Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

„Krise ist ein produktiver Zustand, man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Ein sehr guter Spruch des Schriftstellers Max Frisch. Die Krise als Chance. Wenn man es schafft nicht immer oder gleich ins große schwarze Loch zu schauen. Es schafft zu erkennen, dass es oft auch einen Plan B oder C gibt. Und dass Krisen wirklich auch Chancen sein können. Das sagt schon die Herkunft des Wortes aus dem Griechischen. „Krinein“ heißt scheiden und entscheiden. Wenn also jemand oder etwas in die Krise kommt, dann gibt es meistens was zu klären, dann es ist oft eine Möglichkeit sich zu entwickeln oder zu befreien. Wenn die Kinder mal ein paar Fünfer hintereinander nach Hause bringen oder gar sitzen bleiben, dann heißt das nicht, dass gleich ihre ganze Zukunft verbaut ist. Dann zeigt das vielleicht, dass ihnen Anderes gerade wichtiger ist oder dass sie an Grenzen kommen oder Grenzen setzen. Hier nicht in Panik zu geraten hilft ihnen in ihrer Entwicklung sicher am meisten. Wie auch in einer Beziehung oder in der Ehe. Wenn es in der Beziehung mal kriselt, dann muss sie nicht gleich scheitern. Krisen zeigen an, dass etwas hakt, dass etwas verändert werden will, damit die Beziehung lebendig bleibt. Damit man sich weiter entwickeln kann, einzeln und auch als Paar. Wie auch im eigenen Leben. Wenn ich im Beruf unzufrieden bin oder in einer Lebensphase unglücklich, dann ist das zwar eine schwere Belastung, aber noch keine Katastrophe, sondern höchste Zeit meinen Beruf oder mein Leben kritisch anzuschauen. Das Gute und das Schlechte daran sehen. Mich für manche Dinge oder Menschen entscheiden und mich manchmal auch scheiden, von ihnen trennen. Gut ist, wenn ich darüber mit jemandem sprechen kann. Damit aus Krisen auch wirklich Chancen werden. Chancen mein Leben neu zu leben: bewusster, glücklicher und freier.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16865

Die Zeit rast und schon wieder ist fast eine Arbeitswoche vorbei. Oft, zu oft vergehen die Tage wie im Flug. Warum eigentlich empfindet man den Alltag als so rasend schnell? Und je älter man wird, umso schneller scheinen die Jahre ins Land zu ziehen. Woran liegt das? Wissenschaftler haben eine Erklärung dafür gefunden: Sie haben festgestellt, dass einem die Zeit, die man mit Tätigkeiten verbringt, die man kennt und bei denen nichts Neues passiert, kürzer erscheint. Solche immer gleichen Routinearbeiten könne man sich im Gedächtnis als eine gerade Linie vorstellen. Im Gegensatz dazu Neues und Unbekanntes als Zacken und Umwege. Die gerade Linie der Routine nehmen wir unbewusster, automatischer und schneller wahr. Die Zacken der neuen Erfahrungen und ungewohnten Tätigkeiten empfinden wir bewusster und langsamer.

Je älter wir werden, desto mehr Erfahrungen und Dinge gibt es, die wir kennen und routinemäßig erledigen. Und desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Den Menschen, die darunter leiden, Menschen, die die Zeit ab und zu anhalten, festhalten wollen, raten die Wissenschaftler „Rüttle dein Leben wach!“! Soll heißen: Stopp den Alltag immer wieder, unterbrich ihn. Das Wochenende und besonders der Sonntag ist genau dazu da: Die Bremse ziehen, was ganz Anderes machen, mich aus der traumlosen Routine wecken, mein Leben wach rütteln, damit es lebendig bleibt. Damit ich wieder zu mir komme, zu mir selbst komme. Und mein  Leben nicht irgendwann als Nulllinie erinnere. Sondern als erfüllte Zeit.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16864

