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SWR3 Gedanken

Die alte Dame besuche ich schon seit Jahren. Sie ist fast blind. Und das von Kindheit an. Sie sieht hell und dunkel und ein paar Schemen. Mehr sieht sie nicht. Was sie aber nicht daran hindert, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Sie geht kegeln und manchmal einen trinken. Sie kennt tausend Leute und liebt es, durch die Stadt zu bummeln.
Wenn sie Hilfe braucht, dann fragt sie eben jemand. In diesem Fall steht sie vor den verschlossenen Türen eines Geschäftes. Sie ahnt, dass da ein Schild hängt. Aber das kann sie ja nicht lesen. Deswegen fragt sie jemanden, der nicht weit entfernt steht. Fragt, wann das Geschäft wieder geöffnet ist. Keine Antwort. Also fragt sie noch einmal. Und bekommt wieder keine Antwort. Achselzuckend tritt sie den Heimweg an. Mal wieder einer dieser unfreundlichen Zeitgenossen. Was soll man machen.
Zuhause erzählt sie die Geschichte ihrer Tochter. Und versteht erst gar nicht, warum die sich vor Lachen schüttelt. "Du hast einen Pappkameraden gefragt", bekommt sie schließlich zu hören. "Da steht ein Koch aus Pappe und den hast du gefragt. Kein Wunder, dass du keine Antwort bekommen hast." Und dann schütteln sich beide vor Lachen. Und ich schüttele mich auch vor Lachen, als die beiden mir diese Geschichte erzählen. Weil sie einfach witzig ist. Nichts sonst. Weder peinlich, noch bedrückend. Sondern einfach witzig.
Und deshalb erzähle ich Ihnen diese Geschichte. Als ein Beispiel dafür, wie viele Menschen mit ihrer Behinderung umgehen. Und sich wünschen, dass andere Menschen mit ihrer Behinderung umgehen. Dass die eben nicht verschämt die Augen niederschlagen oder in eine andere Richtung blicken oder voller Anteilnahme die Stimme senken. Sondern dass die eine Behinderung als das akzeptieren, was sie ist: Teil des Lebens. Ausgefülltes und erfülltes Leben. In dem es auch Lebendigkeit und Lachen, Leichtigkeit und Liebe gibt. Wie in jedem anderen Leben auch.

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Die allmorgendliche Begegnung mit dem Spiegel, das allmorgendliche Grauen: Schon wieder ein neuer Pickel, schon wieder eine neue Falte, schon wieder 127 Haare weniger. Die meisten Menschen gehen mit ihrem Gesicht ganz schön hart ins Gericht: Da flieht das Kinn, da dominiert die Nase, da hängen die Backen.
Seit fleißige Computerspezialisten ihre Zeit damit verschwenden, das ideale Antlitz zu komponieren, sind doch wenigstens zwei Dinge klar: Wie ein schönes Gesicht auszusehen hat und dass die meisten Menschen keines haben. Zeit für ein Plädoyer in Sachen Gesicht. Das kann sich so anhören:
Deine Augen haben nicht die Farbe einer matschigen Pfütze, sondern den unergründlichen Farbton des Meeres. Hast du schon einmal bemerkt, wie elegant deine Augenbrauen geformt sind? Und sieh nur, all die Falten: jede einzelne hat ihre Geschichte, jede einzelne ist hart erlitten oder fröhlich erlacht. Klar, die Nase könnte etwas kleiner sein, aber verleiht sie deinem Gesicht nicht auch eine ganze Menge Persönlichkeit?
Zum idealen Einheitsgesicht fehlt dir sicher eine ganze Menge, aber: Hätte Gott eine Welt voller Heidi Klums gewollt, dann sollte das für ihn ja wohl kein Problem gewesen sein. Dennoch wollte er dein Gesicht, das einmalig ist und sich von allen anderen Gesichtern auf Gottes weiter Erde unterscheidet.
Und dafür hat sich ein Mensch in einem biblischen Psalm vor über dreitausend Jahren so bedankt: Gott, ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele. Vielleicht sollte man sich diesen Spruch einfach auf den Spiegel kleben.

