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SWR3 Gedanken

Eine erfundene Geschichte, die auch wahr sein könnte:
Ein Reporter ist auf der Suche nach dem Geheimnis der Zufriedenheit. Und er wird fündig. Erberichtet, wie er mit einer uralten Frau Tee getrunken hat. IhreWohnung ist total einfach eingerichtet, wirkt aber ungemein gemütlich. Reich oder besonders gesundheitsfanatisch scheint die alte Dame nicht zu sein. Und trotzdem strahlt sie mit ihrem zahnlosen Lächeln eine Zufriedenheit aus, die gestresste Menschen vor Neid erblassen lässt.

„Was ist das Geheimnis ihrer Zufriedenheit?", fragt der Reporter neugierig. Und die alte Frau erklärt bereitwillig: „Eigentlich gibt es kein Geheimnis. Ich stehe mit der Sonne auf und erledige meine Arbeit. Ich esse, was mir schmeckt, lese, was mir Freude macht und treffe nette Menschen. Abends genieße ich gerne die Abendsonne auf dem Balkon. Dann spreche ich ein Gebet und gehe zufrieden schlafen. Ich nehme jeden Tag an, wie er ist und freue mich, dass ich am Leben bin."

Der Reporter gibt sich damit nicht zufrieden. „Was nehmen sie denn zu sich?", fragt er. „Ach ja, Birnensaft", seufzt die alte Frau. „Birnensaft hält gesund".

Kurz darauf fährt der Reporter zurück, in sein altes, stressiges Leben. Aber zur Sicherheit kauft er sich im Supermarkt um die Ecke noch schnell ein paar Flaschen Birnensaft.

Die alte Frau schreibt am Abend in ihr Tagebuch: Heute war ein Reporter bei mir und fragte mich nach dem Geheimnis meiner Zufriedenheit. Ich hab ihm Birnensaft genannt. Mit meiner wirklichen Antwort war er nicht zufrieden.

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Akku leer! Das minütliche Piepsen meines Handys macht sich unmissverständlich bemerkbar. Ich weiß genau: Wenn ich nicht innerhalb der nächsten 5 Minuten das Ladekabel einstecke, dann geht nichts mehr. Das Handy schaltet sich ab und ich bin vorübergehend nicht mehr erreichbar. So lange, bis der Akku wieder einigermaßen geladen ist.

Manchmal wünschte ich, das wär bei meinem körperlichen Akku auch so einfach. Wenn ich viel Energie verbraucht hab, häng ich mich einfach an ein Ladekabel und dann funktioniere ich wieder einwandfrei.

Eigentlich sind mein Handy und ich uns in dieser Hinsicht ja sehr ähnlich. Mein Handy zeigt den Energiemangel durch eine rote, blinkende Batterie auf dem Display an. Wenn mir die Kraft ausgeht, dann werd ich meistens sehr unruhig und leicht reizbar. Die kleinste Kleinigkeit bringt mich zur Verzweiflung und ich würd am liebsten auch einfach abschalten. Nicht mehr erreichbar sein, allein sein und erstmal in Ruhe neue Energie tanken. Aber bei mir gibt es niemanden, der mich an das Ladekabel anschließt.

Handys bekommen ihre Energie ja einfach aus der Steckdose. Bei uns Menschen ist das schon etwas komplizierter. Jeder muss eigentlich für sich rausfinden, wobei er am besten abschalten und neue Energie tanken kann. Bei einigen Menschen ist es ein ausgiebiger Spaziergang. Bei manchen Schlaf und bei wieder anderen vielleicht ein rauschendes Fest mit Freunden, bei dem man mal wieder richtig ausgelassen sein kann und den Kopf frei bekommt.

