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SWR3 Gedanken

Nima kommt aus dem Iran.
Er ist evangelisch und dort hat er sich engagiert
für Tierschutz, denn die muslimische Regierung
hat eine Kampagne entfacht,
die das öffentliche Leben frei halten soll,
von unreinen Tieren.
Gemeint sind insbesondere Hunde.
Es ist verboten mit Hunden zu leben.
Es ist verboten mit Hunden spazieren zu gehen.
Die Tiere werden eingefangen und auf gruselige Weise getötet.
Alle wissen, wer mit einem Hund erwischt wird, wird schwer bestraft.
Inzwischen wird auch auf Katzen Jagd gemacht.
Nima hat versucht Tiere zu retten.
Aber vor allem auch auf die Absurdität aufmerksam zu machen,
als könnten Katzen und Hunde Staatsfeinde sein
Oder als wären alle Hundeliebhaber Dissidenten.
Wer nachdenkt versteht, dass die Regierung versucht,
von anderen Problemen abzulenken.
Dann kam der Anruf seiner Mutter auf der Arbeit:
Die Polizei hatte sein Zimmer durchsucht. Er musste untertauchen.
Auch die Freunde mit denen er zusammengearbeitet hatte,
mussten sich verstecken. Nima ist aus dem Iran geflüchtet.
Vier Tage stand er zwischen zwei Wänden eines LKW.
Wann er wieder zurückkann, weiß er nicht.
Er hat schnell deutsch gelernt, er arbeitet und engagiert sich
in der evangelisch-iranischen Gemeinde in Mannheim
aber auch in der Vesperkirche hilft er mit.
Aber der Iran ist seine Heimat,
dort will er leben
und wer soll sonst dort die Tiere vor der Politik retten?
Für mich ist er einer,
der ganz protestantisch lebt aus dem Satz des Apostels Paulus:
Zur Freiheit hat euch Christus befreit, steht aufrecht!
Lasst euch nicht wieder unterjochen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15962

Migrationserstberatung. So heißt das,
wenn jemand von irgendwo nach Deutschland kommt
und nichts weiß davon,
welche Unterstützung sie oder er bekommen kann,
aber auch nichts davon, was alles eine und einer leisten muss
und auf welche Behörden man gehen muss
um sich zu melden, um arbeiten zu dürfen,
und vielleicht einen Deutschkurs zu bekommen.
Und so kommen täglich Menschen mit ganz unterschiedlichen Sorgen
in die Beratungsstelle der Diakonie bei uns in Mannheim.
Oft haben sie eine schwierige Flucht hinter sich,
sind erschöpft und traumatisiert.
Die Mitarbeiterin hört zu und erklärt
und wenn nötig und möglich
sucht sie jemand, der die Leute begleiten kann
auf ihren schwierigen Wegen zu den Ämtern und Behörden.
Und manchmal passiert etwas, wie hier bei uns vor wenigen Wochen:
Da kommt eine Frau aus  Syrien. Sie weint.
Sie hat von ihrer Familie erfahren:
Mit zehn Personen waren die auf einem Schiff unterwegs
auf der Flucht von Syrien über die Türkei nach Griechenland.
Alle sind ertrunken. Auch die schwangere Cousine.
Keine Behörde kann da mehr helfen.
Kerzen stehen jetzt in unserer Kirche auf dem Altar.
Sie erinnern an die zehn Verstorbenen.
Und erinnern uns auch an die Tausenden von Menschen
die im Mittelmeer jedes Jahr sterben.
Weil sie auf ein anderes Leben hoffen.
Weil sie fliehen vor Hunger und Leid und Krieg und Verfolgung,
vor Diktatoren und ihren Schergen.
Übers Meer müssen sie, weil Europa zu ist.
Eine Festung der Hartherzigkeit.
Im Libanon sind über 700.000 Flüchtlinge aus Syrien
In der Türkei über 400.000, noch mehr in Jordanien.
In ganz Europa dagegen nur einige 10.000.
Obwohl vielfach schon syrische Angehörige hier sind
ist es fast unmöglich VISA für die Einreise zu bekommen.
„Es soll keiner verloren gehen!"
sagt Jesus - aber ich kann und will mich nicht trösten lassen
allein damit, dass die Flüchtlinge in Gott neues Leben finden.
Vielleicht gelingt es doch noch, Türen zu öffnen,
für einige die Hilfe suchen und Leben zu retten
in diesem reichen Land.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15961

