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SWR3 Gedanken

In der orthodoxen Kirche wird er bis heute als „Apostelgleicher" verehrt.  Voltaire bezeichnete ihn hingegen als einen „politisch nicht unbegabten Kriminellen". Elf Mitglieder seiner Familie kamen auf sein Geheiß gewaltsam zu Tode. Eine ganze Generation lang führte er Krieg, um die Alleinherrschaft zu erlangen. Und gleichzeitig förderte er das Christentum und stiftete Kirchen.
Eine umstrittene Persönlichkeit. Als Konstantin „der Große" ging er in die Geschichte ein.
In Trier erinnern Bauwerke und Ausgrabungsfunde an diesen Kaiser. Kein Wunder. Denn keine Stadt nördlich der Alpen ist so intensiv mit diesem römischen Kaiser verbunden wie die Moselstadt.
Sichtbar wird diese Verbindung vor allem durch die nach ihm benannte Basilika. Der Raum der Evangelischen Kirche zum Erlöser erinnert an den einstigen Thronsaal der römischen Kaiser. In seiner Größe lässt er die Prachtentfaltung der Herrschaft Konstantins und seiner Nachfolger zumindest erahnen. Bis heute ist die Konstantin-Basilika der größte säulenlose Raum aus der Antike, der vollständig erhalten geblieben ist.
Als marmorgeschmückte Palastaula sollte dieser Raum vor allem eines: Der uneingeschränkten Macht des Kaisers Ausdruck geben.
Allerdings: Die Macht Konstantins, die Herrschaft seiner Nachfolger ist längst vergangen.
Genau davon erzählen heute die schlichten Steine an den Wänden der Konstantin-Basilika. Sie sind Zeugen für die Vergänglichkeit jeder politischer Macht.
Der Altar der Kirche, der sich an der Stelle des Kaiserthrones erhebt, macht symbolisch sichtbar, was unvergänglich bleibt: Die Einladung Jesu in seine Gemeinschaft.
Das, was uns Menschen mit Jesus Christus verbindet, das kann nicht zerstört werden: Gottes Liebe zu jedem Menschen.

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„Wofür ist Kirche da? Wozu ist Kirche gut?" - Das haben Konfirmanden in der Trierer Fußgängerzone die Passanten gefragt. Eine typische Antwort war: „Mir ist es wichtig, dass sich Kirche um die alten Leute kümmert." Oder: „Kirche soll mir keine Vorschriften machen, wie ich zu leben habe." Oder: „Kirche soll mir einen Raum eröffnen, damit ich zu mir und zu Gott finden kann."
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat das radikal ausgedrückt: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist."
Fragt sich nur. Was heißt das: Für andere Dasein?
Wir in Trier versuchen das mit dem Prinzip: Offene Kirche. Wir öffnen die Konstantin-Basilika für Ausstellungen und Kunstprojekte. Und wir sind da, wenn Menschen das Gespräch suchen. Vielleicht angestoßen durch die Besichtigung. Im Café Basilika ist jeden Tag ein Seelsorger da.
Zurzeit hat eine Berufsschule für Gewerbe und Technik bei uns ausgestellt. Mehr als 50 Schüler haben aus Glas und Licht, Holz und Metall so eine Art Kirchenfenster geschaffen. Mit Zitaten aus den Werken von Dietrich Bonhoeffer und Bildern: Die Rose, die aus dem Stacheldraht blüht. Ein Weg, der in die Freiheit führt.
Für mich steckt unglaublich viel Hoffnung in den Bildern drin.
Das Ergebnis kommt an. Bei den Menschen, die als Touristen in unsere Kirche kommen. Und bei den Bildern verweilen. Oder auch bei den Menschen aus unserer Stadt.
„Ihr gebt den Schülern Raum. Ihren Gedanken - ihren Ideen. Das ist gut so." steht in unserem Gästebuch.
Und die Schüler selbst? - Sie sind mit Recht stolz auf das, was sie geschaffen haben. Und darüber, dass sie Menschen zum Nachdenken anregen - mit ihren Kunstwerken.
Und ganz nebenbei ist diese Ausstellung eine gute Visitenkarte - für jede Bewerbung, die für die jungen Leute bald anstehen.
Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.

