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SWR3 Gedanken

Es gibt so etwas wie moderne Propheten. Propheten sind keine Wahrsager die die Zukunft voraussagen. Nein, Propheten im biblischen Sinn sagen die Wahrheit ihrer Zeit, unverblümt, direkt und offen. Einer dieser modernen Propheten ist Bob Moorehead, ein amerikanischer Geistlicher. Er hat seine Wahrheiten ins Internet gestellt und seither gehen sie um die Welt. Seinen Blick auf die inneren Widersprüche unserer westlichen Gesellschaft finde ich so bedenkenswert, dass ich einen Teil seiner Worte weitergeben will. Er nennt sie das Paradox unserer Zeit und schreibt:

„Wir wissen, wie man seinen Lebensunterhalt verdient, aber nicht wie man lebt. Wir haben dem Leben Jahre hinzugefügt, aber nicht den Jahren Leben. Wir kommen zum Mond, aber nicht mehr zur Tür des Nachbarn. Wir haben den Weltraum erobert, aber nicht den Raum in uns. Wir haben die Luft gereinigt, aber die Seelen verschmutzt. Wir können Atome spalten, aber nicht unsere Vorurteile. Es ist die Zeit des schnellen Essens und der schlechten Verdauung, der großen Männer und der kleinkarierten Seelen, der leichten Profite und der schwierigen Beziehungen. Es ist die Zeit des größeren Familieneinkommens und der Scheidungen, der schöneren Häuser und des zerstörten ZuHause. Es ist die Zeit der schnellen Reisen, der Wegwerfwindeln und der Wegwerfmoral. Der Beziehungen für eine Nacht und des Übergewichts. Es ist die Zeit der Pillen, die alles können, sie erregen uns, sie beruhigen uns, sie töten uns. Es ist die Zeit, in der es wichtiger ist, etwas im Schaufenster zu haben, statt im Laden. Wo moderne Technik einen Text wie diesen in Windeseile in die ganze Welt tragen kann und wo Sie die Wahl haben, Ihr Leben zu verändern oder diesen Text löschen.“

 

 

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„Meine Reise aus der Türkei endet in Trier. Wir nehmen Abschied von unserem Vater, Opa, Seemann und Soldat der türkischen Marine, Yasar Dilek, geboren am 10. August 1941, gestorben am 2. Dezember 2013.
Bei Lauchzwiebel und Brot, wäre ich nur in der Heimat geblieben, in Deutschland habe ich mein Glück nicht gefunden. Gekommen um ein paar Jahre zu arbeiten - zurück im Holzsarg, beerdigt neben der geliebten Ehefrau. In Trauer deine Söhne Murat, Sedat, Turhan, Burhan und Hakan.“

Eine Todesanzeige in meiner Tageszeitung. Oft überfliege ich die letzten Seiten der Zeitung. Aber hier bin ich hängen geblieben. Welch eine traurige Todesanzeige! Traurig? Natürlich, Todesanzeigen sind immer traurig, aber diese doppelt. Weil nicht nur ein Leben zu Ende gegangen ist, sondern weil in der Todesanzeige steht , dass der Verstorbene eine falsche Lebensentscheidung getroffen hatte. Und in diesem Fall war es die Entscheidung nach Deutschland zu kommen. Die türkische Heimat zu verlassen um in Deutschland zu arbeiten. Ich weiß nicht, was dazu geführt hat, dass Yasar Dilek hier bei uns sein Glück nicht gefunden hat. Das kann an ihm gelegen haben, an manchen ausländerfeindlichen Deutschen oder dass er seine Heimat einfach zu sehr vermisst hat. Oder an dies allem zusammen. Aber diese doppelt traurige Traueranzeige hat etwas in mir bewirkt: Ich werde noch genauer darauf schauen, wie es den Türken, Russen oder Eritreern in meinem Lebensumfeld geht. Oder besser noch, wie gut es ihnen geht.

 

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Angst. Die Angst gehört zum Leben. Als Schutz, als Signal oder als Symptom. Angst ist wichtig, Angst ist quälend und oft auch unnötig.

Wenn man sich zu schnell Sorgen macht, wenn man zu viele Bedenken hat. Manche Menschen sind so ängstlich, dass sie schon Angst vor der Angst haben. So eine unterschwellige Lebensangst, die ihnen die Lebenskraft und die Lebensfreude nimmt.

