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SWR3 Gedanken

„Was ist ihnen heilig?" In einem Dokumentarfilm wird ganz unterschiedlichen Menschen diese Frage gestellt. Menschen auf der Straße, auf dem Weg zur Arbeit, beim abendlichen Ausgehen. Aber auch Menschen in Kirchen, Synagogen und Moscheen. Die Antworten sind so bunt und unterschiedlich wie die Menschen, die sie geben. Und fast immer haben sie mit dem konkreten Leben dieser Menschen zu tun. Heilig, so scheint es, ist immer das, was mir ganz besonders wichtig ist. Etwas, das mein Leben bestimmt, woran mein Herz hängt. „Heilig ist mir mein Sohn", sagt da etwa ein Mann, der um das Besuchsrecht für sein Kind kämpft.
Interessant finde ich, dass die meisten Befragten etwas heilig nennen, was mit anderen Menschen zu tun hat. Schönes, aber auch Trauriges. Heilig ist offenbar vor allem das, was zwischen uns geschieht. „Jeder Mensch ist heilig, ohne Ausnahme", meint denn auch ein Muslim im Film. Heilig - für die Bibel ist das der Ort, wo Gott ist.
Ich glaube, das Heilige ereignet sich oft in ganz besonderen Augenblicken, die wir erleben. Momente, die uns berühren und die dann noch in uns nachklingen. Heilige Momente des Alltags. Die Gedanken eines Polizisten haben mir darum gut gefallen. Ein solch heiliger Moment ist es für ihn nämlich, wenn er seine Uniform anzieht. Ein tägliches Ritual, das aus dem Privatmann jenen Menschen macht, der nun ganz bewusst für Andere da sein wird. Um Menschen zu helfen, die in Not geraten sind. Oder um die Ordnung zu schützen, die wir fürs Zusammenleben brauchen. Es kann sie tatsächlich jeden Tag geben, diese kleinen Augenblicke des Heiligen mitten im Alltag. Auch heute wieder.

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Vor dem Theater in Weimar stehen sie auf dem Sockel, überlebensgroß. Arm in Arm. Goethe und Schiller, unsere großen Dichterfürsten. Denkmäler wie dieses gibt es viele im Land. Fast immer hingestellt für Menschen, die Großes geschaffen haben. Weltliteratur zum Beispiel, oder unvergessliche Musik. Die Industrieimperien groß gemacht haben wie die Krupps oder die Siemens. Die Kriege gewonnen und Staaten gegründet haben. Die Sockel auf denen sie stehen. Sie seien ihnen gegönnt.
Die Helden aber, denen man nur selten einen Sockel baut, sind für mich jene, die Krisen meistern müssen. Da ist der Unternehmer, der sein Unternehmen verkleinern muss, weil es nicht mehr rund läuft. Der Politiker, der keine Geschenke mehr versprechen kann, sondern Kürzungen erklären muss. Der Arzt, der dem Patienten mitteilen muss, dass der Kampf gegen die Krankheit nicht zu gewinnen ist. Der Bischof, der keine neuen Kirchen bauen kann, sondern welche schließen muss. So mancher duckt sich in solchen Situationen lieber weg. Andere bestimmen von oben herunter oder verstecken sich hinter Vokabeln wie „alternativlos". Menschliche Größe aber zeigt sich erst da, wo ich den Ängsten und Sorgen der Betroffenen nicht ausweiche. Wo ich versuche, zu verstehen und zu trösten. Und wo es geht, auch zu vermitteln und nach neuen Wegen zu suchen. Das ist oft unendlich mühsam, hat viel mit Wut, mit Tränen und Traurigkeit zu tun und nur selten mit grandiosen Erfolgen. Dabei ist es unendlich wichtig und wertvoll. Nur den Sockel für ein Denkmal, den gibt es für solche Helden leider ziemlich selten. Schade

