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SWR3 Gedanken

Schreiben sie Tagebuch? Oder habe sie schon eine so genannte Timeline im Sozialen Netzwerk angelegt? Ich ziehe die Bilder vor. Alte Fotoalben und Diakästen. Vor kurzem habe ich damit angefangen, die Diasammlung meines Vaters zu archivieren. Bild für Bild. Einscannen und Abspeichern. Es müssen wohl hunderte sein. Eigene Kinderfotos, Bilder meiner Eltern, viele schon Jahrzehnte alt. Private Schätze sind das, denn an Vieles kann ich mich gar nicht erinnern. Hin und wieder schaue ich sie mir an und manchmal kommen dabei längst verschüttete Erinnerungen wieder hoch. An alte Geschichten und Erlebnisse und an Menschen, die mich geprägt haben. Die mich mit zu dem gemacht haben, der ich heute bin. Mit allem Guten und wohl auch weniger Guten. Manches begreife ich tatsächlich erst dann, wenn ich aus einigem Abstand nochmal darauf schaue.

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung. So heißt ein berühmter Satz aus dem Talmud, dem großen jüdischen Weisheitsbuch. Für mich steckt da tiefe Lebensweisheit drin. Klar, die Zeit zurückdrehen und irgendwas ganz anders machen, geht nicht mehr. Das klappt nur im Film. Aber was lernen aus dem Vergangenen, das kann ich schon noch. Vor allem über mich selbst. Wer bin ich und woher komme ich? Und mit ein bißchen Glück vielleicht auch: Wohin könnte es jetzt noch gehen. Darum sind sie mir auch so kostbar, meine alten Bilder und Geschichten.

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Seit kurzem ist meine Tochter volljährig. Ein wichtiger Tag für sie und für mich auch. Ich bin jetzt kein Erziehungsberechtigter mehr, muss ihr keine Entschuldigungen oder anderes mehr schreiben. Das kann sie nun selber. Und sie, sie muss jetzt erst mal erspüren, was das heißt: Volljährig zu sein. Erwachsen. Verantwortlich zu sein für sich selbst und für andere. Gar nicht so einfach. Eine Lust kann das sein, klar, aber eben auch eine ziemliche Last. Dann nämlich, wenn es nicht gut läuft. Wenn ich etwa Fehler gemacht, anderen womöglich sogar geschadet habe. Seltsam, wie viele dann lieber nicht erwachsen sein wollen. Wie oft habe ich schon die Ausreden gehört, wenn etwas geschehen ist. All die Versuche, die Verantwortung abzuschieben. Auf die unglückliche Situation, die widrigen Verhältnisse. Im schlimmsten Fall auf die anderen.

Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein. Steht sogar schon in der Bibel. Erwachsen sein heißt für mich nicht nur, seinen eigenen Kompass gefunden zu haben. Einen Maßstab dafür, was richtig und falsch ist. Was geht und was gar nicht. Es heißt auch, für die eigenen Erfolge wie Fehlleistungen die Verantwortung übernehmen zu können. Sich für Erfolge feiern zu lassen, dazu gehört nicht viel. Aber für Misserfolge oder gar Fehler einzustehen, das verlangt Format und Größe. Erwachsen, menschlich reif bin ich wahrscheinlich erst dann, wenn ich auch das beherrsche. Mit Lebensalter oder Körpergröße jedenfalls hat das nicht unbedingt zu tun.

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Vor drei Wochen haben wir einen Zweig eingepflanzt, ihn festgebunden und jeden Tag gegossen. Ein Holunderbusch sollte aus ihm werden, so unsere Hoffnung. Inzwischen wird klar, dass das kleine Experiment gescheitert ist. Wie es aussieht, konnte der Zweig wohl doch keine Wurzeln schlagen und ohne Wurzeln wächst nun mal nichts.

Eine Binsenweisheit, die ja nicht nur für Pflanzen gilt. Im übertragenen Sinn brauche ich sie nämlich genauso. Wurzeln, die mich festhalten, wenn mir der Sturm um die Ohren pfeift. Verwandte, Freunde. Menschen also, die es gut mit mir meinen. Das Gefühl geben, dazu zu gehören.

