Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

„Haben Sie einen Aufgehobenen?" Ich sitze im Café und beobachte diese ältere Dame an der Theke, die gerade diese Frage gestellt hat. Die Kellnerin lächelt, nickt und reicht ihr einen dampfenden Espresso. Verwundert frage ich anschließend die Bedienung, was das ist, ein Aufgehobener? Sie erzählt, dass das eine italienische Tradition ist, die immer mehr andere Länder übernehmen. Wenn ich einen Espresso oder Kaffee trinken gehe, kann ich zwei bezahlen und trinke nur einen. Der andere wird sozusagen aufgehoben. Bis jemand kommt, der sich diesen kleinen Genuss sonst nicht leisten kann. So wie die Frau eben. Die Kellnerin erzählt, dass sie einmal die Woche vorbeischaut und nach einem Aufgehobenen fragt. Das ist inzwischen wie ein Ritual für die Dame. Sie freut sich richtig auf ihren wöchentlichen Espresso. Und inzwischen gibt es wohl viele, die so einen aufgehobenen Kaffee spendieren.
Mich hat dieser Aufgehobene lange beschäftigt und wirklich auch angerührt. Tolle Sache. Klar, dadurch löse ich unsere sozialen und gesellschaftlichen Probleme nicht. Aber ich kann einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass sich Menschen in schwierigen Situationen nicht ganz ausgeschlossen fühlen. Sie können wenigstens teilnehmen an diesem gesellschaftlich so wichtigen Kaffee trinken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15394

Ich bin ein paar Tage in einem Kloster auf der Höhe des Schwarzwalds. Von hier hat man einen super Ausblick. Ich genieße das. Ich bin hierher gefahren, weil ich zur Ruhe kommen will. Ich streife durch die Bibliothek, den Innenhof und die verschiedenen Gärten. Alles blüht. An der Klostermauer entdecke ich so etwas wie einen überdachten Weg. Ich schau mir das näher an.
Das gibt´s doch gar nicht. Eine Kegelbahn. Mitten im Klostergarten. Ich hab ja wirklich mit allem gerechnet, aber nicht mit einer Kegelbahn. Am Ende stehen ganz alte Kegel, die natürlich von Hand aufgestellt werden müssen, bevor sie dann von mindestens genau so alten Kugeln umgeworfen werden.
Diese Kegelbahn geht mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf. Ein Kloster mit Freiluft-Kegelbahn. Sofort kommen mir die Kegelclubs mit den passenden Namen in den Sinn „Alle Neune" oder „Acht ums Vorderholz". Wie heißt wohl so ein klösterlicher Kegelclub: „Dreieinigkeit" oder „Kegeln für den einen Herrn"?
In Kegelclubs geht´s meistens fröhlich zu. Für mich steht diese Kloster-Kegelbahn deshalb für Freude. Dass sie gerade hier ist, finde ich noch besser. Denn es zeigt, dass Glauben, oder sogar dass Leben für den Glauben keine todernste Angelegenheit ist. Natürlich, im Kloster heißt es beten und arbeiten. Es heißt aber offensichtlich auch: leben und spielen. Und es zeigt auf ganz einfache Art und Weise, dass die Mönche von einem Gott des Lebens und der Freude überzeugt sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15393

