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SWR3 Gedanken

Quasimodo- das ist der Glöckner von Notre Dame, der Mann mit dem Buckel und dem hässlichen Gesicht. Vielleicht kennen Sie den Roman von Victor Hugo. Quasimodo hat seinen Namen von dem Sonntagmorgen. Der heißt nämlich Quasimodogeniti, zu Deutsch: »Wie die neugeborenen Kindlein«. Und genau das sollte Quasimodo zeigen: Stimmt es, dass Gott sogar einen so hässlichen Typ wie den Quasimodo wieder neu machen kann?
Quasimodo war Glöckner und lebte im Turm der Pariser Kirche Notre Dame. Er war so abgrundtief hässlich, dass die Leute glaubten, er wäre besessen und böse. Und niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Eines Tages sieht Quasimodo von seinem Turm aus, wie unten auf dem Marktplatz eine Frau auf den Scheiterhaufen gezerrt wird. Und als die Leute sich dran machten, den Scheiterhaufen anzuzünden, tat sie ihm leid. Und in einer wilden Befreiungsaktion rettet er sie und holt sie zu sich unters Dach der Kathedrale.
Dann sieht er, dass sie wunderschön ist. Während die Menge auf dem Kirchplatz tobt, kommen sich die beiden näher. Er abgrundtief hässlich und sie wunderschön. Erst erschrecken sie voreinander. Aber dann geschieht eine wunderbare Verwandlung. Quasimodo vergisst, dass er hässlich ist. Nein, er vergisst es eigentlich nicht. Es ist ihm egal. Er liebt diese Frau. Er will sie einfach nur vom Tod retten und ist bereit für sie zu sterben. Und sie vergisst, dass sie in Todesgefahr ist. Nein sie vergisst es nicht, es ist ihr egal. Weil sie hinter dem entstellten Gesicht von Quasimodo den Menschen entdeckt. Einen liebenswerten, schönen Menschen. Im Roman gibt es für die beiden kein Happy End.
Aber dass Liebe Menschen verwandeln kann, das bleibt bis heute wahr. Und das feiern wir morgen, am Sonntag Quasimodogeniti.

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„Wenn du glaubst, dass du schon erleuchtet bist, dann besuche doch mal ein Wochenende deine Eltern." Den Spruch find ich großartig. Weil er so schön runterholt.
Vielleicht kennen Sie das auch, dieses Gefühl von „erleuchtet sein". So ganz entspannt im Hier und Jetzt. Dieses Gefühl, von nichts und niemandem verletzt werden zu können. Weil man so entspannt und über den Dingen zu stehen meint. Nach einem Wellnesswochenende mit der besten Freundin zum Beispiel. Oder eine Woche schweigend im Kloster.
Jesus hat das übrigens einmal mit seinen Freunden gemacht. Ein paar Tage haben sie miteinander auf einem Berg meditiert. Haben in die untergehende Sonne geschaut. Sich einfach nur gut gefühlt. „Lass uns Hütten bauen!" Sagen die Jünger darauf zu Jesus. Lass uns diesen Zustand jetzt festhalten und in Stein meißeln!
Aber Jesus meint: Erleuchtung ist kein Dauerzustand. Erleuchtung gibt's nur für Momente. Als Wochenendgefühl oder als Geistesblitz. Die Wahrheit über dich liegt nicht auf dem Berg. Sondern unten im Tal. Wo die Leute wohnen, die dich brauchen. Wo deine Bekannten und Freunde sind und deine Familie.
Ein Wochenende auf dem Berg der Verklärung- mit Sauna, Massage und Gebet- das tut gut und gibt Kraft. Aber wenn du wissen willst, wo du stehst und wie stabil du bist, dann besuche deine Eltern. Oder Leute, die dich als Kind schon gekannt haben oder die, die dich heute brauchen. Das erdet jede Erleuchtung.
Schließlich führt der Weg zur Erleuchtung durch die Selbsterkenntnis hindurch, nicht dran vorbei. Und wann besuchen Sie wieder Ihre Eltern?

