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SWR3 Gedanken

Herr B. hat verraten, dass seine Behörde jahrelang Statistiken gefälscht hat. Das habe ich in einem Interview im Radio erfahren, wo mehrere sogenannte Whistleblower zu Wort kamen.

Irgendwann konnte Herr B. es nicht mehr mittragen, dass er bei einem Betrug mitmischt. Zuerst hat er seinen Vorgesetzten darauf angesprochen, als der nicht reagiert hat, hat er es der Presse weiter gegeben.
Herr B. ist dann irgendwann von seinem Beruf weg gegangen. Er selbst sagt, er wurde weggemobbt.
In der Sache, wurde ihm Jahre später Recht gegeben. Seinen Job war er trotzdem los.

In der Bibel wird davor gewarnt, sich mit dem, was im Dunkeln passiert gemein zu machen. Im Gegenteil: Es ist gut und tut gut, wenn etwas ans Licht kommt! Erst wenn etwas auf dem Tisch liegt, kann es auch wirklich bearbeitet werden. Das gilt für Straftaten genauso, wie für die kleinen und großen Fehler in unserem Leben, die uns Probleme machen.

Noch mehr: An einer Stelle heißt es: Alles was aufgedeckt wird, wird vom Licht durchleuchtet. (Eph 5, 13) Ich verstehe das so: Was ich vielleicht im Geheimen halten wollte, weil es mir peinlich, unangenehm oder einfach falsch und verkehrt war, bekommt eine andere, eine positive Dimension, wenn ich es ans Licht bringe. Es wird nicht nur beleuchtet, es leuchtet plötzlich selbst. 

Für mich heißt das: Wir können nur davon profitieren, wenn Menschen wie Herr B..die Dinge, die im Verborgenen gehalten werden, öffentlich gemacht werden. Das tut nicht nur denen gut, die unter der Geheimniskrämerei leiden, sondern es tut der ganzen Gesellschaft gut. Deshalb bin ich dankbar für das, was Herr B. gemacht hat und finde, er sollte nicht bestraft, sondern geschützt werden.

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Ann-Kathrin, Carolin und Bernd haben die Carmina Burana getanzt. Die Carmina Burana ist das bekannteste Werk des deutschen Komponisten Carl Orff. Kein Ballett, sondern ein Stück für Chor und Orchester und trotzdem haben es die drei getanzt.

Das Besondere daran war: Carolin ist in der fünften Klasse eines Gymnasiums, Ann-Kathrin besucht die Abschlussklasse der Förderschule und Bernd ist geistig behindert und lebt und arbeitet in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. 

Die Carmina Burana  von Welzheim war ein Projekt, bei dem eben Menschen mit und ohne Behinderung getanzt haben. Wenn Menschen mit und ohne Behinderung etwas gemeinsam tun, dann nennt man das inzwischen in der Fachsprache: Inklusion! 

Aber das Beste an dieser fulminanten Aufführung war: Ich habe nie gedacht, dass ich jetzt ein Experiment der Inklusion anschaue. Es war kein Projekt für und von oder mit Menschen mit Behinderung, sondern es war einfach eine getanzte Carmina Burana. Mit einem erstklassigen Orchester und einem erstklassigen Chor auf einer riesigen Bühne. Und keiner hätte fehlen dürfen. Weder die professionellen Tänzer noch die Schüler aus den verschiedenen Schularten und auch nicht die Jungs in ihren Rollstühlen. Und Ann-Kathrin, Carolin und Bernd natürlich auch nicht. 

Ich bin immer noch ganz begeistert und als Christ kommt für mich zum Ausdruck, was mich auch wichtig ist: Niemand ist unnötig. Gott hat uns alle gewollt und begabt und jeder Mensch kann andern etwas schenken, ob nun mit oder ohne Behinderung. Darum wünsche ich mir noch mehr solche Projekte, dass man das dann auch sehen und erleben kann.

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Meine Friseurin frage ich immer nach ihren Eltern in Griechenland. Sie selbst ist in Deutschland aufgewachsen, ihre Eltern sind aber irgendwann zurück. Ich freue mich darüber sozusagen aus erster Hand Informationen aus Griechenland zu bekommen.

Ihren Eltern, sagt sie dann, denen geht es gut, sie haben ja eine Bäckerei und Brot braucht man immer. 

Aber die anderen in der Familie und im Bekanntenkreis, denen geht es schlecht. Viele sind seit Monaten arbeitslos und es zeigt sich keine Besserung. Und dann tauchen diese Menschen bei ihren Eltern auf in der Bäckerei und betteln um Brot vom Vortag. Geld um sich welches zu kaufen haben sie nicht. 

