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SWR3 Gedanken

Der 2. Februar heißt auch „Maria Lichtmess". Früher war es der Feiertag, an dem die Weihnachtszeit offiziell vorbei war. Bis Maria Lichtmess wurden Weihnachtslieder gesungen und in den katholischen Häusern standen auch noch Christbaum und Krippe.

Meine Eltern machen das heute noch so. Der riesige, 4-Meter hohe Tannenbaum in unserer Diele gehört zu meinen schönsten und liebsten Kindheitserinnerungen rund um Weihnachten. Es war einfach ein tolles Gefühl, dass der Baum so lange stand. Die Ferien waren längst zu Ende und in der Schule haben wir schon langsam für Karneval geprobt. Aber wenn ich zu Hause zur Tür reingekommen bin, war wieder Weihnachten. Ich hab das total genossen. Und ich fand es schrecklich, dass es bei meinen Freundinnen nicht so war. Die haben den Baum meiner Meinung nach viel zu früh rausgeschmissen, sie konnten die Weihnachtszeit ja gar nicht richtig genießen.

Wenn ich heute Ende Januar meine Eltern besuche, dann erschrecke ich schon fast ein bisschen, wenn ich den Weihnachtsbaum wieder sehe. Das kommt mir irgendwie fehl am Platz vor. Vielleicht, weil es die meisten inzwischen anders handhaben, oder weil mein Alltag im Februar absolut nichts mehr mit Weihnachten zu tun hat.

Aber nach dem ersten Schrecken bin ich dankbar, dass ich in der Diele meines Elternhauses nochmal ein weihnachtliches Gefühl geschenkt bekomme. Mitten in meinem gar nicht mehr so weihnachtlichen Alltag die Gewissheit, dass Gott bei uns Menschen sein will.

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Ungeplante Treffen sind meistens die besten. Das hat erst vor kurzem mein Großonkel Anton bewiesen. Er ist übrigens mein großes Vorbild in Sachen Leben genießen. Anton wohnt 20 Minuten außerhalb von Stuttgart und wann immer er Lust hat, setzt er sich in die S-Bahn und fährt in die Stadt. Dort schlendert er dann gemütlich durch die Straßen, trinkt hier einen Kaffee und dort einen Espresso und schaut sich das bunte Treiben und vor allem die Menschen an. Sein Tag in der Stadt endet meistens im selben Lokal mit einem leckeren Essen. Dann fährt er heim, trinkt in seiner Stube auf der Eckbank noch ein Gläschen Rotwein und lässt den Tag Revue passieren.

Anton kommt bei seinen Großstadtausflügen immer, aber wirklich immer, mit Leuten ins Gespräch. So auch an einem Abend im Dezember in seinem Lieblingslokal. Am Tisch neben ihm sitzt ein älterer Herr und lässt es sich gut gehen. Die beiden Tischnachbarn kommen ins Gespräch und der Mann erzählt, dass er als italienischer Gastarbeiter nach Deutschland gekommen ist und heute Geburtstag hat. Und nicht irgendeinen, sondern den 80. Anton freut sich mit ihm, fragt aber natürlich, warum er den Abend alleine verbringt. Und schon ist ein ganz persönliches Gespräch über das Leben und die Liebe im Gange.

Am Ende des Abends haben die beiden Herren gemeinsam gegessen, auf den 80. Geburtstag angestoßen und wirklich ein bisschen gefeiert. Als die beiden sich verabschieden, bedankt sich der Herr, der jetzt kein Fremder mehr ist. Er bedankt sich für´s Sprechen, Lachen und Zuhören. Für das gemeinsame Essen und vor allem dafür, dass er seinen 80. Geburtstag nicht alleine feiern musste.

Anton ist für mich das beste Beispiel dafür, dass die ungeplanten Begegnungen häufig ganz besondere sind. Und dafür, dass ich Menschen so nur treffen kann, wenn ich offen durch die Welt gehe.

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Moritz geht gern auf Kuschelparties. Da treffen sich wildfremde Leute, um Nähe zu erleben, vor allem durch Körperkontakt. „Das war alles so unkompliziert und locker." sagt Moritz. „Außerdem total ehrlich. Alle, die dahin gehen, wollen einfach nur ein bisschen Nähe und menschliche Wärme", erzählt er.
Warum gibt es wohl solche Parties? Ich hab davon noch nie was gehört. Moritz sagt, es gehe um die Sehnsucht nach Berührung. Darum, dass ich einfach so menschliche Wärme spüren kann.