Meine Energiequellen sind meist ganz unterschiedlich. Das wär aber nicht weiter schlimm. Das Schlimme ist vielmehr, dass ich vergesse, die Energie aufzutanken. Oft reagiere ich erst im letzten Moment, wenn die Batterieanzeige quasi schon rot blinkt. Kurz vor knapp.  Ich glaube ich sollte die blinkenden Warnzeichen nicht übersehen. Sonst ist wirklich irgendwann der Akku einfach leer.

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Dieser Mann lässt hoffen. Alles was der neue Papst Franziskus gestern Abend gesagt und getan hat, lässt hoffen, dass die Katholische Kirche endlich neue Wege geht. Wege, die wieder näher auf ihren Ursprung, ihre Quelle zurückführen. Schon der Name des neuen Papstes ist Programm. Denn der heilige Franziskus steht für Bescheidenheit, Einsatz für die Armen und Verbundenheit mit der Schöpfung. Dass sich Jorge Mario Bergoglio so nennt lässt hoffen, dass er reformbereit ist. Denn der Heilige Franziskus wusste sich von Christus beauftragt die marode Kirche seiner Zeit wieder aufzubauen. Der neue Papst galt in seiner Heimat Argentinien als Bischof der Armen. Das lässt hoffen, dass er, nachdem Papst Johannes Paul II. wesentlich zur friedlichen Lösung des Ost-West-Konflikts beigetragen hatte, nun den Nord-Süd-Konflikt angeht. Dass dieser Papst aus der armen Südhälfte unserer Erde dazu beiträgt, dass die Globalisierung nicht nur eine wirtschaftliche und technische bleibt, sondern auch eine soziale, sozial gerechtere wird. Papst Franziskus hat gestern Abend Gesten von beeindruckender Schlichtheit gezeigt. Zu allererst hat er die 100.000 auf dem Petersplatz eingeladen mit ihm zu beten. Auch das zeigt, wo er den Focus sieht. Nicht in ihm, sondern in dem an den die Christen glauben. Und er, der neue Papst lässt sich von den Gläubigen segnen und bittet sie den Weg mit ihm in Liebe zu gehen. Schöne, vielversprechende Gesten eines Mannes, der sich in seiner Heimat nicht in einer großen Limousine chauffieren lässt und auch nicht in einem Palais wohnt. Große Hoffnungen auf einen einzelnen, 76 jährigen Mann. Möge Gott ihm die Kraft und die Jahre schenken einige dieser Hoffnungen zu erfüllen.

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Eine Szene als es das letzte Mal richtig geschneit hatte: Mit der Biomüllschüssel in der Hand stehe ich in der offenen Terrassentür. 20 Meter weißer Schneetrennen mich vom Kompost. Aber wie jetzt da hin kommen, ohne nasse Füße? Natürlich: Mit sanfter Gewalt. Mir völlig darüber bewusst, wie bescheuert das aussehen muss, nehme ich die Kehrschaufel und schiebe mir eine kleine Bahn zum Kompost. Nach vollendeten Tatsachen steh ich wieder in der Tür und betrachte mein Werk. Mitten durch die schöne weiße Schneedeckezieht sich eine Spur der Zerstörung. Gras und matschige braune Erde  durchbrechen das gleichmäßige Weiß. Ich hab zwar mein Ziel erreicht: Die Füße trocken und der Müll weg, aber mit hässlichen Spuren. Plötzlich kommt mir eine viel bessere Idee. Ich hätte auch einfach eine Schneekugel auf dem Weg rollen können. Dann wär es eine gleichmäßige Bahn und ich hätte wenigstens am Kompost einen Schneemann draus bauen können.
Ich ärger mich über mein überstürztes Handeln. Und auf einmal verstehe ich das Sprichwort: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, lässt sich etwas Schönes bauen". In meinem Fall hätte es ein Schneemann sein können.
Ich beschließe, dass ich das nächste Mal zuerst genau betrachte, was da in meinem Weg liegt, anstatt es einfach so weg zu schaufeln.
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen". Wie wahr das ist. Und ich glaube nicht, dass sich das Sprichwort nur auf materielle Dinge bezieht. Auch in Beziehungen oder im Beruf  hab ich manchmal das Gefühl, dass mir Steine in den Weg gelegt werden. Ich habe ein Ziel und das will ich erreichen. Und plötzlich tun sich Probleme auf, mit denen ich vorher nicht gerechnet hab. Normalerweise versuche ich, die Probleme möglichst schnell aus dem Weg zu schaffen, um mein Ziel zu erreichen. Aber vielleicht lassen sich tatsächlich auch diese Probleme in etwas Schönes und Sinnvolles umwandeln.

