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SWR3 Gedanken

„Let´s dance. Sommer-Tanzkurse." Der Prospekt steckt in meinem Briefkasten. Ja, es wird wieder getanzt, auch so richtig, klassisch. Standard. Wie man das früher mal gelernt hat...
„Darf ich bitten?", bei dieser Frage bekomme ich immer noch Gänsehaut. Und sehe ihn wieder vor mir: meinen ersten Tanzpartner, mit nur leichter Pickelhaut, aber heftigen Schweißausbrüchen. Tanzen lernen, damals mit 15, das war ja nicht ohne. Dabei war ich mit Ralf - blond, groß und galant - ganz gut über das Parkett gewalzert. Beinahe wie im siebten Himmel, abgesehen von dem peinlichen Stolpern am Abschlussball.
Tanzen will gelernt sein. Und immer mehr junge Leute tanzen wieder, auch Tango, Salsa und Samba. Ich liebe ja Flamenco: Die Füße rhythmisch, bodenständig - zum Leidwesen meiner Nachbarn - aber die Handbewegungen dazu leicht und gen Himmel gereckt. Tanzen ist eben himmlisch.
Und selbst die Engel tun es, meint der Heilige Augustinus: „Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen." Auch wenn manch gestrenge Kirchenleute Tanzen für teuflisch halten, ich halte es eher mit Augustin. Was ist sinnlicher als Tanzen? Es bringt Körper und Seele in Schwung - und Menschen zueinander. Tanzen also, nicht für die Engel - für ein himmlisches Gefühl hier und jetzt. „Darf ich bitten"? Ja, ich versuch´s mal wieder, irgendwann in einer lauen Sommernacht...

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„Wir leben alle, wissen aber nicht, warum und wofür. Wir leben mit dem Ziel, glücklich zu werden, darin sind wir alle gleich." Diese Zeilen schreibt ein Mädchen, das weder gleich ist noch glücklich. Versteckt vor den Nazis lebt sie mit Eltern und Schwester in einem Hinterhaus in Amsterdam: Anne Frank.
Heute an einem 14. Juni -1942 - beginnt sie, ihr Tagebuch zu schreiben. Kurz zuvor, zum 12. Geburtstag hat sie es bekommen. Und bis zu ihrem frühen Tod schreibt das jüdische Mädchen Anne auf, was Menschen bis heute bewegt.
Eingesperrt in die eigenen vier Wände träumt sie von der Welt da draußen. "Mich jung fühlen, frei sein, danach sehne ich mich... Doch solange es das noch gibt, diesen wolkenlosen blauen Himmel, darf ich nicht traurig sein." Eine erstaunliche Kraft. „Ich weiß, was ich will, ich habe Mut, ich habe eine Meinung und einen Glauben." Das schreibt Anne 1944.
Kurz danach wird die Familie entdeckt und ins Lager Bergen-Belsen gebracht. 1945 stirbt Anne Frank, mit 14 Jahren. Nur der Vater, Otto Frank, überlebt und gibt ihr Tagebuch heraus. Um an ihr Schicksal zu erinnern.

In Israel schrieb Bundespräsident Gauck ins Buch der Gedenkstätte Yad Vaschem: „Mitfühlen, mitleiden, wiederkommen". Und: „Vergiss nicht! Niemals."

