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SWR3 Gedanken

„Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein, alles andere ist vom Übel." An diesen Satz aus der Bibel musste ich kürzlich denken. Bei einer so ungewohnten wie heilsamen Erfahrung. Innerhalb von zwei Wochen war ich auf beiden Seiten des Tisches. Bei Bewerbungsgesprächen. Einmal als Bewerber, das andere Mal als Auswählender. Als ich Auswählender war, da habe ich erlebt, wie einer der Bewerber alles konnte, auf alles eine Antwort hatte und immer genau das sagte, was wir hören wollten. Hätten wir verlangt, er solle einen Kopfstand auf dem Tisch machen und mit den Ohren wackeln, das hätte er wohl auch gemacht. Aber ganz so weit weg war ich davon kurz danach auch nicht. Als ich in der Situation des Bewerbers war, habe ich mich auch einmal dabei ertappt, erst zu überlegen, was die Auswahlkommission wohl von mir hören wollten, anstatt bei mir selbst zu bleiben und nicht zu kalkulieren oder zu spekulieren. „Euer Ja sei ein Ja, Euer Nein ein Nein", nicht nur in Bewerbungsgesprächen ist es gut klar zu sein. Bei sich selbst zu bleiben. Auch im sonstigen Leben ist es gut und tut es gut, wenn Menschen geradlinig sind, nicht über Ecken denken oder berechnend sind mit ihren Worten. Nicht nur in Bewerbungsgesprächen ist es gut, sich geistig immer mal wieder auf die andere Seite des Tisches zu setzen. Und sich vorzustellen wie es ist befragt zu werden oder zu befragen. Ablehnen zu müssen oder abgelehnt zu werden. Wenn man dann jemanden ablehnen muss, dann wird man es wohl mit noch mehr Feingefühl und Respekt vor der Person tun, die einem gegenüber saß. Wenn man sich beide Seiten des Tisches vorstellen kann, dann ist man vielleicht auch fähig, Absagen nicht zu persönlich zu nehmen. Und zu erkennen, dass nicht meine ganze Person abgelehnt wird, sondern nur eine Position in die ich nicht gepasst habe...

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„An Gott kommt keiner vorbei" - außer Libuda". Das stand der Legende nach an einer Litfaßsäule im Ruhrpott. Für die jüngeren Fußballfans unter uns: Stan Libuda war ein begnadeter Rechtsaußen von Schalke 04 in den siebziger Jahren. Und irgendein Fan von ihm hat dem missionarisch protzigen Werbespruch einer Kirche, dass an Gott eben keiner vorbeikomme, mit Stan Libuda widersprochen. Dem Dribbler, der sogar den lieben Gott schwindlig spielt. Fußball und der liebe Gott - eine innige Verbindung. „Hinten dicht und vorne hilft der liebe Gott" - so eine gern zitierte Fußballstrategie. Beim irregulären Tor Maradonnas im WM-Spiel 1986 gegen England erzielte nach eigener Aussage nicht er das Tor, sondern „die Hand Gottes." Der Torwart Toni Turek wurde vom legendären Kommentator zum Fußballgott erhoben als er mit seinen Paraden den WM Titel 1954 gewinnen half. Und überhaupt, der Fußballgott kommt vor allem dann ins Spiel, wenn es richtig dramatisch wird. Wie beim  Championsleague-Endspiel vor 3 Wochen das die Bayern so unglücklich verloren haben. Oh, du lieber Gott, was ist es nur, dass wir die Männer Dich bei unserer liebsten Sportart so gern ins Spiel bringen? Vielleicht, weil wir, wenn es über unsere Vorstellungskraft hinausgeht einfach eine höhere Macht brauchen, die das ganz Unerwartete, das Unerklärliche irgendwie erklärbarer macht. Vielleicht, weil wir, wenn unsere Enttäuschung grenzenlos oder unsere Freude unbeschreiblich ist, unsere Gefühle in ein Gefäß fassen müssen, das nicht von dieser Welt ist. Und vielleicht, weil wir bei Sieg und Niederlage, Hoffnung und Enttäuschung, Freude und Schmerz einen ersten und letzten Sinn brauchen. Wie alle Menschen, nicht nur wir Fußballer.

