Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

In unserer Kirche werden gerade Kreuze aus Schrott ausgestellt. Diese besondere Ausstellung heißt „Das andere Kreuz". Die Künstlerinnen und Künstler sind Schüler der örtlichen Berufsschule. Dort versuchen sie, ihren Hauptschulabschluss nachzuholen.
Viele der Jugendlichen kommen aus schwierigen familiären und sozialen Verhältnissen, viele sind vorbestraft. Sie lassen sich nicht so leicht von einer Sache begeistern, und Religionsunterricht hat es da besonders schwer. Umso beeindruckender, dass sie sich darauf eingelassen haben, sich ganz praktisch mit dem Kreuz auseinander zu setzen. In der Ausstellung gibt es zum Beispiel ein total verzerrtes Kreuz aus einem Auspuff und einer Autofeder. Die Dornenkrone ist eine alte Uhr. Edin hat dazu geschrieben, dass die Zeit viel zu schnell und zu früh abläuft, wenn man zu schnell mit alten Autos unterwegs ist. Ein anderes Kreuz heißt „Gott gibt Wärme" und ist aus einem Heizkörper, einem Ofenrohr und einer alten Ofenklappe geschweißt.
Spannend ist übrigens auch, dass das Projekt religionsübergreifend ist. Einige der Künstler sind Muslime, andere fühlen sich keiner Religion zugehörig. Und trotzdem: alle haben aus Schrottteilen ein Kreuz gefertigt. Die Schüler zeigen damit, was für sie am Kreuz wichtig ist.
Diese Kunststücke begeistern mich. Vielleicht ist es die neue Sicht aufs Kreuz, die mich so beeindruckt. Bisher habe ich im Kreuz sofort Tod und Auferstehung gesehen. Die Jugendlichen zeigen mir neue Aspekte: Gottes Wärme oder meine begrenzte Lebenszeit - und zudem zeigen sie einfach nur tolle Kunstwerke aus Schrott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13432

Vor ein paar Jahren war ich in Jerusalem, mitten in der Altstadt. Nachts gegen halb elf höre ich plötzlich laute Stimmen, freudige Rufe. Menschen laufen auf die Straße. Ein Feuerwerk.
Am nächsten Abend das gleiche. Ich erkundige mich, was gefeiert wird. Es ist Ramadan. Der Fastenmonat der Muslime. Jeden Abend, wenn die Sonne untergegangen ist, feiern sie, dass sie jetzt wieder essen dürfen. Die Menschen feiern in der Nacht, tagsüber fasten sie. Manche verzichten nicht nur auf Essen, sondern auch aufs Trinken.
Heute beginnt der diesjährige Ramadan. Und trotz fasten, arbeiten die Muslime ganz normal weiter. Das hat mich damals schon in Jerusalem am meisten beeindruckt. Niemand war übernächtigt oder miesepetrig.
Auch in unserer Bibel steht eine Anweisung, wie man richtig fastet. Da steht „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht."
Beim Fasten geht's also nicht darum, dass möglichst viele es sehen, dass ich Eindruck schinde. Sondern ich soll mir bewusst machen, dass es nicht selbstverständlich ist, alles zu haben. Außerdem soll es meine Sehnsucht nach Gott wecken. Jedes Mal, wenn ich mich nach Essen oder Trinken sehne, soll ich an Gott denken. Ich kann mir vorstellen, dass vor allem das gar nicht so einfach ist.
Zum Ramadan gehört auch, dass ich alles was ich durchs Fasten eingespart habe, an andere weitergebe. Wenn also die Muslime am Ende des Ramadan ein Freudenfest feiern, dann aus gutem Grund: der Ramadan ist wirklich ein Geben und Nehmen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13431