Für mich heißt das: Wenn es Spitz auf Knopf steht, reduziert sich ganz viel auf das tägliche Brot. Und mir wird klar, wir wichtig es ist, dass im Vaterunser  steht: Unser tägliches Brot gib uns heute.

Das ist eben etwas ganz grundsätzliches, das tägliche Brot. Es gibt viele Sorgen und Probleme, die wir jeden Tag haben, aber wenn ich die Geschichten aus Griechenland höre und im Vaterunser um das tägliche Brot bitte, merke ich doch, dass vieles was mich beschäftigt relativ unbedeutend ist. Brot haben oder nicht haben, darum geht es für viele Menschen in Griechenland. 

Deshalb bin ich dankbar, dass mir meine Friseurin von ihren Eltern und deren Erlebnisse erzählt: Ich werde in zweierlei Hinsicht geerdet: Was die Berichterstattung über Griechenland angeht und was meine eigenen Sorgen angeht.

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Geheiratet wird immer noch. Auch wenn viele Ehen geschieden werden. 2011 betrug die Scheidungsquote 49,6 Prozent. Trotzdem: Gerade auch Jugendliche erzählen mir: Die Ehe ist ein gutes Modell. Und weil es ein gutes Modell ist, werden wir in der Kirche bei Trauungen immer noch gefragt: Wollt ihr zusammenbleiben, bis dass der Tod euch scheidet!

Solange ich Pfarrer bin, habe ich immer wieder in den Traugesprächen diesen Satz hinterfragt. Keiner hat sich dagegen gesträubt ihn zu bejahen. Alle waren sich klar - das soll lebenslang sein. Auch Scheidungskinder haben dieses Ideal im Kopf.

Und trotzdem scheitern natürlich Ehen. Auch solche, die ich gesegnet habe.. Da sind - in den paar Jahren kurzen Zeit - schon wieder welche in die Brüche gegangen.  Aber ich halte fest an diesem Satz, weil ich glaube, dass es Menschen gut tut, wenn sie ein Leben lang durch Höhen und Tiefen zusammen sind. Es ist ein gutes Lebenskonzept. In der Kirche sagen wir, dass es von Gott so gewollt ist.

Lebt ein Paar in Trennung oder trägt es sich mit dem Gedanken, zeigt sich oft der ganze Schmerz über dieses gute, aber auch hohe Lebensziel. Die Betroffenen gehen in aller Regel durch die Hölle. Es mag seriell monogame Menschen geben, die nur einen Lebensabschnittsgefährten suchen und sich auch schnell wieder scheiden lassen. . Ich bin ihnen noch nicht begegnet. Dafür begegne ich Menschen, die unter der Trennung leiden und zerbrochen sind. Manche trauen einem Partner dann gar nicht mehr und würden nie wieder heiraten. Andere wagen den Schritt noch einmal und heiraten ein zweites mal. Und wieder werden sie gefragt: Wollt ihr zusammenbleiben, bis dass der Tod euch scheidet!

Ich kann das auch ein zweites Mal fragen, denn wenn ich es richtig verstehe, dann findet der Gott der Bibel Neuanfänge richtig gut. Er fördert sie und gibt deshalb seinen Segen auch dafür. Und als Pfarrer mache ich das dann auch gerne.

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Wenn Paul McCartney „Hope of deliverance" singt, sollen schon Menschen verstanden haben: Hau auf die Leberwurst! „Hope of deliverance" „Hau auf die Leberwurst". Wenn man es singt, versteht man diesen Verhörer noch besser. Und er ist witzig.

Vollkommen unwitzig ist es, wenn die Kommunikation überhaupt nicht klappt. Weil jeder etwas anderes verstehen will oder den anderen nicht verstehen kann.  Ich habe mal eine rote Hose geschenkt bekommen, obwohl ich vorher ausdrücklich gesagt habe, dass ich keine rote Hose haben möchte. Da die Person allerdings rote Hosen damals toll fand, bekam ich sie trotzdem. Sie hatte meine Abneigung gegen die rote Hose einfach nicht gehört. Und ich bin geneigt ihr das zu glauben. Weil wir manchmal auf einem oder sogar beiden Ohren taub sind.