Es gibt einen wunderbaren Text der Dichterin Mascha Kaléko. Sie muss diese Ängste wohl auch gut gekannt haben. Und mit ihrem Text, will sie dazu ermutigen, sie zu verscheuchen, dazu verhelfen nicht immer und überall Angst zu haben und sich nicht unnötig zu ängstigen.

Jage die Ängste fort“, beginnt dieser Text,

und die Angst vor den Ängsten. Für eine paar Jahre wird wohl alles noch reichen, das Brot im Kasten und der Anzug im Schrank. Sage nicht mein, es ist dir alles geliehen, lebe auf Zeit und sieh’ wie wenig du brauchst. Richte dich ein und halte den Koffer bereit. Es ist wahr, was sie sagen, was kommen muss, kommt. Geh’ dem Leid nicht entgegen. Und ist es da, sieh’ ihm still ins Gesicht. Es ist vergänglich wie Glück. Erwarte nichts und hüte besorgt dein Geheimnis…

Feg deine Stube wohl und tausche den Gruß mit dem Nachbarn. Flicke heiter den Zaun und auch die Glocke am Tor. Die Wunde in dir halte wach unter dem Dach im Einstweilen. Zerreiß deine Pläne. Sei klug und halte dich an Wunder. Sie sind lang schon verzeichnet im großen Plan. Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.

 

 

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„Opa reagiert halt nicht auf Knopfdruck“. Dieser Satz könnte von einem jungen Menschen sein, der beobachtet, dass alte Menschen eben nicht mehr so reagieren wie die jungen. Dass sie langsamer sind. In einer Welt, in der so vieles auf Knopfdruck funktioniert: Fernsehen, Stereoanlage, Autoschlüssel. Alles sofort und vollautomatisch. Menschen sind anders und alte Menschen erst recht. So manches, was früher selbstverständlich war, geht im hohen Alter nicht mehr. Schnell sein, flexibel, kraftstrotzend und gesund. Unsere Fußgängerampeln sind so schnell getaktet, dass Alte Menschen es oft nicht in der Grünphase über die Straße schaffen. Oder ein Bahnticket am Automaten zu lösen ist für sie nicht selten eine Überforderung. Unser Alltag ist geprägt von Technik und von Schnelligkeit. Ich denke, wir können hier etwas lernen von Ländern, in denen es nicht ganz so schnell zugeht wie bei uns. Und wo alte Menschen noch einen anderen Stellenwert haben. Wir könnten Geduld lernen. Zum Beispiel von diesem Gebet eines alten Menschen aus Afrika: 

„Selig, die Verständnis zeigen für meinen stolpernden Fuß und meine lahmende Hand. Selig, die begreifen, dass man sich anstrengen muss um alles aufzunehmen, was man zu mir spricht. Selig, die zu wissen scheinen, dass meine Augen trüb und meine Gedanken träge geworden sind. Selig, die mit freundlichem Lachen verweilen um ein wenig mit mir zu plaudern. Selig, die niemals sagen, diese Geschichte haben sie mir heute schon zweimal erzählt. Selig, die es verstehen Erinnerungen an frühere Zeiten in mir wach zu rufen. Selig, die mich erfahren lassen, dass ich geliebt, geachtet und nicht allein gelassen bin. Und selig, die in ihrer Güte mir die Tage erleichtern, die mir noch bleiben – auf dem Weg in die ewige Heimat.“

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Guten Abend! Wie bitte? Ja, Feierabend, für  9% der arbeitenden Bevölkerung ist zu dieser Zeit jetzt Feierabend. Nach ihrer Nachtschicht. Man glaubt gar nicht wie viele Menschen arbeiten, wenn wir schlafen. Von den Berufen, die immer nachts arbeiten müssen wie die Bäcker zum Beispiel bis zu all den Tätigkeiten, bei denen es Nachtdienste gibt: Busfahrer, Piloten, Fluglotsen, Sicherheitsdienste, Prostituierte, Hotelangestellte, Leute beim Fernsehen und im Radio, Apotheker, Kranken- und Altenpflegerinnen und nicht zuletzt natürlich Ärztinnen und Ärzte. Nachtarbeit ist schön und hart. Schön, weil alles ruhiger ist, wenn es nicht gerade einen Notfall gibt. Alles ist stiller, die Welt ist friedlicher und alles schläft. Es ist aber auch einsamer, im Gegenrhythmus zum Rest der Welt zu arbeiten. Und anstrengender, weil es gegen den Biorhythmus ist. Wach zu sein, wenn es dunkel ist und zu schlafen bei Tag. Aber es ist so gut und so notwendig, dass es diese Menschen gibt, nachts für uns auf sind. Dass wir morgens unser frisches Brot auf den Tisch haben. Die uns nachts bei einer Panne helfen oder da sind, wenn es uns schlecht geht oder wir gar einen Unfall haben. Es ist ein großes Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit, die uns die Menschen geben, die nachts für uns auf sind. Menschen, die nachts arbeiten müssen und Menschen, die nachts arbeiten wollen. Ihre Arbeit ist so wichtig wie unerlässlich und es ist so gut, dass es sie gibt. Danke! Und schlafen Sie gut!

