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SWR3 Gedanken

„Eigentlich bräuchte man echt einen Tag in der Woche, an dem man nichts macht! An dem man sich nur mal so Gedanken über sich und über das Leben macht!"
Es ist Abend und Rüdiger, unsere Frauen und ich sitzen beim Grillen im Garten. Die Kinder spielen Vater, Mutter, Kind und wir Erwachsene unterhalten uns in der Laube über Gott und die Welt. Ein laues Lüftchen weht, wir schauen so vor uns hin und Rüdiger sagt da diesen Satz so vor sich hin:
„Eigentlich bräuchte man echt einen Tag in der Woche, an dem man nichts macht! An dem man sich nur mal so Gedanken über sich und über das Leben macht!"
„Naja, sage ich, ganz in meinem Element als Ortspfarrer: dann mach ich jetzt mal den Werbeblock: Herzliche Einladung, Rüdiger! Morgen machen wir genau das in der Kirche so etwa eine Stunde lang: Sich über sich und das Leben so Gedanken machen, meine ich."
Rüdiger schaut mich verdutzt an und muss lachen. Aber klar doch, manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Rüdiger ist nicht so der fromme Typ. Wahrscheinlich wird er nächsten Sonntag nicht in den Gottesdienst kommen. Mit seinen kleinen Kindern ist das nicht so einfach. Aber nach den Ferien vielleicht. Um wieder über sich und über das Leben nachzudenken. Eine Stunde oder auch einen ganzen Tag und abends dann auch gerne beim Grillen. 

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„Auf meine Eltern war ich richtig sauer!" Herr Greiner, der mir das sagt, erzählt mir von seiner Taufe. Allerdings hatten die Eltern mit dieser Taufe gar nichts am Hut. Herr Greiner ließ sich nämlich erst im Erwachsenenalter taufen.
„Und warum sind Sie auf ihrer Eltern sauer gewesen? So haben sie doch die völlige Freiheit gehabt!"
„Ich war sauer", sagt Herr Greiner, „weil ich gemerkt habe, dass es meinen Eltern gar nicht um Freiheit ging, sondern ihnen war das mit der Taufe vollkommen egal. Das hat mich geärgert!"
Von Herrn Greiner lerne ich: Religiöse Erziehung ist schwierig. Und: Religiöse Erziehung hat etwas mit der Haltung der Eltern zu tun. Und wenn keine Haltung zu erkennen ist, dann sieht das manchmal wie Gleichgültigkeit oder Missachtung aus.
Was also tun? Ich glaube, Eltern müssten sich mit dem Thema beschäftigen. Wollen wir unser Kind taufen lassen? Und wenn nicht, warum? Zu welchem Ergebnis sie auch immer kommen, wichtig wäre, Haltung zu zeigen.
„Ich finde", sagt mir auch Herr Greiner, „wenn meine Eltern sich wenigstens aus Überzeugung gegen die Taufe entschieden hätten und mir das auch gesagt hätten, dann wäre das ok gewesen. Und sie hätten es mir überlassen, mich so oder so zu entscheiden. Ich finde, das wäre wirkliche Freiheit gewesen."
Ich frage nach: „Und wenn Ihre Eltern Sie einfach getauft hätten, weil man das eben so macht?" Herr Greiner denkt nach und grinst. „Dann wäre ich auch sauer auf sie gewesen. Aber ich hätte an meiner Taufe, glaube ich, nichts geändert - in aller Freiheit!"