Ende Mai war der Katholikentag in Mannheim.
Ich war mit sieben Jugendlichen dort. Und die hätten unterschiedlicher nicht sein können. Von fromm bis cool, von pubertär bis reif. So verschieden wie sie selbst, waren auch ihre Gründe mitzugehen: einige waren aus echtem Interesse dabei, andere, weil es Teil der Firmvorbereitung war und ihnen nichts anderes übrig blieb.
Es war am Anfang gar nicht so leicht, die Gruppe für den Katholikentag zu begeistern.
Doch es hat ziemlich genau einen halben Tag gedauert, bis der Funke übergesprungen ist. Die Jugendlichen haben sich durch die ausgelassene Stimmung, durch tolle Veranstaltungen und andere Menschen anstecken lassen. Es ist dann sehr schnell unser Schlachtruf entstanden: „Jesus!" Am Anfang war ich gar nicht so sicher, ob das nicht ironisch gemeint war. War es aber nicht. Wo immer wir aufgetaucht sind, wann immer einer von uns irgendwas gut fand: „Jesus!" Selbst als wir zu Hause am Bahnhof angekommen sind und uns verabschiedet haben, ein letztes Mal - aus dem Autofenster: „Jesus!" Das habe ich wirklich nicht erwartet, als ich mit der Truppe losgefahren bin.
Die Jugendlichen haben diesen Namen locker, leicht und selbstverständlich ausgesprochen, ja sogar begeistert gebrüllt. Das hat mir gefallen. Und es hat mir bewusst gemacht, wie vorsichtig ich manchmal mit meinem Glauben an „Jesus!" umgehe. Bloß nicht gleich und direkt damit kommen, das schreckt ja sofort ab.
Ich bin durch die Jugendlichen und ihren „Schlachtruf" jetzt nicht dazu übergegangen gleich mit Gott und dem persönlichen Glauben um mich zu schmeißen. Aber ich hoffe schon, offensiver mit meinem Glauben umgehen zu können. Einfach ganz natürlich davon zu sprechen. Das jedenfalls habe ich mir nach dem Katholikentag vorgenommen.
Diese Selbstverständlichkeit der Jugendlichen, die hat mir imponiert. Etwas rauslassen, ohne nachzudenken, einfach nur, weil es passt und weil mir gerade danach ist: „Jesus!"

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13430

„Das ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild. Waidmännisch jagt, wie´s sich gehört. Den Schöpfer im Geschöpfe ehrt." Dieser Satz steht an einer sehr prominenten Stelle. Viele tausend Male gedruckt.
Er umrahmt das Etikett eines bekannten Kräuterlikörs. Und er spricht mir aus dem Herzen. Ich glaube auch, dass er den meisten Jägern aus dem Herzen spricht, aber immer wieder hört man davon, dass Jäger sich anders verhalten. Ein Vorwurf lautet zum Beispiel, dass sie wahllos auf Wild schießen, nur wegen der Trophäen. Oder dass sie Wild nicht immer „waidgerecht" erlegen, also richtig treffen, so dass es schnell und schmerzlos stirbt.
Ich selbst habe übrigens auch den Jagdschein. Den hab ich mit 16 gemacht.
Nie zuvor habe ich so viel über die Natur erfahren. Ich gehe seitdem mit ganz anderen Augen durch die Welt. Ich habe gelernt, wie die Natur funktioniert, wie alles voneinander abhängt. Dazu gehört auch das „Fressen und gefressen werden". Und weil die Spitze der Nahrungskette bei uns inzwischen fehlt, Bären und Wölfe zum Beispiel, deshalb muss der Mensch hin und wieder eingreifen. So erhält er das Gleichgewicht in der Natur. Das ist für mich die Aufgabe der Jäger. Und das ist für mich auch „Bewahrung der Schöpfung". In der Bibel heißt es nämlich: „Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten, damit er ihn bebaue und hüte." Übersetzt könnte das heißen: Kümmert Euch um die Erde. Schützt sie, damit Natur und Mensch einander nützlich sein können. Und so achtet ihr den, der das alles ermöglicht hat.
Der Spruch auf dem Kräuterlikör-Etikett ist also mehr als nur eine Anweisung an alle Jäger. Für mich ist er eine kurze und originelle Übersetzung der Schöpfungsgeschichte:
„Das ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild. Waidmännisch jagt, wie´s sich gehört. Den Schöpfer im Geschöpfe ehrt."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13429

Wenn ich wissen will, was echtes Glück ist, genügt zurzeit ein Blick auf Thomas und Jenny. Thomas ist ein alter Bekannter von mir und erzählt mir so einiges. Erst seit kurzem sind die beiden ein Paar. Freudestrahlend erzählt Thomas, wie wunderbar das Gefühl ist, irgendwo angekommen zu sein. Er hat lange nach der Richtigen gesucht, und es hat alles nichts geholfen, sogar eine Heiratsanzeige ist erfolglos geblieben. Aber jetzt war er zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort - und hat Jenny getroffen. Und das, obwohl er die Suche eigentlich schon aufgegeben hatte.
Kurz nachdem ich vom Glück der beiden erfahren habe, lese ich auf einer Postkarte: „Wenn Du aufhörst, es zu suchen, findest Du das Glück."
Der Satz ist von Goethe. Wenn das nicht hundertprozentig passt. Ich muss sofort an Thomas und Jenny denken.
Und ich glaube, dass Goethe Recht hat. Vielleicht hat er diese klugen Worte geschrieben, als er etwas Ähnliches erfahren hat. Und es deckt sich auch mit meiner Erfahrung: Es kommt ja meistens nicht so, wie ich es erwarte und mir vorstelle. Um bei Thomas und Jenny zu bleiben: Erst als Thomas so richtig entspannt auf Frauen zugegangen ist ohne Hintergedanken, ohne jemanden beeindrucken zu müssen, ganz entspannt eben, da hat es geklappt. Bei meinem Mann und mir war das übrigens auch so. Und ich hoffe natürlich für unsere und alle Beziehungen, dass dieses Glück lange anhält.
Für mich ist das mehr als Zufall, wenn zwei zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Und wenn sie dann noch so zueinander passen, dass es funkt und hält. Meiner Meinung nach hat da jemand die Finger im Spiel. Egal wie man das nennt, für mich ist das Gott. Gott, der mir das Glück schenkt, gerade wenn ich aufgehört habe, es zu suchen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13428

