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SWR3 Gedanken

Usain Bolt ist in London mal wieder allen davon gelaufen. Unglaublich, wie schnell dieser Mann ist. Und mit welcher Leichtigkeit und Freude er seine Siege wie ein Kind feiern kann. Es macht Spaß, ihm dabei zuzuschauen und fast schon kriege ich ein bisschen Lust, es auch mal wieder zu versuchen. Nein, keinen 100-m-Lauf. Das wäre alles andere als olympiareif. Aber nach einer anstrengenden Woche, an der Zielgerade heute einfach mal die Arme in die Höhe reißen, einen Luftsprung machen und sich dabei ein bisschen wie ein Olympiasieger fühlen - das wär doch was.
Sind Sie auch in dieser Woche allen davongelaufen? Dann gönnen Sie sich doch diesen Luftsprung und ein erholsames Wochenende. Freuen Sie sich über das, was Sie geschafft haben, auch dann, wenn Sie nicht als erster im Ziel angekommen sind. Vielleicht gelingt es Ihnen ja wirklich, ein paar Gänge runterzuschalten. Mal wieder einen langen Spaziergang unternehmen - zum Beispiel. Oder sich ein ruhiges Plätzchen suchen, einfach dasitzen und nichts tun. Oder Sie telefonieren mal wieder mit ihrer besten Freundin, mit der sie einfach mal zwischendurch so herrlich lachen können. Überhaupt ist Humor ein wichtiges Lebenselixier, mit dem wir unsere 100-Meter-Läufe im Leben und andere schwierige Zeiten meistern können. Und nach anstrengenden Zeiten verleiht uns das Lachen mit anderen wieder Kraft und Flügel für die nächsten Schritte.
Eigentlich könnten Sie das doch heute genauso sagen wie ein 100-Meter-Läufer:
Ich hab meinen Lauf durch diese Woche geschafft. Manches fiel mir leicht und ich bin anderen davon gelaufen, aber es gab auch Situationen, in denen ich zurück gefallen bin. Ich habe es aber geschafft und bin heute angekommen.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich wie ein Olympiasieger fühlen können. Freuen Sie sich wie ein Usain Bolt. Dann kriegen Sie auch neue Kraft für das, was nächste Woche wieder ansteht, wenn es heißt: Auf die Plätze, fertig, los!

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Für Rahim Schmidt gehört der Islam nicht zu Deutschland. Das sagt einer, der selber Moslem ist, zwei Doktortitel hat und für die Grünen im rheinland-pfälzischen Landtag sitzt. Rahim Schmidt ist mit einer Christin verheiratet und lebt gerne hier. Für ihn ist das mit der Integration eine klare Sache: „Es macht keinen Sinn, in ein anderes Land zu gehen und alles Alte aus seinem Koffer auszupacken. Viel spannender ist es zu schauen und zu erleben, was die Deutschen in ihren Koffern haben: Demokratie und Zuverlässigkeit, Kunst und Kultur und ihre Liebe zum Wein". Rahim Schmidt lacht, als er das sagt. Den Glauben vergleicht er mit einer Liebesbeziehung zwischen uns Menschen und Gott. Darin sind sich alle Religionen gleich und deshalb sollte es auch keinen Streit der Religionen geben. Das verträgt sich nicht mit der Liebe. Viel wichtiger ist es, dass Christen, Muslime und Juden sich gemeinsam für die Menschenrechte einsetzen. Gemeinsam für den Frieden und gemeinsam gegen Rechts auf die Straße gehen. Er möchte die Menschen zum Nachdenken bringen. Religion ist für ihn nicht selbstverständlich. Wir dürfen uns an sie nicht gewöhnen, denn dann verliert sie ihre Bedeutung. Deshalb ist er als Moslem auch gegen die Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes. Statt Religion sollen die Kinder lieber Ethik und Philosophie lernen. Für Rahim Schmidt ist es eben wichtig, ein guter Mensch zu werden.
Hier möchte ich Rahim Schmidt gerne widersprechen. Ich finde es wichtig, dass auch in unseren Schulen unsere Kinder und Jugendliche Religion kennenlernen und sich damit auseinandersetzen. Nicht als ein notwendiges Gedankenspiel, sondern als eine Einladung, das Leben nach bestimmten Werten zu gestalten. Miteinander und nicht gegeneinander. Im Religionsunterricht können sie lernen, Verschiedenheit nicht als fremd, sondern als Bereicherung zu erleben.
Ich bin dafür, dass Menschen, die unterschiedlich glauben, genau darüber ins Gespräch kommen. In den Schulen können sie das lernen und einüben, damit auch im Alltag das Miteinander gelingen kann.

