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SWR3 Gedanken

„Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz." Super Spruch. Steht in der Bibel. Aber nicht nur dort. Wer Glück hatte, konnte ihn auch auf seinem Klopapier finden. Nicht bei uns. Aber in Skandinavien. Für einen kurzen Zeitraum konnten dort Besucher des stillen Örtchens über ihrem Klopapier meditieren. Weil ein namhafter finnischer Toilettenpapierhersteller seine Produkte mit Bibelsprüchen bedruckt hatte.
Ein Sturm der Empörung brach los. Nicht nur Kirchenleute fühlten sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Und die finnische Firma zog flugs ihr Produkt wieder ab vom Markt und entschuldigte sich aufrichtig. Im Rahmen einer Produktlinie mit lustigen Sprüchen, seien die Bibelworte versehentlich auf den anrüchigen Rollen gelandet. Liebe und Freude habe man verbreiten wollen, aber sicher keine religiösen Botschaften.
Seitdem ich diese Nachricht gelesen habe, betrachte ich mein Klopapier mit anderen Augen. Meines ist eindeutig wertneutral. Blümchen in blau zieren die weißen Rollen. Und in der Regel achte ich darauf, dass ein Umweltsiegel die Packung ziert. Aber das war's dann auch schon mit den weltanschaulichen Ansprüchen. Würde es mich verletzen, wenn Jesus zu mir auf der Toilette spricht?
Nun ja. Der Gipfel guten Geschmacks ist das religiöse Klopapier sicher nicht. Andererseits verbringe ich viel Zeit da, wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht. Und am Urinal folgen Kaiser und Bettler demselben menschlichen Grundbedürfnis. Alles in allem ist das stille Örtchen tatsächlich ein Ort von Stille, von Erleichterung, von Reinigung. Es gibt schlechtere Orte, um über wirklich wichtige Dinge nachzudenken.
Und letztendlich nehme ich die Finnen beim Wort: Liebe und Freude haben sie verbreiten wollen, aber sicher keine religiösen Botschaften. Meine religiösen Botschaften stecken voller Liebe und Freude. Wie zum Beispiel die: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz." Das ist doch nun wirklich ein Satz, bei dem es um Liebe und Freude geht. Und darüber kann ich nachdenken, wo auch immer ich bin. In der Kirche und in der Küche. Und womöglich sogar auf der Toilette. Warum nicht?

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Heute ist der „Internationale Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung". Vor genau 222 Jahren brach in Haiti ein Aufstand der farbigen Bevölkerung gegen die weiße Oberschicht aus, der schließlich dort zur Aufhebung der Sklaverei führte. Und dies wiederum war den Vereinten Nationen Anlass, den heutigen Tag zum Gedenktag auszurufen. Zumal die Welt inzwischen offiziell sklavenfrei ist. 1980 hob Mauretanien als letztes Land der Erde seine Sklavereigesetze auf.
Auf dem Papier gibt es also seit über dreißig Jahren keine Sklaven mehr. Das soll mal einer dem Hausmädchen im heutigen Haiti erzählen, das keinerlei Rechte hat. Oder der jungen Frau in Kambodscha, die in ein Bordell verkauft wurde. Oder Federico aus Angola, der seine Kindheit als Soldat verbracht hat. Oder Hong aus China, der als Wanderarbeiter Geld verdienen wollte, das er nie bekommt.
Und eigentlich muss ja nur vor die eigene Haustür gehen, um moderner Sklaverei zu begegnen. Die rumänische Frau, die jeden Tag in der Fußgängerzone bettelt, wird von ihrem Drücker morgens abgeladen und abends eingesammelt. Ihr Geld kassiert jemand anders, ihr bleibt eine schäbige Matratze und minderwertige Nahrung.
Heute ist der „Internationale Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung". Mag sein, dass Sklaverei auf dem Papier nicht mehr existiert, aber die Welt ist voll von Menschen, deren Würde und Rechte mit Füßen getreten werden. Mit Erinnern ist es also nicht getan. Im Gegenteil. Vielleicht sollte dieser Tag einen Gedanken darüber wert sein, dass manche Rechte nicht das Papier wert sind, auf dem sie stehen.
Das Hausmädchen in Haiti kann ich nicht retten, noch nicht einmal die rumänische Bettlerin. Aber vielleicht es ein erster Schritt, mich zu erinnern. Nicht an die Abschaffung der Sklaverei. Aber daran, dass nach Gottes Willen einem jeden Menschen ein menschenwürdiges Leben zusteht.