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Beim Sommerfest unserer Hochschule geht's immer hoch her. Die Wiese hinter den Gebäuden verwandelt sich dann schon mal in eine große Tanzfläche. Menschen bewegen sich im Rhythmus der Beats. Fröhlich, begeistert, mitgerissen. Manche geradezu entrückt. Es sind Momente, in denen man das Leben spürt, ganz dicht. Mir geht das manchmal auch bei einem klassischen Konzert so, wenn eine Musik mich zutiefst anrührt. Oder beim intensiven Gespräch mit guten Freunden. Eigentlich überall da, wo ich nicht funktionieren und meine Rollen spielen muss. Wo ich einfach ICH sein darf und ganz tief in mir etwas in Bewegung kommt.
Für mich sind das fast religiöse Momente. Denn auch in der Religion geht es schließlich ums Leben. Und Religion ist etwas, das mich eben auch im Innersten betrifft und berührt. Etwas, das im Idealfall Himmel und Erde zusammenbringt. Wer an Gott glauben kann, der wird immer hoffen, ein wenig von ihm zu erhaschen. Zumindest seine Gegenwart irgendwie zu spüren. In der Bibel gibt es die wunderbare Geschichte der beiden Freunde Jesu, die nach seinem Tod gemeinsam auf dem Weg sind. Die Trauer um den Tod ihres Freundes hält sie noch gefangen. Gerüchte darüber, dass er lebt, verstören sie. Als ein Mann sich unterwegs zu ihnen gesellt, erkennen sie ihn nicht. Doch seine Anwesenheit tut ihnen gut. Erst im Nachhinein, als er weg ist, geht ihnen ein Licht auf. Sie ahnen nun, dass es der auferstandene Jesus selbst war, der sie getröstet hat. Für mich eine der schönsten Geschichten der ganzen Bibel. Sie erzählt mir nämlich, dass sich uns die dichtesten Momente im Leben oft erst im Nachhinein erschließen. Jene, in denen sich Himmel und Erde berührt haben.

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Ist der Opa jetzt im Himmel? Meine Tochter hat mich das mal gefragt, als ihr Opa vor einigen Jahren gestorben ist. Na klar ist Opa nun im Himmel, habe ich geantwortet. Doch absolut sicher wusste ich das natürlich nicht. Nach der Bibel kann ich es auch gar nicht, denn ob ein Mensch nach seinem Tod bei Gott sein wird, darüber entscheidet Gott allein. Nicht ich! Die Bibel jedenfalls hat diese Entscheidung Gottes mit dem Bild von einem Gericht umschrieben. Kein Mensch kommt daran vorbei.
Es sei denn, jemand würde nach seinem Tod quasi durchgewunken. Direkt zu Gott also. Die Katholische Kirche glaubt das jedenfalls von Maria, der Mutter von Jesus. Die, so heißt es, sei nämlich nach ihrem Tod mit Leib und Seele direkt in den Himmel aufgenommen worden. Und weil man Maria schon immer für einen ganz außerordentlichen Menschen hielt, waren die Gläubigen davon auch schon sehr früh überzeugt. Vor 62 Jahren hat der damalige Papst diese Überzeugung sogar zum Dogma gemacht, zu einem Glaubenssatz für die ganze Katholische Kirche. Heute, am Fest Mariä Himmelfahrt, feiert die Kirche nun diese Überzeugung, dass Maria unmittelbar von Gott aufgenommen wurde.
Genau das hoffe ich natürlich auch für unsern verstorbenen Opa. Dass er jetzt bei Gott ist, so wie Maria. Bei ihr allerdings ist sich die Kirche da schon absolut sicher. 

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Wir müssen umziehen. Das Haus, in dem unsere Hochschulgemeinde jahrelang untergebracht war, soll verkauft werden. Die Zimmer sind ausgeräumt. An den leeren Wänden sind dunkle Ränder zu sehen. Dort wo die Bilder gehangen haben. Es heißt Abschied nehmen. Abschied von Räumen, die mal so was wie Heimat waren. Umzüge haben für mich immer etwas Bedrückendes an sich. Auch dann, wenn sie noch so professionell gemanagt werden. Dabei sind es nicht die Berge von Kisten, die erst gepackt und dann wieder entleert werden müssen. Auch nicht das Chaos, das danach herrscht, bis alles an seinem Platz ist. Nein, bei jedem Umzug bleibt immer ein Stück vom Leben zurück. Deshalb ist jeder Umzug auch ein Einschnitt, eine Einübung in die Vergänglichkeit. In die Kunst, loslassen zu können.
Genau genommen durchzieht die ja mein ganzes Leben. Da gibt's ja keinen Augenblick, den ich festhalten kann. Keine einzige Sekunde, die jemals zurückkommt. Keine, die ich ein zweites Mal erleben werde. Für manche ist das Leben darum wie ein Fluß, der Tag um Tag dahinfließt. So ein Umzug nach etlichen Jahren ist dann so eine Art Wasserfall. Das Leben stürzt gewissermaßen in ein neues Bett. Es gibt ein paar Turbulenzen. Aber nach kurzer Weile fließt es auch wieder weiter. Mehr oder weniger ruhig, bis zum nächsten Einschnitt. Nun endet aber nicht nur jeder Fluß, sondern auch mein Leben irgendwann einmal. Dann heißt es endgültig Abschied nehmen. Als Christ hoffe ich natürlich, dass mein Leben dann in Gott mündet. Und bis es soweit ist, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn ich mich vorher schon mal ein wenig eingeübt habe -  ins Loslassen.

