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SWR3 Gedanken

Nichts tun. Die Hände in den Schoss legen, den Blick nach draußen schweifen lassen, in die Weite. Nichts tun, nichts denken.
Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen!" hat Jesus einst seiner Anhängerschaft gepredigt (Matthäus 6,28b-29).
Man könnte seine Predigt auch als Lob der Faulheit bezeichnen! Faul sein, das ist das, was man macht, bevor Müdigkeit, Erschöpfung, Frust und Angst einen „übermannen". Faul sein, das ist: im Café sitzen, dem emsigen Treiben der Menschen zugucken, da und gleichzeitig woanders sein; oder auf dem Sofa liegen, eingekuschelt in eine Decke und den Nachmittag an einem vorbeiziehen lassen; abhängen, im wahrsten Sinne des Wortes: sich hängen lassen; die Seele baumeln lassen; sich keine Sorgen mehr machen: weder ums heute noch um morgen geschweige denn um gestern.
Es ist erstaunlich, aber so wird der Kopf frei. Frei für lose Gedanken, für verrückte Ideen, verdrängte Fantasien. Der Körper entspannt sich und die Seele mit ihm. Luft zum atmen. Eine Pause im ständigen Tun.
Auch Gott legte am siebten Tag nach getaner Arbeit seine Füße hoch und ließ - wie man so schön sagt: den lieben Gott einen guten Mann sein.
Ein Hoch auf die Faulheit!

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Es ist dunkel, Nacht. Die Kirchenbänke stehen brav im angrenzenden Gemeindehaus. Über dem Altar leuchtet mit tausend Lichtlein eine Diskokugel. Auf dem Altar: CDs. Dahinter: ein DJ. Heute Nacht gehört die Kirche den Jugendlichen. Die sind dann auch von nah und fern gekommen. Das Ganze nennt sich MP3Prayer. Es gibt zwar Musik, aber das hier ist auch ein Gottesdienst. Vorbereitet von den Jugendlichen der Gemeinde. Man singt sogar, es gibt eine kleine Band, eher so Reggae. Der Pfarrer begrüßt alle. Man tanzt. Anstatt einer biblischen Lesung wird ein von den Jugendlichen selbstgedrehtes Video gezeigt: Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter - das ist der Ausländer, der einem am Boden liegenden Typen hilft, den eine Gruppe von Gangstern vermöbelt und für tot liegen gelassen hat. Anstatt eines Gebets, eine Power Point Präsentation mit Bildern und dem Text des Vater Unsers. Am Ende des Abends nehmen sich alle an die Hände und der Pfarrer spricht den Segen. Eine heilige Nacht, sozusagen.
Warum hört man in
Na ja, Kirche kann auch anders. Pfarrer und Pfarrerinnen haben nur manchmal die Angewohnheit, das zu vergessen. Auf YouTube findet man dann auch einiges in Sachen Orgel: ein echt schicker Typ, der Fluch der Karibik richtig super auf der Orgel spielt. Es gibt aber auch Orgelversionen von Lady Gaga, Britney Spears und Queen. Cool sind auch klassische Kirchenlieder von einer Rockband gespielt!
In jedem Fall ist in der Kirche keine Musik verboten, alles ist möglich, man muss nur auf die kleine Stimme in einem hören und Gott die Ehre geben.

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Meine Oma ist die Beste! Wirklich wahr! Bei ihr fühle ich mich wohl, wahrscheinlich weil sie das Erziehen meinen Eltern überlassen hat. Sie hat Zeit und hört mir zu oder sie erzählt mir von früher. Als ich klein war, habe ich meine Ferien oft bei ihr verbracht und ihre Speckpfannkuchen mit Salat sind unübertrefflich. Als ich ins Ausland gegangen bin, hat sich meine Großmutter von meinem Cousin das Internet erklären lassen und jetzt skypen wir miteinander. Früher hat sie mit Hingabe Leserbriefe geschrieben, heutzutage schickt sie Emails direkt an die betreffenden Politiker, weil, so erklärt sie mir jedes Mal, so geht das ja nun nicht. Sie kann Verantwortungslosigkeit nicht leiden.
Die älteste christliche Großmutter heißt übrigens Lois. So steht es jedenfalls in der Bibel (2. Timotheus 1,5). Sie hat eine Tochter namens Eunike und einen Enkel, Timotheus. Und ich stelle mir vor, wie die Großmutter Lois ihrem kleinen Tim von ihrem Leben, von ihrem Glauben erzählt hat, wie sie ihn mitgenommen hat zum Gottesdienst, ihm abends biblische Geschichten von Noah und der Arche oder von Jesus und seinen Gleichnissen erzählt hat, vielleicht hat sie auch mit ihm gebetet. Auf jeden Fall hat sie das Leben des kleinen Tim entscheidend geprägt.
Großmütter und Großväter sind toll, sie haben Zeit, sie haben schon einiges erlebt im Leben und können etwas relaxter sein mit ihren Enkeln, als sie es mit ihren eigenen Töchtern und Söhnen waren, nicht zuletzt wird vielen Menschen, die einen kleinen Enkel in den Armen halten, ihre eigene Endlichkeit bewusst - das ändert die Sicht aufs Leben.
Deswegen möchte ich allen Großeltern einmal Danke sagen! Danke fürs zuhören und akzeptieren, Danke fürs Geschichten erzählen, Danke fürs Werte vermitteln und für Euren Glauben und fürs erzählen, was Euch durchs Leben getragen hat!

