selbst getötet.
Sie haben sie fortgeschickt
Seit fast einem Jahr sind sie nun auf der Flucht
Wie drei Millionen anderer Syrer
Sie haben in Kellern geschlafen und auf der Straße
Und sind nun wieder irgendwie untergekommen.
Der Bruder versucht, wie er kann, sie zu unterstützen
Aber er selbst lebt hier von fast nichts,
denn die Familie kann ihn nicht mehr unterstützen.
Nichts ist ihm so wichtig
Wie seine Brüder zu retten
Es gibt nur eine Chance:
Sie werden, wie er, in Deutschland studieren.
Es ist ihm gelungen
Studienplätze für die beiden zu organisieren
Und Deutschkurse
Und Leute zu finden, die Geld geben
Shavgar spricht bei einem Konzert
Das für seine Brüder gegeben wird
Ein kleiner Chor singt Chansons aus den zwanziger Jahren…
Alles für die Brüder
Die Studierendengemeinde in Mannheim unterstützt ihn
Und die Diakonie
Und nun fehlen nur noch die Papiere
denn sie mussten fliehen ohne Pass
Ohne gültige Ausweispapiere
Es sind zwei unter Millionen
Und vielleicht finden sie tatsächlich bald ihren Weg hierher
Es fehlt noch immer Geld und es fehlen diese Papiere…
Wir wollen die ganze Welt retten
Der Islam sagt: wer einen Menschen rettet
hat die ganze Welt gerettet.
In Syrien aber geht eine Welt zugrunde
Eine Welt in der seit Jahrhunderten unterschiedliche Kulturen und Religionen
in Frieden miteinander lebten
und der Rest der Welt schaut zu.
Aber jeder und jede einzelne, die gerettet werden,
sind vielleicht eine Chance darauf
dass diese Welt irgendwann neu aufgebaut werden kann
in Frieden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17421

1886 riefen in den USA
die Gewerkschaften zum Generalstreik am 1. Mai auf.
Sie wollten durchsetzen, dass die Regelarbeitszeit am Tag
von 12 auf 8 Stunden reduziert würde.
Der Streik entwickelte sich zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung.
Die anarchistischen Organisatoren wurden verhaftet,
vier von ihnen hingerichtet am Strang,
einer beging in der Haft Suizid.
Die anderen wurden Jahre später begnadigt.
Auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen
wurde der 1. Mai zum Gedenken dieser Opfer des Haymarket Riot
zum Kampftag der Arbeiterbewegung erklärt.
Märtyrer der Arbeiterbewegung sind sie so geworden
Und der erste Mai ist ihr sozusagen Heiligenfest.
Die evangelische Kirche begeht diesen Tag
als Bitttag um gesegnete Arbeit.
Und als Spruch zu diesem Tag hören wir in der Kirche auf das Wort:
Der Herr, unser Gott, sei uns freundlich
und fördere das Werk unserer Hände bei uns.
Ja, das Werk unserer Hände wollest du fördern!
Die katholische Kirche hingegen hat 1955
in Konkurrenz zur sozialistischen Arbeiterbewegung
Joseph, den Zimmermann, den Vater von Jesus
zum Heiligen der Arbeit erklärt.
Nun frage ich mich aber immer noch
wer und wann endlich einen Heiligen
der Arbeitslosen findet.
Denn so sehr unsere Arbeit
- bei den meisten weniger die der Hände
als die des Kopfes
oder auch die des Hinterns,
bei gar zu intensivem Sitzen am Schreibtisch –
gesegnet sein möge,
würde ich mir wünsche
Gott würde vor allem auch die segnen,
die keine Arbeit finden
oder gar nicht arbeiten können
oder eben fertig sind mit Arbeit.
Wo ist der Heilige des 7. Tages?
Wo die Märtyrerin des Müßiggangs?
Wer steht auf für die vielen
die zum Nichtstun
oder zumindest zum Nichts-Verdienen verurteilt
sowieso schon kaum Sinn in ihrem Leben entdecken.
Wann endlich finden wir einen Heiligen
der ihnen zur Seite steht
Und vielleicht noch einen herrlichen Sommertag der dann für alle frei ist
und alle üben wir uns dann darin
einmal gar nichts zu tun,
am liebsten unter maigrün leuchtenden Bäumen
herrlich und mit Gottes Segen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17420

