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SWR3 Gedanken

Rotbackig oder knallgrün, auf Hochglanz poliert oder erntematt - auf dem Markt leuchten mich jetzt wieder überall die baumfrischen Äpfel aller Sorten an.
Wenn ich ein Kilo kaufe, behalte ich gleich einen in der Hand. Als Wegzehrung.
Falls die verbotene Frucht damals im Paradies wirklich ein Apfel gewesen sein sollte, kann ich Eva gut verstehen. Frische Äpfel sind einfach verlockend.
Und genauso gut verstehe ich, weshalb dieser Eva der Tipp der Schlange sofort eingeleuchtet hat: „Du wirst erkennen, was gut und was böse ist." hat sie der Frau im Paradies versprochen. Du musst nur von der verbotenen Frucht essen.
Also, ich würde auch sofort zubeißen, wenn mir jemand das in Aussicht stellen würde: erkennen, was gut und böse ist.
Allerdings hat die Schlange damals nicht die ganze Wahrheit gesagt. Auch nach dem Biss in die verbotene Frucht wissen wir oft nicht, was gut und was böse ist. Und wenn wir es wissen, das Gute, tun wirs trotzdem nicht. Oder wir tun es im guten Glauben, dass es gut ist und es, hat plötzlich bitterböse Folgen.
Aber immerhin - wir können die Lage analysieren, abwägen und so manches korrigieren. Ich bin froh, dass wir diese Fähigkeit haben. Denn eigentlich sind wir doch erst dadurch in der Lage, unsere Aufgabe zu erfüllen. Die Aufgabe, diese Erde, die Schöpfung, zu bewahren. Und das nicht nur, damit wir auch morgen noch was zum Beißen haben.
Ein Lob auf die Äpfel aller Couleur!

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„Verstehst du auch, was du liest?"
Typische Lehrerfrage, nicht erst seit Pisa. „Verstehst du auch, was du liest?"
Diese Frage steht schon in der Bibel.
Ein Apostel trifft einen reisenden Afrikaner, der die jüdischen heiligen Schriften liest.
„Verstehst du auch, was du liest?", fragt ihn der Apostel.
„Nee, nicht wirklich. Aber ich würde es gerne verstehen", antwortet der Fremde ungefähr. Und dann bittet er Philippus, ihm doch zu erklären, worauf denn die Schrift hinaus will.
Philippus lässt sich natürlich nicht zweimal bitten. Mit viel Schwung und Überzeugungskraft erzählt er dem Mann, wie für ihn selbst diese Schrift mit Jesus Christus zusammen hängt. Er ist so überzeugend, dass der Reisende schließlich selbst Feuer und Flamme ist und sich auf der Stelle taufen lässt. Der erste Christ des afrikanischen Kontinents!
Wow! Wenn wir so überzeugend erklären könnten!
Vielleicht müssten wir dazu aber uns auch erst mal gegenseitig fragen:
Wie verstehst du die Sache mit Jesus?
Was denken Sie über die Auferstehung?
Wer ist der Heilige Geist für euch?
Für mich übrigens ist der Heilige Geist jene Kraft, die uns miteinander verbindet. Auch und gerade dann, wenn wir uns gegenseitig erzählen, was unsere Überzeugungen sind.
Wenn es um den Glauben geht, dann mag es viele LehrerInnen geben.  Gut sind sie, wenn deutlich wird, was sie antreibt und wenn sie interessiert, was andere antreibt.
Heute ist Weltlehrertag - ich wünsche allen viel Geisteskraft!

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"Ich bin in den Weltraum geflogen, aber Gott habe ich dort nicht gesehen."
Juri Gagarin soll diesen Satz gesagt haben. Er hat 1961 als erster Mensch in einem Raumschiff die Erde umkreist.
Auch, wenn diese Aussage vermutlich eher gut platzierte Sowjetpropaganda war: viele Menschen haben die Raumfahrt von da an als Beweis für Gottes Nichtexistenz gefeiert. Denn, wenn Gott sich da draußen im Himmel nicht blicken lässt, tja dann gibt's ihn wohl nicht!
Die Leute haben recht: einen Gott, der im Himmel thront, von Planet zu Planet schwebt und nebenbei einen herrschaftlichen Blick auf das Treiben auf der Erde wirft, den gibt es tatsächlich nicht.
Dafür gibt es aber das Himmelreich!
Also der Bereich, in dem zwar Gott nicht unbedingt wohnt, wo aber doch Gottes Maßstab gilt. Dieses Himmelreich kann theoretisch auch im Weltall irgendwie vorkommen, aber erst einmal ist es ganz irdisch verortet. Sozusagen just around the corner.
Himmelreich und damit Gott ist da, wo Menschen die Erfahrung machen, ich bin geliebt. So wie ich bin. Mit all meinen Stärken und mit meinen Schwächen.
Das gilt von Gott her jeden Menschen: du bist geliebt!
In dem Moment, in dem ich das annehmen kann, passiert etwas. Wo mir so viel Liebe und Anerkennung gilt, bin ich nicht mehr abhängig von der Beurteilung anderer.
Und in dem Moment, in dem ich andere auch als von Gottes geliebte Menschen betrachte, passiert noch viel mehr: das Himmelreich erdet sich.
Wo ich dafür sorge, dass andere nicht auf ihre Leistung oder ihr Versagen reduziert werden, wo ich dazu helfe, dass ein Klima der Wertschätzung entsteht, wo Menschen sich als liebenswürdige Menschen erfahren und begegnen, da überall sind Stücke vom Himmelreich,  mitten auf der Erde.
Kein Wunder, dass Juri Gagarin Gott nicht im Weltraum gesehen hat.

