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SWR3 Gedanken

Alle Freunde von Leo und Uli sind sich einig: klasse Paar - absolut. Sie sind sich ganz nahe, können sich alles anvertrauen. Und gerade deswegen können sie immer wieder auch loslassen, sich gegenseitig Hobbies gönnen, die sich nicht teilen. Uli geht 2 mal im Jahr mit dem Chor auf Konzerttournee und jeder Donnerstag ist fürs Singen reserviert.  Leo hat eine eingeschworene Skiclique aus der Schulzeit, mit der er sich immer wieder trifft.
Streiten können die beiden übrigens auch. Ich habe noch nie zwei Menschen erlebt, denen so ernsthaft daran gelegen ist, dass der andere den eigenen Standpunkt versteht. Diskussionen zwischen den beiden sind entsprechend leidenschaftlich, aber nie verletzend. Tatsächlich gibt es etliche Punkte, an denen Leo und Uli weit auseinanderliegen, aber sie tragen diese Differenzen mit Respekt.  

Niemand war also überrascht, als wir letzte Woche sehr spontan zum Rathaus  eingeladen wurden. Und als uns die beiden nach dem Sektempfang eingeladen haben, noch in die nahe gelegene Kapelle mitzukommen, sind wir alle neugierig mitgekommen.
In der kleinen Freiburger Kapelle gab es Blumenschmuck und Ringe und Lieder. Und einen Trauspruch, der manchen die Tränen in die Augen trieb, weil er so gut passte: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Leo und Uli sind Menschen, die sich nicht nur gegenseitig mit allen Schwächen und Stärken annehmen, sondern auch alle anderen. Für mich leben die beiden, was Evangelium bedeutet:  Uli und Leo schauen alle anderen so an und behandeln sie so,  wie sie von Gott gedacht sein könnten.
Mich hat der Spruch zu Tränen gerührt, weil die Segensfeier für die beiden eben keine Trauung war genauso wenig wie  die Feier auf dem Rathaus.

Die Partnerschaft der beiden  ist vorbildlich, aber Leo und Uli sind beide Männer, also gibt es auch nur das halbe Programm. Sowohl in der Kirche als auch auf dem Standesamt.
Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Der biblische Satz fordert dazu auf, neu zu überlegen, auf was es wirklich ankommt im Leben. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17196

Paul und Betty Rosenthal sehe ich jeden Tag.
Nein, das ist nicht richtig. Ich sehe jeden Tag ihre Namen und ihre Lebensdaten.

Paul Rosenthal und Betty Rosenthal haben bis 1940 in dem selben Haus gewohnt wie ich heute. Ihre Namen stehen auf zwei Messing-Stolpersteinen, die in den Gehsteig vor dem Haus eingelassen sind.

Paul Rosenthal wurde 1885 geboren, mit 52 Jahren wurde er verhaftet, dann nach Dachau, nach Gurs und schließlich nach Auschwitz deportiert. Ob er dort seine Frau Betty noch einmal gesehen hat?
Sie wurde auch von Gurs nach Auschwitz gebracht, mit 50 Jahren.

Beide haben das Jahr 1942 als Todesdatum.  Mehr  weiß ich nicht von den beiden.
Ich stelle mir manchmal vor, wie das wäre, wenn deren Kinder mit uns im Haus leben würden. Vielleicht wären diese inzwischen auch schon alten Kinder für meine Kinder so was wie Ersatzgroßeltern.
Und wenn meine Mutter mich besuchen kommt, könnte sie mit ihnen über die Zeit damals reden. Die Zeit im Krieg und danach.  Sie könnten Erinnerungen austauschen und unterschiedliche Sichtweisen.
Vielleicht wäre das richtig gut gewesen.  Vielleicht wären wir uns auch fremd geblieben. So wie mir auch andere Nachbarn fremd geblieben sind.