Wie gehen wir mit unseren Toten um? Rund 900.000 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland. Und die Zahl Menschen, die ohne irgendeine Feier oder Begleitung beigesetzt werden wird immer größer.
Als mein Bruder gestorben ist, sind um seinen Todestag herum 7 andere Menschen gestorben, die vom selben Beerdigungsinstitut versorgt wurden. Alle 7 wurden direkt vom Sterbebett ins Krematorium gebracht. Kein Gottesdienst, keine Ansprache und bei der Verbrennung oft kein Mensch dabei.
Es gibt verschiedene Gründe dafür. Manche Menschen möchten einfach sang- und klanglos aus dieser Welt verschwinden. Andere haben vielleicht kein Gespür mehr dafür, den letzten Weg eines Menschen mit Zeit und in Würde zu begehen. Nicht zuletzt fehlt aber immer mehr Menschen auch das Geld für eine Bestattung mit Gedenkfeier, ein Grab und einen Grabstein. Sterben ist sehr teuer und für immer mehr Menschen unbezahlbar. Darum finde ich eine Idee meines Bischofs, Gebhard Fürst, so gut wie angebracht.
Er will die sogenannten Sterbebruderschaften wiederbeleben. Im Mittelalter gab es Gemeinschaften, die sich darum gekümmert haben, dass die Menschen nicht allein sterben mussten. Und dass verarmte Menschen eine würdige Bestattung und auch eine Grabstelle bekommen haben. Damit sie eben nicht auf billigste Weise aus der Welt der Lebenden entfernt wurden. Eine gute und sinnvolle Idee. Denn wie wir die Toten behandeln, ist auch ein Spiegelbild davon, wie wir mit den Lebenden umgehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16863

Es kommt mir vor als ob zwei Gruppen von Menschen immer größer werden. Die, die zu viel Stress haben. Und die, deren Leben langweilig oder leer ist. Darum sind auch Ratgeber mit Sinnsprüchen und Glücksformeln so beliebt. Viele dieser Ratgeber haben ähnliche Tipps wie „nutze den Tag“ oder „nimm dir Zeit“. Leichter gesagt als getan, denn vor allem das Wie ist wichtig. Eine Kollegin hat mir einen Text geschickt, der sich von den vielen Glücksformeln unterscheidet. Er sagt mir nicht nur was ich tun soll, um meinem Leben mehr Intensität oder mehr Tiefe zu geben, sondern er sagt mir wie und warum. Der Text ist von Bob Moorehead, einem amerikanischen Geistlichen und er schreibt ein paar Sachen, die sind so schön und so sinnvoll, dass ich sie gern weitergeben möchte:

„Vergesst nicht mehr Zeit denen zu schenken, die ihr liebt, weil sie nicht immer mit euch sein werden. Sagt ein gutes Wort denen, die Euch voll Begeisterung jetzt von unten anschauen, weil diese kleinen Geschöpfe bald erwachsen werden und nicht mehr bei Euch sein werden.
Schenkt den Menschen neben Euch eine innige Umarmung, denn sie ist der einzige Schatz, der von eurem Herzen kommt und euch nichts kostet. Sagt dem geliebten Menschen, ich liebe dich und meint es auch so. Ein Kuss und eine Umarmung, die von Herzen kommen, können alles Böse wieder gut machen. Geht Hand in Hand und schätzt die Augenblicke, in denen ihr zusammen seid, denn eines Tages wird dieser Mensch nicht mehr neben euch sein. Findet Zeit Euch zu lieben, findet Zeit miteinander zu sprechen, findet Zeit alles, was Ihr zu sagen habt miteinander zu teilen. Denn das Leben wird nicht gemessen an der Anzahl der Atemzüge, sondern an der Anzahl der Augenblicke, die uns des Atems berauben.“

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16862

 Es gibt Momente in denen mir Dinge schlagartig klar werden. Gott sei Dank gibt es sie, diese Momente wo es mich richtig packt und ich denke: ja, klar so ist es! Oder zu mir sage: spinnst Du eigentlich? Wo ich fühle:  ja so, genau so! Oder: genau so nicht!
Letzte Woche war mal wieder so ein Moment. Ich hatte viel zu tun und war auf dem Weg zu einem Geschäftsessen. Zwischen meinem Büro und dem Restaurant liegt ein Hospiz. Kurz vor dem Restaurant fiel mir siedend heiß ein, dass ich für einen Kollegen ein Buch aus dem Hospiz holen sollte, was ich bereits einmal vergessen hatte, und was mir sehr peinlich war. Und nun hätte ich es beinahe zum 2. Mal vergessen. Ich konnte es nur bis 13 Uhr abholen und es war bereits 13 Uhr 10. Ich also umgedreht und in Hektik ins Hospiz. Ein Hospiz, für die, die es nicht wissen, ist ein Haus, in das Menschen gehen um dort gut umsorgt zu sterben. Glücklicherweise hatte alles noch geklappt. Ich bekam das Buch trotz meiner Verspätung noch und ging entspannt zum Essen. Als ich vom Essen zurückkam und wieder am Hospiz vorbei ging sah ich dort eine brennende Kerze in einem Fenster. Das ist eine so stille wie schöne Botschaft, dass an diesem Tag in diesem Hospiz ein Mensch gestorben ist. Und da war er wieder, dieser Moment. Ich blieb wie angewurzelt stehen. In meiner ganzen Hektik davor hatte ich diese Kerze komplett übersehen. Jetzt war mir klar wie absurd mein gestresstes Herumrennen doch war - vor einem Haus in dem die Zeit gerade still steht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16861

