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SWR3 Gedanken

Ein schlichtes Kreuz am Straßenrand. Aufgestellt für einen Menschen, der an dieser Stelle verunglückt ist. Oft liegen Blumen daneben, oder eine Kerze brennt. An so ein Kreuz habe ich zuerst auch gedacht, als ich bei meinem Spaziergang um die Ecke gebogen bin und an der Bundesstraße das niedrige Holzkreuz gesehen habe. Aber als ich dann direkt davor war, habe ich gesehen, dass auf dem Kreuz kein Name und kein Sterbedatum steht. Nur ein Wort: Danke. Sonst nichts. Danke, in Schönschrift eingebrannt. Ich habe eine ganze Weile verwirrt davor gestanden. Wer schreibt Danke auf ein Kreuz? Wozu? Hat hier jemand einen schlimmen Unfall gehabt- und ihn überlebt? Oder hat jemand just an dieser Stelle einen rettenden Einfall gehabt?Vielleicht hat sich hier jemand erschreckt, ist langsamer gefahren? Und ist deswegen nicht in das Ende des Staus reingefahren. Oder oder oder... mir fallen plötzlich hundert Variationen ein, die zu diesem Kreuz geführt haben könnten. Und bei der Gelegenheit sind mir ganz, ganz viele Gründe eingefallen, warum ich selber Grund zum Danken haben könnte. Die kann ich hier gar nicht alle aufzählen. Wenn es anderen so ähnlich geht wie mir, dann haben an diesem schlichten Holzkreuz an der Bundesstraße schon unzählige kleine Gottesdienste stattgefunden. Ein paar Minuten Nachdenken darüber, was alles doch gut gegangen ist. Einfach so, unverdient.
„Danke, Gott.  Amen."

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Heute geht's also los. Die olympischen Spiele werden am Abend in London feierlich eröffnet. Aus der ganzen Welt kommen die 200 Mannschaften, die sich in sportlichen Wettkämpfen messen. Sie verbannen alle wirtschaftlichen, politischen und religiösen Differenzen zwischen den Ländern in die zweite Reihe. Nur schade, dass bei Olympia nur Menschen teilnehmen, die eine mehr als überdurchschnittliche sportliche Leistung vorweisen können. Das universale Dabei-sein-ist-alles-Gefühl von Olympia beschränkt sich leider für die meisten Leute auf das Mitfiebern vor dem Fernseher. Allerdings: vor ein paar Wochen habe ich eine interessante Plakatkampagne für Olympia gesehen. Da war in antiker Gipsstatuenmanier ein  - na ja - so eine Art Sportler abgebildet. Ein Mann gut über 50 mit Waschbärbauch und Speckröllchen. Durchaus konzentriert und grazil wiegt er seinen Dartpfeil in der Hand. Auf einem anderen Plakat - auch als griechische Statue- ein ähnlich wohlbeleibter Mann beim Kegeln. Toll! Olympia for everybody! 
Ich war und bin beeindruckt: eigentlich könnten wir alle viel öfters Olympiafeeling haben! Wir müssten dafür nur bei unseren wenig leistungsorientierten Freizeitbeschäftigungen öfters mal andere mit einladen. Menschen aus Russland, Ägypten, aus England, den USA, China und sonst woher gibt es schließlich inzwischen in jeder Kleinstadt. Dabei sein ist alles - machen wir doch mal hier bei uns Olympia.
Entweder mit einer internationalen Zufallsdartmannschaft oder - wem das zu viel Bewegung ist - beim internationalen Olympiadauergucken mit dem Nachbar mit Migrationshintergrund, gerne auch mit Bauch.

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Donnerstags beginne ich später mit der Arbeit. Ich lasse mir für alles am Morgen mehr Zeit. Mein Kindergartenkind unterbricht meine Muße: „Mama, beeil dich. Wir müssen los. Die Waldwoche!" „Wir sind noch ganz früh dran", beruhige ich sie, „die Waldkinder gehen erst später los." „Nein, Mama. Wir gehen heute früher los. Bestimmt sind sie schon weg, wenn wir kommen. Mach schnell." Sie zieht mich energisch am Ärmel. Die Vorstellung, dass die Waldgruppe ohne sie auf den Berg zieht, macht sie ganz nervös. „Mach dir keine Sorgen, wir haben noch massig Zeit", sage ich und ziehe mir dann doch schon die Schuhe an, „stand doch alles auf dem Zettel." „Nein, das weißt du nicht so gut, Mama. Wir müssen uns beeilen!" Seufzend stelle ich ihr die Schuhe hin und versuch es ein letztes Mal: „Wirklich, wir werden früh genug da sein." Endlich wird sie ein wenig ruhiger. Und überlegt laut: „Also, wir machen's so: ich habe Recht. Aber du hast auch ein bisschen Recht." „Das geht nicht", sage ich, „wenn du Recht hast, kann ich nicht Recht haben. Und wenn ich Recht habe, kann deins nicht stimmen. Das schließt sich gegenseitig aus." „Dann machen wir eben Zweierglaube", triumphiert sie und rennt die Treppe runter. „Wir glauben einfach beides."
Zweierglaube - warum auch nicht?! Im Leben und Glauben gibt es meistens mehr als nur eine richtige Ansicht. Standpunkte sind Standpunkte, mehr nicht. Man kann sie ruhig mal wechseln ohne gleich die Balance zu verlieren. 