Aber wir hätten eine Chance verdient, alle.
Betty und Paul Rosenthal hätten es verdient verdient, ein Leben ohne Diskriminierungen zu führen. Und ich hätte es verdient, anderen auf Augenhöhe zu begegnen.  

Heute ist Anti-Rassismus-Tag, international!
Es braucht diesen Tag, in Deutschland und in der ganzen Welt. Weil alle Menschen das Recht haben, ein Leben ohne Diskriminierung zu führen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17195

„Was ist eigentlich Ökumenomie?“, fragt mich Frieda aus der 5. Klasse.
„Meinst du Ökumene oder Ökonomie?“, frage ich zurück.
Sie zuckt die Achseln – gibt’s da einen Unterschied?

Klar, sag ich. Und dann fang ich umständlich an zu erklären: Wenn es darum geht, das, was da ist, so zu verteilen, dass möglichst alle lange was davon haben, ist das ökonomisch. Also, überhaupt alles, was sich um Handel, Geld und Dienstleistungen dreht – das ist alles Ökonomie.

Ökumene ist, wenn Christen mit unterschiedlichen Meinungen zu bestimmten Glaubensaussagen trotzdem gemeinsam Gottesdienst feiern oder zusammen Bibel lesen, oder wenn Leute aus der katholischen und der evangelischen Kirche zusammensitzen, um über wichtige Themen zu reden.

Oh je, ich merke selber, dass diese Erklärung nicht wirklich kindgerecht war. Da meldet sich Leo und sagt: „Meine Mutter sagt, die Maria Magdalena Gemeinde im Rieselfeld ist ökumenistisch.“

Dass ich da nicht selber drauf gekommen bin! Stimmt, in Freiburg gibt es ein relativ neues großes Kirchenzentrum, das sich die evangelische Gemeinde mit der katholischen teilt. Dort gibt es unter einem Dach zwar getrennte Kirchenräume, aber alles andere wird gemeinsam genutzt und die Kirchenräume können außerdem verbunden werden.
„Stimmt“, sage ich erleichtert,“ die Maria Magdalena Gemeinde ist ökumenisch, da teilen sich die evangelischen Christen mit den katholischen ein Gebäude und alles was drin ist.“

„Hä?“, sagt Frieda, „aber wenn die das teilen, dass  ist das doch eher ökonomisch, oder?“

„Ja“, gebe ich zu, „das stimmt. Das ist tatsächlich auch ökonomisch. Wenn man Gebäude und Kosten teilt, ist das wirtschaftlich sinnvoll.“
„Dann ist Ökumene also eigentlich ökonomisch?! Warum machen das dann nicht alle so?“ Leo ist entrüstet.

Tja, warum eigentlich nicht? Die Ökonomie als Anlass, die Ökumene wieder anzukurbeln – das hätte echt Chancen auf einen neuen Frühling der Ökumene!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17194

Ich bin stolze Besitzerin einer Bohrmaschine, auch wenn ich sie nicht so wahnsinnig oft benutze. Aber alle paar Monate zieht immer jemand aus meinem Bekanntenkreis um und dann leihe ich die Bohrmaschine gerne aus. Vor meinem letzten Umzug hätte ich mir fast auch noch einen Akku-Schrauber gekauft, aber ich hatte nicht genügend Geld im Baumarkt dabei.  Zum Glück, denn Axel und Jan haben beide einen Akku-Schrauber, und einen habe ich immer erreicht, wenn ich was zu schrauben hatte.
Und wie gut, dass die WG über uns diese spezielle Kuchenform hat und ich im Herbst den Entsafter von einer Bekannten ausleihen kann. Es  ist so praktisch, Dinge zu teilen anstatt alles selbst zu besitzen. Und tatsächlich ist die Idee mit dem Teilen ja  uralt – in früheren Jahrhunderten gab es bei jedem Dorf eine Allmende, also Wiesen, Felder, Seen, die von allen gemeinsam genutzt wurden. Und in manchen ländlichen Gebieten gibt es heute noch oder wieder gemeinschaftlich betriebene Backhäuser.
Heute entstehen stattdessen sogenannte Ko-Konsum-Communities. Gemeinschaften, die Tauschen und Leihen ganz neu definieren. Wohnraum, Autos, Werkzeug, Bücher, Zeit, Erfahrung, Wissen – die Anhänger dieser Bewegung machen alles möglich: Tauschen, Schenken, Mieten oder Leihen, je nach Notwenigkeit und Möglichkeit wird das ausgelotet.