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Michael aus Boston hat eine. Und Luigi aus Rom. Und Johannes aus Trier, der hat gleich zwei. Orgelpfeifenpatenschaften. Zusammen mit rund 300 anderen Menschen haben sie einen Geldbetrag gespendet. Für eine ganz bestimmte Orgelpfeife, die sie sich ausgesucht haben.
In knapp zwei Jahren wird diese Pfeife erklingen. Zusammen mit 6006 anderen Orgelpfeifen. Denn dann ist die neue Orgel fertig. In der Konstantin-Basilika in Trier wird sie zu hören sein. Dann hat unsere Kirche 70 Jahre nach dem Ende des Krieges endlich wieder ein Instrument, auf dem die Vielfalt der Orgelmusik auch gespielt werden kann.
Luigi, Johannes, Michael - und all die vielen anderen, sie helfen, dass die Orgel für die Trierer Basilika überhaupt gebaut werden kann.
Und sie sind eine besondere Beziehung eingegangen. Zu einer Orgel!
„Ich habe mir ein D ausgesucht." Schreibt z. B. Luigi. „Denn so beginnt der Name meiner Frau." Zum Hochzeitstag waren die beiden in Trier. Sind lange in der Basilika gesessen. Und die Weite des Raumes hat sie still werden lassen. In der Ruhe haben sie gespürt: „Unsere Liebe ist nicht selbstverständlich. Sie ist ein Geschenk Gottes." Daran wird sie die Orgelpfeifenpatenschaft immer erinnern.
Ich staune über alle diese Geschichten, die ich zu hören bekomme. Von Menschen, die sich für unsere neue Orgel einsetzen. Die Geschichten sind so vielfarbig wie die verschiedenen Orgelklänge selbst.
Für mich sind sie alle wichtig. Denn sie machen deutlich, was Kirche bedeutet. Für Menschen aus Trier - und aus der ganzen Welt.
Kirche, das ist zum Beispiel der Ort, wo ich zur Ruhe kommen kann. Wo ich dem nachspüren kann: Was ist mir wichtig in meinem Leben? - So wie das Luigi aus Rom erlebt hat.
Die Klänge der Orgel - sie ziehen uns dabei in eine andere Welt hinein. Die umfassender ist als alles, was ich sehen kann.
Nun, ich bin gespannt, welche Geschichten ich noch erfahre. Denn 400 Orgelpfeifenpatenschaften, die sind noch möglich.

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Hast du mich lieb? - Mit Schwung springt er von der Schaukel und wirft sich mir in die Arme.
Aber sicher. Natürlich hab ich dich lieb. Antworte ich.
Und natürlich fange ich meinen Sohn auf, streichle ihm sanft über den Kopf und halte ihn einen Moment ganz fest. Das ist schon Jahre her, aber Momente wie diese erinnere ich gerne.
Hast Du mich lieb? - Kinder können das so herrlich offen fragen. Und rühren damit das Herz an. Sie wollen immer wieder hören, dass man sie lieb hat, wollen immer wieder sich vergewissern, ob das noch stimmt, mit dem lieb haben.
Und wir Erwachsene? Also, ich kann das auch nie genug fragen. Und ich finde:
Diese Frage braucht eine Antwort. Weil das wichtig ist für eine Beziehung. Fürs Vertrauen.
Hast du mich lieb? - Auch Jesus stellt diese Frage. (Joh. 21,15 ff.)
Gleich dreimal. An Simon Petrus. Das ist der, der geleugnet hat, jemals etwas mit Jesus zu tun gehabt zu haben. Aus Angst, dass sie ihn mit Jesus gleich mitkreuzigen.
Dreimal hatte Petrus bestritten, dass er Jesus überhaupt kennt.
Und danach, als Jesus ihm noch einmal erschienen ist nach der Auferstehung, da hat Jesus ihn dreimal gefragt: Hast du mich lieb?
Und dreimal antwortet Petrus: Du weißt doch, dass ich dich liebhabe.
Jesus wollte schlicht wissen: Wo bin ich dran mit Dir? Wo du mich doch verraten hast, als es gefährlich war.
Wenn mich einer verrät, dann traue ich ihm nicht mehr so recht über den Weg. Jesus tut etwas anderes: Er geht auf Petrus zu. Gibt ihm noch mal eine Chance: Hast du mich lieb?
Und so kann Petrus sich dem stellen, was schief gelaufen ist in ihrer Beziehung. Er kann erkennen: Trotz allem, was war - ich will um diese Beziehung kämpfen.
Hast Du mich lieb? - Was antworte ich, wenn mich das einer fragt, den ich verletzt habe?

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Heulend kommt er nach Hause. Dicke Tränen rollen über seine Wangen. Unter Schluchzen erzählt er mir, was passiert ist. Nur langsam kann er sich beruhigen. Aber irgendwann sind alle Tränen herausgeweint.
Ein letzter Seufzer noch. Er schnieft noch Mal ordentlich in das Taschentuch. Dann rennt mein Sohn wieder fröhlich zum Spielen nach draußen.
Ein paar Jahre ist das her, inzwischen. Aber mich fasziniert das immer noch. Wie kleine Kinder das können. Einfach den Kummer oder die Schmerzen aus sich herausweinen. Wie sie sich trösten lassen und ganz schnell wieder weiterspielen können, als wäre nichts gewesen.
Erwachsene tun sich damit oft ein bisschen schwer. Mit dem Herausweinen. Und mit dem unbeschwerten Weiterleben. Manchmal habe ich das Gefühl: Wir Erwachsene packen unsere Tränen viel zu schnell weg und verschließen sie in unserem Inneren. Wie Glaskugeln. Hart und kalt. Sich bloß keine Blöße geben.
Dabei wäre es doch so gut, sich hin und wieder diese Blöße zu geben. Weil es gut ist und gut tut. Oft kommt dann etwas, was vorher wie versteinert war, wieder ins Fließen.
Tränen weinen- das ist oft wie eine Reinigung. Dieses Wasser wäscht allen Kummer raus. Sodass er nicht in der Seele steckenbleibt.
„Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen." Hat schon Jesus gesagt (Lukas 6,21).
Mir macht das Mut, von den Kindern zu lernen. Lass dir Zeit fürs Weinen, lass dich trösten. Tief Luft holen. Seufzen, Befreit aufatmen. Und dann wirst du wieder lachen können.

