Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Oh, Samstag, da muss ich wieder durchatmen. Unser Nachbar wird frühmorgens Rasen mähen... doch, auch im März. Tja, zwei Nachbarn, ein Problem. Zwei Gärten und der Streit bricht vom Maschendrahtzaun. Die Gerichte sind überlastet - nicht wegen der großen Kriminalität: Die Gartenzwerg-Fälle nehmen überhand. Mal können Schlichter noch vermitteln, aber viele wollen schlicht recht haben. Weit über eine halbe Million Gerichtsgänge pro Jahr, so schätzt der deutsche Mieterbund.
Die Streitgründe? Nachbars Hund bellt, die Katze pinkelt, Kinder schreien. Der Vorgarten ist verwildert, Löwenzahnsamen fliegen, Hecken wachsen über Zäune. „Die Hölle", meint der Philosoph Jean Paul Sartre „das sind die anderen". Das stimmt. Nachts über mir auf und ab trampeln, heimlich meine lang gehegte Glyzinie abschneiden, das und mehr haben mir Nachbarn schon angetan. Mal half Reden, Streiten, oder nur Ärgern.
„Die Hölle, das sind die anderen." Richtig, also auch ich: Eine Nachbarin, die ihre Straße nie kehrt, eine Familie mit Kind, Klavier und Katzen. Noch nie wurde ich verklagt. „Der Himmel", das sind auch die anderen. Besonders gute Nachbarn. Drum kein juristisches, ein biblisches Urteil: „Sieh nicht den Splitter im Auge des anderen, sondern den Balken im eigenen." Also auf allseits gute Nachbarschaft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14847

Heute ist Frauentag, mitten in der Passionszeit. Das passt. Denn wie Jesus geschlagen und misshandelt wurde, so ergeht es bis heute auch Frauen. Wie Katharina. Sie heiratet aus Liebe. "Eine gute Partie", sagt ihre Mutter. Doch bald läuft alles schlecht. Ihr Mann sperrt sie zuhause ein. "Du gehst nicht weg! Wir machen uns einen schönen Abend." Eines Abends vergewaltigt er sie. Und sagt: "Im Bett warst du auch schon besser."
Sie schämt sich. Fragt sich, warum sie´s ihm nicht recht machen kann. Ihn kann sie nicht fragen. Er schlägt immer öfter zu, schwört ihr danach seine Liebe. "Bist doch mit Schuld", sagt ihr Vater. So bleibt Katharina, jahrelang. Ihr Mann will sich bessern, sich therapieren lassen, doch er missbraucht sie weiter, ein Teufelskreis.
Katharina fühlt sich oft wie gekreuzigt. Aber endlich steht sie auf, nimmt die Kinder, geht ins Frauenhaus. Ein erster, schwerer Schritt in ein selbstbewussteres Leben. Jede dritte Frau weltweit wird in ihrem Leben einmal Opfer von Gewalt, eine Milliarde Frauen. „One billion rising" heißt darum eine Kampagne, „steht auf, streikt, tanzt". Tausende Frauen haben jüngst getanzt und gestreikt auf den Straßen, in 205 Ländern. Ein Hoffnungszeichen. Frauentag und Passion. Jesus ist auferstanden vom Kreuz, damit wir aufstehen gegen jede Form von Gewalt. Auch für Katharina.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14846