Mir imponiert die Idee dahinter: Wichtig ist nicht, was ich besitze. Wichtig ist, dass Besitz sachgerecht genutzt wird! Mit der Ko-Konsum-Bewegung kann man den Umgang mit knappen Ressourcen gerechter und selbstbestimmt regeln.
Und außerdem ist darin eine urchristliche Vision verwirklicht: „Alle, die zum Glauben gekommen waren, hatten alle Dinge gemeinsam“ heißt es in der Apostelgeschichte über die erste christliche Gemeinde.  
Gut möglich, dass eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig Bohrmaschinen, Akku-Schrauber und andere wichtige Dinge teilt, auch im Glauben gemeinsam weiter kommt.  Ich jedenfalls teile meinen Glauben genauso gerne wie meine Bohrmaschine!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17193

Ralf hat keinen Bartwuchs. Edith dafür aber deutliche Stoppel am Kinn. Maren ist lesbisch, und ihre Freundin Lara sieht man nur in Highheels. David schminkt sich gerne die Augen, Sohn Ben spielt in jeder freien Minute Fußball. Bisher wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass Ralf, Edith, Maren oder David neue Geschlechtsbezeichnungen nötig haben könnten.

Aber seit rund einem Monat aber haben die alten Begriffe Mann / Frau ausgedient. Zumindest bei facebook in den USA. Würde David dort ein facebook-account eröffnen, müsste er sich entscheiden, ob er Agender, Pangender, Two Spirit oder Androgynous ist oder vielleicht doch Trans Male oder  Neutral, oder ob eine der restlichen 56 Bezeichnungen mit seiner Selbstwahrnehmung übereinstimmt.
Was für ein Stress! Und was für eine Engführung! Jede dieser Bezeichnungen macht ja ein ganzes Fass an Definitionsproblemen auf!  

Gleichzeitig wird daran ein echtes Problem deutlich: Offensichtlich haben wir unsere Mann- /Frau-Vorstellungen so mit Klischees überfrachtet, dass immer mehr Menschen beanspruchen, doch ganz anders zu sein.

Eigentlich alarmierend für eine Gesellschaft, wenn die Bezeichnung männlich oder weiblich als Engführung verstanden wird.
 Aber ich glaube, dass die eigentliche Engführung in unseren Köpfen sitzt. Und dagegen kommt auch die Erfindung von weiteren 58 Begriffen nicht an.

Es liegt an uns, zu leben, was alles unter den Begriff Frau oder Mann passt! Ursprünglich jedenfalls ist da ein weites Feld: „Gott schuf den Menschen als Mann und Frau“ erzählt die Bibel auf ihrer ersten Seite. Dieser knappe Satz lädt ja geradezu dazu ein, dieses biologische Merkmal mit Leben zu füllen, so bunt und individuell verschieden, wie Menschen nun mal sind!

Und genau so bekommen die Menschen auch gleich Gottes Segen. Dieser Segen gilt bis heute allen Menschen,  Edith, Maren, Ben, Ihnen und überhaupt allen, die sich unter der Bezeichnung Mensch wiederfinden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17192

„Anna ist jetzt auch mit mir befreundet“, sagt meine Erstklässlerin, als sie von der Schule kommt. „Aha“, sag ich, „wer ist denn Anna?“
Ich erfahre, dass Anna auch eine Klassenkameradin ist. Meine Tochter hat schon Anna zu ihren Freundinnen gezählt, auch wenn sie noch nie von ihr erzählt hat.
„Moment“, sag ich, „wieso ist dann Anna erst jetzt mit dir befreundet, wenn sie doch schon lange deine Freundin ist?“
„Na, sie hat mich heute gefragt, ob wir Freundinnen sein wollen.
Und da hab ich ihr gesagt, dass sie schon lange meine Freundin ist. Jetzt bin ich auch ihre.“