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Einfach seinen Glauben leben! Was hier in Deutschland selbstverständlich ist, ist in anderen Ländern lebensgefährlich. Seyed hat es so erlebt. In seiner Heimat Teheran.
Gottesdienste werden dort in einem Wohnzimmer gefeiert. Heimlich - Denn es ist verboten, christlichen Glauben zu leben und einen anderen Gott als Allah anzurufen. Zwei Jahre lang ist alles gut gegangen. Dann hat der Geheimdienst Wind von der Sache bekommen. Hals über Kopf musste Seyed aus Teheran fliehen.
Seit ein paar Wochen nun lebt der junge Iraner hier bei uns in Trier - In der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Gleich am Sonntag nach seiner Ankunft kommt er in die Konstantin-Basilika. Nach dem Gottesdienst spricht er mich an. „Ich möchte endlich getauft werden." Sagt er. „Ich möchte meinen Glauben leben können. Ohne Angst."
Wir verabreden uns zu einem Gespräch. Und danach nimmt Seyed an einem Bibelkurs zur Vorbereitung auf die Taufe teil.
Nach einigen Wochen ist es soweit: Wir feiern die Taufe - von Seyed, und von sieben anderen Flüchtlingen aus dem Iran und aus Afghanistan.
Ich staune über den Mut und über die Ernsthaftigkeit von Seyed und von so vielen anderen. Für sie ist es nicht selbstverständlich, in der Bibel lesen zu können. Für sie wird es in ihrer Heimat lebensgefährlich, wenn sie sich taufen lassen. Wenn sie die Gemeinschaft suchen - mit Jesus Christus und seiner Gemeinde. - Und trotzdem: Sie gehen diesen Schritt, ganz bewusst.
Für Seyed ist die Taufe wie ein Geschenk: „Jetzt gehöre ich endlich wirklich dazu. Zur Gemeinde. Und die ist wie eine zweite Familie für mich." So sagt er das, als er wieder in den Gottesdienst kommt.
Wie gut, dass wir hier in aller Freiheit unseren Glauben leben können. Und auch in aller Freiheit die Religion wechseln können.
Allerdings, das Schicksal von Seyed macht zugleich deutlich: Es ist bitter notwendig, Religionsfreiheit konsequent einzufordern - und zwar überall auf dieser Welt.

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Also, so geht das gar nicht. Also wenn du mit dem Rad fahren willst, dann trag bitte deinen Fahrradhelm." - Maulend nimmt mein Sohn den Helm und zockelt los. Er hat ein Einsehen.
Denn völlig klar: Auch wenn die Haare klätschig werden, vor allem jetzt, wenn es wärmer wird. So ein Helm ist im Zweifelsfall schon so eine Art Lebensversicherung. Wer einen Fahrradhelm trägt, der ist gut behütet.
Dabei ist natürlich völlig klar: Aufpassen muss mein Sohn trotzdem.
Denn ein Unfall kann ja auch mit Helm passieren.
Ganz so einfach ist das im Leben halt dochnicht. Nach dem Motto: Einfach Hut aufsetzen und mir passiert nichts Schlimmes mehr.
Trotzdem glaube ich als Christ daran, dass es auch für andere Bereiche im Leben etwas gibt, das uns behütet und bewahrt.
Nämlich den Segen Gottes. Das ist, wie wenn man einen unsichtbaren Hut aufgesetzt bekommt.
Ich meine: Gerade der Segen macht besonders deutlich, was das heißt: Wir sind behütet.
Denn der Segen ist das Zeichen dafür: Gott leitet und begleitet uns. Er steht auf unserer Seite. Was auch immer geschehen mag in unserem Leben.
Im Gottesdienst heute feiern wir in der Konstantin-Basilika Konfirmation. Das heißt: Wir werden den Jugendlichen die Hände auflegen und ihnen ganz persönlich einen besonderen Segen zusprechen: Ihr seid behütet!
Spüren können die Jugendlichen beim Segen auf jeden Fall meine Hände auf ihrem Kopf. Und vielleicht können sie es dann auch fühlen: So sicher ich diese Hände spüre, so gewiss bleibt Gott an meiner Seite und behütet mich.

 

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