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Hier ist nur einer dick und der ist nicht dick! Den Spruch von Obelix hab ich mir gemerkt. Und halte ihn jetzt dieser Frühling- Abnehmhysterie entgegen: Schlank in den Frühling: Tine Wittler -das ist diese blonde Innenarchitektin- verliert zwanzig Kilo Bauchfett in drei Wochen! Na toll.
Würde ich zwanzig Kilo abnehmen, könnte ich vielleicht auch auf einem Catwalk laufen, aber ich wäre sicher unausstehlich.
In einer neuesten Studie hat man herausgefunden, dass Moppelige- den Namen find ich schon mal viel besser- dass also Obelix- Typen nicht kränker oder leistungsschwächer sein müssen als Dünne. Und viel essen kommt ist auch weniger eine Charakterschwäche als vielmehr Folge von Stress. Weshalb auch eher ärmere Leute zum „Moppelig-sein" neigen. Weil sie viel Seelenstress haben. Und den nicht so einfach regulieren können wie reichere, die sich mit Yoga, Wellness und Wanderreisen trösten. Ärmere finden eher Trost als „Couchpotatoes." Ist auch nicht so teuer.
Und wenn wir schon bei den Vorurteilen sind: In Afrika zum Beispiel wären wir alle hässliche Hungerhaken und Tine Wittler wäre der Star- MIT ihren 20 Kilo Bauchfett!
Stellen Sie sich vor, Jesus wäre nicht so schmal gewesen, wie ihn die ganze abendländische Kunst gemalt hat. Vielleicht war er ein bisschen moppelig mit kleinem Waschbärbauch. Denkbar wäre das schon. Seine Zeitgenossen haben ihn immerhin „Fresser und Weinsäufer" geschimpft und viele Geschichten erzählen, dass er oft zum Essen eingeladen war. Ein schmallippiger Moralapostel oder gar Asketen ist Jesus nie gewesen. Und vielleicht hat man ihm das auch angesehen.
Hier ist nur einer dick und der ist nicht dick, sagt Obelix. Und ein Freund, auch so ein Obelix-Typ, übrigens ziemlich leistungsstark, der meinte immer: man muss auch mal auf eine Askese verzichten können.

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Was Gastfreundschaft ist, das habe ich immer wieder von den Griechen gelernt. Einmal waren wir spät unterwegs und hatten uns verfahren.
Endlich kommen wir in ein Dorf und finden eine hell erleuchtete Taverne. Ein langer Tisch ist voll besetzt, dahinter springen Kinder herum, die Alten trinken Ouzo. Wahrscheinlich eine Familienfeier. Wir setzen uns vorsichtig an einen kleinen Tisch in der Ecke und fragen den Mann, ob es für uns noch was zu essen gäbe.  „Heute ist mein Enkelkind getauft worden, lacht er. Das ist meine Familie. Setzt euch und feiert mit." Und dann zaubert er Lammfleisch, Oliven und gebratene Auberginen auf unseren Tisch. "Guten Appetit und Prost, auf unser Taufkind!" sagt der Mann und zwei alte Frauen neben uns prosten uns auch zu.
Das ist also der harte Kern einer griechischen Tauffamilie, so ungefähr 50 Leute. Da ist die Cousine, die immer hin und herschaukelt, weil sie seit ihrer Geburt geistig behindert ist. Ihre Mutter hält immer die Hand auf ihr Bein, das beruhigt, sagt sie. Da sind die Tanten, die immer in schwarz rumlaufen, weil ständig jemand in der Familie stirbt. Ach ja und das Taufkind, ein Mädchen von 2 Jahren in einem weiß-rosa Tüllkleidchen.
Weiß rosa ist auch der Taufkuchen, der am Ende feierlich hereingetragen wird. Ob wir denn ein Stück wollten, fragt der 15 jährige Bruder der Taufmutter. Er hat ein paar Jahre in Deutschland gelebt, und hat gelernt, dass es höflich ist zu fragen. Aber bevor ich mit Blick auf meine Hüften dankend ablehnen kann, stehen schon rosa Plastiktellerchen auf unserem Tisch mit je einem Stück weiß- rosa Buttercremetorte. „Guten Appetit, sagt der Mann. Auf unser Taufkind"
Was für eine Kalorienorgie um Mitternacht! Was für eine Gastfreundschaft. Es waren die Griechen, die mir gezeigt haben, was Gastfreundschaft ist. Daran muss ich immer denken, wenn es um die Griechen und die Stabilität des Euro geht.

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Seit Ostern haben Christen ein Logo: das Kreuz. Weil Jesus an so einem Kreuz gestorben und auferstanden ist.
Aber es ist ein Kreuz mit dem Kreuz. Denn es ist ja ein Marterinstrument. Gekreuzigt wurden in der Antike viele. Das Kreuz als Zeichen einer Corporate Identity? Jeder Unternehmensberater würde drei Kreuze schlagen und rufen: Wo bleibt da das Positive?
Warum nicht z. B. eine Krippe? Die ist viel netter. Da denkt man an das süße Jesuskind. Oder „Fisch"- das war mal das Geheimzeichen der ersten Christen.
Warum das Kreuz genau richtig ist, habe ich erst begriffen, als ich mich mit dem Buddhismus beschäftigt habe. Vor einem Bild des toten Buddha. Buddha ist nicht an einem Kreuz gestorben. Buddha starb im Bett. Auf der Seite liegend, den Kopf auf einem roten Samtkissen mit goldenen Quasten. Der tote Buddha ist alt und lebenssatt gestorben mit einem Lächeln im Gesicht. Und jeder, der ihn sieht denkt: So möchte ich auch gern mal sterben. So sollte jeder sterben dürfen. Tut es aber nicht. Die meisten Menschen sterben nicht alt und lebenssatt mit dem Kopf auf einem roten Samtkissen. Sie sterben unter Schmerzen. An Hunger, an Erschöpfung. Sie sterben im Dreck, mit verdrehten Armen und Beinen, blutüberströmt und verzweifelt. Wie Jesus. Damals am Kreuz.
Aber jedes Kreuz, das irgendwo hängt oder steht, erinnert an sie. Dass Gott sie nicht vergessen hat, dass Gott mit ihnen gestorben ist. Und dass sie jetzt bei ihm sind.
Das ist die Corporate Identity unserer christlichen Kultur. Keiner ist allein auf seinem Weg von hier nach dort. Gott stirbt immer mit. Menschenverliebt, wie er ist. Und wer darauf vertraut, wird mit Jesus von den Toten wieder auferstehen.