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Manchmal schafft man's einfach nicht allein. Und dann ist es gut, wenn einem jemand beisteht. Beistehen, Beistand, das sind eher selten benutzte Worte. Den Rechtsbeistand gibt's zum Beispiel noch. Vor über 30 Jahren, als ich den Wehrdienst verweigert hatte, hab' ich noch eine richtige Verhandlung gehabt, wie vor Gericht. Und da hatte ich einen sogenannten Beistand dabei. Ein Mensch, der mich gut kannte und der mir in dieser Situation zur Seite stand. Im wahrsten Sinne des Wortes: Dabei war, neben mir, bei mir stehend. Das ist auch die ursprüngliche Bedeutung dieses schönen Wortes „Beistand". Wenn jemandem still geholfen wird. Dadurch dass jemand einfach da ist. In Situationen, in denen es keiner Worte bedarf, keine Worte mehr braucht, oder in denen keine Worte mehr möglich sind. Bei Schicksalsschlägen, bei Krankheiten, am Sterbebett oder am Grab. Einfach da sein. Beistehen, daneben, an der Seite oder im Rücken derer stehen, die Unterstützung, Hilfe brauchen.
Nach dem Tod Jesu wurde auch von einem Beistand gesprochen. An einer  schönen Stelle im Johannesevangelium spricht Jesus von einem „anderen Beistand", der seinen Jüngern helfen werde seine Botschaft und seine Praxis weiter zu leben. Gemeint hat er den Heiligen Geist, als Helfer und Tröster. Hilfe, Trost und Beistand sind lebenswichtig, wenn Menschen nicht mehr weiter können oder wollen. Dann ist es gut wenn einem jemand beisteht, da ist, da bleibt, aufrecht, und sich nicht auch beugen lässt vom Leid. Und zeigt, spüren lässt, dass das Leben weitergeht, auch wenn es gerade still zu stehen scheint.

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Kleine Quizfrage: Welche Worte stecken abgekürzt im internationalen Notruf SOS? Kurze Denkpause ... und die Antwort ist: „Save Our Souls" - „Rettet unsere Seelen"! S für save, O für our und S für souls. Ein schöner Notruf wie ich finde, er hätte ja auch „Rettet unsere Köpfe" heißen können oder „Helft unseren Hälsen". Nein, um die Seele geht es. Und manchmal funkt die Seele selbst SOS. Wenn wir Kummer haben, trauern oder gar depressiv sind. Es ist leider untergegangen, dass die Religionen nicht nur dazu da sind, die Seelen für die Zeit nach diesem Leben zu retten, sondern gerade auch schon hier. Es ist in Vergessenheit geraten wie heilsam die Religionen für die Seele sein können. Durch Regeln, die ins Allgemeingut unseres Lebens und auch in viele Therapien eingegangen sind. Zum Beispiel: verkämpf Dich nicht zu sehr bei Dingen, die nicht zu ändern sind. Aber nicht als falsch verstandene Form von Schicksalsergebenheit. Sondern als Fähigkeit zu unterscheiden, was Du verändern kannst, das Unveränderliche aber auch anzunehmen. Eine andere Regel für das Seelenheil ist, verzeihen zu können. Denn wenn Du nicht verzeihen kannst, beißt Du Dich fest an der Verletzung oder an dem Menschen, der Dich verletzt hat. Und bist ganz einfach unfrei dadurch. Ein weiteres Mittel für ein ausgeglichenes Seelenleben ist Dankbarkeit. Wenn Du danken kannst, siehst Du nicht nur die schlechten Seiten in Deinem Leben. Du kannst erkennen was Du alles geschenkt bekommen hast. Und das kann vieles Negative ausgleichen und froher machen. Und schließlich: Versuche immer wieder in die Ruhe zu kommen, egal, was passiert. Ob Gutes oder Schlechtes, suche Deine Mitte, die in Dir liegt. Sei es durch Meditation, Gebet oder Yoga. Deine Seele wird es dir danken, wenn Du sie immer wieder in ruhigere Gewässer führst.

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40 % der Zeit, die wir miteinander reden, reden wir über Personen, die nicht anwesend sind. Das hat eine Studie gezeigt. Ist ja auch kein Problem. Ein Problem ist es aber, wenn über die Nichtanwesenden schlecht geredet wird, gelästert wird. Lästern ist ein so universelles wie zeitloses Phänomen. Es gehört wohl zum Menschsein. Männer wie Frauen tun es, Alt und Jung lästert. Lästern gilt als eine Art Psychohygiene. Weil ohne direkte Konfrontation Aggressionen abgebaut werden können. Lästern soll verbinden, heißt es, und verbünden, indem sich die Lästernden gemeinsam abgrenzen. Womit wir aber auch schon bei der dunklen Seite des Lästerns sind. Die Lästernden üben Macht aus über den Gelästerten und der Gelästerte ist ohnmächtig. Er oder sie hat keine Chance sich gegen das Gesagte zu wehren. Der Mann aus Nazareth konnte sich furchtbar aufregen, weil er den Geist, das Negative, das im Lästern steckt, nicht ausstehen konnte. Er hat einmal gesagt, dass die Menschen über jedes einzelne Wort, das sie reden, Rechenschaft ablegen müssen am Tage des Gerichts (Mt 12,22/Mt 15,16) Au au au, da kann man schon ins Grübeln kommen! Aber auch das war sicher nicht als Drohbotschaft Jesu zu verstehen, sondern es kam aus seinem Aber gegen das verletzende Gelaber der Menschen. Und weil er wollte, dass sie in einem guten Geist miteinander umgehen. Das ist mir auch immer wichtiger geworden, auch und gerade beim Reden. Und deshalb arbeite ich seit geraumer Zeit an einer ganz speziellen Übung. Immer wenn ich über einen Menschen rede, der nicht anwesend ist, versuche ich so über ihn zu reden, wie wenn er da wäre. Und es ist schon sehr interessant, wie sich meine Sprache dabei verändert...