„Wenn du etwas zwei Jahre lang gemacht hast, dann betrachte es sorgfältig. Wenn du etwa fünf Jahre lang gemacht hast, dann betrachte es misstrauisch. Wenn du etwas zehn Jahre lang gemacht hast, mache es anders!“ Das hat Mahatma Gandhi gesagt. Au, au, da komme ich schon ins Grübeln. Also spielen wir die drei Ratschläge doch mal durch: Wenn ich etwas zwei Jahre lang gemacht habe, dann soll ich es mir sorgfältig anschauen. Ja, das macht Sinn. Einen Schritt zurücktreten und mein Leben, meine Arbeit, meine Kinder, meinen Glauben genauer betrachten. Was läuft gut, was schlecht, was muss verändert werden? Mache ich die Dinge seit fünf Jahren unverändert, dann soll ich sie misstrauisch betrachten. Auch ein guter Rat von Gandhi, denn nach so langer Zeit könnte Routine auch gefährlich werden. Die Dinge, die Abläufe könnten eingefahren sein, festgefahren. Ich könnte starr geworden sein, oder blind für Veränderungen, für Verbesserungen. Also mein Leben, meine Arbeit, meinen Glauben, meine Kinder – na ja, ich würde nicht sagen misstrauisch aber wohlwollend kritisch betrachten. Ja, und wenn ich etwas zehn Jahre lang gemacht habe, dann sollte ich es anders machen. Auch da hat er recht, der alte, weise Mahatma. Er hat aber nicht gesagt, dass man nach zehn Jahren was anderes machen soll. Es ist schon gut etwas zu können, Routine zu haben, sicher zu sein, aber nicht zu viel Routine haben, nicht zu sicher sein, nicht zu gut. Denn jeder Job braucht Veränderung um erfolgreich zu sein, jeder Glaube neue Impulse um nicht starr zu werden. Und jeder Mensch braucht Entwicklung um glücklich zu sein. Also wenn man etwas sehr lang gemacht hat, muss man nicht unbedingt was ganz Anderes machen, aber das Ganze vielleicht anders.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16860

Der Spruch hat mich gleich gepackt: „Lasst den Flügeln Wurzeln wachsen und die Wurzeln fliegen!“ Er ist vom spanischen Schriftsteller Juan Ramón Jiménez. „Lasst den Flügeln Wurzeln wachsen und die Wurzeln fliegen“ – das klingt schön widersprüchlich. Den Flügeln Wurzeln wachsen lassen – das könnte heißen, das, was mich abheben lässt erden. Alte Wünsche Wirklichkeit werden lassen, hochfliegende Träume ins Leben einsenken. Die große Reise nicht auf die Rente verschieben, sondern vorher machen. Den Menschen, der mir nicht aus dem Sinn geht, endlich ansprechen. Oder endlich mit dem Malen, dem Schreiben oder Fotografieren anfangen. Egal wie gut ich darin bin. Hauptsache es tut mir gut. Ich denke es ist nichts Starres, nichts  Fixierendes, wenn Flügel Wurzeln bekommen.Eher ein gleichzeitig federleichtes und sicheres Gefühl. Wie auch, wenn Wurzeln fliegen lernen. Auch ein wunderschönes, ein traumhaftes Bild. Das muss man sich mal vorstellen! Wurzeln mit Flügeln! Wenn sich was fest Verankertes loslöst, sich loslösen kann. Wenn Menschen treu sind und gleichzeitig frei. Wenn ich hier richtig zu Hause bin und trotzdem immer wieder gern weggehe, weggehen kann. Wenn ich am Leben hänge und trotzdem jeden Tag sterben könnte. Dann haben meine Wurzeln Flügel und meine Flügel Wurzeln.
Und was hat das alles mit dem Glauben zu tun? Der Spruch des spanischen Nobelpreisträgers ist für mich der Inbegriff von Religion. Religion ist das ganz Andere zu glauben und zu leben. Scheinbar Widersprüchliches zu vereinen und dabei frei zu sein - oder zu werden.  Mit Flügeln die Wurzeln bekommen und Wurzeln die fliegen lernen…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16859