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SWR3 Gedanken

Mehr als eine Million Menschen statten ihm jedes Jahr einen Besuch ab. Der gewaltige Dom in Speyer ist eine Touristenattraktion. Fast 1000 Jahre alt. Grabstätte von vier Kaisern. Monument einer wichtigen Epoche unserer Geschichte. Und doch er ist noch mehr als das. Er ist eben auch eine Kirche, ein Haus Gottes. Das macht ihn nochmal zu etwas Besonderem. Selbst für jene, die mit dem Glauben, der dort gefeiert wird, nicht viel anfangen können.
Nun braucht Gott nach christlicher Vorstellung allerdings gar keine Häuser. Gott wohnt an keinem bestimmten Ort. Auch in einem Dom ist er darum prinzipiell nicht eher zu finden als an jedem andern Ort der Welt. Dennoch haben Menschen imposante Kirchen gebaut und tun es noch immer. Als Orte für den Gottesdienst. Als Orte des Gebets. Wir Menschen sind es, die die Kirchen brauchen, nicht Gott. Und wer sich in ihnen einmal genau umsieht und -umhört, dem erzählen sie auch Geschichten. Davon, wie Menschen sich Gott vorstellen. Davon, wie sie ihren Glauben feiern. Wie sie beten, was sie hoffen, was sie glauben. Durch Jahrhunderte hindurch. In diesem Sinne sind unsere Kirchen tatsächlich Häuser Gottes und der Menschen.
Im Dom zu Speyer wird am morgigen Sonntag ein weiterer Ort für Besucher geöffnet, der bislang verschlossen war. Der sogenannte Kaisersaal über dem Hauptportal. Ein Ort mehr also, der eine Geschichte hat und Geschichten zu erzählen weiß. Auf jeden Fall ein Anlass, dem alten Kaiserdom wieder mal einen Besuch abzustatten.

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Jeder Zweite von uns besitzt nichts. Zumindest, sofern man sich darunter zählbare Vermögenswerte vorstellt. Das in etwa sagt uns der neue Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Arm ist man deshalb noch lange nicht. Nur reicht das Geld halt nie, um noch etwas auf die hohe Kante zu legen. Doch was heißt das eigentlich? Arm sein oder reich. Ab wann ein Mensch arm ist, das haben wir relativ klar geregelt. Doch wo fängt der Reichtum an? Bin ich schon deshalb reich, weil ich zur sogenannten Mittelschicht gehöre? Weil ich mir ein kleines Häuschen erarbeitet und ein paar Ersparnisse auf dem Konto habe? Oder bin ich erst dann wirklich reich, wenn die erste Million mein Konto schmückt? Reichtum bleibt seltsam nebulös.
Wenn ich hier in Kaiserslautern gelegentlich mit Studenten aus Afrika oder Asien zusammenkomme, bekommt Reichtum nochmal eine andere Dimension. Reich an Geld ist nämlich keiner von denen. Ganz im Gegenteil. Dafür mangelt es vielen nicht an Lebensfreude und die hat nicht zwingend etwas mit dem Kontostand zu tun. Ab einem bestimmten Betrag, so hat man herausgefunden, steigt sie gar nicht mehr weiter an. Er ist erstaunlich niedrig. Reich sein kann sehr viel mehr Facetten haben als nur den Kontostand.
Dennoch hat es einen Grund, warum wir die Armut bei uns so klar geregelt haben. Denn eines ist bei allem inneren Reichtum auch ganz klar. Arm an Geld zu sein ist alles andere als lustig. Arm zu sein schließt aus einer Konsumgesellschaft wie der unseren aus, macht manchmal sogar krank. Krank am Körper und an der Seele. Nicht nur in Afrika oder Asien, auch hier bei uns.