„Der sieht aus wie Jesus." So heißt es, wenn jemand - na ja, eben aussieht wie Jesus. Sie wissen schon, lässig, mit langen Locken und dem verklärtem Blick gen Himmel. Mein Jesus sieht anders aus. Sein Kopf ist eher locker mit Haaren bedeckt und silbergrau. Ein Mann um die Vierzig. Er schnarcht und ein Speichelfaden rinnt ihm aus dem Mund. Auf dem Bauch brummt sein Laptop.
Im Zug ist er eingeschlafen, der Mann, mir gegenüber. Ich kenne das. Das gleichmäßige Gerüttel - und schon ist man weg. Macht sich davon, träumt sorglos wie ein Baby...
Doch irgendwann fällt der Kopf aufs Kinn, man schreckt auf und spürt: Der Mund ist offen, die Backe feucht und sicher habe ich geschnarcht. Peinlich. Wie gesagt, ich kenne das. Aber bei diesem Mann denke ich: menschlich.
Nach kurzen Bahnschlafminuten wacht er wieder auf, richtet den Anzug, fasst nach dem Laptop und - klappt es ganz zu. Er murmelt was von "nicht jetzt" und schnorchelt gleich wieder vor sich hin. Nein, jetzt ist er kein Geschäftsmann, nur ein Mensch. Der einfach mal nichts macht. Auszeit nehmen, mal zu sich kommen und sorglos schlummern. „Sorget nicht." Wer hat das gesagt und vorgelebt? Jesus, genau. So könnte Jesus aussehen, denke ich, als der Grauhaarige weiterschläft. Darüber muss ich grinsen - und gähnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14845

„Bittet, so wird euch gegeben", behauptet Jesus einmal. Aber wo ist das schon so? Nur bitte sagen und schon gibt's was? Das gilt vielleicht für Kinder. Ich weiß noch, als unser Sohn klein war. Er konnte noch nicht sprechen, musste er auch nicht. Nur unter den Locken rausgucken und schon wurde er gefragt: „Ein Stück Lyoner? Ein Lutscher?" Das kennen alle Eltern. Überall gibt´s für die Kleinen was geschenkt. Doch wann hört das auf?
Dieser Tage stehe ich in einer Metzgerei. Ein Junge, knapp fünf, drängelt sich durch uns Wartende. Alle lassen ihn vor. „Bitte Fleischwurst, sooo lang," zeigt er mit seiner kleinen Hand. Die Verkäuferin packt das Stück ein und sagt: „90 Cent". „Nö, Geld hab ich nich", meint der Kleine, „Wurst gibt's doch immer geschenkt". „Aha", die Verkäuferin ist nur kurz verdutzt, „na dann, tschüss". Wir lachen und der Kleine murmelt „Danke". Noch mal gut gegangen.
„Bittet, so wird euch gegeben." Klar, irgendwann funktioniert das im Leben nicht mehr so einfach. Je älter ich werde, umso weniger wage ich zu bitten. Aber genau daran erinnert dieser Vers. Warum nicht die Nachbarin um Brot bitten, wenn ich mal keins im Haus habe, die Freunde um Hilfe beim Umzug... Helft einander. Bittet, so wird euch gegeben, sagt Jesus. Und auch Gott dürft ihr bitten wie Mutter oder Vater. Also betet, ja bettelt sogar, wenn es sein muss. Macht es wie die Kinder. „Bittet, so wird euch gegeben."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14844

Es geht mir immer wieder mal so. „Sie sehen ja gar nicht aus wie..." der junge Mann, ich treffe ihn zu ersten Mal, schaut mich verdutzt an. „Wie Mechthild?", frage ich. „Ja", meint er, "der Name klingt irgendwie..."
Was er nicht sagen will, steht im Namenslexikon. Mechthild klinge „alt, wenig attraktiv, eher intelligent." Das kenne ich von klein auf. Zu heißen wie eine alte Burgjungfer. „Ja, wie Mechthild von Magdeburg", erklärt mein Vater stolz. Schrecklich, fand ich damals. „Fürchte dich nicht, spricht Gott, ich habe dich bei deinem Namen gerufen." Den Bibelvers hat mir meine Mutter zur Konfirmation ausgesucht, tröstlich. Aber mein Name blieb zum Fürchten, zumindest als Kind. Drum wurde ich meist „Mette" gerufen; bei „Meeechthild" wusste ich, es gibt Ärger.
Lange habe ich gekämpft - Mechthild bedeutet soviel wie „tapfere Kämpferin" - aber nun bin ich erwachsen geworden, irgendwie hineingewachsen in meinen Namen. Auch weil ich gerufen wurde von Menschen, die mich lieben. Das macht einzigartig. Wie die Taufe und Konfirmation. Da wird mein Name gesagt, ich werde gesegnet, von Gott selbst sozusagen beim Namen gerufen. Ob nun altmodisch wie Mechthild oder modisch wie Finn. So hieß der junge Mann übrigens. Und verrät noch "aber mit zweitem Namen heiße ich Friedbert. Wie mein Onkel." Oh je.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14843

