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SWR3 Gedanken

„Lieber Klaus, ich achte dich für das, was du leistest - aber ich liebe dich für das, was du bist." Den Satz hab ich in einer Zeitungsanzeige gelesen. Und ich kann nur hoffen, dass Klaus weiß, was er für eine tolle Frau hat.
Die Paarrealität sieht leider allzu oft so aus wie sogar bei einem sonst so reflektierten Schriftsteller wie Antoine de Saint-Exupéry und seiner Frau: man liebt sich, das schon, das Gefühl ist da, aber man erwartet doch so viel mehr! Der andere soll perfekt sein, er soll mir die Wünsche von den Lippen ablesen, er soll mich verstehen, ohne dass ich lange Erklärungen abliefern muss.
Die Unzufriedenheit steigt, die Missverständnisse häufen sich und schließlich wirft man dem anderen das vor, was auch Antoine de Saint-Exupéry seiner Frau vorgeworfen hat: „Du gibst mir nie, wonach mich dürstet."
Stattdessen soll der andere funktionieren: er soll der harte Manager sein, der einsame Cowboy, aber zuhause bitte einfühlsam; sie soll ohne Probleme Ehefrau und Mutter sein, den Haushalt führen, kochen, erfolgreich ihrem Beruf nachgehen und abends sexy sein.
Und so wachsen Verbitterung und Enttäuschung, weil der andere nie so sein kann, wie wir es eigentlich von ihm erwarten. Wir fühlen uns vom anderen zu wenig gewürdigt, das, was wir tun, findet keine Anerkennung.
Dabei bedeutet Liebe „Dem anderen vergeben, dass er meine grenzenlosen Erwartungen nicht erfüllen kann."
Liebe ist vor allen Dingen eine Haltung. Ich begegne dem anderen mit Achtung und erkenne seine Eigenheiten an (oder ich lerne zumindest, mit ihnen zu leben), ich berücksichtige meine und seine Grenzen, ich verletze ihn nicht vorsätzlich, ich akzeptiere und respektiere ihn, auch da, wo ich ihn mir anders wünsche.
Und dann kann ich hoffentlich das sagen, was Klaus über sich in der Zeitung lesen durfte: „Ich achte dich für das, was du leistest - aber ich liebe dich für das, was du bist."

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Slow city, langsame Stadt, slow travel, langsame Reisen, slow school, langsame Schule... nicht schnell, sondern langsam soll es gehen. In der Stadt, beim Reisen, in der Schule. Die Langsamkeit ist inzwischen eine richtige Bewegung geworden, eine alternative Lebensphilosophie.
Angefangen hat alles in Italien. 1989 hat der Soziologe Carlo Petrini als Gegenreaktion auf das immer omnipräsenter werdende Fast Food sein „Slow Food" gegründet. Eine Idee, die weltweit immer mehr Anhänger hat. Der Gedanke von Slow Food ist einfach: die Menschen sollen sich wieder Zeit nehmen, ordentlich zu essen. Das bezieht sich auf die Qualität der Produkte, das Kochen und Zubereiten selbst wird wieder als Kochkunst wahrgenommen und zelebriert und dann wird halt genüsslich geschlemmt. Ein Slow-Food lokal garantiert frisches, liebevoll zubereitetes Essen. Natürlich muss man dafür Zeit mitbringen.
Die Idee von Slow City (oder Citta Slow) geht in dieselbe Richtung. Das Zusammenleben soll menschenfreundlich gestaltet werden. Das heißt: mehr Fußgängerzonen, Parks, Kinderspielplätze, Plätze, wo man sich treffen und austauschen kann, Lärmminderung soweit es geht und vor allen Dingen Öffentlicher Nahverkehr, der für alle zugänglich ist.
Mich wundert's, dass noch niemand auf die Idee einer Slow Church, einer langsamen Kirche gekommen ist. Vielleicht weil es diese Zuschreibung nicht braucht: Kirche ist Ruhe und Langsamkeit, ist Meditation und Gebet, ist Nachdenken und Engagement. Nur, dass die Kirche keine Schnecke als Symbol hat, wie die Slow-Bewegung. Sondern ein Kreuz oder einen Hahn, der zeigt, woher der Wind weht.