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Die Elite habe versagt, las ich kürzlich. Es ging um die Finanzkrise, um Gier und ums hemmungslose Schuldenmachen. Ich habe mich gefragt, von welcher Elite da die Rede ist. Viele möchten das ja ganz gerne sein. Denn wo Elite drauf steht, da ist halt oben. Die Kriterien allerdings sind nicht so ganz klar. Bei der Eliteförderung für begabte junge Menschen, an der sich auch die beiden großen Kirchen beteiligen, ist zu besichtigen, was das heißen könnte. Wer da gefördert wird, ist meistens schon mit vielen Gaben gesegnet. Ist überdurchschnittlich intelligent, leistungsfähig, gut organisiert. Doch um gefördert zu werden, reicht das allein noch nicht. Wer zur Elite dazu gehören will, der muss noch mehr aufweisen. Engagement zum Beispiel, in Politik, Kirchen oder gemeinnützigen Organisationen. Einsatz für die Gesellschaft, für andere Menschen im weitesten Sinne. 
Einige der jungen Leute, die von den Kirchen unterstützt werden, habe ich kennen lernen dürfen. Tolle Typen sind darunter. Leute, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Die große Leistungen bringen und nebenbei oft in ganz vielen Bereichen interessiert und engagiert sind. Menschen, die viel geschenkt bekommen, die uns allen aber auch wieder viel zurückgeben.
Für mich wäre das jedenfalls eine ganz brauchbares Kriterium. Elite ist sicher nicht schon der, der sich am cleversten oder rücksichtslosesten das größte Stück vom Kuchen sichert. Elite ist für mich, wer nicht nur viele Gaben mitbekommen hat, sondern die auch noch entsprechend einzusetzen weiß. Für eine lebenswerte Gesellschaft, in der alle ein gerechtes Stück vom Kuchen abbekommen.

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„Mit dem Essen spielt man nicht"! Als Kind habe ich diesen Satz manchmal gehört. Seit dieser Zeit jedenfalls habe ich eine gewisse Ehrfurcht vor Nahrungsmitteln. Noch heute fällt es mir schwer, Brot, das ungenießbar geworden ist, in die Mülltonne zu werfen. „Mit dem Essen spielt man nicht"! So heißt auch eine Kampagne des kirchlichen Hilfswerks Misereror. Da geht es allerdings nicht um Kinderspiele mit Erbsen und Kartoffelpüree. Um die Jahrtausendwende fiel eine wichtige Beschränkung an den sogenannten Warenterminbörsen weg. Die Händler durften nun mit unbegrenzten Mengen an Rohstoffen spekulieren. Damit begann freilich auch das, was Misereor und andere heute so sehr kritisieren: Die Zockerei mit Lebensmitteln. Die Spekulation mit Mais und Soja, Weizen oder Reis. Grundnahrungsmittel, an denen das Leben von Milliarden Menschen hängt. Sie führt nicht nur zu starken Preisschwankungen, sondern oft auch zu steigenden Preisen für die lebenswichtigen Produkte. Erschwerend hinzu kommt eine weiter wachsenden Weltbevölkerung und immer unsicherer werdender Ernten. Experten erwarten, dass sich die Lage in den nächsten Jahren verschärfen wird. Dürren werden zunehmen und Getreide wahrscheinlich knapper und teurer. Goldene Zeiten für Rohstoffspekulanten und ihre Geschäfte. Treffen wird es aber wie immer die Ärmsten der Armen. Menschen in Entwicklungsländern, die schon heute bis zur Hälfte ihres Einkommens für Nahrung ausgeben müssen. Es könnte in Zukunft noch viel mehr werden. Spekulation mit Nahrungsmitteln ist darum auch ein Geschäft mit dem Hunger.
Höchste Zeit für die Politik, finde ich, dem Treiben international Grenzen zu setzen. Denn mit dem Essen anderer Menschen spielt man nicht.

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