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Ich war ungefähr zwölf, als ich ihn verloren habe. Meinen Blinddarm. Er war nicht entzündet, er war nur gereizt. Aber da ihn sowieso keiner braucht, war ich schnell unter dem Messer. Und seitdem habe ich ihn los, den Blinddarm. Diesen Blindgänger unter den Organen.
Dabei ist der Blinddarm gar kein Blindgänger. Mittlerweile haben Forscher herausgefunden, dass dieses ach so nutzlose Organ durchaus seinen Sinn hat. Der Blinddarm spielt eine wichtige Rolle in unserem Immunsystem. Wenn er weg ist, bricht das zwar nicht zusammen, tut sich aber im Falle einer Infektion weit schwerer. Von wegen sinnloser Wurmfortsatz.
Als solchen stufte Darwin den Blinddarm ein. Der vertrat die These, dass im Laufe der Evolution so manches in unserem Körper seinen Sinn verloren hat, aber halt immer noch da ist. Als eine Art Appendix. Der Blinddarm, die Mandeln, das Steißbein, die Milz. Das alles ist nun einmal da. Aber wenn es fehlt, fehlt eigentlich nach Darwin nichts. Tut es aber doch.
Kürzlich war eine Frau mittleren Alters bei mir. Irgendwann einmal hat sie studiert, hat sehr erfolgreich einen Beruf ausgeübt. Aber durch verschiedene Ereignisse ist sie psychisch schwer krank geworden. Sie ist ein hochinteressanter und auch liebenswerter Mensch. Aber sie hält auch eine Menge Menschen in Atem, kann nichts mehr leisten, kostet die Gesellschaft ein Heidengeld. Ist sie so eine Art gesellschaftlicher Appendix?
In der Bibel vergleicht der Apostel Paulus menschliche Gemeinschaft mit einem Körper. Alles an diesem Körper hat seinen Sinn, jeder hat seinen Platz, niemand ist überflüssig. Ob Herz oder Lunge, ob Milz oder Blinddarm. Und diese Weisheit teile ich lieber als die von Darwin. Denn sie sagt mir: Nichts und niemand ist überflüssig. Jeder ist ein Teil des Systems, hat seinen Platz, ist auf seine Weise wichtig. Und was für unseren Körper gilt, gilt erst recht für unsere Gesellschaft.

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Letztes Jahr war ich mit meiner Tochter in einem Hotel im Schwäbischen. Mitten im Niemandsland ein Haus mit ein paar Betten. Am ersten Abend sitzen wir auf dem Balkon. Irgendetwas ist merkwürdig. Ich brauche eine Weile, bis ich weiß, was so anders ist. Es ist still. Es ist einfach nur still. Ein paar Geräusche aus Wald und Feld. Das war's.
Meine Welt ist selten still. Am Tag sowieso. Menschenstimmen, Motorenlärm, Flugzeuge am Himmel, Handyklingeln, Kinderweinen, Baustellengeräusche. Selbst nachts ist meine Welt nicht lautlos. Das Rauschen der nahen Autobahn, ein einparkendes Auto in der Nachbarschaft, scherzende Nachtschwärmer. Geräusche über Geräusche, die ich gar nicht mehr bewusst wahrnehme.
Auf jenem Balkon in einem Hotel im Schwäbischen mitten im Niemandsland fällt mir das auf. Wie sehr meine Ohren daran gewöhnt sind, dauerbeschallt zu werden. So sehr, dass mich die Stille in den ersten Tagen fast ein bisschen nervös macht. Aber irgendwann spüre ich den Wert der Stille. Meine Ohren erholen sich. Und mit ihnen meine Seele.
An der Geräuschkulisse meines Alltags lässt sich wenig ändern. Aber seit jenem Urlaub mache ich ab und an Urlaub von der Geräuschkulisse. Und zwar mitten im Alltag. Dann setze ich mich in unsere Kirche. Die dicken Mauern sind wie eine Art Schallschutz. Wenn überhaupt, dann dringen die Geräusche nur gedämpft von draußen in den Innenraum. Und dann sitze ich da und gönne meine Ohren und meiner Seele die Stille.
„Der Raum des Geistes, dort, wo er seine Flügel öffnen kann, das ist die Stille." Dieser Satz stammt von dem französischen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Manchmal, manchmal, wenn ich diese paar Minuten in der Kirchenbank die Stille genieße, begreife ich, was er meint. Versuchen Sie's doch mal. Lassen Sie sich ein auf ein paar Minuten Stille. Kann unter Umständen erholsamer sein als drei Wochen Cluburlaub.