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„Bringst Du Lukas in die Schule? Ich muss noch schnell Birgit abholen, deren Auto ist kaputt. Und dann nix wie ins Büro, da stapeln sich Anfragen, Termine, Papierkram..."
24 Stunden sind definitiv zu wenig. Wir laufen der Zeit hinterher, einer Zeit, die uns immer schneller zwischen den Fingern zerrinnt. Wir erfinden am laufenden Band Dinge, die uns das Leben erleichtern: Spülmaschine, Flugzeug, Internet... Und tatsächlich, dank ihnen kriegen wir mehr geschafft in kürzerer Zeit.
Nur, es sind zu viele Geräte, zu viele Kontakte, zu viele Möglichkeiten sich zu amüsieren, zu viele Angebote. Man kann nicht alles wahrnehmen, probieren, testen. Das Leben ist zu kurz. Gestresst und frustriert stehen wir also da.
Aber keine Sorge, es gibt die Möglichkeit, aus diesem Teufelskreis auszusteigen: Es nicht persönlich nehmen, den Terminkalender nicht als Feind ansehen. Es ist nun einmal (gerade) so.
Die christliche Tradition hat eine wunderschöne Vorstellung: unser Leben ist in Gottes Hand aufgehoben. Wir können uns auch mal zurücklehnen und Gottvertrauen und Gelassenheit üben.
Eine schöne Vorstellung, aber ist das so einfach sozusagen mit Gottvertrauen gegen Alltagsstress - wie soll das gehen?
Vielleicht damit anfangen, nicht mehr der Zeit andauernd hinterherzulaufen, sondern hin und wieder anzuhalten, einzuhalten, sich Zeit zu nehmen. Zeit, Freunden zu helfen, Zeit, mit den Kindern zu spielen, Zeit, für sich selbst. Und zu spüren, da ist etwas, das trägt.

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Endlich hatten wir mal wieder Zeit: einen Tag lang Stadt - Kinder und Männer waren zuhause versorgt. Ein Freundinnentag. Mittags Sushi, danach in einem schicken Café Crèmetörtchen. Aber vor allen Dingen eins: quatschen, die neuesten Neuigkeiten austauschen, alte Anekdoten auskramen.
Und gegen Ende des Tages passiert dann das, was immer passiert: voller Enthusiasmus holen wir unsere Terminkalender raus und suchen nach einem erneuten freien Tag zusammen - dann geht's nicht und dann auch nicht; da muss ich arbeiten, da muss das Kind zum Zahnarzt, da der Familienurlaub; wie wär's mit einem Treffen in... drei Monaten? Vielleicht. Falls nichts dazwischen kommt.
Das ist sie also, die Tyrannei des Terminkalenders. Wir laufen und laufen im Hamsterrad der Zeit, wir laufen schneller und schneller, aber irgendwo ankommen, also wirklich ankommen, das tun wir nicht. Na ja, in drei Monaten dann also.
Ein altes Problem. Auch Jesus kannte diese Terminkalendertyrannei und stellte das Leben dagegen: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch."(Mt 6,26)
Das Leben siegt - gegen die Tyrannei des Kalenders!
Aber was machen wir? Wir laufen und laufen weiter in unserem Hamsterrad der Zeit.
Und so laufen wir verpassen die Zeit. Anstatt wie die Vögel zu fliegen und einfach zu leben, beschweren wir uns, dass alles zu schnell vorbeigeht, wir hängen der guten alten Zeit an oder aber wir warten auf den Tag in der Zukunft, an dem dann ganz sicher alles besser wird.
Dabei vergessen wir, dass Zeit sich nicht jagen oder einfangen lässt; erst in dem Moment, in dem wir aus unserem Hamsterrad aussteigen und wir wie Vögel frei durch die Lüfte fliegen, wird sich die Zeit ganz von alleine einstellen, werden wir Zeit haben. Zeit, sich in aller Ruhe zu treffen und Crèmetörtchen mit der Freundin zu genießen.

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Da steht sie. Vor meinem Küchenfenster auf der Straße. Sie wartet und wenn ein Auto kommt, springt sie vor und hält ihren Daumen raus. Ich kenne sie, sie wohnt in unserem Dorf und hin und wieder verpasst sie ihren Bus und wartet dann darauf, dass jemand sich erbarmt und sie mitnimmt.
In dem Dorf, aus dem ich komme, gab es auch so jemanden. Wir Kinder nannten ihn bloß den Dorfdepp. Im Sommer bespuckten wir ihn mit Kirschkernen, im Winter bewarfen wir ihn mit Schneebällen. Bis unsere Mütter das gesehen haben. Dann haben sie uns beiseite genommen und haben vom Krieg, von Unfällen und schwierigen Geburten, von Sauerstoffmangel erzählt. Sie haben unserem Dorfdeppen einen Namen gegeben: Harald. Uns Kindern kam er immer noch sonderbar und beängstigend vor, wir hatten viel zu große Angst davor, mit ihm zu reden, aber wir sahen ihn auf einmal mit anderen Augen. Besonders, als unsere Mütter einen Wintermantel über den Gartenzaun gehängt, Schuhe für Harald stillschweigend draußen hingestellt, ein Stück vom Kuchen für ihn abgeschnitten haben. Wir sahen auch, dass Harald immer mittags in irgendeinem Haus unseres Dorfes etwas zu essen bekam.
Heute ist das anders. Heute kümmert sich in der nächsten größeren Stadt die Diakonie oder die Caritas um solche Leute. Leute wie die Frau, die immer noch draußen steht und immer noch wartet, dass sie jemand mitnimmt. Und während ich so aus meinem Küchenfenster gucke und mit ihr warte, werde ich fast ein wenig sauer: Warum hält denn niemand für die Frau an? Nur weil sie behindert aussieht? Weil sie behindert ist?
Und ich denke mir: Was wäre unser Dorf ohne Menschen wie sie? Menschen, die uns erinnern an Gemeinschaft und Solidarität, an Nächstenliebe.