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Jesus hatte kein Handy. Natürlich hatte er keins, es gab noch keine. Aber viele wünschten sich heute, sie hätten auch keines. Ich finde mein Handy aber toll. Ich habe ein Smartphone mit vielen Apps drauf, die mir das Leben erleichtern oder jedenfalls erleichtern sollen.
Mein Handy klingelt auch relativ oft. Nicht weil mich so viele Leute anrufen, sondern, weil mein Smartphone mich an meine Termine erinnert. Gleich habe ich die nächste Besprechung, dann muss ich die Kinder abholen, in zwei Stunden muss ich zum Zahnarzt.
Wenn es aber ganz schlimm kommt, wenn die ganzen Termine überhand nehmen, dann will ich auch kein Handy mehr haben. Immerhin: Jesus hatte da ein ähnliches Problem. Zwar hatte er nicht so viele Termine, aber die Leute wollten auch ständig was von ihm. Und weil es noch keine Handys gab kamen sie persönlich vorbei. In Scharen, wird erzählt. Und irgendwann sind sie ihm wohl auch auf den Geist gegangen. Das finde ich schon sehr tröstlich, dass selbst Jesus es nicht ständig unter Volllast ausgehalten hat.
Er ist dann einfach weg gegangen. Hat seine Jünger mitgenommen oder ist gleich ganz alleine irgendwo hin verschwunden, wo er seine Ruhe hatte. Gute Idee. Das könnte ich auch machen.
Aber: Ich muss sogar mehr machen als Jesus! Ich muss mein Handy abgeben oder zumindest ausschalten. Empfang habe ich oft auch in den entlegensten Winkeln. Und meine Apps und mein Terminkalender funktionieren auch ohne Netz. Ach, manchmal wäre ich gern wie Jesus und hätte kein Handy.

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So aufgebracht habe ich meine fünfjährige Tochter selten gesehen. Da hat sie mir ganz stolz erzählt, dass sie beim Rennen im Kindergarten zweimal erster geworden ist und David jedes Mal letzter. Und statt mich mit ihr über den Sieg zu freuen, sage ich, eigentlich völlig unüberlegt: jaja, die letzten werden die ersten sein und die ersten werden die letzten sein.
Uiuiui, nicht mit meiner Tochter: „Bei uns gilt immer noch der erste ist der erste und der letzte ist der letzte. Und nur beim lieben Gott ist das anders, hast Du gesagt!
Ich bin bass erstaunt. Ja, das habe ich gesagt! Und Recht hat sie.
Denn bei uns muss wirklich gelten: Der erste ist der erste und der letzte ist der letzte. Weil das wohl der Maßstab ist, um sinnvoll vergleichen zu können. Sonst könnten wir keine Olympiade veranstalten oder Menschen nach ihrer Leistung bezahlen. Jeder Vergleich, wäre eigentlich unmöglich!
Es würde zu einer unglaublichen Verunsicherung führen, wenn wir plötzlich diese einfache Regel: Der erste ist erster, außer Kraft setzen würden. Keiner wüsste mehr woran er ist.
Allerdings: Meine Tochter hat auch gesagt: Bei Gott gilt die andere Regel. Und da hat sie eben auch Recht. Vor Gott sind wir in erster Linie eben keine Leistungsträger. Vor Gott sind wir einfach nur Mensch. Mit Begabunge und Schwächen. Und wie eine gute Mutter oder ein guter Vater liebt er eben auch die, die zuletzt ins Ziel kommen oder die, die bei der ganzen Leistungsschau nicht mitmachen können.
Liebe orientiert sich nun mal nicht danach, wo einer auf der Leistungsskala steht. Meine Tochter liebe ich, egal auf welchen Platz sie kommt. So verstehe ich auch Jesus: Beim Rennen gewinnen ist das eine, bei Gott einen Platz zu haben ist was anderes und nicht davon abhängig, ob man erster ist oder nicht.

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Eine junge Frau mit Namen Olympia weint und erzählt dem Pfarrer Andreas: „Ich bin immer so schusselig. Ich lasse immer alles fallen. Ich hatte schon 52 Jobs in 15 Jahren. Und jetzt ist mir bei der Arbeit wieder ein ganzes Blech Berliner runtergefallen. Da habe ich Panik bekommen, habe den Laden zu geschlossen und bin weggelaufen."
Das ist eine Szene aus dem Film „Italienisch für Anfänger" . Mich beeindruckt die Szene, weil sie mir irgendwie bekannt vorkommt. Was soll ich auf so was sagen? Wie soll ich jemanden trösten, der in einer so ausweglosen Situation steckt? Kopf hoch?
Ob die Filmemacher die Bibel gelesen haben, weiß ich nicht, aber ihre Lösung ist nahe an dem, was dem Propheten Elias passiert ist. Der war auch mal in einer ausweglosen Situation und total deprimiert. Und da kam ein Engel und machte erst mal: nichts. Er hat sich Elias' Klage angehört und dann ließ er ihn schlafen. Und dann gab er ihm zu Essen und zu trinken. Dann ließ er ihn wieder schlafen. Kein „Kopf hoch, wird schon", kein „ins Gewissenreden"
Der Engel hat sich einfach nur um die ganz normalen körperlichen Bedürfnisse gekümmert. Essen, trinken, schlafen. Bis Elias wieder bei Kräften war, auch seelisch.
Ich find das gar nicht einfach: Nur zuhören und sich kümmern. Lieber will ich am liebsten gleich eine Lösung präsentieren. Geht aber nicht immer.
Im Film tröstet Andreas die junge Frau Olympia so, wie der Engel den Elias getröstet hat. Er lässt sie erzählen und dann sagt er: „Das hört sich alles ganz furchtbar an. Und ich weiß auch nicht, wie man das lösen kann, aber ich könnte mal anfangen, Dir ein Taschentuch zu geben und einen Kaffee zu machen."