Im letzten Jahr sind mehr als eine Million Menschen zu uns gekommen. Als neue Mitbürger,  Nachbarn, Arbeitskollegen. Wenn ich in meinem Job als Hochschulseelsorger mit jungen Studierenden aus Afrika oder Asien zu tun habe, dann ahne ich immer, was das für diese Menschen bedeuten muss. Fast alles haben sie zurückgelassen. Familie, Freunde, Kultur. Die eigenen Wurzeln also. Plötzlich Fremder zu sein, mit brüchigen Deutschkenntnissen und ohne sicheren Stand. Doch an unseren Studierenden erlebe ich auch, wie so ein Experiment gelingen kann.  Wenn sie sich nach und nach immer besser verständigen können, Kontakte knüpfen, Freunde finden. Kurz: wenn sie es schaffen, Wurzeln zu schlagen im neuen Land. Eine faszinierende Erfahrung. Immer wieder. Damit das auch jenen gelingen kann, die jetzt neu bei uns sind, sind wir gefragt. Als Mitbürger, Nachbarn, Arbeitskollegen und wohl auch als Glaubensgemeinschaft. Denn ohne Wurzeln kann nichts wachsen. Und Früchte bringen schon gar nicht.

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15 Jahre Garantie. Wo bekommt man das schon. Ein Pfarrer aus der Schweiz verspricht die jedenfalls all jenen Paaren, die sich von ihm trauen lassen. 15 Jahre Garantie, darauf, dass die Ehe auch hält. Das Versprechen ist auf jeden Fall mal ziemlich mutig. Denn statistisch wird inzwischen schon jede zweite Ehe wieder geschieden, und zwar nach weniger als 15 Jahren. Ganz kostenlos ist seine Garantie freilich nicht. Die Bedingung, die die heiratswilligen Paare erfüllen müssen: Einmal jährlich müssen sie dem Pfarrer einen Besuch abstatten und  ein Gespräch mit ihm führen. Und dabei wird es sicher nicht nur ums Wetter, sondern auch um den Zustand ihrer Partnerschaft gehen.  Eine Art Coachinggespräch wohl, wie ich es auch aus dem Beruf kenne. Spontan erinnert mich das ein bißchen an mein Auto. Auch da verlängert sich die Garantie nämlich nur dann, wenn ich jedes Jahr brav zur Inspektion vorfahre. Eine Art Inspektion für die Partnerschaft also. Klingt seltsam, ist aber genau besehen vielleicht gar nicht so dumm. Wie schnell schleifen sich Gewohnheiten ein, und nicht nur gute? Auch in einer Partnerschaft. Da lohnt es vielleicht schon, gelegentlich mal genauer hinzuschauen. Bevor ich eines schlechten Tages zerknirscht feststelle, wie weit wir uns schon auseinandergelebt haben.

Der Erfolg jedenfalls scheint dem pfiffigen Pfarrer Recht zu geben. Von den Paaren, die sich auf diesen etwas ungewöhnlichen Weg eingelassen haben, ist bis heute offenbar noch keines auseinandergegangen.

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Was ist eigentlich gerecht? Wenn meine Kinder früher die Süßigkeiten aufgeteilt haben, dann wurde genau abgezählt. Da war ganz schnell klar, ob gerecht geteilt war. Im unserem Berufsleben ist die Sache gar nicht mehr so klar. Denn was ein gerechter Lohn ist, ist mit einfachem Abzählen ja nicht getan. Ist zum Beispiel die Arbeit der Putzfrau, die jeden Morgen mein Büro reinigt, wirklich so viel unwichtiger als meine? Oder ist die harte Arbeit der Altenpflegerin, die sich um meine Mutter kümmert, nur halb so viel wert wie die des Arztes, der sie behandelt? Und wenn nicht, was wäre dann gerecht? Einfache Antworten gibt's da nicht. Wollte ich mir ein Urteil anmaßen, müsste ich mir erst mal Bewertungsmaßstäbe zurechtlegen. Welche Arbeit ist nun schwerer oder wichtiger,  dringender oder angesehener? Und damit lande ich verdammt schnell auf ziemlich dünnem Eis.

