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SWR3 Gedanken

Wenn ich meine Mutter besuche, weiß ich oft gar nicht, in welcher Welt sie gerade ist. Sie sitzt dann zwar vor mir, aber wir leben in verschiedenen Welten. Ich in dieser hier und sie in ihrer eigenen. Und zu der habe ich meistens keinen Zugang. Meine Mutter leidet an Demenz. Auch die Pflegekräfte, die sie tagtäglich betreuen, können ihr nur selten in ihre Welt folgen. Es sei denn, man findet einen Zugang. Bei meiner Mutter sind das manchmal Erinnerungen, die ihr noch präsent sind. An Orte ihres Lebens. An Verwandte oder Freunde. Manche sind längst verstorben. Wenn sich dann aber die Tür in ihre verschlossene Welt einen Spalt breit öffnet, dann ist manchmal sogar ein echtes Gespräch wieder möglich. Ein kurzer Austausch von Gedanken. Eine Brücke von meiner Welt in ihre.
Das mit dem Brückenbauen, so von Mensch zu Mensch, das ist oft gar nicht so leicht. Nicht nur bei Menschen, die schwer erkrankt sind. Geredet wird zwar unendlich viel. Vielleicht so viel wie nie zuvor. Aber echte Begegnung, so von Mensch zu Mensch, geschieht für mich erst da, wo zwei Menschen sich wirklich öffnen können. Wo sich gewissermaßen ihre Seelen berühren. Für mich sind das kostbare Momente. Genau genommen braucht es dazu gar nicht viel. Manchmal sogar nicht mal Worte. Nur tiefes Vertrauen. Die entscheidende Brücke, so von Mensch zu Mensch.

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Sechzig Kilogramm, so viel Fleisch isst jeder Deutsche pro Jahr. Jedenfalls sagt das die Statistik. Kein Wunder also, dass den Grünen die Idee mit einem Veggie-Day kam, einem fleischlosen Tag in der Woche. Der Aufschrei war groß, schließlich lassen wir uns heute nur noch ungern irgendwas vorschreiben. Wenn ich trotzdem auf Fleisch verzichte, tue ich das freiwillig. Warum auch immer. Ein Grund könnte aber sein, dass ich einfach gerechter leben will. Wollten nämlich alle Menschen auf der Welt so viel Fleisch essen wie wir, die Natur würde zusammenbrechen. So viel Fleisch für alle lässt sich gar nicht produzieren. Die Welt ist dafür schlicht zu klein. Ich kann also im Überfluß leben, weil andere wenig bis gar nichts haben. Gerecht ist das sicher nicht.
Das kleine Beispiel vom Fleisch lässt sich aber auch auf Anderes übertragen. Dass die Schätze der Erde begrenzt sind, wissen wir ja nicht erst seit gestern. Wenn sie aber für alle reichen sollen, muss was geschehen. Zum Beispiel weniger Überfluß bei mir, damit auch Andere eine Chance haben und zumindest ein bißchen besser leben können. Konkret kann das heißen, mal ganz bewusst zu verzichten. Leicht fällt das erst mal nicht.  Auch mir nicht.
„Gutes Leben für alle" heißt eine Aktion, die die Katholiken im Bistum Speyer nun gemeinsam mit dem Hilfswerk Misereor gestartet haben: Eine Einladung, mal darüber nachdenken, was für mich eigentlich ein „gutes Leben" bedeutet - und, ob das nicht vielleicht auch eine Nummer kleiner geht. Wegen der Schöpfung. Und wegen der Gerechtigkeit. Denn wer will, dass es gerechter zugeht, muss was dafür tun. Am besten zuerst bei sich selber.