Ich hab zwar noch keine Ahnung, wie das dann gehen soll. Aber bei den nächsten Problemen werd ich erstmal überlegen, bevor ich versuche, einfach alles aus dem Weg zu schieben.

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„Lasst die Gespräche nicht sterben!" Manchmal würde ich diesen Wunsch gerne rausschreien.  Was vor Jahren noch wie Science-Fiktion geklungen hat, ist heutzutage ein alltägliches Bild: Menschen treffen sich in einem Cafe und schweigen sich an. Nicht, weil sie sich nichts zu sagen hätten. Sie schweigen, weil jeder damit beschäftigt ist, auf seinem Smartphone rumzutippen. Unzählige Wörter werden in die Tasten gehackt, aber die Münder bleiben stumm.  Anstatt zu sprechen, schickt der moderne Mensch sich Nachrichten. Kostet ja nichts in Zeiten von Flatrates. Trotzdem ist es mir echt immer peinlich, wenn ich mich beim Tippen erwische, während meine Freundin mir gegenübersitzt.

Ich glaube, dass wir diese Sprachverweigerung teuer bezahlen. Geschriebene Wörter können niemals die Gefühle vermitteln, die gesprochene Wörter enthalten. Da helfen auch keine Emoticons, diese kleinen Bildchen von Smileys, Herzchen oder Blumen.

Miteinander Reden ist überlebenswichtig. Das ist eigentlich schon seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Damals hat König Friedrich II. Ein Experiment mit Babys durchgeführt. Er wollte herausbekommen, welche Sprache die Babys sprechen, wenn sie keine Sprache lernen. Dazu hat er Babys zu Ammen gegeben. Diese sollten sie stillen und körperlich versorgen, aber es war ihnen verboten, mit den Babys zu sprechen. Das  traurige Ergebnis dieses makabren Experiments: die Babys sind gestorben!

Und was lerne ich daraus?  Wie schädlich es ist, wenn ein überlebenswichtiger Teil unseres Lebens, das Miteinander Reden -  verkümmert.Und genau das macht mir Angst. Wie weit werden wir gehen? Laden sich Kinder bald ihre Gute Nacht Geschichten selbst aus dem Internet runter? Reden wir uns ein, dass ein Eintrag im sozialen Netzwerk das Gespräch mit einer liebevollen Mutter ersetzen kann? Geben wir uns damit zufrieden, Menschen Freunde zu nennen, weil sie unseren Namen angeklickt haben?  Lasst die Gespräche nicht sterben!                                                  

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„Schneller, effektiver, billiger, mehr" Das ist das Prinzip der Zeit und daran passe ich mich an. Ich hab mir schon seit Jahren angewöhnt, eine to-do LIste für jeden Tag zu machen. Und die wird dann einfach so schnell und gut wie möglich abgearbeitet: Ich bin Lehrerin. Also bis 15.20 Uhr Unterricht. Dann nach Hause, E-mails checken, Unterricht vorbereiten, kopieren, dann 3 Klassenarbeiten korrigieren. Essen, spülen, drei weitere Arbeiten korrigieren, nochmals mails checken und beantworten, Theaterprobe festlegen, Elternbrief verfassen, staubsaugen und dann ab ins Bett.