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Die Jüngeren unter uns kennen es schon gar nicht mehr anders: der dritte Oktober ist der Tag der deutschen Einheit!
Vor über 20 Jahre haben friedliche Protestzüge im Osten Deutschlands die Wende möglich gemacht.
Was damals ein Impuls der evangelischen Kirche in Leipzig gewesen ist, hat immer mehr Menschen überzeugt und ermutigt. Bis auch die Machthaber kapituliert haben. Vor Kerzen und Gebeten.
Die Mauer war überwunden. Zuerst symbolisch und bald auch ganz konkret.
Die Wiedervereinigung ist ein modernes Wunder, und es ist gut, dass wir diesen Feiertag haben.
Es soll nicht vergessen werden, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind.
Es soll auch nicht vergessen werden, dass sich vor zwei Jahrzehnten ein Teil der Bevölkerung nicht frei in diesem Land bewegen konnte.
Es soll nicht vergessen werden, dass diese Reisefreiheit tatsächlich heute noch nicht für alle gilt.
Es wird heute nicht vergessen werden:
Am 8. September hat sich eine Gruppe von Asylsuchenden in Würzburg auf den Weg nach Berlin gemacht. Zu Fuß. Sie machen auf die Härte der Residenzpflicht
aufmerksam. D. h, auf jene Regelung, die Asylsuchenden nur mit einer Sondergenehmigung erlaubt, die ihnen zugewiesene Region zu verlassen. Mit ihrem Marsch verstoßen sie dabei gegen diese Regelung, aber bisher sind sie noch nicht aufgehalten worden. Im Gegenteil: wo sie hinkommen, erfahren sie bei den Leuten viel Gastfreundlichkeit und Unterstützung.
Ob die Asylsuchenden mit ihrem friedlichen Protestzug in Berlin heute auch ein modernes Wunder erleben, steht noch aus.
Mein Gebet heute gilt diesen Menschen. Und eine Kerze zünde ich auch an.
Auf die Freiheit und für die Freiheit - hier in Deutschland.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13924

Kastanien glänzen so schön, wenn sie am Boden aus ihrer Schale purzeln. Ich kann selten widerstehen: Wenn eine vor mir auf dem Boden liegt, stecke ich sie mir in die Jackentasche als Handschmeichler.
Jetzt verlieren die Bäume mit ihren Früchten auch ihre Blätter.
Sie werfen ab, was sie so lange Zeit ernährt und getragen haben.
Frau Weber ist auch dabei, die Kastanien ihres Lebens loszulassen. Ich habe sie besucht, als sie dabei war, den Umzug ins Altenheim vorzubereiten.
Etliche Kartons stehen in Ihrem Wohnzimmer. Für jedes ihrer Kinder bzw. Enkelkinder ein Karton. Und noch einen für die Nachbarin. Und einen für die Geschichtsstudentin, die oben im Haus wohnt. 14 Kartons zähle ich.
„Man kann ja am Ende nichts mitnehmen", sagt Frau Weber und sie meint damit nicht den Umzug in ihr zukünftiges kleines Appartement. Aber in ihren Augen finde ich keine Schwermut und keine Traurigkeit.
„Wissen Sie", meint sie, „es ist gut, Dinge und Erinnerungsstücke abzugeben. Andere werden damit vielleicht etwas Neues und Anderes machen. Mir tut es gut, zu sehen, dass es auf mich nicht mehr ankommt. Dass andere jetzt Verantwortung übernehmen. Und ich freue mich, zu erleben, wie wenig ich wirklich brauche."
Was das denn sei, was sie wirklich braucht, frage ich. Frau Weber schaut aus dem Fenster und lächelt. Sie zeigt auf den Kastanienbaum gegenüber und sagt:
„Dasselbe wie dieser Baum da draußen. Licht, Luft, ein wenig Nahrung. Die Gewissheit loslassen zu dürfen und irgendwann selber aufgefangen zu werden."
Zuhause stelle ich mir vor, wie ich meinen Haushalt auflöse. Wem würde ich was weitergeben? So etwas wie Erleichterung stellt sich bei mir ein, als ich immerhin den Inhalt meines Bücherregals in Gedanken verteilt habe.
Am Ende kann man wirklich nichts mitnehmen, denke ich, und: ohne Gepäck zu reisen ist sowieso leichter.