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Was würden Sie tun, wenn Sie nicht mehr lange zu leben hätten? 1922 stellte die französische Zeitung L'Intransigeant ihren Lesern diese Frage.
Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass ich unheilbar an Krebs erkrankt bin und nicht mehr lange zu leben habe? Was würde ich tun, wenn ein klitzekleines Erdbeben das Atomkraftwerk in Fessenheim in den Grundfesten erschüttert und die atomare Verseuchung nicht mehr aufzuhalten ist? Was würde ich tun, wenn erstaunte Wissenschaftler leider zu spät einen riesigen Meteoriten entdecken, der sich langsam aber sicher der Erde nähert?
Ich könnte meine Schwester anrufen und ihr sagen, dass uns trotz unserer Streitereien zu viel verbindet: unsere gemeinsamen Erinnerungen sind mehr wert als jede Unstimmigkeit.
Ich könnte endlich Oboe spielen lernen. Das wollte ich schon immer. Immer, wenn ich Leute mit Musikinstrumenten sehe, denke ich an diese Oboe. Ich nehme mir immer wieder vor, endlich zur Musikschule zu gehen und mich einzuschreiben, aber dann kommt immer etwas dazwischen.
Ich könnte mein Einrad aus dem Keller holen, es von den Spinnweben befreien und während ich meine Runden drehe könnte ich in aller Ruhe darüber nachdenken:
Was ist mir wichtig in meinem Leben?
Was ist aus meinen Träumen geworden?
Was sollte ich aus dem Keller meines Lebens mal wieder hervorkramen und entstauben?
Und während der Wind durch meine Haare weht, könnte ich mir die Frage durch den Kopf gehen lassen:
Warum mache ich es nicht einfach gleich, auch ohne Weltuntergang?

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Sind Sie eher der aktive oder der passive Typ? Eher Martha oder Maria? Zwei Freundinnen Jesu. Er ist gerade in der Stadt, also laden sie ihn und noch ein paar Freunde zu sich ein.
Die Geschichte ihres gemeinsamen Essens mit Jesus macht die beiden Frauen für alle nachfolgenden Generationen zu zwei Archetypen: die eine, Martha, ist die Aktive, sie guckt, dass alle einen Stuhl haben, sie kocht für alle, läuft herum und fragt, ob alles rechtens sei, kurzum, die perfekte Gastgeberin; die andere, Maria, tut nichts von alledem, sie setzt sich zu Jesu Füssen und hört ihm still zu. Und nun heißt es in der Bibel, dass sie, also Maria, die Zuhörende, die bessere Entscheidung getroffen habe.
Jedes Mal wenn ich die Geschichte der beiden ungleichen Frauen höre, bin ich hin und her gerissen. Ich gehöre eher zu den Aktiven, ich möchte gerne, dass es allen gut geht. Und ich denke mir dann, dass Maria nur deshalb so ruhig sitzen und zuhören kann, weil es eine Martha gibt, die sich um die praktischen, schnöden Dinge des Alltags kümmert.
Irgendwann habe ich dann gelernt, Maria oder Martha zu sein, je nachdem, was ich gerade in meinem Leben, in meinem Tagesablauf brauche.
Auch habe ich gelernt, dass man Martha und Maria gleichzeitig sein kann - aktiv und zuhörend. Sich nicht von einer permanenten Geschäftigkeit überrollen lassen, sondern Dinge, zum Beispiel Geschirrspülen oder Fahrradfahren bewusst zu machen. Und sich Auszeiten zu gönnen.
Tote Zeit nennt man oft diese Zeit zwischen zwei Aktivitäten. Wo man warten muss und irgendwo rumsteht oder rumsitzt. Von Maria lerne ich: sie ist keinesfalls tot. Ich kann dasitzen und hinhören: in mich hinein, auf die Stimme der Vögel... es ist die Zeit zum Nachdenken, zum Wachsen, zum Zuhören.

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