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Jesus sagt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Aber klar doch. Was ist schon dabei? Kann doch nicht so schwer sein. So ein bisschen Liebe, so ein bisschen Achtung, das kriege ich bequem hin. Oder nicht? Es klingelt an der Tür.
Schon wieder dieser Penner. Diesmal betrunken. Hämmert an die Tür. Nimmt den Finger nicht von der Klingel. Flucht, als ihm niemand öffnet. Versucht es noch einmal. Wütend und ungeduldig. Gibt dann auf, mit einem neuen Fluch. Dreht sich um und will gehen.
Was man so gehen nennt bei einem, der granatenvoll ist. Bemerkt die Stufe hinter sich nicht. Tritt ins Leere und stürzt lang hin. Zum Glück erst auf den Bauch, der mildert den Aufprall. Danach dann der Kopf. Nur eine Beule. Er bleibt liegen, als wolle er schlafen. Dann schimpft er laut und heult dabei. Rappelt sich auf. Wankt davon. Hat wohl alles schon vergessen. Außer seinen Schmerz.
Den soll ich lieben? Der soll mein Nächster sein? Und dann die vielen anderen. Auf der Straße, im Bus, in den Geschäften. Lieben? Sie sind immer zu laut. Schreien ihre Kinder an. Bereuen nie etwas. Geben Gott und der Welt die Schuld. Oder putzen sich raus. Geben sich fein. Wissen alles besser. Haben immer recht. Und alle, alle meinen sie, die ganze Welt sei nur für sie da. Die soll ich lieben?
Ja, soll ich. Wenigstens achten soll ich sie. Wenigstens mir Mühe geben.
Weil auch ich nicht perfekt bin und nicht immer alles richtig mache. Weil Gott nicht nur mich geschaffen hat, sondern eben auch diesen Penner. Und weil ich vielleicht einfach nur mehr Glück gehabt habe als er. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ist wirklich manchmal viel verlangt. Du sollst deinen Nächsten achten, so wie du geachtet werden willst. Das sollte zu schaffen sein.

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Sie wirkt schon ein bisschen komisch, die Alte. Mit ihrer Strickweste voller Löcher und dem verrutschten Kopftuch und der rissigen Einkaufstasche. So steht sie neben mir an der Ampel und spricht mit sich selbst. Unermüdlich murmelt sie und wedelt mit einer Hand, als wolle sie ihre Worte damit unterstreichen.
Hinter mir zwei junge Mädchen. Mit der Grausamkeit der Jugend fangen sie an zu kichern und zu tuscheln: „Schau mal da, die alte Schachtel. Die hat wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank." Die alte Schachtel hört davon Gott sei Dank nichts. Weil sie viel zu sehr in ihrer eigenen Welt gefangen ist.
Ich aber denke an eine alte Schachtel. Die bei mir zu Hause auf dem Regal steht. Es ist eine alte Hutschachtel von meiner Großmutter. Fast ein Jahrhundert lang haben die Frauen meiner Familie darin alles aufbewahrt, was ihnen wertvoll war. Die Briefe meines Großvaters, als die Liebe noch jung war. Die Handschuhe, die meine Mutter zu ihrem ersten Ball tragen durfte. Das silberne Feuerzeug, das mir als Kind mein Vater geschenkt hat.
In dieser alten Schachtel, die durch die Berührung so vieler Hände vergilbt und verbeult ist, liegen so viele Geschichten. Geschichten von Liebe und Leben, von Trauer und Abschied. Von außen ist sie längst unansehnlich geworden, aber wen interessiert denn das?
Ich betrachte die alte Frau, die noch immer spricht und gestikuliert. Ja, denke ich, sie ist eine alte Schachtel. Angefüllt mit unzähligen Geschichten und lebendigen Erinnerungen. Auch sie hat längst ihren äußeren Glanz eingebüßt, ist vergilbt und verbeult durch die Jahre. Aber wen interessiert denn das, wenn man an das denkt, was in ihr steckt?
Unter uns leben viele alte Schachteln. Und irgendwann werde ich auch eine sein. Hoffentlich merkt dann einer, dass sich jenseits meines verblichenen Äußeren ein Schatz der Erinnerung befindet.

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Wieder verschlafen, muss neuen Wecker kaufen. Eilig geduscht, keine saubere Hose gefunden, fängt ja gut an. Beim Frühstück die Zeitung überflogen, auch immer dasselbe, schnell ins Auto. Na klasse, es regnet, und die Scheibenwischer quietschen.
Auf der Autobahn der übliche Stau, die üblichen verkniffenen Gesichter hinter dem Lenkrad. Auf dem Firmenparkplatz Jochen getroffen, das übliche Geplänkel ausgetauscht: das Auto, das Wetter, die Kinder. Im Büro erst einmal die Kaffeemaschine angeschmissen, die Ärmel hochgekrempelt - ran an den Papierberg.
Kurz vor Mittag Anruf vom Chef, voll Sorge hingetigert. Na klar, alles muss schneller gehen, effektiver sein. Mehr Einsatzfreude, meine Liebe.
Beim Mittagessen Trost von den Kolleginnen und Kollegen. Und der neueste Firmentratsch. Hat sich doch der Meier jetzt auf diese Stelle geschleimt. Und die Schmidt sitzt ganz klar auf dem Schleudersitz bei der nächsten Kündigungsrunde.
Im Büro fünf Telefonnotizen und zwei neue Akten gefunden. Es riecht nach Überstunden. Um fünf mit Jochen telefoniert: Will nach Feierabend noch ein Bierchen trinken. Ach nee, viel zu müde. Endlich heimgefahren, es regnet noch immer. Und die Scheibenwischer quietschen.
Zu Abend gegessen, Hausaufgaben kontrolliert, Waschmaschine angeschmissen, Kinder ins Bett gebracht. Dann vor dem Fernseher eingedöst. Noch drei Tage bis zum Wochenende - und dann wieder von vorne.
In der Küche auf ein Kalenderblatt geschaut. Wieder so ein Bibelspruch: „Versag dir nicht das Glück des heutigen Tages; an der Lust, die dir zusteht, geh nicht vorbei!" Na, damit kann ich ja wohl nicht gemeint sein. Oder doch?

