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SWR3 Gedanken

« O Heiland, reiß die Himmel auf. » Klingt brachial, dieses Adventslied. « Reiß ab vom Himmel Tür und Tor, reiß ab wo Schloss und Riegel vor. »

Dieses Adventslied beschreibt eine uralte Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Erlösung, nach Heil und Heilung, an Leib und Seele.

Die Adventslieder, die manche noch aus ihrer Kindheit kennen und manche vielleicht morgen in der Kirche singen, drücken diese tiefe Sehnsucht des Menschen aus: Nach einem Himmel, der offen ist, aus dem  „Erlösung fließt, auf die Erde regnet oder sich wie Tau auf die Welt legt“, wie es darin heißt.  Auf was warten denn die Menschen in der Adventszeit, wenn sie denn auf etwas warten? Wonach laufen sich die Menschen vor Weihnachten denn die Hacken ab? Warum machen sie es sich denn so kuschelig, so warm, so weich und so wattig in dieser Zeit? Nicht nur aus kitschiger Rührseligkeit und auch nicht nur um sich selbst zu beschenken dadurch dass man anderen eine Freude macht. Und auch nicht nur wegen dem Geld, trotz allem kommerziellen Weihnachtsrummel.

Ich denke, der ganze Advent samt Weihnachten ist im Innersten der  Ausdruck eines tiefen Wunsches. Des uralten Wunsches der Menschen ein Stück Himmel, ein wenig Wahrhaftigkeit und ein wenig Frieden zu erfahren. Einen Zipfel Göttliches in ihr schweres, schönes und begrenztes Leben zu bekommen.

« O Heiland reiß die Himmel auf, reiß ab vom Himmel Tür und Tor, reiß ab wo Schloss und Riegel vor.“ Klingt wirklich brachial. Aber die Sehnsucht ist auch groß.

 

 

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„Let him go“, lasst ihn gehen, titelten die Zeitungen Südafrikas vor einem halben Jahr als Nelson Mandela sterbenskrank in die Klinik eingeliefert wurde. Wenn man einen Menschen liebt, dann will man ihn nicht ziehen lassen, schon gar nicht endgültig aus dieser Welt. Die Menschen Südafrikas haben Nelson Mandela so sehr geliebt, dass sie ihn, der ihnen die Freiheit gebracht hatte, nun loslassen, freigeben wollten. Damit er erlöst wird von seinen Leiden am Ende seines langen Lebens. Ein Leben von globalem Einfluss, das nicht anders als groß und historisch bezeichnet werden kann. „Stimme Afrikas“ wird er genannt, „Held der Freiheit, Friedensstifter, Gigant der Gerechtigkeit. Große Ehrentitel, die versuchen einen wahrhaft großen Geist in Worte zu fassen. Ein Geist, der immer zur Versöhnung bereit war, der selbstbewusst war und vor allem frei von Angst. Ein berühmt gewordener Auszug aus seiner Antrittsrede als 1. Staatspräsident Südafrikas zeugt von diesem Geist. Und dieser Geist bleibt, auch wenn Nelson Mandela nun tot ist. Er sagte:
„Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind, unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind. Es ist unser Licht dass wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit. Wir fragen uns: ‚Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, begnadet, phantastisch sein darf?‘ Wer bist du denn es nicht zu sein? Du bist ein Kind Gottes. Wenn du dich klein machst, dient das der Welt nicht. Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn Du schrumpfst, damit andere um dich herum sich nicht verunsichert fühlen. Wir wurden geboren um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns ist. Sie ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in jedem Menschen. Und wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis dasselbe zu tun. Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreit haben, wird unsere Gegenwart ohne unser Zutun andere befreien.“