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Schon mal veganen Puten-Hackbraten gegessen? Oder Tofubraten mit Rosenkohl?
Klingt erst mal - sagen wir: gewöhnungsbedürftig.
Für Katalin sind das Routinerezepte, nicht nur heute am Weltvegetariertag.
Die 35jährige Fotografin ist seit 12 Jahren Vegetarierin und das aus gutem Grund.
Seit ihrem Auslandsjahr in Brasilien ist ihr der Appetit auf Fleisch vergangen: In Brasilien wurde in den letzten Jahren die Anbaufläche für Futtermittelsoja verdreifacht. Dafür wurden große Flächen Regenwald gerodet und Kleinbauern vom Markt gedrängt. Das Ergebnis: eine verarmte Landbevölkerung und eine katastrophale Ökobilanz.
Für ein Kilo deutsche Kuh braucht man bis zu 16 kg Getreide als Futtermittel aus Übersee. Unschwer zu erraten, was mehr Menschen sättigt und Landschaften besser schont.
Der Weltvegetariertag ist zwar kein kirchlicher Feiertag. Trotzdem gehört es für Katalin ganz selbstverständlich zu ihrem Glauben, darüber nachzudenken, wie sich ihr Alltagsverhalten auf unsere Erde auswirkt.
Ich als Christin bin ebenfalls überzeugt, dass wir neben der Verantwortung für die Schöpfung noch etwas anderes übertragen bekommen haben: die Intelligenz und Kraft Dinge zum Guten zu ändern.
Was ich in den letzten Jahren an Skandalen gehört und gesehen habe, bei denen es um Tierhaltung und Fleischverarbeitung ging, reicht mir völlig.
Ich finde: solange es keine echten Alternativen zu Massentierhaltungen und Überzüchtungen gibt, solange die Menschen auf der einen Erdhälfte hungern, damit die auf der anderen billiges Fleisch essen können, ist es für alle, die denken und glauben können nur recht und billig auf Fleisch zu verzichten.
Wie wär's also heute mit Gemüseauflauf?
Katalins veganen Putenhackbraten können Sie sich ja für Weihnachten vornehmen.

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In Freiburg stehen oft Kartons vor der Haustüre mit der Aufschrift 'zu verschenken'.
Bücher sind da drin oder Haushaltsgegenstände, manchmal auch Kleidung. Dinge eben, die zu schade zum Wegwerfen sind, aber mit denen man selber auch nichts mehr anfangen kann .
Ich stöbere ganz gerne in diesen Kisten. Neulich habe ich eine Bibel herausgefischt. Ein Taschenbuchexemplar aus den 50er Jahren mit einem hässlichen gelbbraunen Cover und billigem Dünndruckpapier. Sie hat nicht so ausgesehen, als sei sie je gelesen worden.
Kein Wunder, hab ich mir gedacht, nicht mal ich habe Lust sie aufzuschlagen.
Dabei finde ich die Bibel ein ziemlich cooles Buch. Die Geschichten aus der Zeit um 1000 vor Christus sind aufregender als mancher Krimi. Die Psalmen sind uralte Gebete, die bis heute nichts von ihrer Schönheit und Poesie verloren haben. Und die Erzählungen über Jesus und die frühen Gemeinden haben ihre ganz eigene Kraft.
Aber es ist viel schöner darin zu lesen, wenn es auch eine schöne Ausgabe ist, und wenn der Text  zeitgemäß übersetzt ist.
Nur gut, dass dieses Buch der Bücher immer wieder in neuer Aufmachung gedruckt wird. Über 30 Millionen neu gedruckte Exemplare haben im letzten Jahr eine neue Leserin oder einen neuen Leser gefunden.
Ich hoffe, dass die Leute, die die Verschenkkiste vors Haus gestellt haben, auch dazu gehören.
Vielleicht haben die jetzt die BigS, die Bibel in gerechter Sprache - eine Übersetzung, die vieles neu verstehen hilft. Oder die Basis-Bibel - das ist eine Bibel in richtig gutem, klarem und zeitgemäßen Deutsch, das Cover gibt es in vielen strahlend schönen Farben. Oder die große Bibel mit den schönen Bildern von Marc Chagall.
Von Zeit zu Zeit jedenfalls lohnt es sich, sich eine neue Bibel zu kaufen.
Eine, die man gerne aufschlägt.
Eine, in der man gerne liest.
Eine, die Sie begleitet. In guten wie in schlechten Tagen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13921