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SWR3 Gedanken

Ich bin seit Langem mal wieder mit auf einem Zeltlager. Vor allem freue ich mich auf das obligatorische Lagerfeuer am Abend und bin gespannt, ob es nach all den Jahren immer noch diesen Reiz für mich hat.

Um es vorweg zu nehmen: Ja, hat es. Und zwar aus mehreren Gründen.

Nach einem langen Lagertag, an dem wir viel gearbeitet und organisiert haben, ist so ein wärmendes Feuer genau das richtige. Der Kreis aus selbstgebauten Bänken um das Lagerfeuer zeigt, dass wir zusammengehören. Dass wir alle aus dem gleichen Grund da sind: den Kindern eine tolle Woche zu bieten.

Was mich besonders fasziniert: Am Lagerfeuer trauen sich immer alle zu singen. Egal ob Jungs oder Mädels, alt oder jung. Und vor allem ist es egal, ob wir richtig oder falsch singen. Die Klassiker kommen immer aus vollem Halse. Vor dieser Gemeinschaft braucht sich niemand zu verstecken. Die erträgt auch falsche Töne. Sie kommen ja schließlich von Herzen.
Das Zeltlager schafft auch andere Verbindungen: der Sportverein, die Trachtenkapelle, der Reitverein und die Kirche organisieren und finanzieren es gemeinsam.

Gemeinschaft trägt einfach. Und erträgt auch. Die falschen Töne der singenden Teenies zum Beispiel. Die schönen Abende rund ums Lagerfeuer waren für mich mal wieder ein Beweis dafür.

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Das mit dem „Duzen" und „Siezen" finde ich ganz schön kompliziert. Wem und wann biete ich jemandem das Du an? Mache ich das nur, weil alle per Du sind oder: wer ergreift die Initiative? Zum Beispiel wenn nicht ganz klar ist, wer der ältere ist. Und vor allem: wie macht man das geschickt? Geht das auch zwischen Tür und Angel oder muss ich dazu ein Glas Sekt trinken? Und was mache ich, wenn der andere ablehnt? Ich sag ja, ganz schön kompliziert.

In einem Punkt bin ich allerdings ganz sicher. Das „Du" muss was mit Sympathie zu tun haben. Ich mache das nur, wenn ich jemanden nett finde und es irgendwie eine gute Beziehung zwischen uns gibt.

In einem Punkt bin ich allerdings ganz sicher. Das „Du" muss was mit Sympathie zu tun haben. Ich mache das nur, wenn ich jemanden nett finde und es irgendwie eine gute Beziehung zwischen uns gibt. 

Bei Gott ist die Sache für mich da ganz klar. Gott spreche ich mit DU an. Ganz am Anfang der Bibel steht der Schöpfungsbericht. Da geht es nicht um einen historischen Tatsachenbericht, sondern um ein Loblied auf Gott, weil alles so gut zusammen passt. Und das aus Sicht der Menschen der damaligen Zeit, Jahrtausende vor uns.

Mich spricht dieser Schöpfungsbericht immer wieder an. Denn es heißt darin, dass wir als Abbilder Gottes geschaffen worden sind, als seine Ebenbilder. In jedem von uns steckt also etwas Göttliches. Das ist für mich als Mensch großartig und bedeutet, dass ich Gott auf Augenhöhe begegnen kann. Und dass ich ihn deshalb natürlich auch mit DU ansprechen kann. Ich bin überzeugt von einem freundschaftlichen Gott, der die Beziehung zu mir als Mensch will. Weil ich ja sein Ebenbild bin. Da brauche ich nicht lang zu überlegen, ob mit oder ohne Sekt, ob er zuerst oder ich.

Gott ist für mich einfach ein DU. Und dieses DU beruht ehrlich auf Sympathie.