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Vertrösten ist doof. Nein, Kindergarten ist erst in zwei Wochen. Eis gibt es erst nach dem Mittagessen. Das finden meine Kinder doof. Und was sie gar nicht leiden können ist. „Das verstehst Du noch nicht, dafür bist Du noch zu klein! Wenn Du groß bist, verstehst Du das." Das ist eine doofe Antwort. Aber manchmal ist es so. Wenn meine Frau als Ärztin etwas über Diabetes erzählt und den so genannten Langerhans-Inseln, dann können unsereKinder damit einfach nichts anfangen und wundern sich, dass scheinbar ein Meer und Inseln in unserem Bauch sind.
Aber natürlich wollen wir ihnen trotzdem eine Antwort geben, die sie einschätzen und bewerten können. „Diabetes macht Bauchweh". Ist nicht wirklich richtig, aber mit Bauchweh können die Kinder was anfangen. Den Rest werden Sie später kapieren. So wie wir erst als Eltern verstanden haben, warum unsere Eltern uns mit diesem doofen Satz genervt haben. Warte ab, bis du selber Kinder hast. Jetzt sind wir schlauer.
Vertrösten ist doof, ist aber manchmal nichts als die Wahrheit. Jesus vertröstet seine Jünger auch. Es sagt einmal zu ihnen: „Wenn der Geist der Wahrheit kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten." Also: Einmal werdet ihr alles verstehen, was euch bis jetzt verschlossen ist. Nicht jetzt, aber dann.
Wann soll das sein? Vielleicht ist es wirklich erst dann, wenn nichts mehr geht, wenn wir so „groß geworden" sind, dass wir gar nicht mehr da sind. Manchmal denke ich: Ja, das kann auch wirklich ein Trost sein: Ich werde es nicht hier und jetzt verstehen, aber dann dort werde ich alles verstehen. Das finde ich dann nicht doof. Da bin ich doch mal gespannt.

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„Ramazan Bayraminiz mübarek olsun" Das heißt: „Ein gesegnetes Ramadanfest" und man sagt es, so habe ich gelernt bei türkischen Muslimen am Ende des Ramadan. Heute ist Ende des Ramadan und jetzt feiern meine türkischen Freunde.
Denn es war mal wieder ein anspruchsvoller Ramadan, weil er mitten in den Sommer fiel. Da sind die Tage lang. Und als Muslim fastet man am Tag. Wenn die Sonne untergeht, finden sich die Familien zusammen und essen miteinander.
Fasten soll einen ja wieder auf den Boden der Tatsachen zurück bringen. Das Fasten soll zur Zucht des ganzen Lebens führen. Vielleicht anders formuliert: Dass man sich zurücknimmt, um Gott Platz einzuräumen.
Ich finde, das passt gut zu einem Vers aus der Bibel, der mir wichtig ist. In dieser Woche ist er bei uns in der Kirche so etwas wie ein Motto: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. (1. Petr. 5,5)
Sich zurücknehmen, sich nicht so wichtig nehmen, das ist im Islam und im Christentum eine Tugend. Das haben gläubige Muslime in der ganzen Welt in den letzten dreißig Tagen eingeübt. Und diese Übung - das wissen Muslime wie Christen - trägt auch ein Versprechen in sich: Dass man mehr vom Leben hat, wenn man es bewusster angeht. Und dem, was Gott zu sagen hat, wieder mehr Platz im Leben einräumt. Und dann auch ganz bewusst das Schöne des Lebens feiert. Deshalbwünsche ich allen meinen muslimeischen Freunden heute ein gesegnetes Ramadanfest . „Ramazan Bayraminiz mübarek olsun"

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