Die Nacht auf den 1. Mai
ist irgendwie besonders.
Hexen tanzen auf dem Brocken in der Walpurgisnacht
Es werden wilde Streiche gespielt
Maibäume werden geklaut,
Gartentüren ausgehängt
und glibbriges Zeug in Briefkästen gespritzt
Ursprünglich war diese Nacht eine ‚Freinacht‘
Also zunächst mal ein Termin an dem die Ausgangszeiten,
die Öffnungszeiten der Gaststätten ohne Grenzen waren
deswegen ‚frei‘.
Und weil es als unschicklich galt
am kommenden Feiertag
bewegliches Zeug draußen stehen zu haben,
erlaubten sich die jungen Leute in den Dörfern aufzuräumen.
Da wurde zum Beispiel ein Heuwagen in seine Einzelteile zerlegt
und im Scheunendach neu zusammengebaut.
Deswegen werden heute noch Fußmatten, Gartengeräte und Mülleimer versteckt.
Aber warum das alles?
Da gab es die heilige Walburga
Die wurde am 1. Mai heilig gesprochen
Und deswegen wird dieser Tag bis heute gefeiert.
Walburga war eine Missionarin.
Als Deutschland noch großteils heidnisch war
wurde sie in England geboren
Soll Tochter des Königs Richard gewesen sein.
Sie hat früh ihre Eltern verloren
und ist im Kloster von Wimborne erzogen.
Bonifatius der Ordensgründer der Benediktiner
hat sie zusammen mit Lioba und anderen Frauen
nach Deutschland gerufen als Missionarinnen.
Sie wurde Äbtissin also Klosterleiterin in Heidenheim.
Aber schon auf der Überfahrt von England nach Holland rettete sie
der Legende nach ihre Mitreisenden durch ihr stetiges Gebet im Sturm.
Viele Wunder soll sie gewirkt haben.
Jedenfalls war sie eine von den Frauen,
die dazu beigetragen haben
dass wir heute davon reden
dass es in unserem Land eine christliche Kultur gibt
als Länder wie Syrien oder die Türkei
längst christlich waren…
Ob es diesen Aufstand in der Nacht vor dem Feiertag der Walburga gibt
weil sich heidnische antichristliche Kräfte zusammenfinden
gegen die Verbreitung des christlichen Glaubens?
Das kann ich mir nicht vorstellen.
Ich denke vielmehr,
dass die Freiheit, die für mich das Wichtigste am Christentum ist,
in dieser freien Nacht getanzt werden will, ganz gleich
ob im Ballsaal oder im Wald.
Ob das Walburga auch so gesehen hätte – wer weiß?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17419

Sasa Stanisic ist Schriftsteller, jetzt 36 Jahre alt.
Als Junge ist er geflüchtet aus dem Bosnienkrieg,
den Massakern in Visegrad ist er mit seiner Mutter entkommen
und 1992 ist er nach Deutschland gekommen
Er sagt:
Denk ich an Deutschland
Denk ich an Schiller
Und so wie Schiller will er schreiben und sein
quirlig und mutig und umtriebig
Er schreibt Bücher, sein erster Roman
erzählte die Innenseite des Krieges in Bosnien
Mit dem Blick eines kleinen Jungen
Denk ich an Deutschland, sagt er,
denk ich auch an diesen einen Sachbearbeiter
in der Ausländerbehörde
der mir sagte:
Es gibt einen Weg für Sie, damit sie bleiben
Sie müssen sich immatrikulieren
Und wenn sie sich immatrikulieren, kommen sie noch einmal zu mir
Und es ist alles legal.
Ich öffne ihnen eine Tür.
Aber viele andre hatten diesen Sachbearbeiter nicht,
die hatten nicht dieses Glück
deren Nachnahme begann nicht mit ‚S‘
Sasa Stanisic hat das erlebt was Dimitri Dinev
Der selbst aus Bulgarien geflüchtet ist
Barmherzigkeit nennt
Er hat die Macht des Einzelnen erlebt
Der einem Menschen begegnet
Als Mensch nicht als Nummer
Er hat einen erlebt,
der es sich hat etwas angehen lassen
was aus einem jungen Mann wird.
Ein Glück sagt Sasa Stanisic
Aber es ist nicht nur ein Glück für ihn
Es ist ein Glück für unser Land
Dass es da einzelne gibt
Die sich das Leben eines der flüchten musste
Etwas angehen lassen.
Und es ist nicht nur deswegen ein Glück
Weil dieser junge Mann
Sich zu einem Ausnahmeschriftsteller entwickelte
Der für seinen zweiten Roman
in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.
Es ist ein Glück einfach so für sich
Dass da ein Leben gerettet wurde.
Ein Glück für uns alle
Dass in diesem Land nicht alle nur korrekt sind
Sondern immer mal wieder ein Sachbearbeiter
Für einen bestimmten Buchstaben
Vielleicht ohne es zu wissen
Ein Leben rettet.
Dann ist immer noch Ostern.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17418