Margot Kässmann, Lois: Großmutter, in: Mütter der Bibel, Herder 2010.

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Eigentlich bin ich ein netter Kerl. Ich habe viele Freunde - nicht nur auf Facebook. Manche stehen mir näher, manche wohnen weit weg, andere um die Ecke, mit einer gehe ich joggen, mit einem anderen öfters ins Kino. Mit meinen Freunden kann man Pferde stehlen und mit manchen habe ich das auch schon gemacht. Meine Freunde sind Menschen wie du und ich, mit Fehlern und Schwächen, da gibt es die Perfektionistin, die eigentlich nie Zeit hat; da gibt es einen, der gerne über den Durst trinkt und eine andere, die sehr laut lacht und wie ein Seebär flucht. Und manchmal denke ich, mag ich meine Freunde gerade wegen ihrer kleinen Schwächen, eben weil sie nicht perfekt sind, sondern so wunderbar menschlich.
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Dieser Satz findet sich gleich mehrmals in der Bibel (3. Mose 19,18 und Mt 22,39b et al.)
Und mit der Nächstenliebe das geht ja noch, aber mit der Selbstliebe ist das so eine Sache. Was ich meinen Freunden zubillige, was ich an ihnen mag, bei mir selbst ist das anders. Ich ärgere mich über mich selbst, ich bin mir peinlich, ich sag manchmal Dinge, die ungerecht und gemein sind, ich mache etwas und ich bin mir selbst nicht sicher, ob meine Motive so rein sind. Andere lieben - ok, aber mit mir selbst habe ich da so meine Schwierigkeiten.
Für Knigge - das ist der mit den Regeln fürs gute Benehmen - war das ganz klar: Wenn ich nicht nett mit mir selber bin, werde ich auch nicht nett gegenüber anderen sein können. Für Knigge gibt es „Pflichten gegen uns selbst", ganz konkret heißt das: Kümmere dich um deinen Körper, darum, dass du deinen Geist nicht vernachlässigst und deine Seele nicht verkümmert! Geh „ebenso vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit dir selber um (...) wie mit andern"! Nur so klappt das mit dem „liebe deinen Nächsten wie dich selbst".

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Wozu braucht man eigentlich ein Pfarrhaus? Wurde ich vor ein paar Tagen gefragt. Und ich habe erzählt:
Es ist Vormittag und es klingelt sturm. Vor der Tür steht eine ältere Dame, Panik in den Augen: „Frau Pfarrerin, es brennt! Gucken sie, da vorne an der Straßenecke brennt der Mülleimer!" Ich komme gar nicht dazu, darüber nachzudenken, ob es in meiner Theologenausbildung vorgesehen ist, dass ich mich auch als Feuerwehrmann bewähren muss, ich schnappe meinen größten Eimer und laufe los. „Ach" seufzt die Dame „wie gut, dass sie da sind, ich wusste nicht, was tun."
Sonntagmittag, es klingelt, eine Frau steht vor der Tür, hinter ihr ein kleines Mädchen: „Gott sei Dank, sie sind da! Ich bin auf der Durchreise und mein Auto hat einen Platten und ich dachte mir, neben der Kirche wohnt bestimmt der Pfarrer. Können sie mir helfen?" Nun bin ich eben Pfarrerin und keine Automechanikerin, sondern Radfahrerin, aber ich kenne mich im Dorf aus und fünf Häuser weiter wohnt einer, der sich mit Autos auskennt und der kommt dann auch und ein paar Minuten später ist der Ersatzreifen gefunden und installiert.
Es ist schon spät, es ist dunkel und kalt draußen und es klingelt. Ein Mann mittleren Alters, gut gekleidet steht vor mir. Er zittert am ganzen Körper, seine Sätze kommen nur stoßweise hervor. Ich bitte ihn rein, aber er will nicht; hier auf der Schwelle ist sein Ort, er weiß nicht weiter. Also hole ich Decken und mache Tee und wir setzen uns auf die Stufen vorm Pfarrhaus und reden. Und irgendwann geht es weiter.
Wozu braucht man ein Pfarrhaus? Weil es gut ist, dass es einen Ort gibt, eine Tür, wo man anklopfen kann und es wird einem geöffnet.