Wenn ich das auf der Liste sehe, wirkt es viel, aber das ist ein ganz durchschnittlicher Tag. An besonders stressigen Tagen überklebe ich die Liste mit Post-Its, weil nicht alles Platz hat. Trotzdem bekomme ich alles hin, wenn ich nicht trödle und zielorientiert nach vorne schaue. Sobald ein Punkt abgehakt ist, stürze ich mich in die nächste Aufgabe.  Ich bin es gewohnt, zielorientiert nach vorne zu schauen. Das Vergangene kann ich eh nicht mehr ändern. Dabei gibt es aber ein Problem: Wenn ich mich immer nur auf die Zukunft konzentriere, dann hab ich ständig vor Augen, was ich alles noch will, was ich muss und was auf mich zukommt. Das bringt eine ständige Unruhe mit sich. Alles ist noch ungewiss, noch unerledigt, bleibt Wunsch und Ziel. Manchmal kommt mir das komisch vor. Eigentlich ist es ein schöner Moment, wenn ich ein Häkchen hinter eine Aufgabe machen kann. Aber ich nehme mir nie wirklich Zeit, diesen Moment richtig zu genießen. Ich hab so viel Zeit und Energie in die Aufgabe investiert, wo bleibt die Zeit, mich über die Lösungen zu freuen? Manchmal lohnt es sich, einen Blick zurück zu werfen. Dann sehe ich, was ich geschafft habe. Und das gibt mir ein Gefühl der Zufriedenheit.

Natürlich darf ich mich darauf nicht ausruhen. Aber mit dem Bewusstsein, dass ich bereits etwas erledigt habe und etwas kann, schaue ich viel optimistischer auf das, was als nächstes kommt.

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„Muss ich als Katholik eigentlich an den Papst glauben?" Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet. Ich wollte meinen Schülern die Möglichkeit geben, Fragen zum Thema Papst aufzuschreiben. Diese sollten dann in der nächsten Schulstunde beantwortet und diskutiert werden. Als ich zuhause die Zettelchen sortieren will, stoße ich auf diese Schülerfrage: „Muss ich als Katholik eigentlich an den Papst glauben?" Ich bin gläubige Katholikin, aber ich wäre jetzt nicht auf die Idee gekommen, an den Papst zu glauben. Der Papst ist doch nicht Gott. Der Papst ist das Oberhaupt der katholischen Kirche. Gott dagegen ist kein Amt, sondern der Grund und Inhalt des Glaubens und per Definition  nicht fassbar. Dass jemand fordert, an den Papst zu glauben, ist also unsinnig. Das werd ich in der Klasse unbedingt ansprechen. 

Denn michbeschäftigt diese Frage. Und irgendwie macht sie mich auch traurig. Der Schüler hat doch gefragt, ob man an den Papst glauben muss. In diesem Wort schwingt ein Zwang mit, der für mich überhaupt nicht mit dem Glauben zusammen passt. Warum sollte ich an etwas glauben MÜSSEN? Ich habe noch nie erlebt oder gehört, dass Gott jemanden gezwungen hätte, an ihn zu glauben. Das widerspricht meiner Meinung nach der Bedeutung von Glauben an sich. Glauben bedeutet doch, dass ich etwas gerade nicht weiß und mir trotzdem sicher bin, dass es wahr ist.

Ich würde sagen, „glauben" ist eher ein innerer Zustand, den ich nicht machen oder fordern und schon gar nicht erzwingen kann.

Es ärgert mich, wenn Religion dazu missbraucht wird, Menschen zu etwas zu zwingen.  Aber das geht eben von den Menschen aus, die sich hinter Ämtern verbergen. Nicht von  Gott.

Gott zwingt nicht. Für mich ist der Glaube wie ein Geschenk, das Gott mir angeboten hat. Ich hab es angenommen, aber es steht jedem frei, es abzulehnen.

Ich muss so viel im Leben, aber nicht glauben. Glauben darf ich.

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