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Kein einziger ist da! Wenn ich auf meinen Apfelbaum im Garten schaue, sehe ich zwar reichlich gelbe Blätter. Nur Äpfel sind keine da. Kein einziger. Eigentlich müsste er jetzt voll davon sein. Ein paar Tage Frost im Frühjahr waren wohl schuld. Mich verblüfft so was immer wieder. Ich lebe zwar in einer Umgebung, die von Hightech strotzt. Trotzdem bin ich noch immer abhängig von solch banalen Ereignissen. Ein paar Tage Frost zur falschen Zeit reichen aus, um meine ganze Apfelernte zu Nichte zu machen. Bei uns hier in der Pfalz leben noch etliche Menschen vom Weinbau. Eine Winzerin hat mir mal beschrieben, wie wichtig gerade das Wetter für die Qualität ihrer Weine ist. Sonne und Regen zur richtigen Zeit und am besten in der richtigen Dosis. Dinge, auf die sie keinen Einfluss hat, denen sie weitgehend ausgeliefert ist. Immer noch. Bis hin zum Risiko eines Totalausfalls. Wenn etwa ein schwerer Hagelschauer zur Unzeit kommt. Früher ist so was schnell zur Katastrophe geworden. Das Wetter entschied also wesentlich mit über Wohlstand oder Not.
Wenn man jetzt im Herbst durch die goldfarbenen Weinberge spaziert, trifft man immer wieder mal auf Wegkreuze. Manche schon ziemlich alt. Den Menschen, die sie aufgestellt haben, war völlig klar, wie abhängig sie sind. So sehr, dass sie auf  göttlichen Beistand von ganz oben hofften. Heute haben wir etliche Absicherungen, falls doch was schief geht. Meine Äpfel etwa, die kann ich zur Not ja auch auf dem Markt kaufen. Und doch bleibt da etwas, das ich nicht im Griff habe und wahrscheinlich nie haben werde. Und mit ihm die Frage, auf wen oder was ich heute noch hoffe.

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Ein Kollege und langjähriger Freund ist gestorben. Ganz plötzlich und ohne Vorwarnung. Vor einigen Wochen haben wir uns zuletzt gesehen und miteinander gesprochen. Unwillkürlich musste ich daran denken, wie wir uns damals verabschiedet haben. Eher im Vorbeigehen war das und ganz bestimmt nicht so, als ob es das letzte Mal wäre. Wer konnte das schon ahnen. Vielleicht hätten wir uns ja einfach nochmal umarmt. Ein letztes Mal. Richtig verabschieden von ihm konnte ich mich so nur noch auf dem Friedhof.
Die Geschichte hat mich aufmerksamer werden lassen. Das letzte Mal. Niemand kann mir sagen, wann das sein wird. „Du kennst weder Tag noch Stunde", heißt es in der Bibel. Manchmal geht das blitzschnell. Ein Unfall, ein Infarkt. Und dann? Wie oft haste ich aus dem Haus, weil ich es eilig habe. Rufe im besten Fall noch: „Ich bin dann weg" und verschwinde durch die Haustür. In ein paar Stunden bin ich ja eh wieder da. Meistens jedenfalls. Doch wenn nicht? Wer denkt schon gerne an so was. Ich jedenfalls nicht.
Seit dem Tod meines Freundes versuche ich zumindest, mich etwas bewusster zu verabschieden. Keine theatralischen Szenen, keine großen Worte. Eigentlich gar nicht viel anders als bisher. Nur bewusster, vielleicht auch herzlicher. Mit etwas, das den Anderen spüren lässt: Du bist mir wichtig, was immer auch kommen mag.

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Das Herz rast, kalter Schweiß bricht aus. Es ist meistens keine angenehme Situation, in der mir so was passiert. Etwa so wie an einem Abend vor einigen Jahren, als auf einem fast menschenleeren Platz plötzlich ein großer Hund auf mich zu gestürmt kam. Die Sache ging zum Glück glimpflich aus, für mich und den Hund. An die heftige Reaktion meines Körpers erinnere ich mich aber noch heute. Faszinierend daran finde ich, dass das ganz automatisch geschieht. Immer, wenn´s brenzlig wird. Wenn Gefahr im Verzug ist. Ein Erbe meiner Vorfahren, die sich vor Jahrtausenden noch mit Höhlenbären rumschlagen mussten.
Das Dumme ist nur, dass der Körper bis heute keinen Unterschied macht zwischen dem Höhlenbären von damals und dem brüllenden Chef von heute. Dem mobbenden Kollegen vom Nachbarbüro oder dem superwichtigen Projekt, das mir gerade im Nacken sitzt. All das macht nämlich mächtig Stress und mein Körper reagiert darauf immer gleich. Der Bär vor Jahrtausenden war bald wieder weg, der Stress im Job aber bleibt. Manchmal jahrelang. Und das macht krank. Denn dafür ist der Körper nicht konstruiert.
Sich entspannen, relaxen, selbst das funktioniert dann irgendwann nicht mehr. Auch das kenne ich leidvoll aus eigener Erfahrung. Dabei würde eine schlichte Regel schon viel helfen. Es müsste sich einfach nur jeder dran halten: Dem Andern nichts zuzumuten, was ich nicht auch selber will. Der Satz steht schon in der Bibel. Wahrscheinlich ist er sogar viel älter. Im Blick auf unsere Arbeitswirklichkeit heute mag er naiv klingen. Falsch ist er deshalb nicht. Denn den schlimmsten Stress, den machen wir uns gegenseitig.