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Im Internet habe ich eine Geschichte gefunden, die mir richtig gut gefallen hat. Vielleicht gefällt sie Ihnen auch? Sie geht so:
Da ist eine Frau unheilbar krank, hat nur noch wenige Monate zu leben. Bevor es ans Sterben geht, bespricht sie mit ihrem Pfarrer alles, was ihr für die Beerdigung wichtig ist. Die Blumen, die Texte, die Lieder. Als der Pfarrer schon am Gehen ist, schlägt sie sich plötzlich an den Kopf und sagt: „Fast hätte ich's vergessen. Ich will im Sarg einen kleinen Löffel in meiner rechten Hand halten."
Der Pfarrer ist einigermaßen verdutzt. Was will sie mit einem kleinen Löffel? „Ganz einfach", erklärt die Frau. „Ich war im Leben sehr oft zum Essen eingeladen. Und meistens lag oben an meinem Teller ein kleiner Löffel. Und der sagte mir: Spar dir ein wenig Appetit auf. Denn nach all den Köstlichkeiten kommt am Schluss noch etwas viel Besseres."
Langsam begreift der Pfarrer. „Die Leute, die mich im Sarg sehen", fährt die Frau fort, „sollen den kleinen Löffel sehen und sich wundern. Und dann sollen Sie Ihnen sagen: Denkt an den kleinen Löffel - das Beste steht noch aus."
Und genau so geschieht es. Bei der Beerdigung wundern sich viele über den kleinen Löffel und fragen nach. Und jedes Mal wieder sagt der Pfarrer seinen Spruch: „Denken Sie an den kleinen Löffel - das Beste steht noch aus." Manche schütteln den Kopf, manchen huscht ein Lächeln übers Gesicht. Aber jeder sieht Eisbomben, Torten oder Schokoladenpudding vor seinem geistigen Auge.
Und wer weiß? Vielleicht hat der kleine Löffel im Sarg ja Recht: Das Leben bietet viele Köstlichkeiten. Aber wenn wir den Löffel des Lebens abgeben, steht das Beste vielleicht wirklich noch aus. Vielleicht ist diese Welt das Hauptgericht, aber die Ewigkeit liefert das Dessert. In diesem Sinne: Genießen Sie das Hauptgericht Leben. Aber denken Sie an den kleinen Löffel!