Ich schmunzle vor mich hin. Und werde nachdenklich.
Wie ist das denn bei mir? Ich weiß genau, dass es Menschen gibt, die sich nicht ganz sicher sind, wie ich zu ihnen stehe. Zum Beispiel Tanja, eine Kollegin. Ich finde sie nett und sehr kompetent, und ich würde eigentlich gerne mal Mittagessen mit ihr gehen,  aber sie wirkt unsicher mir gegenüber und vermeidet es, mich direkt anzusprechen.

Sie ist sich offensichtlich gar nicht darüber im Klaren, dass ich sie sympathisch finde. Wahrscheinlich bringe ich nicht deutlich genug rüber, dass ich sie schätze. Und da sie vermutlich nicht den Mut der Erstklässlerin Anna aufbringt und mich fragt, ob ich ihre Freundin sein will, sollte ich mal die Initiative ergreifen. Auf einen Kaffee einladen kann ja nicht so schwer sein.

Befreundet sein – oder vielleicht dem Berufsalltag angemessener: sich sympathisch sein - kann auch heißen, den anderen das mal zu sagen.

Am besten ich geh gleich mal zu ihr rüber.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17191

Nichts geht. Kein Windhauch regt sich. Das Boot schaukelt träge auf der Wasseroberfläche.
Segeln ohne Wind geht eben nicht. Und der Motor ist nur für Notfälle, das haben wir uns fest vorgenommen bei unserem Segelturn zu viert.
Also hängen wir mitten auf dem großen See und sind noch ziemlich weit entfernt vom Zielufer.
Erst mal nutzen wir die Zeit und  essen gemütlich das mitgebrachte Picknick.  
Wir essen, bis wir nicht mehr können.
Dann lehnen sich alle gemütlich zurück und blinzeln in die Sonne.

Nur ich nicht. Mich macht die Windstille nervös. Ich sitze nicht gerne still rum. Also räume ich die Reste weg, verteile Sonnencreme, überprüfe den Steuerkurs bis mich Theo  ein wenig grob anschnauzt: „Jetzt steck’s mal. Es gibt keinen Wind, also ist jetzt Pause!“
Das sitzt.
Ich weiß, dass er Recht hat, wenn Flaute ist, dann hilft nur Warten. Aber das ist mir noch nie leicht gefallen. Ich ertrage Flauten schlecht. Beim Segeln nicht und sonst auch nicht.

Wenn  alles so vor sich hin läuft ohne besondere Höhen und Tiefen. Die Familienplanung ist abgeschlossen. Der Karrieresprung hat nicht stattgefunden. Die Ehe hat so viel Routine, dass es nicht mal für Streit reicht, jeden Morgen klingelt um 6.25 Uhr der Wecker.
Bei anderen ist es aufregend: neue Partnerschaften, berufliche Herausforderungen oder Entscheidungen, die das ganze Leben verändern.
Und bei mir? Flaute - als ob das Leben ohne mich stattfindet...

Aber wenn ich jetzt meine entspannte Crew so anschaue, finde ich meinen Action-Drang fast peinlich. An den dreien, die so träge in den Horizont gucken, geht das Leben ja nicht vorbei. Sie sind in diesem Augenblick ganz bei sich und ganz lebendig. Und vermutlich nachher, wenn der Wind aufkommt, wesentlich erholter als ich.

Flauten gehören dazu; es gibt wahrscheinlich keine Ehe, keine Karriere, kurz kein Leben, in dem es nicht diese Phasen des Stillstands gibt. Phasen, in denen einfach nichts von mir verlangt wird, außer: da sein und – ja, leben!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17190