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SWR3 Gedanken

Marwan findet, dass jetzt Jesus dran ist. Am Ende des Kindergottesdienstes steht er auf, weil dieses Mal er das Schlussgebet sprechen will. Marwan lebt bei Kairo und ist 8 Jahre alt. Er betet: „Jesus Christus, du hast mit deiner Familie in Ägypten Schutz gefunden, als du vor Herodes fliehen musstest. Jetzt bist du dran. Ich habe Angst in meinem Land. Beschütze uns. Amen.“
Was der koptische Junge in 2 Gebetszeilen gefasst hat, ist für Ägypten zur Zeit brennend aktuell. Brennend aktuell ist, dass in Kriegen und Gewaltzeiten Kinder besonderen Schutz brauchen. Die Flucht der heiligen Familie wiederholt sich seit mindestens 2000 Jahren in unzähligen Ländern mit unzähligen Kindern. Und nicht alle schaffen es, in Sicherheit zu kommen.
Tag der Unschuldigen Kinder nennen die Kirchen diesen 28. Dezember heute. Die Bibel  verbindet den heutigen Tag mit dem  Kindermord in Bethlehem: Der Machthaber Herodes hatte das angezettelt, um sich vor dem neugeborenen König zu schützen, den die Propheten angekündigt haben. Allerdings ist Josef, der Vater von Jesus im Traum gewarnt worden und hat mit seiner kleinen Familie eine Zeitlang in Ägypten Zuflucht gefunden.
Historisch ist die Erzählung vom Kindermord zu Bethlehem wahrscheinlich nicht. Aber sie ist trotzdem wahr. Wenn Herrscher um ihre Macht bangen, trifft es immer zuerst die Kinder. Bis Heute. Allein in Syrien sind bisher 11.000 Kinder in den Unruhen und Ausschreitungen zu Tode kommen, und über eine Million syrische Kinder sind auf der Flucht.
Deswegen will ich weitererzählen, was ich über Marwan weiß. Damit wir diese Kinder nicht vergessen. Damit wir mit  Marwan beten: Jesus Christus, du hast mit deiner Familie in Ägypten Schutz gefunden, als du vor Herodes fliehen musstest. Jetzt bist du dran. Beschütze die Kinder in Ägypten und auf der ganzen Welt. Amen.

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Spätestens heute müsste es brenzlig werden. Laut Statistik steigt am dritten Tag nach Heiligabend die Wahrscheinlichkeit für einen Familienstreit erheblich!
In 7 von 10 Haushalten müsste es demnach schon gekracht haben. Aber wenn Passanten gefragt werden, was ihnen zu Weihnachten einfällt, sagen trotzdem die meisten: Frieden, Harmonie, Stille, usw.
Ein krasser Widerspruch – aber nur auf den ersten Blick. Tatsächlich liegt der Ursprung von Weihnachten genau in dieser Spannung – zwischen handfesten Konflikten und himmelnaher Harmonie. Vor 2000 Jahren hat die römische Besatzung in Israel für andauernde Reibungen und Übergriffe gesorgt. Und die ganz persönliche Situation der jungen Maria mit ihrer Schwangerschaft und dem Notbräutigam Josef ist auch nicht ohne.
Aber dann – nach einer vermutlich wenig komfortablen Geburt – reißt buchstäblich der Himmel auf. Mitten in der verqueren Situation der kleinen Familie sind plötzlich andere Töne zu ahnen, zu hören – Engelschöre, die von Frieden singen. Und Leute aus ganz verschiedenen Milieus spüren die Ausstrahlung, die von dem Kind ausgeht, Könige und Hirten!
Die römische Besatzung war anschließend nicht weg, und Maria hatte kein einfaches Leben anschließend, aber was das neugeborene Kind einmal ausgelöst hat, das haben die, die dabei waren,  vermutlich nie wieder vergessen.
Insofern: Ein Streit macht Weihnachten nicht kaputt. Im Gegenteil! Mitten im Streit, wenn alle entnervt und überreizt sind, ist auch das andere da. Gott ist da. Ziemlich unscheinbar, in einem Baby. Aber unbestreitbar real.
Und: nicht totzukriegen!