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Vor einem Jahr erst ist er nach Deutschland gekommen, der junge Mann aus Westafrika. Nun sitzt er zerknirscht im Büro unserer Hochschulgemeinde. Daheim hatte er schon einen Beruf, doch ein Diplom aus Deutschland ist in seinem Land das Größte. Also ist er aufgebrochen zu uns, ins gelobte Land. Doch so paradiesisch, wie sie in seiner Vorstellung war, ist die deutsche Realität leider nicht. Nach nur wenigen Monaten war das mitgebrachte Geld weg, ein Job neben dem Studium nur schwer zu bekommen. Nun hat er Schulden, kann seine Miete nicht mehr zahlen, isst manchmal bei Bekannten aus Afrika. Ein Gestrandeter im vermeintlichen Paradies. Dort, wo er doch das gelobte Land vermutet hatte. Er ist kein Einzelfall.

Das Land, wo Milch und Honig fließen, gab es schon in der Bibel. Allerdings auch dort nur als Verheißung. Versprochen wurde es dem Volk Israel. Vom mächtigen Nachbarn beherrscht und unterdrückt erscheint dem Volk ein Ausweg kaum möglich. Mitten hinein in diese Hoffnungslosigkeit macht Gott seinem Volk ein Versprechen. Er will es aus seinem Elend herausführen in jenes besagte Land eben, wo Milch und Honig fließen. Jahre später erst, nach einer beschwerlichen Reise, kommt das Volk tatsächlich dort an. Milch und Honig fließen auch dort nicht von selbst. Doch das verheißene Land öffnet ihnen neue Möglichkeiten, bietet Chancen, die es vorher nicht gab. Durch eigene Anstrengung und mit Gottes Hilfe können sie dem erträumten Paradies hier zumindest näher kommen. Genau genommen ist das gar nicht so verschieden von jener Situation, in der viele junge Menschen aus Afrika heute von ihrem gelobten Land träumen. Wo immer es auch letztlich liegen mag.

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Ausmisten. Entrümpeln. Wegwerfen. Von Zeit zu Zeit tut das gut. Einfach mal wieder Platz schaffen. Ballast abwerfen, sagt man auch. Mich packt es gelegentlich, wenn ich in meinem Keller stehe. Umgeben von all den Dingen, die sich da mittlerweile angesammelt haben. Manchmal kommt mir dann der Keller meiner Großeltern wieder in den Sinn. Unmengen an Gegenständen waren dort gestapelt. Dinge, die sich in Jahrzehnten dort angesammelt hatten. Ich habe immer ungläubig gestaunt, wenn ich dort war. Wozu brauchten sie das alles bloß? Meine Großeltern sind längst tot und außer einem letzten Kleidungsstück haben sie nichts von alledem mitnehmen können. Ich glaube auch nicht, dass ihnen all das Gerümpel nicht wirklich etwas bedeutet hat, dass sie es tatsächlich brauchten Sie waren Menschen, die noch Not und Entbehrung kennen gelernt hatten. Der volle Keller. Für sie war er kein Ballast. Er gab ihnen wohl eher ein wenig Sicherheit. Das, was ihnen wirklich wichtig war im Leben, das haben sie uns nämlich mitgegeben. Durch liebevolle Zuwendung. Durch unzählige Geschichten, die uns Kindern halfen, das Leben zu erschließen. Die waren ihr wirklicher Schatz. Den vollen Keller, den haben wir später aufräumen müssen. Ausmisten, Entrümpeln, Wegwerfen eben. Denn im Himmel, wo sie jetzt hoffentlich sind, da gibt es nun mal keinen Keller.

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Die Kündigung kommt urplötzlich und unerwartet. Sie trifft mich wie einen Hammerschlag. Mit sofortiger Wirkung wirft eine Mitarbeiterin alles hin, was sie bislang ehrenamtlich gemacht hatte. Ich kenne sie als stets hochengagiert und absolut zuverlässig, eine echte Stütze. Und plötzlich das, aus heiterem Himmel.  Der Grund für ihren überstürzten Rückzug ist einfach und kompliziert zugleich. Es ist einfach alles zu viel geworden. Eines Tages fühlt sie sich wie im Hamsterrad, aus dem sie den Ausgang nicht mehr findet.
Den rechtzeitigen Absprung, so wie sie, schafft leider nicht jeder. Schon gar nicht im Beruf. Wer nur noch von Termin zu Termin eilt, dem bleibt allerdings kaum noch Zeit zum Nachdenken. Kaum noch Zeit, den Dingen auch mal auf den Grund zu gehen. Kaum Zeit aber auch, sich noch ums eigene Wohlergehen zu kümmern. Die Erholung als ein Termin im Zeitplaner. Um das 8-fache hat die Diagnose Burnout in den letzten Jahren zugenommen. Weil unsere Seele dem immer rasanteren Tempo unseres Lebens nicht mehr hinterherkommt, sagen die Psychologen.
Doch was der Seele schadet, tut auch dem Glauben gar nicht gut. Auch der braucht nämlich Zeit. Zeiten der Stille. Zeiten des Rückzugs aus dem Alltag. Auszeiten. Die großen Gottsucher der Geschichte wussten das, haben sich immer wieder in die Stille zurückgezogen. Weg vom Alltag, weg von aller Ablenkung. Hin zu sich selbst. Sie taten das aus Sorge um den Glauben. Es war aber nicht zuletzt auch Balsam für ihre Seele.