„Gut, dass bald Osterferien sind", sage ich dieser Tage. „Ach Urlaub, was ist das?", stöhnt meine Freundin Bettina. Sie hat vor drei Monaten einen Marketing-Job angetreten und bereits 130 Überstunden. „Wann soll ich die abfeiern, oder gar Urlaub nehmen?"
Dabei weiß auch sie: ohne Ruhe und Erholung geht nichts. Selbst Gott macht Urlaub, er ruht bekanntlich am siebten Tag. Und setzt das Gebot: Jede Woche Sabbat halten, Sonntag, einen Urlaubstag. Doch Urlaub qua Gesetz ist noch gar nicht so alt. Vor 50 Jahren, 1963 wurde das Bundesurlaubsgesetz verabschiedet. Wer arbeitet, hat das Recht auf bezahlte Erholungstage, derzeit mindestens 20.
Nie gab es so viel Urlaub wie heute - Freizeitgesellschaft die wir sind - und nie so viele Menschen, die gefühlt nie frei machen können. Die dank Smartphone - ich kenne das selbst - nach Feierabend noch die Mails checken, auch in den Ferien.
Dabei kann und soll ich es mir erlauben, mal im Ruhemodus zu sein. Urlaub stammt vom mittelalterlichen urloup, „Erlaubnis". Der Lehnsherr musste einst gnädig jede Auszeit erlauben. Heute reicht ein Urlaubsantrag. Und wie Bettina sich durchzuringen: „Ich habe mich jetzt mal abgemeldet. Muss auch ohne mich gehen." Gut so. Denn wer schaffen will, das weiß schon der Schöpfer, braucht Erholung. Also ausruhen - nicht nur am siebten Tag, auch mal tagelang. Schöne Osterferien schon mal...

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14842

„Warum gibt's in der Kirche nix zu lachen?", fragt mein Patensohn Jan. Als Konfirmand weiß er, wovon er spricht. „Im Gottesdienst ist es oft so langweilig. Hat Jesus nie gelacht?" „Tja", sage ich, „er war ja Mensch. Er hat gern gefeiert, da wird er auch gelacht haben." „Aber in der Kirche ist es fast nie lustig, nur neulich, da hat unser Pfarrer..."
„Mooment", unterbreche ich. „Ich lache gern, aber wer Christ ist, denkt eben oft auch an ernste Dinge und an die, die nix zu lachen haben." Jan schaut skeptisch. „Aber klar, wir könnten schon fröhlicher sein. Wir predigen ja die frohe Nachricht. Jesus sagt, egal, was du tust, Gott liebt dich." Während ich so vor mich hin predige, rutscht der Große hin und her. Schon schlimm, wenn man eine Pfarrerin als Patin hat.
„Ich weiß, ich weiß", meint Jan ungeduldig „aber ich will doch den Witz erzählen aus dem Konfi-Unterricht." „Na erzähl!" „Tante, wer war der erste Student?" „Keine Ahnung." „Jesus. Bis dreißig hat er daheim gewohnt. Und wenn er mal was getan hat, war´s ein Wunder." Spricht´s und lacht sich schief, mein Patensohn. Ich lache mit. Und will gerade anfügen „übrigens meinte schon Martin Luther..." Da ist der Junge wieder weg. Dabei sagt es Luther doch so treffend: „Gott hat seinen Sohn gesandt, dass er uns fröhlich mache."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14841