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Irgendwie ist der Ranzen größer als meine Tochter. Oder kommt mir das nur so vor? Sie geht jetzt in die zweite Klasse. Heute ist ihr erster Schultag in einer neuen Schule. Wir haben viele neue Bücher gekauft, Hefte beschriftet, Stifte gespitzt. Alles ist bereit. Damit sie all das lernen kann, was so wichtig ist. Lesen, Schreiben, Rechnen.
In Rheinland-Pfalz beginnt heute die Schule. Tausende von Schülern und Schülerinnen haben heute Morgen ihre Ranzen und Taschen geschultert und beginnen ein neues Schuljahr. Tausende von Eltern sehen ihnen nach und fragen sich, was dieses Jahr wohl bringen mag. Wieder eine Fünf in Mathe und eine Eins in Sport? Die erste Liebe auf dem Schulhof oder Mobbing-Momente voller Tränen? Lehrer, vor denen man den Hut zieht, oder solche, deren Berufswahl man partout nicht verstehen kann?
Auch ich sehe meiner Tochter nach, wie sie Richtung Schule marschiert. Mit ihrem großen Ranzen. Und dem noch größeren Kloß im Magen. Denn es geht ja nicht nur darum, ob sie Lesen und Schreiben und Rechnen lernt. Es geht um so viel mehr. Es geht um Freundschaft und Heimat und Anerkennung.
Und genau deswegen habe ich ihr einen kleinen Engel ins Mäppchen gepackt. Der wird nicht dafür sorgen, dass sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernt. Das muss die Emma schon selber erledigen. Der soll auch nicht ihr Freund sein. Da wäre es mir schon lieber, wenn sie welche aus Fleisch und Blut findet.
Aber wenn irgendetwas nicht so läuft, wie es soll, wenn die Erfolge ausbleiben, wenn Tränen fließen, wenn unfreundliche Worte kommen und der Schulhof vielleicht doch einmal ein großer und einsamer Ort ist, dann schlägt die Stunde des kleinen Engels mit seiner Botschaft. Und die lautet:
Du bist und bleibst ein geliebtes Kind. Und das kann dir keiner nehmen. Du wirst Fehler machen und Niederlagen einstecken. Aber genau dann ist es wichtig, dass du eines weißt: Du kannst schon was und du bist schon wer. Auf dich passt einer auf: mit sieben oder mit siebzehn oder mit siebzig.

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Unsere Kinder sind dem Computer verfallen. Ganz besonders lieben sie ein Spiel, das „Minecraft" heißt. In diesem Spiel kann man Welten bauen. Eine bestimmte Auswahl an Werkstoffen steht zur Verfügung, der Rest ist Phantasie, ein geübter Umgang mit Maus und Tastatur. Und fertig ist die Welt.
Jedes Mal, wenn ich die flinken Finger unserer Kinder beobachte, wenn sie Blöcke zu Türmen arrangieren und Wiesen mit Kühen bestücken, frage ich mich, ob Gott einen ähnlichen Spaß daran gehabt hat. Eine Welt zu bauen.
Der hat eine unendliche Auswahl an Werkstoffen zur Verfügung und verfügt über eine unendliche Phantasie. Das erklärt denn wohl auch, warum es so etwas wie das Schnabeltier gibt oder den kuriosen Nachbarn. Das erklärt die Vielfalt an Blumen und Bäumen, Tieren und Menschen. Tausende von Arten in Flora und Fauna. Davon können die Macher von „Minecraft" nur träumen.
„Minecraft" kann man übrigens auch im Multi-Player-Status spielen. Und mit der Welt ist das wohl auch so. Mit anderen Worten: Gott hat sie gebaut, und seit Jahrtausenden bauen wir mit. Wir arrangieren Blöcke zu Türmen und bestücken Wiesen mit Kühen. Wir bauen Straßen und spannen Brücken übers Wasser. Wir bauen so unglaublich mit, dass wir manchmal sogar vergessen, dass es gar nicht nur unsere Welt ist, sondern Gottes Welt.
Unsere Kinder sind da übrigens superempfindlich. Wenn irgendeiner in ihrer Welt herumpfuscht, gibt es Streit und Tränen. So eine Welt ist ein Kunstwerk, in dem stundenlange Arbeit steckt. In Gottes Welt steckt jahrtausendelange Arbeit. Wie mag der manchmal sauer sein, wenn in seiner wohldurchdachten Schöpfung herumgepfuscht wird?
Achten wir das Schnabeltier und den kuriosen Nachbarn, die Vielfalt in Flora und Fauna. Arrangieren wir Blöcke zu menschenfreundlichen Türmen und bestücken wir Wiesen mit glücklichen Kühen. Bauen wir in Verantwortung an Gottes Welt mit. Nicht mit Maus und Tastatur, aber mit Herz und Verstand.

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