Ich habe mir einen lang gehegten Traum erfüllt und mir ein besonderes Auto gekauft, ein Cabrio. Es macht so viel Spaß mit diesem Schätzchen zu fahren.
Ich fahre unheimlich gerne Auto und ich glaube auch ganz gut. Das führt natürlich dazu, dass ich manche Strecken mit dem Auto fahre, die ich eigentlich laufen oder zumindest mit dem Fahrrad zurücklegen könnte. Meine Umweltbilanz ist deshalb hin und wieder unterirdisch.
Als ich das neulich einem Bekannten erzählt habe, hat er mir von einem Projekt berichtet, das genau das aufgreift. Es heißt Atmosfair und unterstützt dabei, dass die eigene Umweltbilanz einigermaßen ausgeglichen bleibt. Atmosfair ist eine Klimaschutzorganisation, bei der ich überflüssige Kilometer kompensieren kann. Ganz konkret läuft das so: Wenn ich das Gefühl habe, dass ich eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren bin, trage ich das im Netz ein. Dann zahle ich eine bestimmte Summe, mit der dann Projekte zum Schutz des Klimas aufgebaut werden. Zum Beispiel wird mit dem Geld in Honduras ein kleines Wasserkraftwerk unterstützt, das klimafreundlichen Strom erzeugt. Das finde ich eine prima Sache.
Natürlich können Kritiker sagen, dass die Rechnung falsch ist. Die Serveraktivitäten und der Elektrosmog erzeugen so viel umweltschädliches CO2, dass die Katze sich in den Schwanz beißt. Das mag stimmen. Aber für mich ist Atmosfair eine gute Möglichkeit, andere Menschen zu unterstützen, die sich um eine gesunde Umwelt bemühen. Und allen die sagen, ich würde damit ja nur mein schlechtes Gewissen beruhigen, sei geantwortet: Ja, das stimmt. Aber es hilft ja nicht nur mir, sondern auch der Umwelt. Ich sehe das als meinen persönlichen Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung.
Und noch was hat Atmosfair bewirkt: ich überlege mir inzwischen zwei Mal, ob eine Fahrt wirklich nötig ist, wenn ich in mein Cabrio steige.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13427

Ich bin auf einer Fortbildung. Ich beschreibe eine Situation, in der die Kommunikation problematisch war. Die Referentin ermuntert mich, dass ich es doch nochmal versuchen soll mit meinem „hoffnungslosen Fall". Leicht genervt sage ich: „Ich weiß genau, was die Kollegin mir antwortet. Deshalb hat es überhaupt keinen Zweck, mit ihr zu sprechen." Die Referentin unterbricht sofort: „Es ist verboten, in den Köpfen anderer Leute spazieren zu gehen. Sie wissen doch gar nicht, was die anderen denken!" Rumms! Das hat gesessen.
Seitdem geht mir dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf. „Hör auf, Dir Gedanken darüber zu machen, was andere denken." Da ist was dran. Wie oft erwische ich mich dabei, wie ich die Gedanken anderer Menschen durchdenke. Und zwar bevor ich ihnen überhaupt begegne. Und dann kann es passieren, dass ich von ihnen genervt bin, obwohl ich sie noch gar nicht getroffen habe. Das ist eigentlich nicht fair. So lasse ich meinem Gegenüber gedanklich überhaupt keine Chance, sich anders zu verhalten oder mich positiv zu überraschen. Manchmal passiert es aber doch: dann kommt was ganz anderes als ich erwartet habe. Dann bin ich baff und auch ein bisschen peinlich berührt. Mal wieder zu viel in anderen Köpfen rumspaziert...
Noch ein Nachteil von vorgefertigten Meinungen: Ich kann mich selbst ja gar nicht frei verhalten, wenn ich immer schon alles vorweg nehme. Wenn ich zum Beispiel meinem Vater was erklären will, und ich glaube zu wissen, wie er reagiert, gehe ich schon auf Konfrontationskurs bevor ich ihn spreche. Ich bin dann so in meiner Welt, dass ich nicht mehr spontan reagieren kann.
Solche Sätze wie „Nein, das kann ich ihr nicht sagen. Das versteht sie nie." denke ich zwar noch ab und an, aber eben nicht mehr so oft. Denn das habe ich von der Referentin gelernt: „Es ist verboten, in den Köpfen anderer Leute spazieren zu gehen."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13426