 

 

 

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Von den Libanesen lernen. Ja, das können wir Deutschen, wir Europäer. Von der großen Hilfsbereitschaft und der Gastfreundschaft des libanesischen Volkes. Der Libanon ist der Nachbarstaat von Syrien. Seit 2011 tobt dort bekanntlich dieser schreckliche Bürgerkrieg. Eineinhalb Millionen Syrer sind in den Libanon geflüchtet. Der Libanon selbst hat nur viereinhalb Millionen Einwohner. Das muss man sich mal vorstellen, jeder dritte Mensch im Libanon ist ein syrischer Flüchtling. Auf Deutschland übertragen hieße das: 26 Millionen Flüchtlinge. Der Libanon, selbst ein hoch verschuldeter Staat hat 2 Milliarden für humanitäre Hilfe ausgegeben. 8 Milliarden hat er verloren, weil die Haupthandelsstraße Richtung Türkei durch Syrien führt. Ein großer wirtschaftlicher Schaden und eine immense soziale Belastung. Der Libanon hätte seine Grenzen dicht machen können wie wir Europäer das machen und die Menschen ihrem Schicksal überlassen. Aber das haben die Libanesen nicht getan.  Vielleicht ist diese menschenfreundliche Mentalität besser zu verstehen, wenn man die Worte des libanesischen Dichters Khalil Gibran hört. Über das Geben hat er geschrieben: „Es gibt Menschen, die Geben wenig von dem Vielen, das sie besitzen und sie tun es um der Anerkennung Willen, doch ihre verborgene Absicht macht ihre Gabe unbekömmlich. Und es gibt Menschen, die wenig besitzen und alles geben, das sind die Menschen, die an des Lebens Überfülle glauben und deren Schatztruhen nie leer werden. Einige geben mit Freuden und die Freude ist ihr Lohn, andere geben mit Schmerzen und der Schmerz ist ihre Taufe. Und es gibt Menschen, die beim Geben weder Freude, Schmerz noch Tugendhaftigkeit empfinden. Sie geben wie die Myrthe im Tal, wenn sie ihren Duft verströmt. Durch die Hände solcher Menschen spricht Gott und durch ihre Augen lächelt er die Erde an.

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„Pass auf Dich auf, mach’s gut, ich denk an Dich!“ Das sind Segensworte. Weltliche Segensworte, also keine religiösen. Sie drücken Wohlwollen aus, wünschen einem Menschen Unversehrtheit und Glück. Eltern segnen so ihr Kinder, Liebende ihre Geliebten. Auch ich wurde schon viel gesegnet in meinem Leben. Von meiner Großmutter, von Priestern und Bischöfen, von einer Frau, die ich noch nie gesehen hatte, die mich aber vom Radio her kannte. Am eindrücklichsten als mich eine Bettlerin gesegnet hat. Wird in der Kirche gesegnet kommt zum rein zwischenmenschlichen Wohlwollen noch was ganz Wesentliches hinzu: dass die Menschen, die gesegnet werden, unter den Schutz Gottes gestellt werden sollen. Meistens geschieht das am Ende des Gottesdienstes. Am liebsten mag ich den sogenannten aaronitischen Segen. Er ist der älteste Segen aus der Bibel und wird von Juden wie Christen gesprochen. Er geht so:

„Der Herr segne Dich und behüte Dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir Frieden.“ Ich mag diesen Segen so sehr, weil er so viel Wohlwollen ausdrückt, so viel Wärme und Licht. Ich sehe Sonnenaufgänge, wenn ich ihn höre, ein strahlendes Lächeln, einen schlafenden Säugling, Kinder, die selbstvergessen spielen, Menschen, die sich schwer verabschieden oder sich freudig begrüßen, Streitende, die sich versöhnen und einen Menschen, der friedlich aus dieser Welt gehen kann. Darum gern noch einmal, für die, die es brauchen können, in diesen Sonntag hinein: „„Der Herr segne Dich und behüte Dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir Frieden.“

 

 

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