Das heißt doch umgekehrt, dass das im Alltag bei vielen zu kurz oder gar nicht mehr vorkommt. Und dass Berührung was absolut Wichtiges ist. Das kenne ich selbst zu gut. Eine Massage zum Beispiel, tut ja nicht nur meiner Muskulatur gut, sondern ist auch was für die Seele. Oder meine Tante: ohne ihren Hund und die dazugehörigen Streicheleinheiten wäre sie sprichwörtlich glatt eingegangen. Es gibt auch viele Therapieformen, die mit Tieren zusammenarbeiten. Mit Pferden oder sogar Delphinen. Da geht es genau darum: Berührung zulassen und erleben.

Berühren und Körperkontakt sind schon immer große menschliche Themen. Das zeigen auch viele biblische Geschichten rund um Jesus. Wenn er auf Menschen trifft, die krank sind, berührt er sie meistens. Manchen legt er die Hände auf betroffene Körperstellen. Andere berühren seine Kleider; und sie sind gesund. Gesund werden, heil werden hat bei Jesus immer was mit berühren, mit menschlichem Kontakt zu tun. 

Ich weiß es natürlich nicht, aber vielleicht wäre Jesus heute ein Fan von Kuschelparties gewesen. Fest steht, sich nah sein und menschliche Wärme sind lebens-wichtig für uns alle. Und ich möchte mir immer wieder Möglichkeiten suchen und schaffen, das erleben zu können. Wer´s mag - auch gerne auf einer Kuschelparty.

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Mitten in Berlin wird ein Zeichen gesetzt. Auf dem Petriplatz entsteht ein Hausfür drei Religionen: Juden, Christen und Muslime bauen gemeinsam ein „Haus für Gott". Die Gläubigen sollen darin beten, Vorträge hören oder sich einfach nur treffen. Trotz aller Gemeinsamkeiten wird es innen drei verschiedene Räume geben: eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee. Die Räume lassen sich jedoch mit ein paar Handgriffen zu einem gemeinsamen großen Saal verbinden.

Das ist ja auch irgendwie naheliegend, denn in Berlin lebendie drei Religionenja auch nebeneinander oder unter einem Dach. Warum dann nicht auch am selben Ort beten? 

Mir gefällt das, weil an diesem Ort beides möglich sein wird: einerseits kann ich meinen eigenen Glauben feiern und vertiefen. Und andererseits habe ich aber auch die Möglichkeit, Nachbarreligionen kennenzulernen. Und ich kann wieder neu verstehen, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. 

Die Organisatoren haben sich auf die Fahne geschrieben, jedes Jahr das Stück „Nathan der Weise" aufzuführen. Auch in diesem Stück geht es um das Verhältnis der Religionen untereinander. Die Geschichte erzählt von einem Vater, der einen besonderen Ring besitzt. Derjenige, der den Ring trägt, wird ein Liebling der Menschen und der Götter sein, heißt es. Der Vater soll ihn an seinen liebsten Sohn weitergeben, hat aber alle drei Söhne gleich gern. Darum lässt er zwei weitere Ringe anfertigen und schenkt jedem Sohn einen. Nach dem Tod des Vaters aber, streiten sich die drei Jungs um den echten Ring und ziehen vor Gericht. Aber der Richter kann den ursprünglichen Ring nicht mehr erkennen und daher auch keine Entscheidung treffen.

Ich finde es absolut passend, im gemeinsamen Gotteshaus in Berlin dieses Stück zu spielen. Darin wird nämlich deutlich für was das Haus steht: keine Religion ist besser oder schlechter als die andere. Judentum, Christentum und Islam sind alle ein Original.

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Ich laufe durch die Stadt und plötzlich stehe ich vor einem Schild „Agentur für Freundlichkeit". Neugierig, ja fast ein bisschen ungläubig, bleibe ich stehen. „Agentur für Freundlichkeit", was ist das denn?  
Die „Agentur für Freundlichkeit" ist eine Unternehmensberatung. Sie hat sich darauf spezialisiert, in Firmen oder Teams auf ein gutes Arbeitsklima zu achten. Das heißt, auf Anfrage kommen Trainer in die Firma und schauen, wie die Leute miteinander umgehen. Sie prüfen, beraten und üben mit allen, wie es besser laufen könnte. Die „Agentur für Freundlichkeit" gibt also Strategien an die Hand, die freundlich sein fördern.

Aber ist es eigentlich gut, immer nur freundlich zu sein? Immer nur grinsend durch die Gegend zu laufen und zu allem Ja und Amen zu sagen? Das kann es ja wohl nicht sein. Ich muss doch auch mal auf den Tisch hauen und sagen können, wenn mir was nicht passt. 