Offensichtlich ist das ein uraltes Phänomen und schon vor dreitausend wussten die Menschen, dass Kommunikation nicht immer klappt. Und wenn sie klappt, dann ist das wie der Himmel auf Erden. Über Gottes Wort heißt es darum mal an einer Stelle: „Das Wort wird das bewirken, wozu ich es ausgesprochen habe." (Jes 55, 11)

Ach ja, das wäre schön, wenn wir uns immer genau so verstehen würden, dass auch genau das ankommt, was wir sagen.

Mir sagt das: Miteinander sprechen ist schwieriger, als man sich das vielleicht so vorstellt. Und miteinander sprechen heißt offenbar vor allem: Aufeinander hören. Damit das Wort auch wirklich das bewirkt, wozu es gesprochen wurde. Dann versteht man eben nicht mehr „Hau auf die Leberwurst", sondern „Hope of Deliverance": Und Das heißt dann nämlich: Hoffnung auf Erlösung! Erlösung von Missverständnissen wär' ja schon mal was. 

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Sitzenbleiben ist kein Spaß, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ausgerechnet die dritte Klasse habe ich wiederholt. Wer sitzenbleibt, zumal wenn er sich noch richtig angestrengt hat, kommt sich blöd vor. Und es ist furchtbar die alten Klassenkameraden nicht mehr um sich zu haben. Man fühlt sich schnell als Versager.  Wobei, dieses Etikett, "Versager", bekommt man vielleicht nicht einmal von anderen, aber man selbst gibt sich dieses Etikett schnell. Sitzenbleiben passiert ja auch nicht von jetzt auf nachher. Es ist eine lange Leidensgeschichte, die dahinter steckt.

Aus heutiger Sicht allerdings, hat es mir geholfen. Es war amtlich, es ist vorbei. Das hat mir einiges an Druck genommen, die Ferien waren dann eigentlich relativ entspannt. Und: Ich kann heute eben sehr gut nachvollziehen, wie das ist, wenn man auf diese Weise versagt. Das ist meine kleine Geschichte.

Viel größer ist die biblische Geschichte von einem Versager. Ausgerechnet der größte Versager wird von Jesus als Fels bezeichnet, auf den er seine Gemeinde bauen will, nämlich Petrus. Er hat Jesus verraten obwohl er vorher geschworen hatte, er würde das nicht tun. Hat er dann doch aus Angst.

Ich stelle mir vor, Petrus ist seit dem mit Versagern anders umgegangen, weil er eben weiß, wie das ist. Und weil Jesus ihm das Versagen nicht zum Vorwurf gemacht hat, kann er sich auch selbst irgendwann verzeihen.

Sitzenbleiben und Versagen überhaupt ist kein Spaß, das ist immer noch so. Aber wenn man sich die Geschichten von Versagern mal anschaut, kann einen das vielleicht ein wenig trösten und Hoffnung geben, dass es nochmal ganz anders wird.

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"kreatives Verlaufen" so nenne ich meine Methode, fremde Orte und Menschen kennenzulernen. Sie ist sehr einfach: Ohne Plan durch die Gegend laufen, dabei die Augen offen halten und sich nicht zu schade sein fremde Menschen  anzusprechen.

So habe ich schon oft entdeckt, wo man lecker essen kann, habe schon Galerien mit skurriler Kunst gefunden die kürzeste Strecke von der Jugendherberge zur S-Bahn. Zugegeben diesen Weg hätte ich mit einem Blick auf dem Stadtplan schneller gefunden.

Aber das wichtigste, finde ich, sind ja die Menschen, denen ich begegne. So habe ich schon ein verliebtes Paar in Elektrorollstühlen kennengelernt, ein paar schwedische Jungs, die Autos überführt haben oder einem Mann, der technische Zeichungen für Erfinder macht. Wusste ich auch vorher nicht, dass es sowas gibt.

Kreatives Verlaufen heißt für mich: Kennenlernen und nicht ein schlichtes von A nach B kommen. Mit anderen Worten: Der Weg ist das Ziel.

Für manche ist dieser Spruch ja eine Ausrede, dass sie niemals ankommen und auch niemals irgendwo ankommen müssen. Ich finde, dann haben sie ihn falsch verstanden. Denn der Weg ist erst das Ziel, wenn ich aus dem Weg etwas mache, wenn ich den Weg und mich besser kennenlerne. Menschen, die pilgern, die kennen das gut. Der Weg verändert die Menschen und die Menschen verändern den Weg. So gesehen, ist „kreatives Verlaufen" die kleine Form des Pilgerns. Um einen Ort, die Menschen und sich selbst kennenzulernen.

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