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„Gott, deine Güte reicht so weit der Himmel ist. Und deine Gerechtigkeit so weit die Wolken gehen"  Heute gegen 11 Uhr wird dieser uralte Gebetsruf wahr. Jedenfalls für die vielen Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg, für die heute die Ferien beginnen. 6 Wochen frei - das ist Güte pur! 
Manchen allerdings fällt zu Beginn dieser Zeit erst einmal der Himmel auf den Kopf. Spätestens heute haben nämlich alle ihr Zeugnis erhalten.  Maxi  zum Beispiel weiß schon seit Tagen,  dass bei Mathematik eine 5 stehen wird, mangelhaft. Und Jule wird nicht versetzt. Alles andere als ein himmlischer Start!
Maxi weiß genau, dass ihre Eltern jetzt tagelang über nichts anderes reden werden als über ihr Versagen in diesem Fach, zumal sie auch sonst keine tollen Noten hat. Und Jule findet, dass ihre Freundinnen plötzlich komisch zu ihr sind, so als hätte sie eine  schlimme Krankheit. Bitter, wenn die Beurteilung über meine Leistungen verdeckt, was ich sonst noch bin, als Freundin, Tochter, als Mensch unter anderen Menschen. Gottes Gerechtigkeit reicht so weit die Wolken gehen - ich finde das tröstlich. Schließlich ist die ganze Bibel voll von Menschen, die immer wieder ganz schön versagt haben. Menschen, die nach unseren Maßstäben nicht nur in der Schule durchgefallen wären. Aber Gott lässt diese Menschen nicht durchfallen, Gottes Gerechtigkeit reicht so weit die Wolken gehen, weil wir mehr sind als ein Zeugnisblatt sagt. Liebe Eltern, liebe Jugendliche - gelingendes Leben ist mehr als eine Notenübersicht am Ende eines Schuljahres. Gelingendes Leben braucht einen weiten Himmel Und einen Gerechtigkeitssinn, der so weit ist, wie die Wolken gehen. Gerade für Maxie und Jule und alle anderen, für die heute die Ferien beginnen! 
Ich wünsche euch allen einen weiten Himmel in der Ferienzeit! Und allen, für die bald das Schuljahr wieder angeht, einen guten Start!

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Vor ein paar Tagen habe ich ein neues Wort kennen gelernt: Verohnmächtigungskonstellation. Ein Kollege hat auf einer Tagung  den Begriff in die Runde geworfen. Und wir haben alle sofort verstanden, was er damit meint. Wenn eine Situation so bedrohlich ist und so übermächtig, dass sich alle überfragt, überfordert, ohnmächtig fühlen. Szenarien wie die globale Finanzkrise, die Klimakatastrophe, die Religionskriege usw sind klassische Verohnmächtigungskonstellationen. Allerdings kann es auch im privaten Bereich dazu kommen. Manchmal ist einfach alles zu viel: Eine Krise in der Partnerschaft, gesundheitliche Probleme, Stress am oder gar um den Arbeitsplatz, pubertierende Kinder - schon ist sie da, die ganz persönliche Verohnmächtigungskonstellation! Alleine komm ich da nicht raus. Es braucht schon den Moment, in dem ich bereit bin meine Ohnmacht, meine Ratlosigkeit, meine Verzweiflung jemandem mitzuteilen. Wenn ich das schaffe, bin ich schon nicht mehr ganz so ohnmächtig. In der Bibel begegne ich auch Menschen in Verohnmächtigungskonstellationen. In ihrer Not und Ohnmacht vertrauen sie sich dann Gott an. Sie beten, sie bitten, sie klagen, sie schreien ihre Verzweiflung mitunter heraus. Nicht immer ändert sich dadurch ihre Situation. Aber: sie erleben, dass sie nicht alleine sind in ihrer Not. Und: indem sie ihre Hilflosigkeit vor Gott aussprechen, treten sie  schon einen ersten Schritt heraus. Im zweiten finden sich weitere Vertraute. Und in einer vertrauten Runde kann aus geteilter Ohnmacht irgendwann gemeinsame Verantwortung werden. Und wenn ich nicht an Gott glaube? Kann ich mich trotzdem anderen mitteilen. Und erfahren, dass ich nicht alles alleine stemmen muss, sondern andere mittragen.