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Ostermontag, das ist wie der zweite Tag nach einer Geburt. Wenn man ein Kind auf die Welt gebracht hat und die Erschöpfung noch tief in den Knochen sitzt. Ich erinnere mich noch gut daran. Weil die Geburt ja gigantisch anstrengend war mit ihren endlosen Wehen. Am zweiten Tag ist die Erinnerung daran noch ganz lebendig. Und zugleich wird man gar nicht fertig vor Staunen. Das Kind ist da. Was für ein Wunder! Das erste Mal im Leben etwas mit Hand und Fuß! Eine Beziehung fürs Leben. Wirklich? Ja, wirklich. Ich kann es fühlen und anfassen. Das Kind, das ich geboren habe. Oder bei Männern: den Auftrag, den ich geschafft habe. Obwohl ich am Ende gar nicht mehr dran glauben konnte.
Die Bibel erzählt von den Jüngerinnen und Jüngern, die noch ganz verwirrt und aufgescheucht sind. Sie haben gesehen, wie Jesus gestorben und begraben worden ist. Und dann ist ihnen, als ob er doch noch da wäre. Er redet mit ihnen. Er sagt ihnen, dass alles gut werden wird. Ist das wahr? Ja, es ist wahr- jedenfalls fühlen sie das so. Sie sind gar nicht mehr verzweifelt. Sie fühlen sich ganz neu und lebendig.
Wer einmal dem Tod ins Auge geschaut hat, für den verschieben sich die Wertigkeiten. Meistens verschieben sie sich hin zu den einfachen Dingen. Beziehungen werden wichtiger. Und dass man sich selber und das einfache Leben spüren kann.
Wie die Sonne aufgeht, wie der Wind über die Haut streicht bis sich die kleinen Härchen hochstellen. Wenn einen morgens das Gezwitscher der Vögel weckt, wenn man sich an einen Baum lehnt und man mit den Fingern die Rinde spürt. Dieses „mein Haus, mein Auto, mein Boot ist Luxus von gestern. Heute zählen die einfachen Dinge. Ich nehme ein Bad in der Stille und lasse mich vom Boden tragen. Das ist der Luxus am Tag danach, am Ostermontag.

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Christos Anesti! Mit diesem Gruß hat mich meine griechische Freundin immer an die Brust gedrückt an Ostern. Und ich musste antworten: Christos Anesti! Auf Deutsch: Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Und heute an Ostern ist das der Gruß in allen christlichen Kirchen rund um den Globus. Ob orthodox wie meine Freundin oder römisch katholisch, evangelisch, baptistisch oder wie sie alle heißen. Die ganze christliche Kirche- unsere christliche Kultur, es gibt sie nur wegen Ostern. Christentum gibt es nur, weil ganz am Anfang die ein paar Leute gesagt haben: Christos Anesti. Christus ist auferstanden von den Toten. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort.
Auferstanden von den Toten? Leibhaftig? Wie verrückt ist das denn? Das haben sich schon viele gefragt. Unendlich viele Romane erzählen, dass es anders wahrscheinlicher gewesen ist. Jesus sei gar nicht gestorben. Sie haben ihn nur ein bisschen am Kreuz gequält, aber dann laufen lassen. Und dann ist er nach Indien, wo er alt und lebenssatt gestorben ist. Oder die andere Variante. Jesus ist gestorben und fertig. Alles andere waren Wunschträume von verwirrten Jesusnachfolgern. Erstaunlich erfolgreiche allerdings.
Das Überzeugendste dazu hat mir mein alter Lehrer gesagt. Er meinte:
„Ich glaube den ersten Christen. Diese Botschaft von der Auferstehung. Ich glaube ihnen, weil es plausibel ist. Es passt zu dem, was Jesus gesagt und wie er gelebt hat. Du sollst deine Feinde lieben. Gott ist den Armen und Verzweifelten besonders nah. Der Tod ist nicht das Ende ist, sondern der Anfang. Das ist verrückt. So tickt die Welt nicht. Und doch haben die ersten Christen die Erfahrung gemacht, dass es stimmt. Und seitdem unendlich viele nach ihnen."
Der Tod ist nicht das Ende. Es ist der Anfang. Es gibt ein Danach. Ein verrücktes, wunderbares Leben danach. Das ist Ostern. Christos Anesti.

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