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Wer „Vater Europas" genannt wird, muss schon was Besonderes sein. Den Politiker Robert Schuman haben sie so genannt. Dass ich heute wie selbstverständlich quer durch Europa reisen kann, habe ich auch ihm zu verdanken. Geboren in Luxemburg, als Student in Deutschland, dann Politiker in Frankreich.  Ein echter Europäer also. Vor allem aber: Ein großer Visionär. Als junger Mann erlebt er zwei blutige Weltkriege. Er will etwas dafür tun, dass so was in Europa nie wieder geschieht. Fünf Jahre nach Kriegsende veröffentlicht er seinen Plan. Darin beschreibt Schuman, wie er sich den Weg zu einem vereinten Europa vorstellt. Angesichts von Millionen Kriegstoten ein fast abenteuerliches Projekt. Doch er wirbt für seinen Traum mit unendlicher Geduld und Ausdauer. 1957 ist er tatsächlich am Ziel. In Rom werden die europäischen Verträge unterschrieben. Im Jahr darauf wird Robert Schuman wird der erste Präsident des Europäischen Parlaments.
Wer sich auf Schumans Spuren begibt, landet unweigerlich in Scy-Chazelles, einem kleinen Dorf nahe Metz. Sein schlichtes Haus mit dem idyllischen Garten liegt schräg gegenüber der Dorfkirche. Nicht von ungefähr. Schuman war nicht nur ein visionärer Politiker. Der bescheidene Mann war auch ein tief gläubiger Christ. Dass er sich so vehement für Frieden und Versöhnung engagiert hat, war für ihn untrennbar mit seinem Glauben verbunden. In seinem Haus in Scy-Chazelles ist Robert Schuman im September 1963 gestorben, fast genau vor 50 Jahren. Sein Grab liegt in der kleinen Dorfkirche, schräg gegenüber.

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Es gab Zeiten, da verkündete unser Pfarrer schon mal ziemlich unverhohlen von der Kanzel herab, was ein guter Christ zu wählen hat. Das ist zwar schon etliche Jahre her, aber eine Frechheit war es damals schon. Als ob es die eine Partei für Christen gäbe. Es gibt in fast allen Parteien Politiker, die sich offen zu ihrem Glauben bekennen. Das ist nicht wenig. Doch viel wichtiger ist mir, was sie denken und natürlich, was sie vorhaben in den nächsten Jahren. Ich jedenfalls möchte von der Politik nicht in Ruhe gelassen werden. Ich will wissen, wie es mit der Gerechtigkeit bei uns steht. Ich will wissen, wie Chancen verteilt werden und wie man eine Gesellschaft, die immer stärker auseinander fällt, trotzdem noch zusammenhalten kann. Weil es mir nicht egal ist, wie wir künftig zusammen leben wollen. Ein paar Antworten darauf habe ich in den vergangenen Wochen auch bekommen. Will ich sie beurteilen, brauche ich aber meinen eigenen Maßstab. Und da gehört mein Glaube an Gott für mich schon mit dazu. Natürlich ist Religion kein politisches Programm. Das will und kann sie gar nicht sein. Aber ein paar Maßstäbe kann sie mir eben schon anbieten für das, was mir persönlich wichtig ist. Denn als Christ bin ich überzeugt, dass wir eine Verantwortung haben. Nicht nur anderen Menschen gegenüber, sondern letztlich auch gegenüber Gott. Eine gute Wahl wünsche ich ihnen.

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