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SWR3 Gedanken

Im Advent schalte ich gerne mal das Licht aus und zünde die erste Kerze am Adventskranz an. Was für mich dann schummrig und romantisch ist, ist für viele Slum-Bewohner trauriger Alltag. Denn in den fensterlosen Wellblechhütten ist es tagsüber kaum heller.
Jetzt gibt es eine einfache aber geniale Erfindung, die Licht in die dunklen Hütten bringt. Ganz billig und fast so hell wie eine 60 Watt Glühbirne. Sie funktioniert so: Man füllt eine durchsichtige PET-Flasche halb mit Wasser und gibt noch ein bisschen Chlor gegen Algen hinein. Dann kommt ein Loch ins Hüttendach, die Flasche wird halb durch gesteckt und befestigt. Jetzt nur noch das Dach um die Flasche herum abdichten und auf Sonne warten. 
Das Licht der Sonne bricht sich im Wasser der Flasche und gibt tatsächlich 55 Watt in den Innenraum ab. Für viele Slum-Bewohner ein wahrer Segen. Eine Lichtquelle, die ohne teure Fensterscheiben und ohne Strom funktioniert. 
Die Organisation dahinter heißt „a Liter of Light", also „ein Liter Licht". Sie verbreitet die Idee gerade in Ländern mit viel Sonne und Slums. Die 20jährige Leonie Runge aus Gaggenau arbeitet eng mit „Liter of Light" zusammen. Sie und ihr Team waren schon in Indien und Bangladesch, um dort die Bevölkerung für das Projekt zu begeistern und Solarflaschen zu installieren. Leonie Runge erzählt: „Auffällig war, dass das plötzliche Licht in den dunklen Behausungen besonders für die Frauen große Vorteile hatte. Plötzlich können sie sich auch im Haus um die Kinder kümmern, dort kochen, und die Kinder können drinnen Hausaufgaben machen." 
Ich finde, das ist eine echte Adventsgeschichte: Es wird heller - um den Adventskranz und in den Slums der Welt. Und irgendwie scheint Licht ganz eng verbunden zu sein mit Lebensqualität und Hoffnung.

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Wer mich im Advent zu Hause besucht reibt sich schon mal verwundert die Augen. „Was? Da steht ja schon eine Weihnachtskrippe. Bei uns wird die immer erst an Heilig Abend aufgebaut." 
Ich antworte dann: „Ja klar, aber der Stall in Bethlehem wurde ja auch nicht erst an Heilig Abend gebaut, deshalb steht er bei uns auch schon früher." Ich muss dazu sagen, dass wir eine Playmobil-Krippe haben mit einem Papp-Stall. Und drinnen steht auch schon die Futterkrippe. Ohne Jesuskind natürlich, dafür mit einem gefräßigen Plastikochsen davor. Die Hirten lagern in gebührendem Abstand auf dem Fenstersims. Die waren ja auch schon lange vor der Heiligen Familie auf ihren Feldern beim Stall. 
Ich stelle die Krippe natürlich nicht so früh auf, um Besuch zu verwirren, höchstens ein bisschen. Ein bisschen auch wegen unseres Sohnes Fred, der gerne seine Zootiere beim Ochs im Stall unterstellt. Aber eigentlich geht es mir darum, dass alles schon da war, bevor Maria und Josef mit dem Esel angerückt sind und alles durcheinander gebracht haben. Eine ganz normale Futterkrippe in einem ganz normalen Stall in einem ganz normalen Kaff namens Betlehem. Und in diese Normalität kommt auf einmal Bewegung an Weihnachten. Erst im Stall, dann in eine Region, und später in eine ganze Religion. 
Unsere Krippe auf dem Fenstersims verändert sich den Advent über. Und irgendwie gehört das für mich zur Vorbereitung auf Weihnachten dazu: Die Schafe suchen Futter, die Hirten wechseln sich ab mit dem Stocktragen, Fred stellt eine Schildkröte oder einen Dino in den Stall. Und irgendwann tauchen dann Maria, Josef und der Esel auf. Erst auf dem Schrank, dann auf dem Fensterbrett, jeden Tag ein Stückchen näher an die Krippe ran. Und an Heilig Abend bringen sie dann gehörig Bewegung in die Sache. Hoffentlich auch in mir.