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Welches ist unser größtes Sinnesorgan? Richtig, die Haut! Mit einer Gesamtfläche von eineinhalb bis zwei Quadratmetern ist die Haut nicht nur unser größtes Sinnesorgan, sondern unser größtes Organ überhaupt! Und ein sehr wichtiges. Wer an Hautkrankheiten leidet, weiß welche Belastung das ist. Wenn es juckt bis zum Verrücktwerden und die Krankheit auch noch so deutlich sichtbar ist. Menschen mit Hautkrankheiten wissen um die Verbindung von außen und innen, von Leib und Seele. Das hat sicher auch der Mann aus Nazareth gewusst. Er hatte viel Hautkontakt mit den Menschen, hat sie angefasst. Selbst wenn sie schlimmste Krankheiten hatten wie Lepra und damit aus der Gemeinschaft ausgestoßen waren. Er hat sie berührt an Leib und Seele. Hat sie von Haut zu Haut spüren lassen, dass sie, gerade sie, die für unappetitlich und minderwertig gehalten werden, kostbar und liebenswert sind. Das Wort Haut ist verwandt mit dem Wort Hülle. Die Haut umhüllt unser Inneres, das Körperliche, aber gerade auch das Seelische. Von der Haut aus kann man die Seele pflegen. Das spürt man nicht nur bei Massagen, beim Umarmen und Streicheln. Babys entwickeln sich nachweislich besser, wenn sie berührt und gestreichelt werden. Ein unsägliches Experiment im Mittelalter hat gezeigt, dass Säuglinge sogar sterben, wenn sie alles zum Leben bekommen außer Berührungen. Und was sagt uns das alles? Soll ich nun den Anderen zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten antatschen? Nein sicher nicht, aber vielleicht ein Gespür dafür entwickeln, wann eine Berührung hilfreich oder heilsam ist. Sei es als Pflege meiner oder eines Anderen Haut. Oder durch ein gutes Wort, das unter die Haut geht und Balsam für die Seele ist.

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Es gibt Glaubenssätze, die klingen in mir nach. Einer dieser Sätze stammt aus dem Thomas-Evangelium. Das Thomas-Evangelium ist eine der Textsammlungen, die es nicht ins Neue Testament geschafft hat. Diese Texte müssen aber nicht falsch gewesen sein oder nicht im Geiste Jesu. Zum Beispiel dieser: „Wenn man euch fragt, was ist das Zeichen des Vaters an euch, so antwortet ihm, es ist Bewegung und Ruhe." Dieser Satz, sei er jetzt tatsächlich von Jesus oder nicht - er gefällt mir. Denn er passt  hervorragend zu Jesus. Er war viel in Bewegung, ist durch Galiläa gewandert. Hat sich aber auch immer wieder zurückgezogen - in die Wüste oder auf einen Berg. Bewegung und Ruhe also als spirituelles Muster Jesu und - seiner Aussage nach auch als Zeichen, als Botschaft Gottes. Bewegung und Ruhe als Zustände, in denen Gott zu ahnen ist. Genau diese Polarität kann ich als religiöser Mensch nachempfinden. Aber man muss nicht unbedingt religiös sein um diese Polarität als einen gesunden Lebensrhythmus zu erkennen. Dass ich immer wieder Ruhe brauche um in Bewegung zu kommen, in die richtige Bewegung, die nicht hektisch ist oder ziellos. Dass ich aber immer wieder auch Bewegung brauche um mein Leben gestalten zu können oder um Dinge zu verarbeiten. Ist es nicht schön, diese seelische Polarität als Botschaft Gottes an uns zu sehen? Dass es gut, gesund, ja göttlich ist, in einem Wechsel von Bewegung und Ruhe zu leben...

 

 

 

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