Ich war in Berlin. Und natürlich gehört da auch ein Besuch im Deutschen Bundestag dazu. Was mich total überrascht hat: es gibt dort einen „Andachtsraum", das heißt einen Raum, der extra dafür eingerichtet wurde, um zur Ruhe zu kommen und zu beten.
Ich betrete den Raum. Die Atmosphäre ist sehr nüchtern. Die vorherrschenden Farben sind braun und grau. Direkt gegenüber der Tür ist ein Lichtschlitz. Ich muss mich erstmal an das helle Licht gewöhnen. Die Stühle sind aus Holz mit kerzengeraden Lehnen. Sie sehen nicht besonders bequem aus. Ich probiere sie aus und bin platt, dass ich automatisch aufmerksam werde. An den Wänden lehnen wie zufällig große Kunstwerke, die meisten erd- oder sandfarben. Sie bestehen aus Nägeln und Steinen, mal in Kreuzform, mal völlig durcheinander, wie aufgelöst. Dieser Raum gefällt mir. Schlicht und ergreifend.
Der Andachtsraum im Bundestag ist an keine Religion gebunden. Er vereint christliche, islamische und jüdische Elemente zu einem Ganzen, ohne aufdringlich zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass hier viele Besucher aber auch Abgeordnete Ruhe finden können.
Ich finde es sehr sinnvoll, dass es im Bundestag diesen Andachtsraum gibt. Einen Raum, um zur Ruhe zu kommen, sich zu besinnen und zu beten. Denn wenn nicht hier, wo sonst müssen Entscheidungen besonders gut bedacht sein?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15392

Ich bin in einer alten Markthalle mitten in Berlin. Die Halle ist neu aufgemöbelt. Viele junge hippe Stände und Läden bieten ihre Sachen an. Natürlich gibt es auch klassisch essen und trinken. Viele Leute sind in ihrer Mittagspause hier. Es hat sich inzwischen rumgesprochen, dass die Markthalle gemütlich, irgendwie besonders und einfach schön ist.
Mittendrin steht ein Kasten, der aussieht wie diese Passbildautomaten, die man aus Bahnhofshallen kennt. Ich schau mir das genauer an und bin überrascht. Es steht nämlich drauf:„Gebetomat". Ein zurückhaltender Schriftzug fordert die Leute auf, Platz zu nehmen und sich Gebete anzuhören. Ich bin neugierig und setze mich. Ich kann auf einem Display aus ganz verschiedenen Religionen Gebete auswählen. Besonders gut gefällt mir, das
ich sie nicht lesen muss, sondern sie anhören kann. Ich finde das prima.
Ich sitze einige Zeit im Gebetomaten und höre mir ein paar Texte an.
Erstaunlich, wie ähnlich sich die Gebete sind. Quer durch die vielen Glaubensrichtungen geht es doch irgendwie um eines: ich kann mich mit dem, was mich beschäftigt, was mich belastet und natürlich auch freut, an jemanden wenden. Ich kann das alles Gott oder Jahwe oder Allah einfach mittragen lassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15391

Zu meinem letzten Geburtstag habe ich das schönste und ehrlichste Geschenk bekommen. Es war ein Wurstbrot. Und zwar nicht irgendeins, sondern ein angebissenes.
An meinem Geburtstag habe ich Unterricht in meiner ersten Klasse. Am Anfang machen wir immer fünf Minuten Frühstückspause zusammen. Schon gleich als ich reinkomme, gratulieren mir die Kinder und singen für mich. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet und es freut mich natürlich riesig. Ich lege meine Sachen vorne ab. Plötzlich kommt Jenny und legt mir ein Stück Apfel auf den Tisch. „Du bringst uns auch immer was mit, wenn wir Geburtstag haben."
Nach und nach habe ich ein richtig ausgewogenes Menu auf meinem Pult: einen Muffin, Gummibärchen, Karotten, den Apfel von Jenny, einen Riegel Schokolade.
Zu guter Letzt kommt Jan auf mich zu, beißt herzhaft zwei- dreimal in sein Wurstbrot und hält es mir dann hin. „Da für Dich."
Ich war total baff. Jan hat mir einfach das gegeben, was er hat. Ohne nachzudenken. Von ganzem Herzen. Das sehe ich: er strahlt.
Er strahlt über beide mit Wurstbrot voll beladenen Backen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15390