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„Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit" Dieser Satz ist legendär. Er stammt von einem eher bescheidenen Mann, Neill Armstrong. Er hat als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond gesetzt. Dieses Ereignis gehört zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen.
Vor ein paar Tagen ist der erste Mann im Mond im Alter von 82 Jahren gestorben. Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit? Ja, die Welt hat sich seit diesem Satz vor 43 Jahren verändert. Wir sind seitdem unzählige Male ins Weltall geflogen. Haben neue Sterne entdeckt und erkunden gerade mit dem Roboter Curiosity, ob es auf dem Mars schon einmal Leben gegeben hat. Faszinierende Wissenschaft, keine Frage.
Dennoch frage ich mich: warum haben wir es mit unseren technischen Möglichkeiten nicht geschafft, genug Lebensmittel anzubauen, damit kein Mensch mehr Hunger leiden muss. Oder warum gibt es immer noch Kriege? Der Spaziergang auf dem Mond hat uns in dieser Hinsicht nicht wirklich schlauer gemacht. Auch nicht menschlicher.
In einem Gebet der Bibel heißt es: Wenn ich Mond und Sterne sehe und alles, was Gott gemacht hat: Was ist der Mensch? Ja, was sind wir?
Die Bibel antwortet darauf: Wir Menschen haben einen Auftrag. Gott hat uns den Auftrag gegeben, auf der Erde mitzuhelfen, dass Menschen Schritte aufeinander zu machen können. Dass Menschen wieder miteinander reden anstatt sich anzuschweigen. Und dass Menschen über die Grenzen von Kultur und Religion hinweg gemeinsam nach Lösungen suchen, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Und dieses große Programm beginnt immer mit einem ersten, kleinen Schritt. Ich wünsche Ihnen heute so einen kleinen Schritt auf einen anderen Menschen zu. Und das Tollste ist: Für diesen Schritt brauchen Sie noch nicht einmal zum Mond zu fliegen.

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Wie stellen Sie sich das Paradies vor? Wie ein Schlaraffenland, in dem es alles gibt - und das umsonst? Oder wie ein Land, in dem die Menschen nicht arbeiten müssen und doch alles zum Leben haben? Mein Paradies steht vor meiner Haustür. Es ist eine kleine Holzbank, auf der gerade einmal zwei Menschen bequem Platz haben. Hier sitze ich manchmal alleine und schaue in die weite Landschaft vor meinem Haus. Lasse nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach meine Gedanken mit den Wolken ziehen. Einige davon haben mich tagsüber ganz schön beschäftigt. Ich möchte sie nicht mit in die Nacht nehmen und stelle mir vor, wie sie es sich auf einer Wolke bequem machen und einfach davon ziehen. Eine Vorstellung, die mich unheimlich beruhigt und entspannt.
Manchmal sitze ich hier auch mit einem Kollegen und wir reden über Gott und die Welt. Wir tauschen uns über unsere Arbeit aus. Ja, auf dieser Holzbank sind schon die schönsten Ideen geboren worden. Wie zum Beispiel das Dankeschön-Fest für alle, die bei uns mitmachen. Oder der Gottesdienst für Verliebte.
Und dann gibt es Abende, da sitze ich hier mit meinem Sohn, der bald 18 wird. Er erzählt mir von seinen Plänen für die Zukunft und fragt auch danach, wie das bei mir damals war. Mädchengeschichten bekomme ich zu hören und wir besprechen die aktuellen Fußballergebnisse. Oder er erklärt mir eines seiner neuen Computerspiele. Dabei lachen wir viel und sind uns als Vater und Sohn ganz nahe. Und vergessen darüber völlig die Zeit.
Das Paradies ist nicht weit weg, sondern gleich nebenan. Das ist meine Erfahrung. Das Paradies ist dort, wo ich zur Ruhe komme, wo ich anderen und mir nahe komme. Es ist da, wo neue Ideen geboren werden und wo die Zeit stehen bleibt.
So ein Paradies gleich nebenan wünsche ich auch Ihnen heute.

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Kain schlägt seinen Bruder Abel tot. An die Geschichte aus der Bibel erinnere ich mich noch genau. Im Kindergottesdienst damals habe ich mit staunenden Augen und offenem Mund dem Pfarrer zugehört. Unglaublich, was der erzählt hat: Zwei Brüder konkurrieren miteinander und jeder will besser sein als der andere. Warum lässt Gott das zu? Und warum können sie nicht im Frieden miteinander leben? Habe ich mich als Kind schon gefragt.
Martin und Brigitte sind auch Geschwister. Jahrelang haben sie nichts miteinander zu tun gehabt. Martin war immer Mutters Liebling. Hat Abitur gemacht und studiert und leitet heute einen kleinen Handwerksbetrieb. Brigitte hat einige Zeit gebraucht, bis sie einen passenden Beruf und einen passenden Mann gefunden hat. Die beiden haben sich über die Jahre auseinandergelebt. Bei Familientreffen haben sie sich meist angeschwiegen. Richtig Streit hat es nie gegeben. Nein, umbringen hätten sie sich nicht können. Aber sie haben sich auch nie richtig füreinander interessiert. Immer hält die Mutter zu Martin, nie kann ich es ihr recht machen, hat Brigitte oft gedacht. Lob oder anerkennende Worte? Fehlanzeige. Aber darüber haben die beiden nie gesprochen.
Als ihre Mutter stirbt, sitzen die beiden eine ganze Weile allein im Garten ihres Elternhauses. Zuerst schweigen sie sich an. Dann fragt Brigitte ihren Bruder: „Bist du zufrieden, mit dem, was du im Leben erreicht hast?" - Nein, sagt der Bruder ganz spontan „Ich habe dich immer dafür bewundert, dass du deine Freiheit gehabt hast und etwas aus deinem Leben gemacht hast. Ich hab immer nur das getan, was andere von mir erwartet haben. Und dabei hab ich vergessen zu leben". Und dann endlich, endlich erzählen sich die beiden von ihren Wünschen und Träumen. Und sie entdecken auf einmal, wie vieles sie doch gemeinsam haben. Manchmal braucht es Zeit, sich zu versöhnen. Dafür ist es aber nie zu spät.

