Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Enttäuschte Fußball-Liebe kann ganz schön weh tun. Sie macht traurig und manchmal auch richtig wütend. Ein Wechselbad der Gefühle. All das empfinden gerade wieder die Fans unseres Fußballclubs hier in Kaiserslautern. Nie mehr zweite Liga, haben sie vor zwei Jahren noch skandiert und jetzt das: Abstieg in die Zweitklassigkeit. Viele von ihnen haben ja nicht nur Geld in ihren Verein investiert, sondern vor allem ganz viel Herzblut. Haben jede Woche mitgefiebert, haben gebangt und gehofft und manche vielleicht sogar gebetet. In der Tat ist der Fußball ja auch ein Abbild des Lebens und für manche vielleicht auch eine Art Religion.
Auch im normalen Leben geht es schließlich immer wieder rauf und runter. Auch da gibt es Euphorie neben Enttäuschung. Heiße Liebe neben tiefer Abneigung. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Und auch der Tod kommt irgendwann in jedem Leben vor. Unweigerlich. Früher mal hat man auch den sogar als einen Abstieg verstanden. Als Abstieg in die Unterwelt. Doch gläubigen Menschen bleibt selbst da eine Hoffnung. Die Hoffnung auf den Himmel. Natürlich ist Fußball keine Religion, auch bei uns in Kaiserlautern nicht. Doch eine Glaubenssache ist er für viele hier schon. Die Hoffnung auf eine Wiederauferstehung des Vereins jedenfalls, die teilen etliche Fans. Vielleicht nicht gerade in den Himmel, zumindest aber zurück in die erste Bundesliga. Und wenn das tatsächlich klappen sollte, dann mag es ihn für den Einen oder Anderen hier tatsächlich geben: den Fußballgott, der Solches möglich macht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13012

Bald bauen sie wieder die Treppchen auf. In wenigen Wochen beginnen in London die Olympischen Spiele. Hunderte Sportler werden daran teilnehmen. Doch wirklich interessant und begehrt werden am Ende nur die sein, die auch ganz oben stehen. Interessant sind vor allem die Sieger. Eine Erfahrung, die ich auch im Leben immer wieder mache. Ob bei der Jobsuche. Bei der Jagd nach dem begehrten Studienplatz. Beim Wettbewerb für Nachwuchsmusiker. Interessant sind nur die Besten, die Sieger. Nur sie werden weitergereicht. Nur ihre Namen erscheinen in der Zeitung. Zwar haben sie sich alle gequält, haben unzählige Stunden gelernt oder trainiert. Von den Zweit- und Drittplatzierten aber spricht wenig später schon niemand mehr. Kinder erfahren das manchmal schon in der Schule. Wenn du nicht oben stehst, dann wird das später nichts. Sieger sein, ganz oben auf dem großen Treppchen stehen, ist toll. Nur, die Meisten schaffen es nie dorthin. Und zweite Sieger gibt es nicht. Doch vielleicht sind im Leben ja die kleinen Erfolge am Ende viel wichtiger. Die vielen kleinen Treppchen, auf die ich trotzdem immer wieder steigen kann. Wenn mir was ganz besonders gut gelungen ist. Wenn mir ein Anderer dann sagt: Toll gemacht. Dann ist da wieder so ein kleines Treppchen, das ich erklimmen kann. Manchmal kommt es einfach auf die Perspektive an.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13011