Umso irritierender der Vorschlag, den ein Gleichnis in der Bibel dazu macht. Alle bekommen einfach denselben Lohn, egal was, wie viel und wie lange sie gearbeitet haben. (vgl. Mt 20). Gerecht nach den Kriterien einer Leistungsgesellschaft ist das ganz sicher nicht. Die meisten von uns würden heftig protestieren. Doch um Leistung geht es dabei gar nicht. Auch nicht darum, wer besser, wichtiger oder angesehener ist. Jeder Mensch soll für seine Arbeit das bekommen, was er zum Leben halt braucht. Nur das ist gemeint! Ob man das nun gut findet oder nicht, gerecht wäre es eigentlich schon. Bei mehr als einer Million Menschen in Deutschland deren Arbeitslohn alleine nicht zum Leben reicht, scheint es da bei uns noch etwas Nachholbedarf zu geben.

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Have a break. Fast schon ein Klassiker, dieser Werbespruch. Have a break, mach mal Pause. Die Idee dahinter ist aber so alt wie Bibel. Da steht sie nämlich ganz am Anfang. Wenn erzählt wird, wie Gott in sechs Tagen die Welt erschafft und am siebten Tag mal Pause macht. Gott ruhte sich aus, heißt es da. Die Erzählung wurde eine Art himmlische Bestätigung dafür, dass es den freien Tag in der Woche unbedingt geben muss. Schließlich hat Gott selbst ihn erfunden. Der freie Tag machte sogar als eines der zehn Gebote Karriere - auch die finden sich in der Bibel.

Mit dem freien Tag indes wird es heute immer schwieriger. Klar gibt es sie noch, die freien Sonntage und diverse Feiertage, gerade jetzt im Mai. Doch frei zu haben heißt ja nicht selten: Endlich Zeit zu haben fürs Freizeitvergnügen oder auch Zeit, um mal in Ruhe shoppen zu gehen. Gern auch am Wochenende und warum nicht auch am Sonntag. Unsere knallvolle Innenstadt an verkaufsoffenen Sonntagen spricht Bände. Warum also nicht viel öfter auch die Sonn- oder Feiertage fürs Freizeit-Shoppingvergnügen nutzen? Das Dumme daran ist leider immer: Zigtausende haben dafür keinen freien Tag. Die müssen nämlich schuften, damit ich meine Freizeit genießen kann. Und das finde ich eigentlich ziemlich daneben. Es ist auch der Hauptgrund, warum die Kirchen sich so sehr sträuben. Gegen noch mehr Sonn- und Feiertage, an denen zigtausende Menschen keine Pause machen können, weil sie arbeiten müssen. Have a break, mach mal Pause, und zwar für möglichst viele. Irgendwie schade, dass uns das nur noch mit Mühe gelingt.

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Wegen einer technischen Störung wird sich unsere Weiterfahrt voraussichtlich um 15 Minuten verzögern. Wer oft mit der Bahn reist kennt diese oder ähnliche Ansagen. Im Zug ist es dann mit der Gelassenheit ziemlich schnell vorbei. Hektischer Blick auf die Uhr, in den Fahrplan. Wie steht´s um meinen Anschlußzug? In einem vollbesetzten ICE kann das manchmal aber auch ganz ungewöhnliche Folgen haben. Da beginnen plötzlich Gespräche zwischen Menschen, die sich sonst nur flüchtig wahrgenommen hätten. Über ähnliche Erlebnisse mit der Bahn. Über das Reiseziel. Über Pläne, die durch die Panne jetzt gestört werden. Mich erstaunt dieses Phänomen immer wieder. Ein ungeplanter Anstoß von außen, und plötzlich reden wir miteinander. Das hat etwas von Pfingsten.

Pfingsten ist das Fest, das Grenzen überwindet. Grenzen zwischen Menschen, die sich sonst nicht viel zu sagen hätten. Menschen aus aller Herren Länder, so erzählt jedenfalls die biblische Pfingstgeschichte, kamen damals in Jerusalem zusammen. An diesem Pfingsttag jedoch geschah Unerhörtes. Mit einem Mal spielten Spach- und Kulturgrenzen keine Rolle mehr. Da verstanden sich plötzlich Menschen, die sich bis dato fremd waren. Eine geradezu umwerfende  Erfahrung. Die Bibel nennt es das Wirken des Heiligen Geistes.

Auch wenn wir heute fast grenzenlos herumreisen. Wenn in unseren Straßen oft multikulti herrscht: So manche Grenzen in unsern Köpfen sind noch immer kaum zu überwinden. Und Sprachlosigkeit gibt's halt nicht nur zwischen verschiedenen Kulturen, sondern manchmal auch in der eigenen Familie. Wo immer die überwunden wird, da bricht dann etwas durch von Pfingsten.

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