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„Der liebe Gott sieht alles." Oh je - armes Kind. Das Pausenbrot im Mülleimer. Die Fünf in Mathe. Der geklaute Radiergummi. Keiner hat's gesehen. Oder doch? Einer sieht alles, nämlich der liebe Gott. Und der wird es den Eltern erzählen. Obwohl er doch genauso gut hätte wegsehen können. Wenigstens dieses eine Mal. Na warte, bis ich erst erwachsen bin.Der liebe Gott sieht alles." Jetzt bin ich groß, und deine Zeit ist um, du lieber Gott. Bleib mir doch gestohlen, du lieber Gott. Jetzt entscheide ich, was du siehst oder nicht. Ich entscheide, ob es dich gibt oder nicht. Du lieber Gott, was geht dich denn mein Leben an? Hast du denn nichts anderes zu tun auf dieser Welt? Interessiert dich denn mein Leben wirklich so sehr? Und warum immer nur dann, wenn ich Fehler mache?
„Der liebe Gott sieht alles." Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Zweifel kommen mir. Siehst du auch die anderen? Wie die ihre Kinder anschreit. Wie der seine Frau verprügelt. Wie der die Leute über den Tisch zieht. Soso, der liebe Gott sieht alles. Siehst du das auch? Siehst du, wie viel Gemeinheit und Grausamkeit und Ungerechtigkeit tagtäglich unter den Menschen geschieht? Und wenn du es siehst: Warum tust du dann nichts? „Der liebe Gott sieht alles." Vielleicht tut er ja etwas. Er sieht alles und weint darüber. Weint über die kleinen Ängste und über die großen Schweinereien. Und am meisten weint er darüber, dass seine Menschen nicht begreifen, dass er weint. Dass sie Angst vor ihm haben, wo es um Kleinkram geht. Und dass sie keine Angst vor ihm haben, wo es um die Wurst geht.
Ein Kinderschreck wollte er niemals sein. Gerade das doch nicht. Eher einer, der den Durchblick hat. Der wirklich alles sieht. Die Gemeinheit und die Grausamkeit und die Ungerechtigkeit. Der all das sieht und darüber weint. Und in seinen Tränen soll sich die Welt verändern. Das verängstigte Kind soll lachen, und der große Schweinehund soll sich schämen. „Der liebe Gott sieht alles."

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Gott schuf die Welt in sieben Tagen. Und dann ruhte er aus. Bis das Telefon klingelte. Das himmlische. Gott seufzte ein wenig, doch dann hob er den Hörer ab. Schließlich ist Gott irgendwie immer im Dienst. Einer seiner Engel war am Telefon - außerordentlich kleinlaut. Denn jeder Engel weiß, dass man am siebten Tag den Herrn besser nicht stört.
"Was gibt es?", herrschte Gott den armen Engel an. "Es ist der siebte Tag. Laut Verordnung mein Ruhetag. Also?" Der Engel räusperte sich ein wenig und raffte seinen ganzen Mut zusammen: "Hoher Herr, Euer Gnaden, Euer Himmlischkeit..." "Genug davon", raunzte Gott. "Auch ich habe einmal Feierabend. Also fasse dich kurz." "Sicher, Euer Erbarmen, dessen Geduld man rühmt von Horizont zu Horizont." Gott seufzte im Stillen. Mussten sie auch immer einen von der geschwätzigen Sorte in die Zentrale setzen.
"Meine Geduld ist bald am Ende. Sprich, du Engel, oder schweig für immer." Das saß. Und der Engel sprach. "Gott, du wirst gebraucht. Und zwar sofort." Kleine Pause. "Die Menschen brauchen dich. Du weißt, diese Wesen auf zwei Beinen mit Verstand." Natürlich wusste Gott. Schließlich hatte er sie gestern erst in seine Welt gesetzt. "Eine wahrhaft gelungene Schöpfung", dachte Gott nicht ohne Stolz. Und wartete auf die Pointe.
"Sie haben Spaß und Freude", sagte der Engel mit leichtem Ekel. "Sie arbeiten nicht. Sie tanzen und singen und legen sich in die Sonne. Als hätten sie sonst nichts zu tun. Dem müsst Ihr ein Ende setzen." Gott war ein wenig sprachlos. Hatten selbst die Engel nichts verstanden? Zaghaft hakte der Engel nach: "Herr, kann ich dem himmlischen Einsatzdienst Euer Eingreifen melden?" Und Gott sprach Ja.
Da seufzte der Engel erleichtert und wagte noch einen letzten Vorstoß: "Was, Herr, werdet Ihr tun, wenn ich fragen darf?" Und Gott, der Allmächtige und Barmherzige, sprach: "Ich werde tanzen und singen und mein göttliches Antlitz in die Sonne halten. Denn heute ist Sonntag."

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