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Beim Bummeln in Frankfurt ist mir etwas total Abgefahrenes passiert: Ich bin mit meinem Freund Wilfried durch die Innenstadt gelaufen. Wilfried muss dabei wohl ziemlich griesgrämig ausgesehen haben. Lustlos hat er in die Schaufenster geschaut. Plötzlich kommt ein Inder auf ihn zu und schaut ihm direkt in die Augen. Dann legt er seinen Zeigefinger zwischen Wilfrieds Augenbrauen und sagt: „Du bist glücklich!" Wilfried muss augenblicklich lachen.
Er geht nämlich mit sehr ernstem Gesicht durch die Welt. Das kenne ich von mir auch. Wenn ich mich unbeobachtet fühle oder konzentriert bin, schaue ich wohl auch sehr böse. Erst vor Kurzem hat mich ein Freund angesprochen und mich gefragt, ob er mir was getan hätte. Ich würde so finster schauen. Dabei geht es mir eigentlich ganz gut. Ich könnte auch freundlicher schauen, lächeln.
Insofern hat der Inder auf der Straße in Frankfurt vollkommen Recht. Wilfried zieht an diesem Tag weiter und lächelt dabei.
Auch noch, als er später in einem Café seinen indischen Bekannten wieder trifft. Diesmal sind keine Worte nötig. Ein kurzer Blick und alles ist gesagt: du bist glücklich!

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Heute ist der 11. September. Wahrscheinlich wird nie wieder ein Jahr vergehen, ohne dass ich an diesem Tag die beiden Flugzeuge und das einstürzende World Trade Center vor Augen habe. Und es wird wohl nie einen 11. September geben, an dem ich verstehen kann, was da 2001 passiert ist.

In den katholischen Kirchen wird in diesen Tagen ein Text aus dem Brief von Paulus an die Gemeinde in Kolossae gelesen. Es geht darin um eine Vision, wie wir Menschen friedlich zusammen leben können.

Paulus schreibt, dass die Gemeindemitglieder alles sein lassen sollen, was sie an einem friedlichen Zusammenleben hindert: zum Beispiel Zorn oder Herziehen über die anderen.

Paulus beschreibt in dieser Hinsicht Jesus als großes Vorbild: er hat sich denen zugewendet, die unterdrückt und ausgegrenzt waren. Und gerade so hat Jesus alle Unterschiede aufgehoben, die Menschen machen. Für ihn war es egal, ob jemand aus Griechenland oder aus Israel kam. Es war ihm egal, ob jemand Geld hatte oder nicht. Es war ihm sogar egal, welche Religion jemand hatte.

Das sind große Worte. Es gibt allerdings einige Projekte, in denen dieses friedliche Zusammenleben im Kleinen schon klappt. Bei uns in der Stadt gibt es zum Beispiel ein Hip Hop-Projekt, in dem einheimische Jugendliche und Ausländer zusammen tanzen. Und das so erfolgreich, dass sie gerade sogar Weltmeister geworden sind.

Vielleicht ist so eine Aktion nur ein kleines Mosaiksteinchen. Aber ich glaube, solche kleinen Schritte sind nötig, um dem 11. September 2001 etwas entgegenzusetzen.

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Ich bin einkaufen bei der Metzgerei meines Vertrauens. Mit der Chefin gibt es immer was zu erzählen. So auch dieses Mal. Es geht um die Beerdigungen, die ich in der letzten Zeit gehalten habe. Plötzlich sagt sie: „Frau Vering, Sie sind 'n guter Kerl. Sie kommen bestimmt mal in den Himmel."

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich glaube, eigentlich wollte sie einfach sagen „Mensch Frau Vering, Sie machen einen guten Job, das wird nicht umsonst sein und ich freue mich darüber." Aber der Ausdruck „Sie sind 'n guter Kerl. Sie kommen bestimmt mal in den Himmel." lässt mich gleichzeitig schmunzeln und gerührt sein.

Die Szene ist mir lange nachgegangen. Ich glaube, ich weiß auch warum: es tut richtig gut, sowas gesagt zu bekommen. Vor allem an der Fleischtheke, wo ich am wenigsten damit rechne.

Das hat mir mal wieder gezeigt, dass ich gar nicht nach besonders schön klingenden und hochtrabenden Worten suchen muss, um was Einfaches zu sagen. Wenn ich jemanden loben will oder ihm was Gutes sagen möchte, reicht schon ein ehrliches: „Du bist 'n guter Kerl. Du kommst bestimmt mal in den Himmel."