Konstantin ist aufgewachsen in glücklichen Tagen,
Ein Bauernhof, seine Eltern waren Wolgadeutsche.
Als er 15 ist, ist Krieg, der Vater wird erschossen.
Haus und Hof werden der Familie genommen
Die Kinder von der Mutter getrennt, die nimmt sich das Leben.
Jeder kann froh sein,
der den Hunger und die Bedrängnisse unter Stalin überlebt.
In diesen Jahren nach dem 2. Weltkrieg
verliebt er sich in eine Jüdin.
Das ist nicht leicht. Er muss sich dauernd melden.
Sie muss verbergen wer und was sie ist.
Dennoch: sie heiraten und bekommen Kinder.
Sie leben in Taschkent, einer muslimischen Stadt,
aber in dieser Zeit ist Religion sowieso verboten.
Er ist ein schöner Mann,
voller Humor und Charme. Er liebt seine Familie und ist erfolgreich.
Auch wenn er nicht die Ausbildung machen konnte,
die er gewollt hätte, er kann so vieles, eine Autorität unter den Kollegen.
Dann aber bricht die UDSSR zusammen.
Im Nachbarstaat geht ein Bürgerkrieg los.
Angst macht sich breit, Afghanistan ist direkt nebenan.
Da flieht die Familie nach Deutschland.
Alles haben sie aufgegeben und wenig ist zu finden.
Auch die Kinder fassen nur schwer Fuß.
Gott ist ihm abhandengekommen.
Er versteht nicht, wieso der so viel Leid zulassen konnte:
Das Leid seines Volkes, der Wolgadeutschen
und das Leid des Volkes seiner Frau, der Juden.
Ein wenig ist er wie Hiob, so viel hat er verloren.
Für seine Frau aber ist da wieder eine Heimat
in der jüdischen Gemeinde, bis sie stirbt.
Nun ist auch er tot.
Die Trauer der Familie ist maßlos
Doch das allerletzte Kapitel würdigt dieses Leben:
Auf jüdischen Friedhöfen gibt es einen besonderen Bereich,
denen vorbehalten, die Juden bewahrt und gerettet haben,
den Gerechten, da liegt er nun.
Im Psalm heißt es:
Denn er wird ewiglich bleiben,
der Gerechte wird nimmermehr vergessen Ps 112, 6

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15960

Wir stehen in Sarajewo vor einem Denkmal
Unsere Begleiter erklären es uns:
Es ist das Denkmal für die in Sarajewo während der Belagerung
getöteten Kinder. Eine große Schale aus Beton,
in der Mitte eine Art Flamme aus Glas.
Aus ihr strömt Wasser und ergießt sich in die Schale
Die ist so niedrig, dass die kleinen Kinder, die vorbeikommen,
sofort freudig ins Wasser patschen.
Im Zement sind Spuren von Kinderfüßen zu sehen.
Und neben der großen Wasserschale sind Rollen aufgestellt
Wie Gebetsmühlen
Man kann sie drehen, als wäre es ein Spiel.
Auf diesen Rollen sind sie nachzulesen, die Namen und Lebensdaten
der über 1600 Kinder, die in den drei Jahren der Belagerung starben
Manche waren schon 15, andere 8
Manche kein Jahr alt.
„Sie haben die Säuglingsstation bombardiert, gleich am Anfang"
erklärt einer und eine Frau meint: „schau das sind meine Nichten und Neffen,
waren aus dem Kellerversteck herausgekommen,
nur eine Minute wollten sie die Sonne sehen."
Es ist als wäre es gestern geschehen.
20 Jahre ist es her, dass in dieser Stadt Kinder getötet wurden.
Der Imam meint: „Wir mussten solange kämpfen bis wir diese Denkmäler bekamen. Sie meinen wir seien Tiere und unsere Toten uns egal
Als sollten sie nicht nur tot sondern einfach weg sein."
Ein anderer bittet mich: Kannst du bissl beten.
Wir beten zusammen. Worte, die aus der Verzweiflung und der Sprachlosigkeit kommen und sich nach Frieden ausstrecken.
Und wie so oft in diesen Tagen
auf dieser Reise durch Bosnien.
Frieden, der ist hier noch immer nicht selbstverständlich.
Frieden ist hier eine Sehnsucht
und eine Hoffnung, die keinen loslässt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15959

Die Koffer sind erst halb ausgepackt,
die erste Waschmaschine läuft,
da geht schon das Telefon:
dringende Unterschriften, bitte sofort ins Büro!
Das Internet geht nicht, Kommunikationsdesaster.
Lauter Notfälle - bitte ruf an, bitte kümmere dich...
und dabei: nach dem Urlaub ist ja das Herz noch so weit und so weich
von der erlebten schönen Zeit.
Coolness und Routine sind mir etwas abhandengekommen.
Wie schön wenn alle mal nicht so cool sind,
wie schön wenn Begegnungen anders laufen,
weil alles anders nahe geht,
Herzen die Drachenhaut abgestreift haben.
Vielleicht hält es nicht lang,
dass der Arzt sich wirklich Zeit nimmt all den Sorgen zuzuhören
Und versucht zu begreifen, wie es der kranken Frau mit ihrer Familie geht.
Vielleicht bleibt das nicht so,
dass die Verkäuferin versucht genau zu verstehen,
was ihr Kunde sucht und ihn freundlichst berät.
Vielleicht haben die Lehrerinnen und Lehrer
nicht lange wirklich Lust auf ihre Schülerinnen und Schüler.
Vielleicht geht mir nicht jede Beerdigung dieses Jahr
so zu Herzen wie die jetzt.
Vielleicht dauert es nicht lang
Bis alle wieder zu ihrer sogenannten Professionalität zurückkehren
wo sie geschützt davor sind, dass ihnen etwas zu nahe geht.
Ich jedenfalls liebe diese Zeit
Und seien es nur wenige Tage
oder ein paar Wochen
in der das Gegenteil von Coolness eingeübt wird.
Der Apostel Paulus muss das auch gekannt haben.
Diese Zeiten, in denen man weniger funktioniert,
sondern mit ganzer Seele und ganzem Herzen
dabei ist, in dem was wir tun.
Einmal schreibt er:
Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens! (Eph1, 18)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15958

