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SWR3 Gedanken

In den nächsten Wochen werde ich genüsslich ein paar vermeintliche Todsünden begehen. Ich werde nämlich faul mit einem Glas Wein auf der Terrasse sitzen, einfach nichts tun und mich auch noch gut dabei fühlen. Trägheit und Müßiggang. In der christlichen Tradition gilt das als eine der sieben Todsünden und angeblich ja auch als aller Laster Anfang. Irgendwie scheint das ziemlich tief in uns drin zu stecken: Wer scheinbar faul da sitzt, steht schnell im Verdacht, ein Schmarotzer und Leistungsverweigerer zu sein. Ein Dorn im Auge der Leistungsgesellschaft. Nichts zu tun zu haben geht einfach nicht. Wenn doch, dann muss ich es mir vorher auf jeden Fall so hart wie möglich verdient haben. Besonders schlimm ist das für all jene, die zum Nichtstun verdammt sind. Weil sie keine Arbeit haben, keine Aufgabe, keine Perspektive.
Ich merke ja selber, wie oft ich insgeheim eine Rechtfertigung dafür suche, dass ich gerade nichts tue. Selbst im Urlaub brauche ich manchmal erst einige Tage, bis ich es wirklich genießen kann. Bis ich morgens einfach nicht daran denke, was alles noch unerledigt geblieben ist. Dabei muss freie, unverplante Lebenszeit gar nicht verdient werden. Ich kann sie ja auch als ein Gottesgeschenk sehen, über das ich verfügen darf und dass ich hoffentlich genießen kann: Einfach nichts tun zu müssen. Geschenkte Zeit zu haben, für mich, für ein Buch, ein Gespräch, ein Glas Wein. Kurz: Zeit zum Leben. Manchmal muss man das erst mal wieder lernen und eine Todsünde ist es ganz sicher nicht

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Es ist ein irritierendes Bild, das da vier Wochen lang in Köln zu sehen war. Ein Mann kniet auf der Straße. In andächtiger Haltung, den Kopf gesenkt, kniet er da auf dem Pflaster der New Yorker Wall Street, direkt vor dem berühmten Gebäude der Börse.
Zlatko Kopljar heißt der Mann. Ein Künstler aus Bosnien, der mit seinen Fotos irritieren will. Das geschäftige Treiben vor der Börse und der in sich versunkene Mann auf dem Pflaster. Sie passen einfach nicht zusammen, denn seine Haltung ist es, die irritiert. Sich auf den Boden zu knien ist ein tief beeindruckendes Zeichen. Ich mache mich ja freiwillig klein, erniedrige mich. Eine Geste der Demut, vielleicht sogar der stillen Anbetung.
Aber hier? Ein demütiger Kniefall vor der Welt des Kapitals? Die Anbetung des Dow-Jones-Index? Slatko Kopljar lässt die Antwort offen. Er kniete sich auch vor dem Weißen Haus in Washington, dem Parlamentsgebäude in Peking und anderen bedeutsamen Orten. Die Bilder sind nicht minder irritierend und vielleicht gerade dadurch entlarvend. Die Aktion lässt sich schließlich beliebig weiterdenken. Warum also nicht auch ein Kniefall vor dem Apple-Store, der Shoppingmall, der Fußballarena, dem Vatikan? Und dann?
Vor Gott niederzuknien ist immer weniger angesagt. Fragt sich nur, vor wem oder was ich stattdessen heute in die Knie gehe?

