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SWR3 Gedanken

Paul und sein Großvater sind unzertrennlich. Sie machen alles miteinander. Wenn die Eltern arbeiten, geht Paul mit Großvater in den Wald. Großvater erklärt ihm die Bäume, erzählt von gefährlichen Waldabenteuern, die beiden suchen Pilze, die die Mama abends kocht.
Aber in letzter Zeit ist es anders. Großvater ist oft krank, kann nicht mehr so, er macht nur noch kleine Spaziergänge in den Garten. Klein-Paul macht sich Sorgen, aber der Großvater beruhigt ihn: „Das ist schon ok, mein Kleiner, bald werde ich meine letzte Blume pflücken. Ich spüre, sie wächst."
Dann wird es kalt draußen, der Winter kommt näher und Paul macht mit Großvater einen kleinen Rundgang durch den Garten. Vor den Rosen bleiben sie stehen.
„Weißt Du, Paul" meint der Großvater „eigentlich stirbt man nicht wirklich. Guck Dir das Rosengehölz an, die knorrigen, trockenen Äste, man könnte meinen, sie seien tot, und dann, im Frühjahr das Wunder: grün, Knospen, Blätter, Blumen, wunderschön! Wir sind ein Teil dieser Natur, bei uns ist es das gleiche." Großvater guckt nachdenklich: „Mein kleiner Paul, ich werde Dir ein Geheimnis anvertrauen, bald schon pflücke ich meine letzte Blume. Bald blüht sie. Sie wird wunderschön sein, meine Osterblume. Ich werde meine Augen schließen und Gott meine Blume anbieten. Da musst Du nicht traurig sein, Paul. Wir alle pflücken einmal diese Blume."
Klein-Paul versteht die Worte nicht so wirklich, aber er erinnert sich im Frühjahr an das Geheimnis, das Großvater ihm anvertraut hat. Eines Tages stirbt Großvater. Friedvoll liegt er im Bett, die Hände gefaltet und durch die geschlossenen Vorhänge fällt ein Lichtstrahl - es sieht fast so aus, als ob Großvater eine Lichtblume in den Händen hält. Da erinnert sich Paul.
„Weine nicht, Mama" tröstet er seine Mutter „Großvater hat nur seine schönste Blume gepflückt; er will sie Gott schenken."

Nach der Kurzgeschichte „Il s'en est allé avec sa fleur..." von Elise Fischer, französische Schriftstellerin.

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Däumlinge nennt er sie liebevoll. Und hat ihnen ein ganzes Buch gewidmet. Petites poucettes, kleine Däumlinge - und damit meint er diese junge Generation, die mit ihren zwei Daumen auf dem Handy oder dem IPad die Welt erkunden - viel schneller als es die Daumen des alten Mannes je tun könnten.
Es ist die Hommage eines Großvaters, Universitätsprofessors und Philosophen an diese Generation von Däumlingen, von der man sonst nur negatives vernimmt: ohne Moral und Anstand, Problemkinder, oberflächliche Besserwisser. Nein, Michel Serres sieht das anders: Er sieht es als Chance und er gibt ein Beispiel:
Ganz früher, also vor Erfindung des Buchdrucks musste man Geschichten und einmal Gelesenes auswendig lernen, um es anwenden zu können; dann mit Einführung von Büchern und Bibliotheken musste man nicht mehr wissen, was genau wer gesagt oder geschrieben hat, man musste nur noch wissen, wie man es finden kann, in welcher Bibliothek, in welchem Buch; heutzutage braucht man selbst das nicht mehr zu wissen, wofür gibt es Internetsuchmaschinen? Der Kopf ist frei für andere Dinge!
Was das heißt für die althergebrachten Institutionen, für Politik, Arbeit, Gesundheitssystem wird noch immer nicht erfasst. Noch baut man Schulen und Universitäten nach altem Muster und Bauplan. Aber welche ungeahnten Möglichkeiten ergeben sich erst, wenn man die kleinen Däumlinge mal ernst nimmt und ranlässt! Michel Serres macht Mut, es zu wagen.
Und ich frage mich mit Michel Serres und seinen Däumlingen: Wie wird sich die Kirche entwickeln? Welche Formen wird Religion finden? Wie wird der Glaube der Däumlinge aussehen? Welche Vorstellungen von Gott werden sie haben?
Und ich sehe den alten Philosophen vor mir, wie er die Hände ausbreitet: ‚Habt keine Angst, alles wird gut. Habt nur ein bisschen Vertrauen in die kleinen Däumlinge!'

Michel Serres, Petite Poucette, édition Le Pommier 2012.