 

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Heute um die Mittagszeit schleiche ich wieder heimlich durch die Hintertür in den Kindergarten. Ich werde den alten Samtvorhang um die Schultern legen und den Wattebart verfluchen: erstens weil das Gummiband hinter den Ohren einschneidet und zweitens, weil ich ständig Flusen zwischen den Zähnen habe. 
Ich erinnere mich noch gut daran, wie der Nikolaus zu mir gekommen ist. Meine Gefühlswelt war immer ein wilder Mix: einerseits hab ich mich auf die Süßigkeiten gefreut, andererseits hatte ich ganz schön die Hosen voll vor der Rute und den peinlichen Offenbarungen aus dem Goldenen Buch.
Irgendwie passt diese Mischung zu dem, was vom echten Bischof Nikolaus überliefert wird. Einerseits soll er die Güte in Person gewesen sein. Er hat einmal eine ganze Stadt vor dem Hungertod gerettet. Aber er konnte auch ruppig werden. Immer dann nämlich wenn es darum ging, Unrecht aus der Welt zu räumen. Einem Henker ist er mal ganz schön grob gekommen. Hat ihn und seinen korrupten Gouverneur beschimpft und davon gejagt, weil sie gerade dabei waren Unschuldige hinzurichten. 
Einen der brutalsten Auftritte hat Nikolaus im Buch „Struwwelpeter". Dort lachen drei Lausbuben einen „armen schwarzen Mohren" aus, heißt es. Der Nikolaus holt ein großes Tintenfass, weil er sauer ist auf die drei Jungs. Das Gedicht geht so weiter: „Bis übern Kopf ins Tintenfass tunkt sie der große Nikolas. Und hätten sie nicht so gelacht, hätt Niklas sie nicht schwarz gemacht." Auch hier: Nikolaus setzt Gerechtigkeit durch und schützt Minderheiten. 
Mal knurrig und mal herzensgut. Aber immer hat Bischof Nikolaus einem Ziel gedient. Und das scheint der wahre Kern der Legenden und Geschichten zu sein: Er hat Menschen zu ihrem Recht verholfen. 
Ich glaube, ich werde nachher im Kindergarten wieder mal ein sehr sanftmütiger Nikolaus sein. Ohne Rute - dafür aber mit einem Samtvorhang um die Schultern und Watteflusen zwischen den Zähnen.

 

 

 

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Mit dem Namen ist es so eine Sache. Wir haben ihn uns nicht ausgesucht und müssen trotzdem ein Leben lang damit rumlaufen. Den Vornamen haben uns die Eltern gegeben, der Nachname stammt von den Vorfahren. Und die haben ihn bekommen, weil sie einen bestimmten Beruf hatten: Frau Becker oder Herr Schmied. Oder um sie sonst irgendwie voneinander zu unterscheiden: Frau Groß, Herr Kahl oder Frau Fröhlich. In der Bibel gibt es eine Stelle, wo Gott seinen Namen nennt. Und auch der beschreibt Gott näher. Gott sagt zu Mose: „Ich bin Jahweh." Aus dem Hebräischen übersetzt heißt Jahweh so viel wie „Ich bin da". Ich finde, ein schöner Name, und eine sehr fürsorgliche Eigenschaft, immer da zu sein. 
Trotzdem haben die Juden den Namen Jahweh nicht gerne in den Mund genommen. Aus Ehrfurcht. Und auch, weil ein Name nie die ganze Wirklichkeit, die wahre Größe Gottes abbilden kann. Die Menschen haben natürlich Lösungen gefunden, wie sie trotzdem von Gott sprechen konnten. Sie haben zum Beispiel statt „Jahweh" einfach „Adonai" gesagt, das heißt so viel wie „Herr". Es gibt auch Experten, die gehen davon aus, dass die Menschen den Namen Jahweh früher nicht ausgesprochen, sondern geatmet haben. Das nenne ich mal erfinderisch. Die hebräischen Buchstaben des Wortes „Jahweh" eigenen sich auch besonders zum Atmen: Jah - Weh, einatmen Jah - ausatmen Weh. 
Das gefällt mir. Einen Namen atmen ist nämlich viel mehr, als einen Namen einfach nur auszusprechen. Ich inhaliere den Namen mit jedem Atemzug. Das kann auch zeigen, dass da etwas Lebensnotwendiges durch mich durchfließt. Es kann auch heißen: Gott ist im Atem jederzeit bei mir, vom ersten Babyschrei bis zum sprichwörtlich letzten Atemzug. Und nicht nur bei mir, sondern bei allen, die atmen - egal welche Rasse oder Religion. Jahweh - ein kleiner Name aber eine große Botschaft!