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„Mach dein Ding". Ein Werbeslogan, der irgendwie prima in die Zeit zu passen scheint. Mein Ding machen. Das hört sich nach Power und Tatendrang an. In der Realität kann das freilich verdammt anstrengend sein. Dann nämlich, wenn ich gar nicht so genau weiß, was das eigentlich sein könnte, mein Ding. Ich erlebe das gerade bei meinen Töchtern, die noch auf der Suche sind. Doch auch bei uns Erwachsenen ist das nicht viel anders, wenn wir plötzlich vor Richtungsentscheidungen im Leben stehen. Wohin soll es jetzt für mich gehen? Was ist denn eigentlich mein Ziel?
Es gibt Menschen, die sprechen auch nicht von ihrem Ding, sondern lieber von ihrer Berufung. Ein Wort, das ein bißchen aus der Mode gekommen ist. Vielleicht sogar ein bißchen verpönt. Schließlich kann man sich im schlechten Falle zu allem Unsinn berufen fühlen. Trotzdem mag ich das Wort. Denn zu etwas berufen zu sein heißt ja auch, sich gerufen zu wissen. Seinen Standpunkt und sein Ziel im Leben gefunden zu haben, für das es sich zu leben und zu arbeiten lohnt. Ich glaube sogar, dass es so etwas für jeden von gibt. Nur machen lässt sich das nicht mal eben so. Machen lässt sich ein Ziel überhaupt nicht. Nur finden. Mit Geduld beim Ausprobieren. Mit der Gelassenheit, sich auch Umwege zuzugestehen. Und mit Menschen, die mir dabei helfen und die es bei alledem auch noch gut mit mir meinen.

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Wenn meine Tochter fertig ist mit ihren Hausaufgaben dann chillt sie, wie sie sagt. Manchmal Stunden lang. Vor der Glotze, vorm Computer oder mit Kopfhörern auf den Ohren.
Wenn ich sie so sehe, dann scheint mir manchmal, als habe sie einfach Zeit im Überfluß. Zeit, die man irgendwie rumkriegen, im schlimmsten Fall sogar totschlagen muss. Für meine Tochter ist das überhaupt noch kein Problem.
Für ihren Großvater dagegen schon. Der sieht seine Zeit nämlich langsam schwinden. Ein paar Jahre bleiben ihm noch, vielleicht. Wer weiß das schon. Immer öfter erlebe ich ihn jetzt dabei, dass er Bilanz zieht. Was war gewesen, was hätte noch alles sein können? Was war gut davon, was habe ich einfach verpasst?
Zeit ist kostbar. Ein Schatz. Das wird mir in solchen Gesprächen immer wieder eindringlich bewusst. Ein geschenktes Guthaben zur freien Verfügung, das leider unaufhaltsam weniger wird. Im Christentum gibt es die Vorstellung, dass ich am Ende einmal Rechenschaft über mein Leben geben muss. Anders gesagt vielleicht, wofür ich mein Guthaben ausgegeben habe. Man kann das natürlich auch als Drohung verstehen, wenn man denn will. Für mich ist es aber eher ein Fingerzeig, der dem Lebensglück dient. Mich schon jetzt nämlich immer wieder mal nach dem Sinn des Ganzen zu fragen. Danach, wofür es sich für mich ganz besonders zu leben lohnt.

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