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Es gibt Menschen, die finden Gott im Müll der Großstadt. Wie Maggie Gobran aus Kairo. Sie ist Professorin für Informatik und stammt aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie in Ägypten.
Eines Tages trifft sie auf der Straße in Kairo ein kleines Mädchen. Die hat keine Schuhe an. Die Kleine tut ihr leid und sie bietet ihr an, ein paar Schuhe für sie zu kaufen. Das Mädchen geht mit und sucht sich in einem Laden Schuhe aus, die viel zu groß für sie sind. „Meine Mutter braucht die Schuhe dringender als ich" sagt sie zu Maggie. Und erzählt ihr, dass sie aus der Müllstadt kommt, einem Vorort von Kairo. Dort leben beinahe 70000 Männer, Frauen und Kinder, die seit mehreren Generationen vom Müll der ägyptischen Hauptstadt leben, ihn sammeln und recyclen. Fast alle sind sie koptische Christen.
Als Maggie das Mädchen nach Hause begleitet, ist sie entsetzt. In dieser Müllstadt stinkt es unerträglich. Erwachsene und Kinder arbeiten, schlafen und essen - mitten im Müll. Die Professorin will helfen. „Gott hat mich in diesem Augenblick gerufen, mein bequemes Leben aufzugeben und in die Slums dieser Müllstadt zu gehen. Besonders die Kinder hungern nach Brot, Kleidung, aber auch nach Liebe und Anerkennung", sagt Maggie. Und sie gibt tatsächlich ihr Professorenleben auf und geht in die Müllslums von Kairo. Mit Hilfe von Freunden baut sie Kindergärten auf und gibt Kurse für die Mütter, damit die schreiben lernen. Die älteren Jungen und Mädchen werden zu Näherinnen und Schustern ausgebildet. In der Müllstadt gibt es eine Kirche, mitten in den Bergen und aus Müll gebaut. Hier treffen sich die Müll-Menschen mit Maggie, um zu beten. Maggie kann förmlich spüren, wie Frieden und Gerechtigkeit wachsen. Und das gibt ihrem Leben Sinn.
„Hier in den Slums habe ich Gott gefunden. Sagt Maggie. Jedes Mal, wenn ich hier ein Kind umarme, dann fühle ich Gottes Arme um mich."

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Kleiner runder Hut und rote Pappnase. Das ist sein Markenzeichen. Am liebsten nimmt er sich selber auf den Arm und hält gerne den Christenmenschen einen Spiegel vor. Willibert Pauels, Clown und Diakon. Sein Credo: Nimm dich bloß nicht zu wichtig, egal, wer du bist.
Jetzt habe ich gelesen, dass Willibert Pauels krank ist. Der immer fröhliche Bergische Jung leidet an Depressionen und muss sich behandeln lassen. Sogar ihn hat es erwischt, habe ich gedacht. Sogar ihn.
Wenn man Depressionen hat, geht das nicht mehr, für die anderen den Clown zu spielen. Nimm dich nicht zu wichtig- hat er immer anderen vermittelt. Jetzt ist für ihn genau das Gegenteil dran: sich selbst wichtig nehmen. Du musst im Leben nicht nur eine Rolle spielen. Hinter der Maske bist du ein wertvoller und wichtiger Mensch. Egal, ob du im Rampenlicht stehst oder eher unbemerkt dein Leben lebst.
Wer Depressionen kennt, der weiß, dass diese Zeiten auch wichtig sind, um neu mit sich selbst und dem Leben in Kontakt zu kommen. Das geht meistens nicht ohne fremde Hilfe. Freunde sind wichtig und die Gespräche mit ihnen. Aber auch der Arzt, der sich mit der Krankheit wirklich auskennt.
Menschen, die unter Depressionen leiden, brauchen viel Verständnis von ihren Mitmenschen. Und keine einfachen Ratschläge, wie: Reiß dich doch zusammen und: Es ist doch alles halb so schlimm.
Ich wünsche Willibert Pauels und allen, denen es im Moment ähnlich geht, dass er sich jetzt wichtig nehmen kann, weil er ein von Gott geliebtes und geschätztes Menschenkind ist. Wir brauchen sein Lachen und seinen Humor, aber er braucht jetzt Menschen, die ihm mit viel Verständnis und Geduld begegnen. Die ihn zum Lachen bringen, wenn er wieder lachen kann.
Und wenn du soweit bist, dann zieh sie wieder an: die rote Pappnase und den kleinen runden Hut. Wir freuen uns auf dich!

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