Die Berge waren herrlich
Und jeder Schritt eine Befreiung von der Schreibtischexistenz.
Das Meer war wunderbar und dieses Blau!
Und bei jedem Wind anders und neu
Die Luft so klar in Hinterpommern
Und die Landschaft so weit und diese Stille!
Die Hügel in der Toscana
geschmückt mit Pinien und Zypressen,
die stehen als wollten sie unsereins den aufrechten Gang lehren.
Und das Licht im Süden so freundlich
und alle sehen schön aus.
Und der Wein ist tiefrot und duftet nach Kirschen
Alle sehen so schön aus nach den Ferien, finde ich,
aufrechter und fröhlicher, fit und ausgeruht und voller neuer Ideen.
Die Kinder haben vergessen, wie Schule geht
und sich in Langeweile und faulenzen
und anderen Kunststückchen geübt.
Und die Freunde haben endlich mal wieder Zeit füreinander
gehabt, Gespräche bis tief in die Nacht.
Kinder und Tanten und Großeltern
und der Liebste und die Liebste haben
Zeit zum Streiten gehabt und zum zueinander finden.
Blödsinn miteinander machen, lesen, spielen, rumhängen,
aufbrechen an den Strand, in den Wald
oder doch lieber noch schlafen.
Vormittagsschlaf, Strandschlaf, Mittagsschlaf. Herrlich!
Ich habe den halben Sommer damit zugebracht Synonyme
für „herrlich" zu finden. Wie zum Beispiel:
köstlich und hinreißend und wunderschön, bezaubernd
faszinierend, inspirierend, und: schon wieder so lecker!
Und jetzt bleibt uns eins:
all die geschenkten Herrlichkeiten
retten und bewahren und mitnehmen in die Zeit, die kommt.
Ich versuche das so:
immer wieder mal zwischendrin faulenzen üben und eine Herrlichkeit entdecken mitten in der Stadt, bei der Arbeit, auf dem Weg zur Schule.
Wo auch immer.
Da heißt es in einem Psalm so herrlich:
Gottes Güte reicht, soweit der Himmel ist
Und seine Wahrheit, so weit die Wolken gehen! Ps 36, 6

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15957

Sonntagmorgen. Ich bin mit dem Fahrrad auf dem Weg
vielleicht zum Gottesdienst.
Es ist die einzige Zeit, in der die Stadt wirklich still ist.
Kein Kran piepst und kein Presslufthammer hämmert.
Kein Pendlerverkehr, keine Einkaufshungrigen
kaum ein Auto, schon gar keins mit lauter Musik.
Noch kein Streit auf der Straße. Keiner brüllt.
Leise rauscht ein städtisches Reinigungsfahrzeug vorbei
freundlich lächelnd grüßt der Fahrer.
Und auf einmal sind sie zu hören
Die Grillen, die hier wohnen und der Falke auf dem Turm.
Die letzten Mauersegler kurz vor Abflug.
Ein summendes Kind mit Brötchentüte.
Ich liebe diese Momente.
Da schenkt der Sonntag der Stadt ein anderes Gesicht
und ich freue mich immer darüber
dass das Heilige, das Kostbare des Sonntags
auch in dieser Stadt so stark zu spüren ist,
obwohl sie nicht besonders christlich ist.
Heilig heißt für mich: da ist etwas herausgeschnitten aus dem Alltäglichen.
Heilig hat nix zu schaffen mit Kommerz und Gewinn und Ökonomie.
Das Heilige - das ist eine Gegenwelt, die etwas spüren lässt
von dem, was wir geschenkt bekommen. Was Gott allen Menschen schenkt
- egal an was und ob sie überhaupt glauben.
Ich spüre es, wenn ich am Sonntagmorgen durch die Stadt laufe
und dieses Geschenk allen ein Lächeln ins Gesicht zaubert
Auch den Wohnsitzlosen,
die schon wieder aus ihrem Heim mussten
grüßen und wünschen mir schönes Arbeiten,
die wissen ich bin auf dem Weg zum Gottesdienst.
Der Sonntag ist ein Schatz der Freiheit
Gott hat ihn uns geschenkt
Die Juden haben ihn uns gelehrt
Sie begehen diesen Tag an dem alles anders als sonst ist
Einen Tag vor den Christen - am Samstag, dem Sabbath.
Die Stille des Sonntagsmorgens.
Wenn ich mit dem Fahrrad zum Gottesdienst fahre, ist es für mich,
als würde der Stadt eine Maske abgenommen.
Auf einmal ist sie nicht mehr wild und laut, sie ist sanft und freundlich.
Gott hat geruht nach sechs Tagen Arbeit
Und wir können das auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15956