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Kennen sie das auch? Sie treffen jemanden, den sie noch nie zuvor gesehen haben und haben sofort eine Meinung über ihn. Zack, Schublade auf, Person rein, Schublade zu. Ich jedenfalls ertappe mich immer wieder dabei, und zwar rasend schnell. Nur wenige Sekunden reichen dafür, sagen die Psychologen. Das Aussehen, die Stimme, das Auftreten. All das entscheidet blitzschnell über sympathisch oder unsympathisch. Und dieser Schnellcheck ist angeblich verblüffend genau. Ganz oft hält unser erster Eindruck nämlich auch einer längeren Begegnung stand. Aber eben nur fast.
So, wie bei Dieter, den ich vor langer Zeit in meiner Gemeinde traf. Ein Kotzbrocken. Das stand für mich nach den ersten Sekunden fest. Leicht ungepflegtes Äußeres, laute Stimme und so eine rotzig nassforsche Art, die gar nicht meine ist. Eindeutig nicht mein Fall, der Kerl. Zack, Schublade zu! Im Laufe der Zeit sind wir uns dann immer wieder mal auf kirchlichen Veranstaltungen begegnet, sind auch ins Gespräch gekommen. Irgendwann wurden die Gespräche dann persönlicher und tiefer. Und da habe ich dann einen ganz anderen Dieter kennengelernt. Einen tiefsinnigen und auch sensiblen Menschen. Von wegen Kotzbrocken. Still und leise habe ich mich geschämt für meine Schublade und bin seither vorsichtiger geworden. Den ersten Eindruck habe ich natürlich immer noch, nach ein paar Sekunden. Aber er ist mir nicht mehr ganz so wichtig. Inzwischen lasse ich mir auch nochmal Zeit für einen zweiten.

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Kritik tut weh. Zu hören: „Das ist Mist, was du da gemacht hast", kann schon ziemlich am Selbstbewußtsein kratzen. Kein Wunder also, wenn so viele Menschen bei Kritik empfindlich und dünnhäutig reagieren. Manchmal sogar aggressiv. Kritik versetzt mir auch jedes Mal einen kleinen Stich mitten in die Seele. Sie stellt mich in Frage. Zwingt mich, nochmal genauer hinzuschauen, besser nachzudenken. Schön ist das nicht.
Ich höre nämlich auch viel lieber Lob und Streicheleinheiten. Die gehen schließlich runter wie Honig und massieren das Ego. Doch wenn ich eines Tages nur noch hören sollte, was für ein toller Hecht ich bin, werde ich hoffentlich misstrauisch. Sonst glaube ich das irgendwann nämlich selber und wäre damit ziemlich arm dran. Denn wer nur noch gebauchpinselt wird, wird irgendwann immun gegen jede Kritik. Eine Gefahr, in der all die superwichtigen VIPs stehen. Menschlich ist sowas ein Desaster. Ohne den Spiegel, den mir die Anderen immer wieder mal vorhalten geht's einfach nicht. Auch wenn´s nicht schön ist und manchmal weh tut. Nicht umsonst soll im antiken Rom der siegreiche Feldherr immer einen Sklaven bei sich gehabt haben. Der musste ihm im größten Triumph ins Ohr flüstern: Denk dran, dass du auch nur sterblich ist. Du bist nicht anders als alle hier.
Eines allerdings habe ich mir zu Eigen gemacht, wenn ich andere kritisiere: Kritik hilft eben nur, wenn sie nicht verletzend, herabwürdigend oder beleidigend daher kommt. Wenn sie den Anderen wertschätzt und noch Platz für Entwicklungen lässt. Und genau das wünsche ich mir ja schließlich von dem, den ich kritisiere.

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„Immer nur lächeln und immer vergnügt". Ein echter Operettenklassiker ist das. Das Lied ist zwar fast hundert Jahre alt, könnte aber auch aus einem Workshop für Stewardessen oder Servicemitarbeiter stammen. Denn was das Lied besingt, kennen viele Leute in Serviceberufen. Immer schön lächeln und so tun, als sei man vergnügt. Nicht ungefährlich, denn wer das ständig machen muss, obwohl es nicht passt, wird krank.
Doch die meisten von uns mögen es nun mal angelächelt zu werden. Unfreundliche und muffelige Zeitgenossen treffe ich schließlich oft genug. Ich mag es ja auch, wenn man mir im Laden freundlich einen guten Morgen wünscht. Wenn jemand lächelnd „was kann ich für sie tun" sagt, statt mir bloß ein „Bitte" entgegen zu bellen. Vor allem aber mag ich es, wenn das Lächeln dann nicht nur aufgesetzt, nicht bloß ein taktisches Manöver ist. Wenn ich vielmehr spüre, dass es wirklich von innen, von Herzen kommt. Dass mich da jemand einfach gern bedient, mich als Kunden und als Menschen ernst nimmt.
Darum versuche ich es zumindest auch mit einem Lächeln, wenn ich jemand Anderem begegne. Es gelingt nicht immer, das gebe ich zu. Aber oft eben doch. Dann geht es nicht nur meinem Gegenüber ein wenig besser, sondern auch mir selber. Das große Wort „Nächstenliebe" beginnt  manchmal ganz simpel, mit einem Lächeln.