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Wenn Kinder erwachsen werden, ist es für die Eltern oft schwer, sie gehen zu lassen. Heute ist Barbara-Tag und auch die Legende der Heiligen Barbara beginnt damit, dass der Vater sie nicht ziehen lassen will. Er sperrt sie in einen hohen Turm ein, im vierten Jahrhundert vielleicht die übliche Reaktion eifersüchtiger Väter. 
Auch die Reaktion von Barbara dürfte vielen Eltern heute bekannt sein: sie macht jetzt erst recht einen auf rebellisch und möchte sich taufen lassen. Das Christentum eignet sich hervorragend dafür. Es ist damals noch eine Art Untergrundorganisation und so gar nicht nach dem Geschmack der Eltern. Als der Vater merkt, dass sie sich hat taufen lassen, liefert er sie dem antichristlichen Stadthalter aus. Der lässt Barbara foltern, das ist so üblich in den alten Legenden. Aber Barbara überlebt und vor allem: sie bleibt entschiedene Christin. Schließlich soll sie enthauptet werden. Der rachsüchtige Vater selbst vollstreckt das Urteil. Hätte er mal besser nicht gemacht, denn er wird im gleichen Augenblick vom Blitz getroffen. 
Ich lerne aus der Legende, dass es schwierig ist, seine Kinder zähmen zu wollen. Und dass es auf jeden Fall besser ist, sie in Liebe ziehen zu lassen als sie einzusperren. 
Ein Barbara-Brauch verdeutlicht das sehr schön: Es ist üblich, am 4. Dezember Kirschbaumzweige zu schneiden und ins Wasser zu stellen. Um die Weihnachtszeit werden sie dann Blüten tragen. Für alle Eltern mit pubertierenden Kindern kann das heißen: Vielleicht muss ich mich in einer schwierigen Phase gar nicht so sehr einmischen. Auch wenn ich das gerne täte, weil die Kinder im Moment noch etwas unbeholfen oder widerspenstig wirken. Aber es ist wie mit den Kirschzweigen: irgendwann blühen die meisten auf - und das fast von allein.

 

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Novemberspaziergang an der Donau. Nach einigen Kilometern bin ich auf einer Brücke angekommen und schaue lange ins klare, ruhige Wasser. Meine Gedanken versinken irgendwo da unten.
Ich nehme ganz unterschiedliche Ebenen wahr: Auf dem Flussgrund liegen bemooste Steine. Darüber fließt ganz langsam das Wasser der Donau. Wenn oben drauf keine welken Blätter schwimmen würden, könnte man meinen, dass es still steht. Dann die Luft zwischen der Wasseroberfläche und mir: hunderte kleine Mücken schwirren in der Herbstsonne. 
Und dann höre ich noch genau hin. Vögel zwitschern, irgendwo gluckert Wasser und ein LKW dröhnt vorbei, oben auf der Straße. Noch eine Ebene. Der Fernfahrer streift für kurze Zeit meine Wirklichkeit, dann verhallt das Geräusch. 
Auch meinen Körper nehme ich wahr: Die Sonne wärmt mich von vorne, aber die Novemberkälte zieht schon den Rücken hoch. 
Plötzlich entdecke ich eine weitere Ebene. Im Wasser der Donau spiegelt sich der blaue Himmel. Es wäre mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, aber ein Flugzeug hat hoch oben zwei Kondensstreifen hinter sich her gemalt. Die mischen sich jetzt in das Bild von den bemoosten Steinen am Grund, vom klaren Wasser und den bunten Blättern darauf. Jetzt, wo ich das Spiegelbild einmal entdeckt habe, lässt es mich nicht mehr los. 
Ich denke über die verschiedenen Ebenen nach. Wie in meinem Leben: es gibt eine berufliche und eine private Ebene. Es gibt aber auch eine körperliche und eine seelische, dazu meine Gefühlswelt. Und die kreuzen sich auch noch ständig mit den Welten anderer Menschen. 
Ich bin überzeugt, dass über diesen vielen Wirklichkeiten noch eine weitere Ebene schwebt. Vielleicht so wie das Spiegelbild im Donauwasser. Ich kann sie nur schemenhaft und indirekt wahrnehmen, aber sie ist da, wie eingewoben in meine Welt.

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Der Advent soll eine Zeit sein, in der man besonders aufmerksam miteinander umgeht. Dazu hat die Zeitung Washington Post ein Experiment gemacht: Joshua Bell, einer der Top-Geiger der Welt, hat sich mit seiner drei Millionen Dollar Violine in die Fußgängerzone von Washington gestellt und Straßenmusik gemacht. Vom Feinsten natürlich: Bach, Schubert, Mozart. Das Ergebnis nach einer Dreiviertelstunde: 1.097 Menschen sind achtlos an ihm vorbei gegangen, sieben sind stehen geblieben, keiner hat applaudiert und ganze 32 Dollar lagen im Geigenkasten. Deprimierend, oder?
Vor allem, wenn man bedenkt, dass Joshua Bell am Tag zuvor in der Boston Symphony Hall das gleiche Programm gespielt hat. Natürlich vor ausverkauftem Haus und mit weit besserer Gage. Die Washington Post hat am nächsten Tag geschrieben: „Über 1.000 Menschen verpassen Joshua Bell in der Fußgängerzone." Ich könnte mir vorstellen, viele haben sich ganz schön darüber geärgert, dass sie nicht besser hingeschaut oder hingehört haben. 
Ich habe mich gefragt, was ich wohl alles so verpasse, wenn ich nicht achtsam bin. Ich finde, das ist auch eine gute Frage für die Adventszeit. In der Adventszeit denke ich darüber nach, wann Jesus Christus wohl auf die Welt kommt. Klar, an Weihnachten. Aber sonst? Wo kann ich ihm vielleicht heute schon begegnen? Oder ist er vielleicht längst schon unterwegs - irgendwo in einer Fußgängerzone, vielleicht sogar hinter einem aufgeklappten Geigenkasten...

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