Der junge Mann ist erst seit zwei Tagen in Mannheim
Und gleich ist er der Einladung gefolgt
Zu uns in die Kirche
Zum Café International
Etwa dreißig Flüchtlinge sind gekommen, aus Syrien und dem Irak sind sie
Und Leute von hier, aus Mannheim: Christen, Juden und Muslime,
die helfen wollen, die die Flüchtlinge willkommen heißen
mit Kaffee und Tee und Kuchen
mit offenen Ohren und Herzen
reihum erzählen die Neuankömmlinge
wie sie entkommen sind
der Bedrohung in Syrien
dem Krieg, der Haft, der Folter, dem Hunger
der Aussichtslosigkeit, der Verfolgung,
den Massakern, den dauernden Bombenangriffen
und all dem was sie mit ansehen mussten:
die getötete Familie
die Nachbarn und Freunde, die auf einmal zu Feinden wurden
die maßlose Gewalt.
Und wie sie dann Wege gesucht haben
um wirklich sicher zu sein
vor Al Qaida, den Soldaten, der Armee, dem Diktator
um wieder ein sinnvolles Leben zu führen
von Schleppern und von Nächten voller Angst
und Tagen in Unsicherheit
und dann kam diese Überfahrt
über das Mittelmeer:
22 Stunden in einem Boot
16 Meter lang mit über 400 Leuten
jede Minute in Todesangst.
Der junge Mann…( meint, )
„…und dann haben wir die Italiener gesehen
und sind da angekommen in Lampedusa,
das war wie ein neues Leben,
wie wieder geboren werden!“
Er weint und er strahlt
und wir tun das auch.
Es ist Ostern
und wir leben von der Auferstehung! 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17417

In Damaskus war er Pfarrer,
Abba wurde er von seiner Gemeinde genannt, Vater.
Priester der orthodoxen Kirche
Er spricht aramäisch, eine alte Sprache,
es ist die Sprache die auch Jesus gesprochen hat.
Hier in Mannheim ist er ein Flüchtling
Er wohnt in einem großen schrabbeligen Haus
mit hunderten anderer Flüchtlinge.
Er ist gerade eben so entkommen.
Aus einem Leben heraus gefallen
in dem er jemand war
er konnte für andere da sein
er war vernetzt mit Wissenschaftlern weltweit
viele wollten diese Sprache und Kultur studieren.
Jetzt droht sie verloren zu gehen,
denn die Christen werden in besonderer Weise verfolgt in Syrien.
Weil er Kontakt hatte zu einem schwedischen Wissenschaftler
Der in Israel lebte, deswegen musste er weg…
Er war Monate auf der Flucht.
Schlepper und Tage und Nächte unter freiem Himmel hat er erlebt
Er wusste nicht, ob er überlebt.
Er erzählt und stockt und weint.
Er wusste, er wollte nach Deutschland
Er hat Verwandte hier.
Aber erstmal muss er in ein Lager.
So nennt er das
Flüchtlingserstaufnahme heißt das.
Hunderte sind da zusammen
Traumatisiert, in schrecklicher Sorge um die zurückgebliebene Familie,
aber eben so entkommen
und jetzt trotz allem
was sie an schwerer Last mit sich herumtragen
voller Hoffnung, sehnsüchtig danach hier anzukommen
sie wollen Deutsch lernen.
Sie ahnen: nach Syrien werden sie nicht mehr zurück können.
Syrien wird nie mehr sein wie es war.
Syrien wie wir es kannten, ist Geschichte,
sie haben es zerstört, sagen sie und erzählen von der Gewalt.
Wir sitzen zusammen und trinken Tee und können es kaum aushalten.
Quasimodogeniti so heißt der heutige Sonntag
in den Kirchen
Wie die neugeborenen Kindlein bedeutet das.
Quasimodogeniti
Weil wir alle durch die Auferstehung Christi
neu werden, wie neugeboren.
An ihm an diesem feinen aufrechten Mann,
der auch in der Not für andere da ist,
lese ich, was das bedeutet:
wie neugeboren in dieses neue Leben
sind diese Flüchtlinge
die nichts hierher retten konnten außer ihrem Leben
und ebenso schutzbedürftig wie ein Neugeborenes.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17416