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Patchworkfamilie ist doch eigentlich ein schönes Wort: Patchwork, das ist eine warme, bunte Decke; aus vielen kleinen übriggebliebenen Resten wird ein großes, schönes Kunstwerk!
Ein bisschen so wie in der ARD-Vorabendserie, die vor einiger Zeit lief: Papa Türke, Mama Deutsche plus ein Haufen bunt zusammengewürfelter Kinder (‚Türkisch für Anfänger').
Alles gut, möchte man meinen. Nur im realen Leben ist es häufig nicht so einfach...
In der Bibel findet sich eine kleine Randnotiz zum Thema. Die Geschichte fängt ganz normal an: Frau, Mann, Kind. Nun stirbt die Frau und der Mann heiratet eine neue Frau. Ketura heißt sie; sie liebt ihren Mann und schenkt ihm sechs weitere Söhne. Soweit, so easy. Nur: Ketura kämpft vergebens. Ihr Mann liebt sie sicherlich, aber lange nicht so wie seine erste Frau; ihre Söhne sind bestimmt auch liebenswürdig, aber sie reichen niemals an den Sohn der Vorgängerin heran.
Kommt Ihnen das bekannt vor? In einem erscheint die biblische Geschichte jedoch ziemlich altertümlich: Niemand redet hier mit niemandem; keiner setzt sich mit den Problemen auseinander, die eine zusammengewürfelte Familie nun mal mit sich bringt. Heute wissen wir es besser: Unsicherheit und Verlust, Trauer und Eifersucht müssen besprochen und gemeinsam bewältigt werden.
Eine Patchworkfamilie ist eigentlich ein schönes Kunstwerk. Und es ist ein „work in progress", ein ständiges Ringen um ein gutes Zusammenleben. Das Patchwork bleibt ein offenes Kunstwerk - und gerade deswegen bunt und spannend!

1. Mose 25.
„Ketura - Stiefmutter", in: Margot Kässmann, Mütter der Bibel, Verlag Herder 2010.
 

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Burnout - ausgebrannt und leer, nichts geht mehr. Burnout ist ein Symptom unserer Zeit. Wer kennt nicht das Gefühl, überlastet und überfordert zu sein? Ein Burnout liegt dann vor, wenn die Überlastung, die Überforderung und die Erschöpfung alles andere in die Ecke drängt, den Atem nimmt, alle Lebenslust erstickt.
Die evangelisch-lutherische Kirche Deutschlands hat ein kleines Buch zum Thema herausgebracht. „Stay wild statt burn out" heißt es, also etwa: Bleib wild und ungebändigt damit du nicht nachher völlig ausgebrannt und fertig bist.
Und die Autoren geben unter anderem so etwas wie christliche Wellnesstipps. Also Tipps, die helfen können, den Alltag zu bewältigen; durch bestimmte Rituale, wie sie die christliche Tradition kennt. Rituale des Glaubens, die im Alltag Freiräume schaffen, die dem Geist, der Seele und dem Körper gut tun. Christliche Wellness ist nicht zuletzt eine Lebenseinstellung: ich nehme mich als Geschöpf Gottes wahr, mit nur begrenzten Kräften und Möglichkeiten.
Ein Beispiel für christliche Wellness findet sich in einem Brief aus dem 11. Jahrhundert. Bernhard von Clairvaux hat ihn an den Papst Eugen III. geschrieben. „Wo soll ich anfangen?" schreibt er „Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen. Denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir.
Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen. Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sage nicht: tu das oft, aber ich sage: tu es immer wieder einmal."

Hrsg.: Susanne Breit-Kessler & Norbert Dennerlein, Stay Wild statt Burn Out - Leben im Gleichgewicht, Gütersloher Verlag 3. Aufl. 2010.

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Er war also der erste. Also der erste, dem es passiert ist: unglaubliche Müdigkeit, unendliche Leere - burnout.
Elia hat im neunten Jahrhundert vor Christus gelebt und seine Arbeit war sicherlich ziemlich gefährlich und viel, aber sie war klar definiert: für das Gute kämpfen, für Gott, vor allen Dingen diese falschen Propheten bekämpfen, die sich im ganzen Land mit großem Erfolg ausbreiteten.
Also macht sich Elia an die Arbeit. Er arbeitet Tag und Nacht, er hat Erfolge und Misserfolge. Er geht seinen Weg und ignoriert die Symptome: die besorgten Fragen der Freunde, die Unlust am Leben, die Frustration. Angst macht sich breit.
Am Ende flieht Elia in die Wüste, er will nur noch eins: sterben. Leer, ausgebrannt, zu Tode erschöpft - burnout.
Aber da erscheint er: der Engel. Er bringt Elia Brot und Wasser. Keine guten Ratschläge, keine Vorwürfe, keine Fragen - er bringt etwas zu essen und zu trinken. Erst dann fordert der Engel Elia auf: Steh auf! Und Elia steht auf und geht los; er läuft 40 Tage durch die Wüste; Wüstenzeit, das ist die Zeit, die es braucht, sich wieder zu sortieren, vielleicht eine Therapie zu machen, zu sich zu kommen.
Am Ende darf Elia Gott selbst begegnen. „Was machst Du hier?" fragt ihn Gott. Und Elia findet Worte, er erzählt Gott von der Krise, von seiner Angst, von der übermächtig gewordenen Arbeit.
Und Gott zeigt sich Elia und Elia versteht auf einmal, warum das alles so gekommen ist, was das sollte. Gott zeigt sich Elia nicht im Sturm und auch nicht im Erdbeben, nein, im sanften Säuseln ist Gott. Im Stillen, im Schweigen, in der Ruhe.