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Ich mach´ jetzt erst mal Urlaub. Die junge Studentin klingt gefasst, als sie das sagt. Ihr Studium ist nämlich gerade vorzeitig zu Ende gegangen. Dreimal durch die Prüfung gerasselt. Das war´s. Eine vierte Chance gibt es nicht. Wie es nun weitergehen soll, weiß sie noch nicht. Erst mal Urlaub machen, Abstand gewinnen und sich dann neu sortieren. Überlegen, was jetzt dran ist.
Brüche im Leben tun immer verdammt weh, egal wie sie passieren. Ob es nun das vergeigte Studium ist oder die Bewerbung um den Traumjob, den ich dann nicht bekomme. Der Rauswurf aus der Firma, oder die große Liebe, die nach zig gemeinsamen Jahren in die Brüche geht. Jedes Scheitern stellt mich in Frage, und es hinterlässt Bremsspuren auf der Seele. Einfach weiter so geht nämlich plötzlich nicht mehr.
Ich denke da immer an eine gesperrte Kreuzung. Da kann ich vielleicht noch nach links oder rechts fahren. Nur geradeaus, wo ich eigentlich hin wollte, ist jetzt dicht. Im Auto nervt mich sowas immer fürchterlich. Ich verliere Zeit, muss manchmal Riesenumwege nehmen. Im schlimmsten Fall meine Planungen über den Haufen werfen. Und trotzdem sind es seltsamerweise gerade diese blöden Umwege, an die ich mich noch heute am ehesten erinnere. Wahrscheinlich, weil ich dabei Gegenden kennengelernt habe, durch die ich sonst nie gekommen wäre. Wie im Leben halt. Da waren es nämlich auch gerade diese ungeplante Umwege, die es für mich im Rückblick besonders bunt und spannend gemacht haben.

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Sechs blaue Müllsäcke, bis oben gefüllt mit Baguette und anderem Weißbrot. Beim abendlichen Spaziergang durch eine französische Stadt stehen sie plötzlich vor mir auf dem Gehweg. Am nächsten Tag wäre all das wohl unverkäuflich gewesen. Doch das Bild lässt mich nicht mehr los. Säcke voller Brot für den Müll. Rund 11 Millionen Tonnen Lebensmittel, die eigentlich noch brauchbar wären, landen jedes Jahr allein im deutschen Müll. Unter anderem, weil das Obst nicht mehr makellos aussieht, das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Oder weil wir uns verschätzt und einfach mal wieder viel zu viel eingekauft haben. 11 Millionen Tonnen. Das sind 30.000 Tonnen Tag für Tag, 1000 Lastzüge voll. Die traurigen Reste des Schlaraffenlands.
Die Gegenbilder von abgemagerten Hungertoten, die vor Jahren noch durch die Nachrichten gingen, sind Gott sei Dank verschwunden. Der Hunger ist es nicht. Er ist einfach nur weniger sichtbar geworden. Immer noch sind knapp eine Milliarde Menschen weltweit unterernährt. Hunger betrifft also jeden achten Menschen auf der Erde. Weiß Gott nicht nur in Entwicklungsländern.
Natürlich wird vom aussortierten Brot hier kein Hungernder in Asien satt. Aber in unserer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft bewusster und achtsamer mit Nahrungsmitteln umzugehen, wäre schon mal was. Zumindest solange irgendwo auf der Welt noch Menschen hungern müssen. Das beginnt schon in meinem Einkaufswagen im Supermarkt.

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