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„Oh, jetzt knutschen die schon wieder", motzt unser Sohn dieser Tage bei einer Trauung. „Ich geh nachher in Deckung." Ich grinse und erinnere mich, wie es bei mir war
Ich war 11, da habe ich zum ersten Mal gedacht: „Bitte nicht umarmen." Mein Opa steht vor der Tür. Ich strecke ihm steif die Hand hin. Aber Opa lacht nur, umarmt mich fest - bis heute rieche ich sein „Old Spice" - und drückt mir einen Schmatzer auf. Und das mit seiner Reibeisenhaut.
Doch, ich habe meinen Opa geliebt. Aber als ich halb erwachsen war, ging es mir wie unserem Sohn heute manchmal: „Küssen verboten!" Das habe ich bei so manchen Onkels und Tanten gedacht „nein, nicht umarmen". Besonders wenn man mir dazu noch mit einem spuckbefeuchteten Taschentuch... Lassen wir das. Denn Umarmen ist ja was Wunderbares. Und meist tun wir es freiwillig. Knuddeln Babys und Kinder. Küssen den Ehemann oder die Freundin. Das tun sogar Pubertierende gern.
Eine Umarmung sagt: Ich mag dich, bin dir nah, bin bei dir. „Er lief, umarmte und küsste ihn", heißt es in der Bibel. Der Vater umarmt den verlorenen Sohn. Ich bin für dich da, sagt er damit, ganz gleich was geschieht. Ich liebe dich. Wem immer Sie das mal wieder zeigen wollen - bei der Trauung, zum Familienfest oder einfach so. Tun Sie´s. Knuddeln und knutschen sie alle, die sie lieben. Außer denen, die zeigen „bitte nicht".

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„Hööörst du mich?" ruft es, als ich am fliederlilablühenden Spielplatz bei mir um die Ecke vorbeigehe. Ich dreh mich um. Vor mir ein Hintern, der Mann dazu gebückt vor einem Trichterförmigen Etwas. Weit auf der anderen Seite ein Junge, den Kopf halb im Trichter vor ihm. „Hörst du, Papa?"
Sie kennen vielleicht diese Sprechrohre, die unterirdisch verbunden sind: Flüstertelefone. „Hör mal, Hallo", ruft es da ständig. Und der andere antwortet. Meistens. „Papa, hier rein sprechen", ruft der Kleene. Doch Papa kapiert´s nicht. Sein Sohn schaut theatralisch nach oben, als wollte er sagen „Himmel, hilf". Ich muss grinsen, denn so geht es mir auch manchmal. Und nicht nur mir.
„Papa, Mama, hör doch!" So rufen wir von klein an, wollen gehört werden. Auch von dem da oben. „Höre mich, Gott", rufen Menschen schon in der Bibel immer wieder. Und Gott hört. Aber nicht immer. Manchmal scheint der Vater im Himmel auch einer zu sein, der einem den Hintern zudreht. Fast wie jener am Spielplatz. Doch der Sohn gibt nicht auf. „Papa, hier rein", zeigt er und endlich klappt´s. "Jaa, ich hör Dich, schrei nicht so", flüstert er in den Trichter. Na also. Immer weiter rufen, dann werde ich gehört - hoffentlich auch von Gott. Und das nicht nur am Flüstertelefon.

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Ein Bäcker hat drei Söhne. Einer davon wird Bäcker und hat drei Söhne. Von denen wird wieder einer Bäcker - und bekommt - na was schon, drei Söhne. Das flutscht eben wie beim Brezelbacken. Nein, kein Witz: Diese drei Generationen gibt's in Weimar. Gerade war ich wieder in Thüringen, meiner letzten Wahlheimat. Und da habe ich sie auch besucht, die Weimarer Bäckerei Rose.
Seit Jahrzehnten werden dort Brötchen und Brote gebacken. Mit richtigem Sauerteig. Wie selten ist das denn inzwischen, duftendes, kerniges Brot? Keine klebrige Brezel und kein bleiches Backshop-Teil.
„Unser täglich Brot gib uns heute", so beten Christenmenschen. Denn Brot bedeutet Leben - all das haben, was man zum Leben braucht. Doch viele Menschen haben kein Brot. Wir schon. 300 Sorten, weltweit die meisten. Aber Bäckereien haben wir kaum noch. Viele Familienbetriebe mussten Insolvenz anmelden. Denn es gibt an jedem Eck Backshops oder Back-Factorys. Fabrikbrot, schnell gemacht, selbst eingetütet, schön billig und - schlecht.
„Unser täglich Brot gibt uns heute". Brauchen wir hunderte Billig-Sorten? Muss jedes 5. Brot im Müll landen? Wie lernen wir es wieder schätzen? Ich freue mich jedenfalls immer, wenn ich beim Bäcker Rose vorbeikomme. Dann beiße ich rein: in ein echtes Brot, säuerlich und knusprig. Dafür zahle ich gern ein paar Cent mehr. Auch, damit Bäcker weiter Söhne bekommen können.