Einfach abgesetzt habe man sie, die beiden Tatort-Kommissare. So zumindest hat es einer von ihnen einer Zeitung erzählt. Schade eigentlich, denn ich hatte sie so richtig ins Herz geschlossen, die beiden Typen. Ihre Geschichte, erklärte man uns Zuschauern später, sei einfach auserzählt gewesen. Und darum sei nun eben Schluß. Die beiden Fernsehermittler sind nicht die Einzigen. Schon andere mussten von der Bühne abtreten weil auch ihre Geschichten angeblich auserzählt waren. Auserzählt also. Gehört habe ich das Wort schon öfter. Bloß verstanden habe ich es nie, und auch im Duden finde ich es nicht. Doch wann soll eine Geschichte eigentlich auserzählt sein? Wenn demjenigen, der sie schreibt, partout nichts mehr einfällt? Wenn dem Leser, Hörer oder Zuschauer, der immer auf der Suche nach dem Kick ist, langweilig wird, die Quoten sinken? Wie auserzählt müssten da zum Beispiel biblische Geschichten sein. Viele weit über 2000 Jahre alt, und seitdem immer wieder und wieder erzählt. Gähnend langweilig also? Öde? Von wegen. Schließlich werden sie bis heute gelesen, sogar immer wieder. Weil Menschen sich und ihre Lebensfragen darin entdecken. Weil sie Trost in den uralten Texten finden oder einfach einen Anstoß zum Weiterdenken suchen. Im Prinzip ist das auch im Film nicht anders. Vielleicht gibt es sie ja in Wirklichkeit gar nicht, die auserzählten Geschichten. Vielleicht gibt es einfach nur gute und schlechte Geschichten. Geschichten, die man immer wieder mal hören, lesen oder anschauen mag und eben solche, die überflüssig sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13010

Pleite sein, zahlungsunfähig. Nicht nur Firmen und Privatleuten passiert das. Spätestens seit der Pleite Griechenlands ist klar: Es kann auch Länder treffen. Nur, eine Regelung dafür gibt es bis heute nicht. Wenn ich meine Schulden nicht mehr zurückzahlen kann, dann wird mir vielleicht mein Haus und Einkommen gepfändet. Und wenn auch das alles nicht reicht, dann hilft nur noch der Schuldenschnitt. Privatinsolvenz nennt man das. Ich muss Auflagen erfüllen, mehrere Jahre lang. Aber ein großer Teil meiner Schulden wird mir dafür erlassen. Es ist meine einzige Chance, um danach wieder würdig leben zu können. Bei einem Land ist das natürlich alles komplizierter. Doch geschieht nichts, zahlen die Zeche am Ende alle, die in diesem Land leben. Ganz besonders die, die sowie schon wenig haben. Wie bitter und unwürdig das werden kann, lässt sich besichtigen. In Griechenland und noch viel schlimmer in anderen armen Ländern.
Dass das Problem nicht neu ist, kann man bereits in der Bibel nachlesen (Lev 25). Schon vor 2500 Jahren gab es im Volk Israel eine Art Staatsinsolvenz. Alle 50 Jahre sollten die Schulden erlassen und auch alles verpfändete Land an seine früheren Besitzer zurückgegeben werden. Ein Erlassjahr für das ganze Land also, das alle Schuldverhältnisse wieder auf Null stellte. Funktioniert hat das offenbar schon damals kaum und als gerecht würden wir es heute wohl auch nicht empfinden. Doch die Idee ist seitdem in der Welt. Ihr Begründung ist heute so aktuell wie damals: Verschuldeten Ländern, die nicht mehr ein noch aus wissen, müssten unter ganz klaren Bedingungen Schulden erlassen werden. Um nämlich den Menschen wieder eine Perspektive zu geben auf ein Leben in Würde. Denn vor allem darum geht es. Heute wie schon vor 2500 Jahren.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13009

Gott erwartet von uns ... So beginnt ein Satz in einer E-Mail, die ich neulich bekam. Der Schreiber scheint es ganz genau zu wissen, was Gott so alles von uns will. „Gott will es." Mit diesem Schlachtruf zogen vor 800 Jahren schon die Kreuzritter in Richtung Jerusalem. Mit derselben Überzeugung ziehen noch heute immer wieder Menschen gegen andere zu Felde. Weil sie genau zu wissen glauben, was Gott von ihnen will. Egal, um was es dabei geht, sie stehen immer auf der richtigen Seite und die Anderen eben nicht. Denn Gott will es ja so. Wenn ich über Gott rede oder schreibe, erlaube ich mir immer öfter Fragezeichen, statt dicker Ausrufezeichen. Leise Töne, statt dröhnender Wahrheiten. Nicht weil ich zweifele, ob es ihn gibt. Aber der Gott der Bibel kann eigentlich nicht in engen Denkgebäuden gefunden werden. Wenn er tatsächlich ein Gott des Lebens ist, dann ist er auch genau da zu finden. In diesem Leben. In jedem Leben. Genau so schön und traurig, so bunt und widersprüchlich und auch so geheimnisvoll und unverständlich es manchmal ist. Und was wäre das auch für ein Gott, der völlig berechenbar ist? Den ich meine, schon ganz durchschaut zu haben? Eine Art Dienstvorgesetzter im besten Fall, der meine begrenzte Weltanschauung rechtfertigt. Der geheimnisvolle und oft so widersprüchliche Gott der Bibel aber, nach dem Menschen seit ewigen Zeiten suchen, kann es eigentlich nicht sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13008