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Die Halme sind ab. Die ersten Ernten sind eingefahren und man sieht den Feldern an, dass unsere modernen Maschinen gründlich arbeiten. Ich komme auf meinem Weg zur Arbeit an ziemlich vielen Feldern vorbei. Ratzeputz kahl sind sie.
In unseren Zeiten wäre unmöglich, was früher ein Vorrecht der Armen gewesen ist: das Ährenlesen! Von der Zeit des Alten Testaments bis nach dem zweiten Weltkrieg ist es selbstverständlich gewesen, dass die Armen nach der Ernte über die Felder gehen und einsammeln, was noch übrig war. Und das ist manchmal ganz schön viel gewesen. Auf diese Weise haben die Bauern andere von ihrem Überfluss profitieren lassen. 
Heute ist das so nicht mehr möglich. Trotzdem ist das soziale Gewissen nicht einfach verschwunden. In meiner Stadt beobachte ich gerade bei jungen Menschen einen neuen Trend, der mich an das alte Prinzip der Nachlese erinnert. Wie immer im Sommer wird gerne am Abend auf öffentlichen Plätzen gesessen, geredet, gefeiert und getrunken. Mit Vorliebe aus Pfandflaschen.
Bevor man dann zu später Stunde aufbricht, werden die Pfandflaschen aus dem Weg geräumt, aber nicht mitgenommen. Spätestens am frühen morgen sind die Flaschensammler da. Leute jeden Altes, die ihr schmales Auskommen mit der Rückgabe gefundener  Pfandflaschen aufbessern.                                                                                                 

Ich habe einen der feiernden jungen Leute mal gefragt, warum sie die Flaschen nicht selbst zurückbringen. Kai hat es auf den Punkt gebracht: „Ich hab nicht besonders viel Geld", hat er gesagt, „jedenfalls zu wenig, um was zu spenden. Aber für das Feierabendbier reichts locker. Und wenn ich damit noch jemandem weiterhelfen kann, indem ich auf das Pfand verzichte, ist das doch prima. So hab ich wenigstens einen kleinen Beitrag geleistet." 
Ich bin beeindruckt -  Überfluss teilen: das geht auch im Kleinen!

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„Und was ist jetzt Segen in echt?" Ich seufze erst mal, als der Fünftklässler diese Frage stellt. Mehrere Schulstunden haben wir Texte gelesen und Geschichten aus der Bibel gehört, in denen es um Segen ging. Menschen segnen andere oder werden gesegnet. Segen, das ist eine Gotteskraft, haben die Kinder gelernt.  Und die hilft den Menschen. Die trägt sie durchs Leben. Das haben die Kinder kapiert. Dachte ich.
Und jetzt diese Frage - was ist denn jetzt Segen „in echt"?
Am Nachmittag will ich mit meinen Töchtern zu einem Termin. Leider bekommt die Kleinste einen Wutanfall. Sie brüllt. Sie schreit. Sie schlägt um sich. Alle guten Worte, alles ruhig bleiben hilft nichts. Ich lasse sie erst mal in Ruhe und schaue nervös auf die Uhr. In 5 Minuten müssen wir spätestens los.
Plötzlich wird das Gebrüll leiser. Ich sehe wie ihre Schwester ihr etwas ins Ohr flüstert. Dann tappst sie ihr hinterher in ihr Zimmer. Eine halbe Minute später kommen die beiden wieder raus. Meine Jüngste wischt sich die Tränen aus den Augen und zieht sich vergnügt die Schuhe an. „Was hast du gemacht?", frage ich die die Größere. „Ich habe ihr eine von meinen Murmeln geschenkt", sagt sie, „sie hat sie aussuchen dürfen." Murmeln sind eigentlich ihr großer Schatz, aber jetzt ist sie ganz glücklich. Weil sie mit einer von ihren Murmeln ihre kleine Schwester hat beruhigen können. Das ist es, denke ich. Das ist Segen in echt.
Wenn wir etwas weitergeben von dem, was uns wichtig ist. Wenn wir es so weitergeben, dass wir jemand anderen Anteil geben an unserer Freude. Und dafür ist niemand zu klein.

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