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Die Türe fliegt auf und Mackenzie schaut in das strahlende Gesicht einer fülligen Afroamerikanerin.
So beschreibt der amerikanische Autor William Paul Young die Begegnung zwischen dem Familienvater Mackenzie (?) und Gott höchstpersönlich.
Mackenzie ist in der Krise. Und In den nächsten Tagen, die der Mittvierziger mit Gott verbringt, muss er noch sehr oft über seinen Schatten springen. Den Schatten seiner bisherigen Vorstellungen. Oder anders gesagt, er muss noch viel mehr Türen öffnen. Türen zu einem tieferen Verständnis von Gott, von Tod und Leben und wie alles zusammenhängt.
Am Ende des Buches ist es nicht mehr seltsam, sich Gott als farbige Mama vorzustellen oder den Heiligen Geist als Asiatin.
Wer das Buch 'die Hütte' liest, bekommt eine Ahnung davon, dass Gott nicht an bestimmte Gestalten gebunden ist, wenn er Menschen nah sein will. Noch nicht einmal an die Gestalt eines Neugeborenen in der Krippe. Obwohl das Jesuskind auf seine Weise ein echter Türöffner ist, wenn man sich mit Gott beschäftigen will: Ein größerer Unterschied ist kaum denkbar zwischen dem, was die meisten sich landläufig als mächtig vorstellen und einem neugeborenen Kind. Gott in einem Kind zu denken– das fordert uns heraus, unsere Vorstellungen von Macht neu zu denken.
Gottes Macht ist kräftig, weil sie auf Gewalt verzichtet. Gottes Macht setzt sich durch, wo wir uns davon berühren lassen. Wie von der Zartheit eines Kindes. Aber warum nicht auch wie von der Fürsorge einer Mutter. Warum nicht von einer fülligen Afroamerikanerin mit einem Herzen so groß wie die Welt.
Und ob nun weiß, farbig, männlich oder weiblich spielt dann tatsächlich keine Rolle mehr.

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Diese zarten Fingerchen. Und die feinen Ohren. So niedlich!
Tine hält ihr neugeborenes Baby im Arm. Es kräuselt seine Stupsnase im Schlaf und beim Ausatmen flimmern die Härchen auf seiner Oberlippe. Wir reden von selbst ganz leise. So ein Neugeborenes wirkt so zerbrechlich und schutzbedürftig.
Und obwohl wir in dem kleinen Linus das pralle Leben bestaunen, wird uns plötzlich sehr bewusst, dass jedes Leben sterblich ist. Mir fallen die alten Weihnachtsbilder ein, bei denen schon irgendein Balken im Stall auf das Kreuz hinweist. Das Kreuz, an dem dieser neugeborene Jesus einst sterben wird. Ja, denke ich und werde dabei ganz melancholisch: von Geburt an sind wir sterblich.
In meine Gedanken hinein sagt Christoph, der Vater: „Ein eigenes Kind zu bekommen, ist ein Bisschen wie selbst neu geboren werden – ich überlege schon die ganze Zeit, was in meinem Leben in Zukunft anders werden kann – oder muss. Mich steckt das richtig an- dieses neue Leben und die Möglichkeiten, die darin stecken!“
Stimmt, denke ich, Kreuz hin oder her – wir Menschen sind ja nicht nur und vor allem sterblich, sondern eben auch ‚geburtlich‘.
Wir können in jedem Alter etwas in unserem Leben ändern, uns neuen Herausforderungen stellen, Verletzungen heilen lassen, auf andere zugehen und uns ganz neue Lebensräume erschließen, neu werden.
Wir sind geburtlich bis zum Tod. Und, und das glaube ich ganz bestimmt, noch weit darüber hinaus.

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Ninja feiert Weihnachten dieses Jahr mal ganz anders. Sie trifft sich am Strand mit den anderen. Wer kann, wird Holz mitbringen – für ein Lagerfeuer. Ninjas Freundin Maria holt dann ihre Mundharmonika raus und spielt. Dazu singen dann alle. Die Lieder, die sie sonst in der Kirche singen. Gesungen haben.
Die Kirche ist weg.
Der Taifun im November hat sie zerstört. Und das meiste von Ninjas Dorf noch dazu.
Ninjas Familie ist auch nicht mehr komplett. Und all die anderen die zum Weihnachtsfest kommen – alle haben sie Angehörige und Freunde verloren.
Wie kann man da Weihnachten feiern?
Ninja antwortet auf diese Frage : Gerade jetzt! Wir feiern, dass Gott in einem Neugeborenen zur Welt gekommen ist.
Mir gibt das Hoffnung, dass wir auch einen Neuanfang geschenkt bekommen. Die Umstände unseres Festes, klar die sind traurig – aber bei der Geburt von Jesus vor 2000 Jahren war auch vieles schlimm.
Ich glaube, dass Gott uns nicht alleine lässt. Und wenn wir heute Abend hier am Strand diese Geburt feiern, dann sind wir ja auch nicht alleine. Wir feiern hier zusammen und gleichzeitig mit euch allen in der ganzen Welt, und ihr mit uns!
Ninja hat recht. Egal wie wir Weihnachten feiern - die Geburt Jesu verbindet uns mit Menschen auf der ganzen Welt. Auch mit Ninja und Maria auf den Philippinen.