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Lieber Gott, mach’ mich zu dem Menschen, für den mein Hund mich schon hält.“ Ein tierisch gutes Gebet. Eine Hörerin hat es mir geschickt, mit dem Zusatz: Ich bin gespannt, ob es etwas mit Ihnen macht. Und ob! Wir hatten in unserer Familie zehn Jahre lang einen Hund und mit Freude erinnere ich mich an dieses treue und fröhliche Lebewesen. Und weil ich mir gern mal vorstellen möchte, was ein Hund von seinem Herrchen oder Frauchen denken könnte, wenn er denn denken könnte, versuche ich jetzt mal, mich in die liebevolle Schlichtheit eines Hundes hinein zu versetzen. Und zu schauen für welch wunderbaren Menschen mein Hund mich halten könnte. Für einen fürsorglichen Menschen beispielsweise, fleißig und pflichtbewusst, denn jeden Morgen bekommt er sein Freßchen, da kann er sich 150 prozentig darauf verlassen. Für klug und geschickt könnte er mich halten, denn er bekäme die Dose mit dem Futter ja nicht auf. Nicht einmal den Kühlschrank, Gott sei Dank! Für naturverbunden müsste mein Hund mich halten, denn bei jedem Wetter gehe ich mit ihm raus, zweimal täglich, mindestens. Kommunikativ könnte ich in seinen Ohren sein, denn ich rede oft mit ihm, meistens liebevoll wie zu einem Kind. Manchmal aber auch in kurzen, lauten Sätzen, vor allem, wenn er mal wieder abgehauen ist. Deswegen könnte er mich für streng halten, aber auch für großmütig, denn ich verzeih’ ihm ja immer. Und zärtlich, ja für zärtlich müsste er mich auch halten, denn was bekommt so ein Hund nicht alles an Streicheleinheiten. So viel, dass er wirklich meinen könnte, ich wäre ein zärtlicher, strenger, aber großzügiger, kommunikativer,  naturverbundener, geschickter, kluger, fleißiger, pflichtbewusster und fürsorglicher Mensch. Oh-mein-Gott, mach’ mich doch bitte nur ein wenig zu dem Menschen, für den (m)ein Hund mich halten könnte…

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"Wer Warten kann hat viel getan“, so eine Volksweisheit. Wie bitte? Warten heißt doch, dass ich passiv bin. Wo rumsitzen oder rum stehen muss und gerade nichts tun kann. Und da soll ich viel tun?  Aber vielleicht hat der Volksmund doch recht. Wenn er meint dass sich viel tut, wenn ich zur Ruhe komme. Das Wort Warten heißt ursprünglich „auf der Warte wohnen“. Also den Überblick bekommen, Ausschau halten und bewachen. Und „Warten“ hat von seinem Ursprung her noch eine zweite Bedeutung: Auf etwas achthaben, etwas pflegen. Das kenn ich. Wenn ich das Auto warten lasse. Geschieht aber das, was beim Auto selbstverständlich ist, bei mir denn auch regelmäßig? Lasse ich mein Leben auch regelmäßig „warten“? Die Adventszeit ist eine Gelegenheit dazu. Zu einer eine Art Kundendienst für die Seele. Den Motor mal ausstellen und checken was sich so tut an Leib und Seele, wo es nicht rund läuft, holpert oder gar Aussetzer gibt. Wenn ich das, was mich antreibt mal zur Ruhe kommen lasse, wenn ich mein Leben warten lasse, im doppelten Sinn warten lasse, dann kann sich mein Herz öffnen und mein Blick sich weiten. Dann kann ich achtsam werden. Achtsam – das könnte heißen verlangsamen, Dinge und Menschen wahrnehmen, anders wahrnehmen, neu wahrnehmen. Nicht im Vorbeirauschen, sondern mit Zeit. Achtsam, das könnte heißen hinschauen auf das, was ist, was wesentlich ist. Auf  die Körperhaltung eines Menschen, auf seine Ausstrahlung, auf seine Augen. Achtsam sein könnte hinhören heißen. Nicht nur auf das, was jemand sagt, sondern wie er es sagt. Auf die Zwischentöne achten. Und achtsam könnte schließlich auch heißen: Stiller werden. Still sein. Die innere und äußere Ruhe einmal aushalten oder genießen. Je nach dem.

 

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Es gibt Tage, da weiß man nicht mehr wo einem der Kopf steht. Tausend Stränge ziehen an dir, jeder will was von dir, der Haushalt will gemacht sein, die Kinder wollen versorgt sein oder im Job geht’s mal wieder drunter und drüber. Und wenn das zu lange geht, dann kann es sein, dass man schlechtgelaunt, leer, oder traurig wird. Da ist es gut jemanden in der Nähe zu haben, der versucht einem aus diesem Zustand raus zu helfen. Genau das habe ich in einem Brief gefunden, der über 900 Jahre alt ist. Ein guter Rat des Theologen Bernhard von Clairvaux an Papst Eugen III. Bernhard von Clairvaux war der Lehrer des Papstes. Und dieser Papst Eugen III. muss durch sein Amt dermaßen im Stress gewesen sein, dass ihm sein alter Lehrer folgenden Brief geschrieben hat:  

„Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen. Denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit dir. Ich fürchte, dass du, eingekeilt in deine zahlreichen Beschäftigungen keinen Ausweg mehr siehst und deshalb deine Stirn verhärtest…Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst an welchen Punkt. An den Punkt, wo das Herz hart wird. Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig du selbst nichts von dir haben? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit nur nicht dir selbst. Wer aber mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann er gut sein? Denke also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht, tu das immer, ich sage nicht, tu das oft, aber ich sage, tu das immer wieder einmal: Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.“

 

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“Eile hindert nicht den Tod und Bedächtigkeit hindert nicht das Leben.“ Noch mal zum Einsenken in Herz und Hirn: „Eile hindert nicht den Tod und Bedächtigkeit hindert nicht das Leben.“ Ein afrikanisches Sprichwort. Ja, in Afrika, da kann man so Sprüche noch machen, da lassen sich solche Lebensweisheiten ja auch noch leben, könnte man sagen – aber bei uns?

Bei uns auch! Gestern war der erste Advent. Die Adventszeit ist wie geschaffen dafür die Eile aus meinem Leben zu nehmen. Die Adventszeit ist eine Vorbereitungszeit. Auf Weihnachten natürlich, aber eine Schippe tiefer gegraben geht es erst mal um die Vorbereitung auf mich selbst. Auf meine Ankunft bei mir selbst. Ich kann nichts richtig feiern, Weihnachten oder was auch immer, wenn ich nicht bei mir bin, wenn ich nicht zur Ruhe komme, nicht zur mir selbst komme. Da kann ich mich auch nicht auf andere Menschen einlassen. Nicht mit ihnen zusammen sein oder gar feiern. Und wenn ich nicht bei mir selbst angekommen bin, dann kann ich schon gar nicht meine Fühler nach dem ganz anderen, dem Heiligen ausstrecken. Nach dem was an Weihnachten eigentlich gefeiert wird. Dass Gott Mensch geworden sein soll. Das ist schon im Kopf kaum auszuhalten und wie dann im Herzen, wenn das so voll oder hektisch betäubt ist? „Eile hindert nicht den Tod und Bedächtigkeit hindert nicht das Leben.“ Ein afrikanisches Sprichwort – wie geschaffen für den deutschen Advent. Denn was ich auch tu, mein Tun ist begrenzt. Aber wenn ich es bewusst und bedächtig tu, wird Leben daraus!

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1. Dezember, 1. Advent. Nicht oft treffen weltlicher und kirchlicher Kalender so genau aufeinander. Heute ist der erste Tag des letzten Monats in diesem Jahr und zugleich fängt die Vorweihnachtszeit an - der Advent.  Was steckt eigentlich hinter all dem vorweihnachtlichen Rummel und Stress? Advent heißt Ankunft. Die Adventszeit ist eigentlich eine Vorbereitungszeit. Auf Weihnachten natürlich, den Geburtstag Jesu, die alljährliche Feier der unvorstellbaren Vorstellung dass Gott Mensch geworden sein soll. Diese Vorbereitungszeit mit ihren schönen Gebräuchen und Symbolen kann mich auf wesentliche Dinge des Lebens zurückführen. Auf Geborgenheit, wenn ich mit Menschen im Warmen zusammensitze, während es draußen dunkel, kalt oder nass ist. Wenn ich nachdenke über mein ganz persönliches Leben jenseits aller Erfolgsbilanzen und Kaufkraft. Habe ich Freunde, denen ich Gutes tun kann, Arbeit, die mehr bringt als Geld und Sozialprestige? Und habe ich Zeit für mich selbst, und Fragen, die über das Sichtbare und Machbare hinausgehen? Und dann kann mich die Adventszeit auch noch an eine scheinbar altmodische Tugend erinnern: Das Warten-Können. Unsere Welt, in der so vieles sofort zu haben ist, wieder ein wenig zu entschleunigen, mich wieder einzuüben in die Geduld, das Gespür wieder zu bekommen, dass vieles Gute sich eben nur langsam entwickelt, vielleicht sogar so langsam wie ich mich auf Gott zu bewege: Schritt für Schritt.

 

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