Die Experten sagen, freundlich sein heißt, dass ich mit mir selbst und mit anderen positiv umgehe, und zwar in jeder Situation. Oder, dass ich es zumindest versuche.Das heißt, ich muss zuallererst freundlich zu mir selbst sein. Meistens bin ich mit mir selbst ja zu kritisch. Ich sollte es gut mit mir meinen und manchmal milder sein und mich und meine Stärken und Schwächen gut kennen und akzeptieren. Dann kann ich das den Leuten um mich herum auch zugestehen.

Ich finde das im Alltag ganz schön schwierig. Wie oft bin ich gestresst und reagiere pampig auf alles und jeden. Richtig unfreundlich.

Ich finds gut, dass es so eine Agentur gibt. Ich bin zwar keine potentielle Kundin, aber es reicht mir schon, am Firmenschild vorbei zu laufen, und schon wird mir bewusst: Es ist wichtig, freundlich zu sein - zu mir und zu anderen.

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In letzter Zeit sehe ich das öfter. Straßenschilder, Geländer an öffentlichen Gebäuden, sind komplett mit knallbuntem Stoff umhüllt. Sogar ganze Bäume. Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, war ich überrascht und hab es noch für einen Einzelfall gehalten. Aber inzwischen sehe ich das häufiger. Und ich weiß jetzt auch, dass das kein Stoff ist, der da Pfosten und Pfähle kleidet, sondern dass es selbstgestrickte Wollanzüge sind. „Strick-Graffiti" nennt man das. Wie beim Sprayen wird in einer Nacht- und Nebelaktion ein Straßenschild in möglichst vielen Farben eingestrickt. Geheim natürlich. 

Eine Bekannte von mir, Anne, strickt in ihrer Stadt alles Mögliche ein. Äste, Schilder und Begrenzungspfeiler. Hauptsache es ist öffentlich. Ich hab sie natürlich gefragt, warum sie das macht. Und ihre Antwort: damit die Welt bunter und auch ein bisschen wärmer wird.

Eine buntere und wärmere Welt durch Strick-Graffiti. Aha. Mir leuchtet das nicht so richtig ein und ich frage mich, ob wir denn dazu wirklich eingestrickte Bäume brauchen. Ich denke, damit die Welt freundlicher wird, sollte ich was tun.
Brauche ich denn eine noch buntere Welt? Ich bin schon von so vielen Eindrücken umgeben, dass es mich oft stresst. Und dann noch mehr Farbe durch „Strick-Graffiti"?

Inzwischen kann ich meine Freundin Anne verstehen. Ich muss nämlich jedes Mal grinsen, wenn ich ein eingestricktes Straßenschild sehe. Und dann ist dieser kleine persönliche Beitrag zu einer warmherzigen und lebenswerteren Welt doch genau richtig.

Zu Anne sag ich dann: Ziel erreicht.

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Chava Herschkowitz ist „Miss Holocaust Survivor". Das heißt, sie ist die schönste Überlebende des Holocaust. Diesen Wettbewerb hat es wirklich gegeben. Ausgeschrieben von einem Verein in Israel, der sich für Überlebende des Holocaust einsetzt. Der Verein finanziert unter anderem ein Pflegeheim, in dem diese Menschen günstig wohnen können. Und hier fand auch die Wahl zur Miss Holocaust statt.

Als ich den Bericht über die Wahl gelesen habe, ist mir ganz anders geworden. Ist das nicht absolut daneben? Und wird da nicht das Leid unzähliger unschuldiger Menschen auf die leichte Schulter genommen oder gar für PR-Zwecke benutzt? Dann habe ich aber die Lebens- und Leidensgeschichte der Siegerin gelesen, und ich hab verstanden: Chava Herschkowitz hat aufgrund dieser Wahl gelernt ihre schlimmen Erfahrungen überhaupt zuzulassen und dann über sie zu reden. Lange Zeit war das unmöglich. Es war zu schrecklich, was sie erlebt hat. Es fällt ihr immer noch schwer, aber sie sagt: „Es ist wichtig für mich darüber zu sprechen. Die Wahl zur Miss Holocaust hat mir ganz neu gezeigt, dass das Leben lebenswert ist - auch mit diesen dramatischen Erfahrungen." Die Wahl zur Miss Holocaust war ein rauschendes Fest. Alle haben gefeiert, getanzt, gelacht und erzählt. Und das sei so wichtig, sagt die Gewinnerin.

Heute ist der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Vor 68 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Chava Herschkowitz und ihr Ehemann haben Auschwitz überlebt. Viele andere sind gestorben.
Es ist wichtig für mich, an diesem Tag an alle zu denken, die unter diesem Wahnsinn zu leiden hatten. An diejenigen, die heute noch leben und an alle, die nicht überlebt haben.

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