Frohe Weihnachten!

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Herzen und Engelchen aus Mürbeteig gehören schon lange zur Advents- und Weihnachtszeit. Niemand findet es komisch, sich diese religiösen Symbole  ganz buchstäblich einzuverleiben. Und auch ein Biss in den Schokoladennikolaus verursacht in der Regel keine religiösen Gewissensbisse.
Aber ob wir uns auch an einen gekreuzigten Jesus in Ausstechervariante gewöhnen? Klassisch mit Schokostreuseln oder vielleicht doch lieber mit rosa Zuckerperlen…?
Die Keksform dazu gibt’s jedenfalls seit dieser Saison: Heiligs Blechle nennt die Firma ihre Austechform, mit der sich bequem und effizient viele viele Silhouetten von Jesus in Kreuzigungshaltung fabrizieren lassen. Provokation? Blasphemie? Werbegag?
Werbegag hin oder her – ich finde, die Idee ziemlich gut!
So habe ich in der Weihnachtszeit nicht nur das süße Kind in der Krippe vor Augen. Ich sehe auch gleich den Grund, weshalb wir dessen Geburt überhaupt so aufwändig feiern: erst mit Jesu Tod am Kreuz ist klar geworden, dass Gottes Liebe vor nichts zurückschreckt, nicht einmal vor dem Tod. Mit diesem Tod ist eine Grenze überschritten worden, damit uns unsere Grenzen nicht mehr schrecken. Damit uns der Tod nicht mehr schreckt. Damit uns unsere Schuld nicht mehr niederdrückt. Damit wir andere nicht mehr niederdrücken. Damit wir anderen verzeihen können.
Also, ich hätte keine Hemmungen Jesus am Kreuz als Plätzchen zu essen. Im Zweifelsfall könnte ich sie ja auch aufheben bis Ostern, da passt es dann allemal.
Aber so oder so: genießen Sie Ihre Plätzchen in jedweder Form – sie sind ein Zeichen dafür, dass es Gott gut mit uns meint.

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Gleich brennt die vierte Kerze am Adventskranz. Meine Tochter hält konzentriert und vorsichtig die Streichholzflamme an den Docht. Und sie schaut dabei konzentriert auf die Kerze bis sie wirklich brennt. Schön sieht sie aus, wie sie da steht. So ganz eins mit ihrer Aufgabe. Als ob sie selbst leuchten würde.
Ein chinesisches Sprichwort sagt: “Wer nur sich selbst anschaut, leuchtet nicht“. Wahrscheinlich ist Kerzenanzünden eine gute Übung zum Selberleuchten: da geht es nicht um mich, sondern nur darum, dass ich die Kerze zum Leuchten bringen. Wenn sich die kleine Flamme am Streichholz entzündet hat, muss ich sie rüber zum Docht bringen. Und das so, dass der Docht auch wirklich Feuer fängt und ich mir dabei nicht die Finger verbrenne.
Wahrscheinlich ist das das Geheimnis vom Menschen, die leuchten, Menschen, die Ausstrahlung haben, die andere mitreißen können. Sie konzentrieren sich ganz auf das, was es gerade braucht, oder was die und der andere gerade braucht. Und sie bleiben so lange dran, bis es ‚gezündet‘ hat, bis die anderen oder das Projekt ihrer Wahl auch ohne ihre Hilfe klar kommt.
Eine ehemalige Nachbarin von mir hat das auch so gemacht. Sie hat eine ältere Frau ein paar Häuser weiter regelmässig zum Tee getroffen. Als daraus immer häufiger ein Hilfsbesuch wurde hat sie ganz locker gesagt: nee, so geht das nicht. Ich will mich doch mit Ihnen unterhalten und nicht Ihre Hauswirtschafterin sein. Dann hat sie die Nachbarschaftshilfe angerufen und in Absprache mit jener Frau die nötigen Hilfsdienste organisiert. seither genießen die beiden wieder ihre gemeinsame Teestunde. Und sie hat sich bildlich gesprochen nicht die Finger verbrannt.
Wer nur sich selbst anschaut, leuchtet nicht – ich dreh das Sprichwort lieber um: wer sich für andere interessiert, beginnt zu leuchten. Nicht nur im Advent.

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