Hrsg.: Susanne Breit-Kessler & Norbert Dennerlein, Stay Wild statt Burn Out - Leben im Gleichgewicht, Gütersloher Verlag 3. Aufl. 2010.

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Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Manchmal scheint das so. Was man auch macht, es klappt einfach nicht. Mir ging das jedenfalls so die letzten Tage: ich war einfach nur deprimiert. Mit der Gemeinde planten wir jedenfalls ein Wochenende auf dem Jakobsweg. Und so machten wir uns auf den Weg - ich mit düsteren Gedanken: ich habe einfach keine Lust mehr... Dabei immer einen Fuß vor den anderen, über Asphalt, durch Weinberge, auf Feldwegen. Hin und wieder haben wir Halt gemacht, uns gestärkt, auch gesungen, wir haben miteinander geschwiegen und viel geredet. Es liegt vielleicht am Geheimnis des Jakobsweges, aber langsam hatte ich wieder Mut. Vielleicht war es auch die Geschichte, die Christophe mir auf dem Weg erzählt hat:
Es war einmal ein Krötenrennen.
Viele Menschen waren gekommen, um sich das Spektakel anzugucken; wobei jeder dachte: Kröten? einen Marathon??? Das schaffen die doch nie!
Überall hörte man also den Rat: „Lasst es bleiben, das schafft ihr sowieso nicht."
Und die Kröten selbst fingen an zu zweifeln: ob wir das wohl schaffen? Vielleicht haben wir uns da doch zu viel vorgenommen. - So dachten alle, bis auf eine Kröte, die lief unbeeindruckt weiter.
Nach einer Weile gaben die Kröten eine nach der anderen auf. Nur die eine, die weiterlief, trotz alledem...
Am Ende hörten alle Kröten auf. Nur die eine nicht, unter unmenschlicher Anstrengung, erreichte sie nach einer Weile das Ziel.
Die anderen, total beeindruckt von dieser Leistung, wollten wissen, wie diese eine Kröte es doch geschafft hat. Einer lief zu ihr und fragte sie: Wie hast du Kröte es gemacht?
Aber sie reagierte nicht. ... die Kröte war taub!

Was mir das sagt?
Wenn andere meinen: das schaffst du doch nicht, sei taub, hör nicht auf sie. Lass dir deine Träume nicht ausreden.

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Armistice mille neuf cent dix-huit. Waffenstillstand von 1918. Heute ist Feiertag in Frankreich. Überall werden Kränze niedergelegt und das Ende des Ersten Weltkrieges gefeiert. Denn heute Morgen vor 96 Jahren wurde im Wald von Compiègne der Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland unterzeichnet. Das war nun das Ende eines Krieges, der ganze Wälder entrodet und Felder verwüstet, Landstriche, Dörfer, Häuser und Kirchen dem Erdboden gleichgemacht hat, ganz zu schweigen von den abertausenden jungen Männern, die für einen Krieg, den keiner wirklich verstand, ihr Leben lassen mussten.
Heute wird aber auch in Deutschland wie in Frankreich noch eines anderen gedacht, denn der 11. November ist auch Martinstag. Martin wurde in Ungarn geboren, er ist aufgewachsen in Italien, aber er lebte und wirkte lange Jahre in Frankreich - er war Bischof von Tours. Dieser heilige Martin ist wahrlich ein Heiliger: für die katholische, die orthodoxe, die anglikanische und die evangelische Kirche ist er wahrhaft ein Mann des Glaubens. Und das nur, weil er statt in einem Bischofspalast lieber in einer ärmlichen Holzhütte wohnte und weil er mit einem Bettler, der halbnackt vor ihm im Schnee lag, seinen Mantel geteilt hat!
Vor wenigen Wochen hat nun die europäische Union den Friedensnobelpreis erhalten und heute ist ein guter Tag, sich der Leistungen dieser Union einmal bewusst zu werden. Ein Tag, der an einen verheerenden Krieg erinnert. Der Tag aber auch eines europäischen und ökumenischen Heiligen. Heilige sind so etwas wie Vorbilder und vielleicht ist es das, was wir in Europa von ihm lernen können, damit wir noch lange in Frieden leben: bescheiden bleiben und wenn jemand in Not ist, teilen und helfen.

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