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Bei einem Gottesdienst im Freiburger Münster kam es zu einem interessanten und auch amüsanten Zwischenfall. Der Gottesdienst wird von einem angetrunkenen Mann unterbrochen. Bevor er aus der Kirche gebracht wird, ruft er noch: „Kümmert Euch um Gott, und zeigt das auch."

Der Gottesdienst war der Abschluss einer kirchlichen Versammlung. Dabei ging es darum, die Kirche zukunftsfähig zu machen. Viele Leute haben vier Tage lang kreative Ideen gesammelt und sie dem Bischof anschließend überreicht.

„Kümmert Euch um Gott, und zeigt das auch." Einen besseren Schlusssatz zu so einem Treffen hätte ich auch nicht finden können. 

Sich um Gott kümmern und es zeigen, das geht heute in der Kirche oft unter. Ich kenne das von mir selbst. Ich arbeite bei der Kirche und oft genug geht es da um organisatorischen Kram und Verwaltung. Oder es gibt viele Angebote für Leute, die in ihrem Glauben schon sehr gefestigt sind. Richtig Farbe bekennen muss ich da eher selten. Und dann dieser Satz: „Kümmert Euch um Gott, und zeigt das auch."

Vor einiger Zeit gab es dann doch eine Situation, in der ich zeigen musste, dass es mir auch um Gott geht. Nach einer Beerdigung hat mich eine junge Frau angesprochen und mich gefragt, ob ich das eigentlich wirklich glaube, was ich da erzählt habe. Auch ihr Vater ist vor einigen Monaten gestorben und sie weiß nicht, was sie glauben soll. Schnell waren wir in einem tiefen Gespräch über das, was wir hoffen und auch das, was wirklich schwierig am Glauben ist.

Ich finde, darum muss es gehen. Was ist Dir wichtig? Was glaubst Du und was auch nicht? 

„Kümmert Euch um Gott, und zeigt das auch." Das hat der Betrunkene ins Münster gebrüllt. Irgendwie hat er Recht: Für mich ist das der beste Satz, um mich selbst und die Kirche in Richtung Zukunft zu bringen.

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Die Hochzeit von meinen Freunden Sabine und Holger war ein richtig schöner Tag. Tolles Wetter, ein glückliches Paar und feines Essen. Am meisten hängen geblieben ist mir aber ein Satz aus dem Gottesdienst. In der Predigt hat der Pfarrer gesagt: „Ihr seid aneinander geworden, was Ihr seid." Klingt kompliziert, ist aber ein sehr schöner Gedanke für mich: Am anderen werden, was ich bin. Man könnte auch sagen: Mein Partner holt das Beste aus mir raus. Ich entwickle mich durch ihn weiter und zwar in eine gute Richtung.

Natürlich kann ich den Satz auch falsch auffassen. So als ob ich mich aufgebe oder als ob ich vorher nichts gewesen wäre und erst jetzt in der Partnerschaft was wert bin. Aber so habe ich das nicht verstanden. 

Ich hab die ganze Zeit meine eigene Beziehung vor Augen gehabt. Und ich kann den Satz bestätigen. Ich bin zusammen mit meinem Partner immer mehr zu dem geworden, was ich bin. Er hat mich darin unterstützt, das zu verstärken, was ich ganz gut an mir finde. Er hat mich zum Beispiel davon überzeugt eine Fortbildung zu machen, bei der ich lange unsicher war. Im Nachhinein war es genau die richtige Entscheidung und die Fortbildung bringt mich echt weiter. Andererseits hält mein Mann mir immer wieder den Spiegel vor, wenn ich Mist baue. Das Ganze geht also sicher nicht ohne Meinungsverschiedenheiten. Aber die grundsätzliche Richtung, die geht nach vorne: das weiter entwickeln, was gut ist.

Mir ist klar, dass das eine Idealvorstellung ist. Das klappt nicht immer. Oft genug müssen Paare sich trennen, weil sie am anderen leiden und eben immer weniger zu dem werden, was sie sind.

Umso wichtiger also ist der Wunsch für das Hochzeitspaar Sabine und Holger dass sie sich unterstützen und füreinander da sind - und dass es so bleibt.

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