Ach lass doch, raunt mir meine Tochter zu. Sie hat es eilig. Doch als ich das Wechselgeld in meiner Hand betrachte, stutze ich. Zwei Brezeln und zwei Getränke habe ich gerade bezahlt. Die Frau hinter der Theke hat mir einen Euro zu viel herausgegeben. Ein Rechenfehler. Einen Moment lang zögere ich - und gehe dann doch zurück zur Theke.
Mein kurzes Zögern hat mich noch eine Weile danach beschäftigt. Die üblichen Argumente huschten mir alle blitzschnell durch den Kopf: Steck ihn einfach ein, er gehört jetzt dir. Ist doch deren Problem, wenn sie nicht rechnen kann. Der eine Euro bringt niemanden um. Stimmt irgendwie alles. Aber der eine Euro war ja gar nicht mein Problem. Mein Problem war die Ehrlichkeit. Und wenn die schon bei einem Euro ins Wanken gerät, warum dann nicht auch bei 10 oder 100. Es mag ja durchaus sein, dass auch viele andere nehmen, was sie kriegen können. Doch eine Entschuldigung fürs eigene Verhalten ist so etwas nie und nimmer. Und genau genommen möchte ich so auch gar nicht leben. Denn für Ehrlichkeit eintreten und werben kann ich nur glaubhaft, wenn ich mich auch selber so verhalte. Und zwar schon beim Banalsten und Kleinsten. Handle jeden Tag so, als ob dein Handeln ein Gesetz für alle Zeiten wäre, hat sinngemäß der Philosoph Immanuel Kant einmal geschrieben. Etwas Ähnliches findet sich sogar schon in der Bibel, aufgeschrieben vor fast 3000 Jahren. Uralte moralische Leitplanken fürs Leben. Doch Sie fangen noch immer bei mir selber an.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13007

Was tun, wenn alle Worte sinnlos werden? Weil sie keinen Zusammenhang mehr ergeben. Weil sie mir nicht mehr einfallen. Menschen, die an einer Demenz leiden, ergeht das oft so. Dann wird es schwierig mit der Unterhaltung. Dann gibt es kein Schwätzchen mehr auf dem Flur, weil mir nichts mehr einfällt, was ich schwätzen könnte. Oder weil der Andere mich partout nicht versteht. Nicht kapiert, was ich eigentlich sagen will. Vielleicht kapiere ich es auch selbst nicht mehr, weil wir schon in zwei verschiedenen Welten wohnen. Die Sprache, die ich gewohnt bin, in der ich mich flüssig bewegen und ausdrücken konnte, ist stumpf geworden. Trennt vielleicht mehr, als dass sie verbindet. Und was nun? Wenn alle Worte sinnlos werden, bleibt uns zum Glück noch eine Sprache, die universal ist, die keine Worte braucht und keine Grammatik. Die Sprache der Liebe. Eine Sprache, die jeder Säugling schon beherrscht und die auch im hohen Greisenalter noch verstanden wird. Sogar dann noch, wenn der Geist nicht mehr gehorchen will. Eine Sprache, die manche Menschen im Laufe ihres Lebens verlernen und die sie manchmal erst mühsam und tastend wiederentdecken müssen. Dabei ist sie ganz simpel: Einfach da sein. Die Wange streicheln. Die Hand halten. In den Arm nehmen. Die berühmten Worte, die der Apostel Paulus in einem seiner Briefe hinterlassen hat und die noch immer auf vielen Hochzeitsfeiern verlesen werden, bekommen für mich da noch einmal eine ganz eigene, tiefe Bedeutung: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und der Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, dann wäre ich nichts."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13006