Meinen Freund Thomas und mich verbindet eine lange Freundschaft. Wenn wir uns nicht sehen konnten, haben wir wenigstens miteinander telefoniert. In letzter Zeit hat sich aber irgendwas verändert. Inzwischen gibt es am Telefon sogar Gesprächspausen.
Klar, unsere Lebensstile haben sich verändert, vielleicht auch voneinander entfernt. Er jettet beruflich und privat durch die Welt und ich bin im beschaulichen Odenwald fest in meinem Job.
Ich glaube aber, der Knackpunkt ist, dass ich seit Ewigkeiten darauf warte, dass er mal nach mir und meinem Leben fragt. Ich hab immer das Gefühl, er belächelt es ein bisschen.
Wenn ich ehrlich bin, stört es mich, dass ich in dieser Freundschaft immer weniger vorkomme. Genau zu dem Thema hat Papst Johannes XXIII. in den 60er Jahren einen super Satz gesagt. Er hat erzählt, dass er sich seinen Aufgaben als Papst nicht gewachsen fühlt. Im Traum ist ihm dann ein Engel erschienen. Dem hat er seine Sorgen anvertraut. Der Engel hat nur gesagt: „Johannes, nimm dich nicht so wichtig."
Das ist der Satz für meine Freundschaft mit Thomas. „Johanna, nimm dich nicht so wichtig". Ich kann nicht erwarten, dass alles nur von ihm kommt. Dass er immer nur nach mir fragt. Ich muss mich auch selbst einbringen.
„Nimm dich nicht so wichtig" verstehe ich aber nicht als Selbstaufgabe. „Nimm dich nicht SO wichtig." Das heißt für mich: nimm dich wichtig, aber erwarte nicht zu viel, hab Geduld und mach den Mund auf. Sonst kann Thomas ja gar nicht wissen, dass es mich ärgert.
Der Satz passt für mich auch gut zu meiner Arbeit. Wenn mir in unserer Teamsitzung was nicht passt, staut sich bei mir oft Wut an und ich ärgere mich kolossal über die anderen. Nimm dich nicht so wichtig heißt hier: lass doch das Problem nicht nur bei Dir, sondern sprich es an.
Wenn ich das schaffe, dann nehme ich mich wichtig. Aber eben nicht so wichtig.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15389

Der 2. Juni der Internationale Hurentag oder der International Sex Worker´s Day. In den 70er Jahren haben sich über 100 Prostituierte in Lyon verbarrikadiert. Der Staat wollte die Damen aus dem öffentlichen Leben und damit in den Untergrund vertreiben. Aus Protest haben die Frauen eine Woche lang gestreikt und eine Kirche besetzt. Finde ich stark!
Die Bibel ist ein super Buch. Fast kein Thema, zu dem sie nicht klar Stellung bezieht. Auch zu den Rechten von Prostituierten. Jesus ist beim Gelehrten Simon zum Essen eingeladen. Sie setzen sich gemütlich an den Tisch und plötzlich betritt eine Frau den Raum. Simon ist entsetzt. „Was will die denn hier?" Die Frau ist eine stadtbekannte Hure. Sie lässt Simon links liegen und stellt sich hinter Jesus. Sie weint. Dabei fallen ihre Tränen auf seine Füße. Sie bückt sich und trocknet sie mit ihren Haaren ab. Dann küsst sie die Füße und reibt sie ein.
Simon ist fassungslos und fragt sich, ob Jesus denn gar keine Ahnung hat, wer diese Frau ist. Jesus spürt, was der Gelehrte denkt und sagt ihm auf den Kopf zu: „Lieber Simon, Du hast mir nicht den Staub von den Füßen gewaschen, Du hast mir nicht Dein kostbares Öl zur Verfügung gestellt. Die Frau hat das alles getan. Weil sie spürt, dass sie von mir geliebt wird, wie alle anderen auch." Dann verabschiedet Jesus sie mit den Worten: „Geh in Frieden!"
Es scheint fast so, als seien die Rechte von Prostituierten schon immer mit Füßen getreten worden. Das ist heute so, in den 70er Jahren und auch in der Zeit der Bibel. Die Frau in der Geschichte weint. Vielleicht würde sie ihr Geld lieber anders verdienen. Aber Jesus schaut nicht auf ihren Ruf oder den Job. Er setzt sich bedingungslos für diejenigen ein, die benachteiligt sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15388