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Nichts als Ärger im Büro. Seit die Chefin im Urlaub war, ging's mit der Stimmung bergab. Warum auch immer. Die Gerüchteküche brodelte, Beleidigungen aller Art, schlechte Stimmung. Nach zwei Wochen kam sie wieder und zwei Tage später lud sie alle zum Essen ein. Alle kamen, steif gab man sich die Hand, gezwungen wirkender Aperitif; dann aber ändert sich unmerklich die Stimmung, bei der Paella ging es los, beim Nachtisch wurden schon Witze gemacht, spätestens beim Digestif lauthals gelacht.
Essen verbindet, sagt man. Essen verändert die Sicht auf den anderen. Man isst zusammen und stellt fest, der andere ist - neben aller Unterschiedlichkeiten und geteilter Meinungen - ein Mensch wie du und ich. Essen stiftet Gemeinschaft.
Vielleicht hat Jesus deshalb so gerne mit Menschen zusammen gesessen und gegessen. An seinem Tisch kamen alle zusammen: Arme und Reiche, Sünder und Fromme, Kranke und Gesunde. Hier wurde Gemeinschaft erfahrbar über alle Grenzen hinweg.
Das mochten nicht alle. Jesus wurde als Weinsäufer beschimpft, als Freund von Gaunern und Huren. Es behagt nicht, wenn alle zum gemeinsamen Essen eingeladen sind, auch wenn der eine oder die andere es eigentlich nicht verdient haben. Auch heute noch tun es sich allzu oft Christen und Christinnen schwer, ihren Tisch allen zu öffnen - und sei es nur ihren Mitchristen.
Der Anspruch bleibt. Jesus hat selbst mit Judas das Brot gebrochen und auch ihm die Tischgemeinschaft nicht verwehrt. Vielleicht ist das sein größtes Zeichen, dass er selbst den nicht ausgeschlossen hat, der ihn verraten hat.

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Königskuchen, das ist so ein Blätterteigkuchen mit Marzipan-Mandel-Füllung, sehr fettig, sehr lecker. Galette des rois, das ist eine Tradition in Frankreich rund um Epiphanias, rund um das Dreikönigsfest. Morgens mit Kollegen, abends mit Freunden, am Wochenende mit der Familie, überall zu jeder Tages- und Nachtzeit ist es ein königliches Vergnügen, ihn zu teilen und zu essen.
Das Ganze geht so: Man schneidet den Kuchen so, dass für jeden der Anwesenden ein Stück da ist, dann setzt sich der Jüngste der Runde unter den Tisch und wird gefragt, an wen das erste, das zweite, das dritte... Stück gehen soll. Dann essen alle und warten gespannt, in wessen Kuchenstück das kleine Plastikjesusbaby drinsteckt. Dem Glücklichen, der das Jesusbaby gefunden hat, wird die bereitgelegte Pappkartonkrone aufgesetzt, er ist nun König bzw. Königin.
Die Tradition des Königskuchens, des galette des rois spielt natürlich auf eine andere Geschichte an, auch hier haben drei Könige oder Sterndeuter, jedenfalls drei Menschen aus dem Morgenland, das Jesusbaby in einer Krippe liegend gefunden. Das heißt, zuerst einmal haben sie einen komischen Stern am Himmel entdeckt, der da so nicht hingehörte. Die Schlussfolgerung lag nahe, dass dieser Stern ein göttliches Zeichen sein könne. Und so folgten die drei dem Stern kurzentschlossen. Da derartige göttliche Zeichen nur auf die Geburt eines Königs hinweisen können, packten die drei königliche Geschenke ein: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Ich vermute, als sie dann vor der Krippe standen, haben sie sich geärgert, nicht an Decken, Windeln und Babygläschen gedacht zu haben.
Kein König, nein, ein Baby - und doch ein König.

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