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Als Komödie lief der Film jüngst im Kino, dabei ist die Geschichte durchaus auch tragisch. „Heute bin ich blond" erzählt das Leben einer jungen Frau: Sophie van der Stap - ein Meisje, ein Mädchen aus Holland. 21, hübsch und lebenslustig fängt sie gerade an, zu studieren. Doch dann: „Du hast Krebs, sagt mir der Arzt. Und da saß ich, mit offenem Mund. Es war so irreal," schreibt Sophie. Aber es ist real: Sie hat Lungenkrebs, lebensgefährlich. 54 Wochen Chemotherapie muss sie ertragen.
„Haare auf dem Kissen, Kummer im Waschbecken. Nur ein Büschel auf dem Kopf. Da muss eine Perücke her", findet Sophie. Und aus einer werden viele. Ob blond, rot oder braunhaarig, als Blondie, Stella oder Sue entdeckt sich Sophie neu. Und sie schreibt ein Buch über ihre Krankheit, über das „Meisje mit neun Perücken". „Heute bin ich blond", so der deutsche Titel, wird zum Erfolg. Auch ihre Behandlung verläuft erfolgreich. Sie wird gesund, ihr Haar ist wieder das eigene.
„Aber Blondie und die anderen", erklärt die Autorin, „gehören zu mir. Der Krebs hat mir etwas geschenkt: Ich glaube nun, dass Anfang und Ende des Lebens zusammen gehören. Durch den Tod habe ich gelernt, zu leben. Ich bin wie neu geboren". Eine Ahnung von dem, was an Ostern gefeiert wird: Auferstehung, neues Leben mitten im alten - eine beeindruckende Lebensgeschichte.

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Sonntagsferiengefühle Anfang Juni? Kein Problem. Ich brauche nur eine Muschel in der Hand. Am liebsten die wunderbar weißen, die so aussehen wie Fächer, Schellmuscheln. Als Kind habe ich sie gesammelt, mit meinen Brüdern um die Wette. "Ich hab sie zuerst gesehen." Ich sehe uns noch rennen. Am Strand mit den Wellen um die Wette hüpfen. „Nur nicht das Wasser berühren." Die Welle leckt über den Boden und die Gischt gibt sie frei: „Eine Muschel - meine!"
Bis heute liebe ich Muscheln und das Meer. Blau, grün oder rot vor lauter Korallen. Ich war an vielen Stränden, habe unglaubliche Fische gesehen, mich in hohe Wellen gewagt, Angst gehabt - oder mich sanft schaukeln lassen. Und jedes Mal bin ich überwältigt, wie viele Menschen. „Der Himmel freue sich, die Erde sei fröhlich; das Meer brause und was darinnen ist" so schwärmt schon einer in der Bibel. (Psalm 96,11)
Sandig die Füße, salzig das Gesicht, nie bin ich dem Schöpfer so nahe. Das Meer macht fröhlich. Es ist wunderbar: wild und wütend, sanft und säuselnd. Voller Leben. Noch. Noch ist es voller Fische, voller Lebewesen, die nicht einmal entdeckt sind. Gestern war übrigens der „Tag des Meeres". Doch ein Tag ist nicht genug. Klar, wir alle wissen, dass die Weltmeere geschützt werden müssen. Doch das gelingt nur, wenn wir und unsere Kinder das Meer lieben - und die Muscheln. Darum: „Die Erde sei fröhlich. Das Meer brause und was darinnen ist..."

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